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Aus einem Totenhaus (Z mrtvého domu)

Oper in drei Akten
Text nach den Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (1862) von Fjodor M. Dostojewski
Musik und Text von Leo
š Janáček

in tschechischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Dauer: ca 1 1/2 Stunden – keine Pause

Premiere im Opernhaus Frankfurt am 1. April 2018
(rezensierte Aufführung: 27.April 2018)



Oper Frankfurt
(Homepage)
Ein Journalist wird gefoltert

Von Christoph Wurzel / Fotos von Barbara Aumüller

Jemand musste Alexandr Petrovič Gorjančikov verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Tages verhaftet. Das klingt zwar nicht nach Dostojewski, auch nicht nach Janáček, trotzdem beginnt in der Frankfurter Inszenierung von David Herman genau so die Oper Aus einem Totenhaus, Janáčeks letzte Oper nach Dostojewskis autobiografischen Aufzeichnungen. Gorjančikov ist Journalist und arbeitet gerade mit einer Kollegin im Redaktionsbüro, als unvermittelt schwerbewaffnete Polizisten eindringen und beide unter Anwendung brutaler Gewalt verschleppen. Dank der heftig bewegten Drehbühne sind sie dann sehr schnell im Straflager, das hier aber eher wie ein Labyrinth aus kleinen und kleinsten Zellen anmutet. Darin entwickelt sich nun ein kafkaeskes Geschehen voller undurchsichtiger, teils skurriler, teils surrealer Kleinstszenen, die mosaikartig aneinander gefügt und in ihrer Isoliertheit undurchschaubar wie ein langer Alptraum wirken. In einem brutalen Akt werden Gorjančikov beide Hände zerschlagen oder er wird eingesperrt in einem Glaskasten von den Mitgefangenen verhöhnt. Die Theaterszenen im 2. Akt werden als absurde Slapsticknummern gezeigt, was ihnen jeden Sinn nimmt, denn kein Gefangener beachtet dies eigentlich. Kaum eine Aktion ist mit einer anderen verbunden. Selbst geübten Opernbesuchern dürfte dabei der Überblick verloren gegangen sein.

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Schlussbild: nach Haft und Folter zurück im Büro ( Gordon Bintner als Alexandr Petrovič Gorjančikov und Gal Fefferman als junge Frau)

Am Schluss wird Gorjančikov  wieder entlassen und kehrt mit seiner Kollegin in das  Büro zurück. Die Aufzeichnungen, die er während all der Geschehnisse im Verlauf der Oper gemacht hat, wird er offenbar als Material für einen Bericht verwenden. Auch Dostojewski hat seine zehnjährige Verbannung in ein sibirisches Straflager (wegen "aufrührerischer Umtriebe") zu einem umfangreichen literarischen Bericht verarbeitet. Janáček hat in seinem selbstverfassten Libretto daraus nur einen kleinen Teil verwendet.  Gorjančikovs Einlieferung in das sibirische Straflager und seine Entlassung bilden lediglich den Handlungsrahmen der Oper. Dessen Verhaftung und auch die Rückkehr in seinen Alltag ebenso wie die ihn begleitende junge Frau dagegen sind Zutaten des Regisseurs - an sich nichts Schlechtes, wenn es  der eingeschriebenen Intention des Werks entspricht.

Ein Journalist ist also als Symbolfigur von Willkürherrschaft zur Hauptfigur in dieser Oper gemacht worden. Angesichts der beunruhigenden Meldungen über die weltweite Zunahme von Repressionen gegenüber Journalisten wäre dies eigentlich ein richtiges und wünschenswertes Statement auf der Opernbühne. Aber ein Politdrama lag Janáček gerade nicht im Sinn, auch wenn Gorjančikov sich selbst mit einer kurzen Bemerkung als "Politischen" bezeichnet. Aber für die weitere Handlung besitzt das keine weitere Relevanz, sondern erweitert lediglich das Spektrum der Gründe für die Internierung in diesem Straflager, denn bei den anderen Gefangenen handelt es sich um Gewalttäter und Mörder.

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Zentrale Figur: Gordon Bintner als Alexandr Petrovič Gorjančikov

Vor allem aber geht es Janáček nicht darum, einen einzelnen Helden in den Mittelpunkt seiner Oper zu stellen. Im Gegenteil: Zu betrachten ist ein Kollektiv von Gefangenen, aus dem zwar in kurzen Episoden Einzelschicksale hervorgehoben werden, die aber umgehend wieder ins Kollektiv zurückzutreten. Es ging dem Komponisten vielmehr darum, "in die Seelen der Gefangenen vorzudringen", um auch bei jedem dieser Menschen,  welch schlimmste Verbrechen sie auch immer begangen haben, einen humanen Kern freizulegen, denn - so schrieb es der Komponist als Motto über seine Partitur -  in jeder Kreatur verberge sich ein "Funken Gottes". Ernst Křenek bezeichnete Aus einem Totenhaus daher zurecht als "kollektives Drama", in dem Janáček die zentrale Frage nach dem Wert der Menschenwürde und ihrer Zerstörung stellt.

Dieses humanistische Anliegen des großen Empathikers Leoš Janáček gerät leider in der Regie von David Hermann unter die Räder der unermüdlich rotierenden Drehbühne. Weder ist den Figuren kaum ein Moment zur Selbstreflexion gelassen, noch dem Zuschauer die Möglichkeit in deren Seelen zu blicken. Permanenter Aktionismus, verwirrende Rollenwechsel und wenig individualisierende Kleidung lassen uns das Bühnengeschehen nicht als erhellend erleben. Der Chor, der eigentliche Humusboden dieser Oper, agiert meist verborgen im Bühnenhintergrund. In der langen Erzählung  ¦i¨kovs im dritten Akt, wo er eigentlich wichtiger Bestandteil der Handlung ist, ist der Chor nur aus dem Off zu hören. Da oft der Sänger einer Rolle im Handlungsgewirr kaum identifizierbar ist, zielt die Regie zudem an den meisten Stellen an der Intention der Musik vorbei, da Janáčeks eigentümlicher Klangstil der Sprachmelodie im Orchester nicht mit dem auf der Bühne zu sehenden Geschehen zusammengeht.

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Faszinierendes Rollenporträt: Johannes Martin Kränzle als Šiškov

In jedem der drei Akte stellt Janáček das Schicksal eines individuellen Gefangenen in den Mittelpunkt einer kurzen Szene, die von der Regie aber wie  Solonummern arrangiert werden. Immerhin wird man hier durch die Präsenz großartiger Sängerdarsteller entschädigt. Da ist Vincent Wolfsteiner, der die  Rolle des Luka verkörpert, eines Mörders an einem Gefängniskommandanten, der ihn beleidigt hatte. AJ Glückert singt Skuratov, der den Bräutigam seiner Angebeteten erschossen hat, was neben seiner Erzählung als Spiel mit einer Schaufensterpuppe ziemlich platt nachgestellt wird. In ihrer Präsenz beeindruckt Karen  Vuong in der Hosenrolle des Jungen Aljeja. Auch Gordon Bintner zeigt als Gorjančikov große Bühnenpräsenz. Schließlich wird im dritten Akt  Šiškov hereingeführt, im Straßenanzug und ohne Zusammenhang zum übrigen Geschehen. Eine Hervorhebung, die zwar nicht im Sinn der Oper ist, aber paradox genug: Durch die Darstellung von Johannes Martin Kränzle wird sie zum Höhepunkt des Abends. Phänomenal wie Kränzle die inneren Qualen der Figur gestaltet, der seine Frau ermordet hat, weil sie immer noch einen anderen liebte. Vor allem aber wird er mit diesem Monolog eines Mörders durch seine expressive Vokalgestaltung der vom Komponisten intendierten Menschendarstellung zum ersten Mal an diesem Abend gänzlich gerecht.

Was aus dem Graben kommt, ist auch eher eine Enttäuschung. Schon in der Einleitung (Janáček nennt sie nicht Ouvertüre) vermisst man die kompromisslose Schärfe und prägnante Formulierung des ständig um sich selbst kreisenden Themas. Und im Verlauf bleibt die Musik flächig,  mit wenig Tiefenschärfe im Klang und  recht einförmig in der Dynamik. Ist Janáčeks Altersstil auch herb und kantig, und in diesem Werk besonders, so bleibt an den meisten Stellen doch ihre Seele verborgen.

FAZIT

Die Inszenierung scheitert mit einem falschen Konzept am Sinn des Stücks. Sängerisch sind ausschließlich Glanzleitungen zu vermelden. Doch der Dirigent trifft nur ungefähr Ton und Farbe von Janáčeks Musik.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Tito Ceccherini

Inszenierung
David Hermann

Bühne
Johannes Schütz

Kostüme
Michaela Barth

Licht
Joachim Klein

Chor (Herren)
Tilman Michael

Dramaturgie
Norbert Abels

 

Frankfurter Opern- und
Museumsorchester

Chorherren der Oper Frankfurt

Statisterie der Oper Frankfurt


Solisten

Alexandr Petrovič Gorjančikov
Gordon Bittner

Aljeja
Karen Vuong

Filka Morozov
(im Gefängnis unter dem Namen
Luka Kuzmič)
Vincent Wolfsteiner

Šiškov
Johannes Martin Kränzle

Skuratov / Eine Stimme aus
der kirgisischen Steppe
AJ Gluckert

Der große Sträfling /
Čerevin / Wache 1 /
Der Sträfling mit dem Adler
Ralf Simon

Der kleine Sträfling / Čekunov
Gurgen Baveyan

Der Platzkommandant
Barnaby Rea

Der ganz alte Sträfling
Samuel Levine

Kedril / Sträfling 2 / Schauspieler
Jaeil Kim

Der betrunkene Sträfling
Hans-Jürgen Lazar

Der Schmied / Sträfling / Wache 2
Mikołaj Trąbka

Der Pope / Sträfling 1
Thesele Kemane

Die Dirne
Barbara Zechmeister

Der verbitterte Sträfling
Dietrich Volle

Sträfling 1
Brandon Cedel

Šapkin / Der fröhliche Sträfling
Peter Marsh

Eine junge Frau
Gal Fefferman


Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
(Homepage)







Da capo al Fine

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