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L'Africaine - Vasco da Gama

Grand Opéra in fünf Akten
Text von Eugène Scribe

Musik von Giacomo Meyerbeer

in französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 4h 45' (zwei Pausen)

Premiere im Opernhaus Frankfurt am 25. Februar 2018



Oper Frankfurt
(Homepage)
Afrikanerin aus dem All

Von Thomas Molke / Fotos von Monika Rittershaus

Aus Giacomo Meyerbeers letzten Oper L'Africaine kannte man lange Zeit nur noch die berühmte Tenor-Arie "O paradis". Während Meyerbeer nämlich im 19. Jahrhundert als größter Komponist der französischen Grand Opéra die Opernbühnen Europas beherrschte, verschwand sein Werk im 20. Jahrhundert nicht zuletzt durch den Einfluss der Nationalsozialisten fast vollständig von den Bühnen. Erst in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts setzte mit der Gründung einer Meyerbeer-Gesellschaft die Wiederentdeckung der zu Unrecht vergessenen Werke des 1791 als Jakob Liebmann Meyer Beer auf einer Postkutschenstation zwischen Frankfurt/Oder und Berlin geborenen Komponisten ein. Dabei wurde auch seiner 1837 begonnenen Oper L'Africaine wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt, zunächst auch noch unter diesem Titel, obwohl Meyerbeer selbst die Oper 1851 in Vasco da Gama umbenannt und den ursprünglich fiktiven spanischen Seefahrer Fernando durch den historisch belegten Portugiesen ersetzt hatte. Dennoch sollte es bis 1864 dauern - sein Librettist Scribe war bereits verstorben und Charlotte Birch-Pfeiffer als neue Mitarbeiterin für das Libretto herangezogen worden -, bis die Proben zu der Oper, die schon sehnsüchtig vom Pariser Publikum erwartet wurde, begannen. Doch während der Probenphase starb Meyerbeer, so dass er das Werk nicht mehr in die für ihn geeignete Form auf der Bühne bringen konnte. Seine Witwe beauftragte den belgischen Musikwissenschaftler François-Joseph Fétis, der das Stück 1865 an der Pariser Oper wieder unter dem ursprünglichen Titel L'Africaine zur Uraufführung brachte. Erst 2013 kam an der Oper Chemnitz eine revidierte Fassung unter dem korrekteren Titel Vasco da Gama heraus, die auch als Vorlage für die Produktion an der Deutschen Oper Berlin 2015 diente (siehe auch unsere Rezension). Die Oper Frankfurt bringt das Werk nun wieder unter dem Titel L'Africaine mit dem Untertitel Vasco da Gama heraus und verwendet mit einigen Strichen und Abänderungen die Fassung, die erstmals 2013 in Chemnitz zu erleben war. Die erwähnte berühmte Tenor-Arie kommt in dieser Fassung zwar vor, wird jedoch teilweise mit einem anderen Text unterlegt.

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Vasco da Gama (Michael Spyres) hat Selika (Claudia Mahnke) aus dem All mitgebracht.

Historischer Ausgangspunkt der Oper ist die Eroberung Indiens durch die Portugiesen um 1500 unter dem berühmten Entdecker Vasco da Gama. Dabei stehen jedoch weniger die Feldzüge im Mittelpunkt der Oper als vielmehr zwei Frauen, die den Titelhelden aus zahlreichen Gefahren retten. Da ist zunächst seine Jugendfreundin Ines, die zwei Jahre lang auf seine Rückkehr gewartet hat und von ihrem Vater mit dem einflussreichen Don Pedro vermählt werden soll. Als Vasco da Gama von seiner Expedition wenig erfolgreich zurückkehrt und ihm deshalb eine weitere Reise vom Großinquisitor von Lissabon verweigert wird, wird da Gama so ausfallend, dass er als Ketzer hingerichtet werden soll. Ines kann eine Begnadigung nur erlangen, indem sie sich auf eine Heirat mit Don Pedro einlässt. Dann gibt es noch die indische Prinzessin Selika, die da Gama als Sklavin mit ihrem treuen Begleiter Nelusko von seiner letzten Expedition mitgebracht und Ines übergeben hat. Don Pedro will mit diesen beiden nun selbst Afrika umschiffen, um Indien zu entdecken. Da Gama folgt ihm, und es kommt zu einer kämpferischen Auseinandersetzung zwischen den beiden. Als da Gama entwaffnet wird und getötet werden soll, nimmt Selika Ines als Geisel und verhindert so die Hinrichtung da Gamas. Im Anschluss werden die Portugiesen von indischen Piraten überfallen, in deren Gebiet Nelusko die Schiffe gelenkt hat, und in einem großen Gemetzel getötet. Erneut rettet Selika da Gama, indem sie ihn als ihren Gemahl ausgibt. Nach einer romantischen Liebesnacht taucht allerdings Ines auf, die der Hinrichtung entkommen ist, und weckt in da Gama alte Gefühle. Selika erkennt, dass da Gama Ines mehr liebt als sie und lässt die beiden ziehen. Sie selbst wählt den Freitod unter den giftigen Dämpfen des Manzanillo-Baumes.

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Ines (Kirsten MacKinnon, rechts) hat Don Pedro (Andreas Bauer, rechts) geheiratet, um Vasco da Gamas (Michael Spyres, vorne) Hinrichtung zu verhindern (links: Selika (Claudia Mahnke) und Nelusko (Brian Mulligan)).

Das Regie-Team um Tobias Kratzer hat sich wohl gedacht, dass, wenn die "Afrikanerin" im Libretto eine indische Prinzessin ist, man sie bei einer Modernisierung auch direkt aus einer anderen Galaxie kommen lassen kann. So gehen die Entdeckungsreisen in der Inszenierung nicht in fremde unbekannte Länder sondern ins All, wo man versucht, sich neue Planeten zu erschließen. Rainer Sellmaier hat dafür eine klinisch weiße Raumstation entworfen, in der die Sekretärinnen auf die Rückkehr ihrer Männer aus dem All warten und Anna während der Ouvertüre den Nachwuchs an die Raumfahrt heranführt. Auf die "Golden Record", die auf den beiden 1977 ins All geschossenen Voyager-Sonden Aufnahmen für eine eventuelle Kontaktaufnahme mit einer anderen Lebensform enthält, wird in der Aufführung genauso angespielt wie auf die als Bildtafel konzipierte goldbeschichtete Aluminiumplakette, die sich auf der fünf Jahre zuvor ins All geschickten Sonde Pioneer 10 befindet. Während vor der Ouvertüre Aufnahmen der "Golden Record" eingespielt werden, scheint die Plakette auf Selikas Planeten angekommen zu sein und fungiert für den Oberpriester des Brahma als eine Art Gesetzestafel. Selika und ihr Diener Nelusko scheinen in bläulich schimmernder Ganzkörperkostümierung dem Star-Trek-Universum entsprungen zu sein, und auch Star Wars lässt mit der schräg projizierten Schrift vor dem vierten Akt grüßen.

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Selika (Claudia Mahnke) in ihrem Reich

Im Großen und Ganzen geht dieser Ansatz auf. Da Selika nicht nur aus einem anderen Kulturkreis, sondern von einem anderen Planeten kommt, wird schon allein optisch nachvollziehbar, dass es für Vasco da Gama und Selika kein glückliches Ende geben kann. Und dennoch scheint da Gama dem Charme dieser fremden Welt zunächst zu erliegen. Während die Welt der Portugiesen in sterilem Weiß relativ kalt gezeichnet wird, hat Selikas Welt mit den bläulichen Pflanzen etwas Faszinierendes. Vor der gemeinsamen Liebesnacht bestreicht sich da Gama selbst mit blauer Farbe, um sich so Selika anzupassen. Doch Ines ist dem Tod unter dem Manzanillo-Baum entkommen und will mit da Gama in die Heimat zurückkehren. Da Gama will zwar bei Selika bleiben, da er ihr die Treue geschworen hat. Aber Selika erkennt die kulturellen Unterschiede und lässt da Gama mit Ines ziehen. Bezaubernd schön wird die Szene unter dem Manzanillo-Baum gezeichnet, der in dunkelblauen Farben eine weiße Zelle auf der linken Bühnenseite dominiert. Wenn Selika anfängt zu halluzinieren, erscheint auf der rechten Seite in der Luft da Gama als im Weltall schwebender Astronaut. Selika gesellt sich zu ihm, und in der Schwerelosigkeit kommt es in der Luft zu einer letzten bewegenden Vereinigung. Dabei wechseln eine Luftakrobatin der ANGELS Aerials und Selika blitzschnell die Rollen, so dass man einen Moment lang wirklich das Gefühl hat, Claudia Mahnke schwebe als Selika wirklich durch die Lüfte, bevor sie am Ende ihres Traums am Fuße des Manzanillo-Baumes aufwacht. Ist man von ihrer anschließenden Sterbeszene darstellerisch und gesanglich noch benommen, kommt im Anschluss das böse Erwachen. Da Gama ist mit den Portugiesen auf den Planeten zurückgekehrt und rottet Selikas Volk hemmungslos aus, um am Schluss die eigene Flagge auf dem neu erworbenen Territorium aufzustellen. Das geht vielen Zuschauern zu weit, so dass es bereits beim Fallen des letzten Vorhangs einige Unmutsbekundungen gibt, die sich beim späteren Auftritt des Regie-Teams noch verstärken.

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Selika (Claudia Mahnke, links) verabschiedet sich von Ines (Kirsten MacKinnon, Mitte) und Vasco da Gama (Michael Spyres).

Musikalisch lässt der Abend keine Wünsche offen. Michael Spyres ist eine Paradebesetzung für die anspruchsvolle Partie des Vasco da Gama. Mit scheinbarer Leichtigkeit schraubt er sich in exorbitante Höhen, ohne dabei zu forcieren, und verfügt auch in der Mittellage über großes Volumen. In seiner großen Tenor-Arie im vierten Akt besingt er zwar das nicht das "schöne Paradies", in dem er in Selikas Reich gelandet ist, sondern das "milde Klima" und kann es mit sauber geführten lyrischen Bögen mit den zahlreichen CD-Aufnahmen namhafter Tenöre aufnehmen. Claudia Mahnke begeistert als Selika mit warm-timbriertem Mezzosopran, der in den Höhen über enorme Dramatik verfügt. Mit großer Intensität stellt sie die schwankenden Gefühle der fremden Prinzessin dar und rührt in ihrer großen Schlussszene mit emotionsgeladenem Gesang zu Tränen. Kirsten MacKinnon ist ihr als Rivalin Ines stimmlich in jeder Beziehung ebenbürtig. Auch sie begeistert mit großer Dramatik. Besonders das Duett der beiden Frauen, wenn Selika beschließt, den Liebenden ziehen zu lassen und selbst den Freitod zu wählen, wird von MacKinnon und Mahnke in bewegender Intensität präsentiert. Brian Mulligan stattet Selikas treuen Diener Nelusko mit markantem Bariton aus und macht die innere Zerrissenheit zwischen seiner treuen Ergebenheit zu Selika und dem Unverständnis für ihr Handeln darstellerisch absolut glaubhaft. In seinem muskelbepacktem blauen Kostüm wirkt er ein wenig Furcht einflößend. Andreas Bauer hat zwar als unsympathischer Don Pedro eine relativ undankbare Rolle, stattet den fiesen Charakter jedoch mit einem großartig schwarzen Bass aus, der ihn noch gefühlskälter wirken lässt.

Magnús Baldvinsson überzeugt in den kleineren Rollen als Großinquisitor von Lissabon und Oberpriester des Brahma stimmlich genauso wie Thomas Faulkner als Ines' Vater Don Diego, Michael McCown als Don Alvar und Bianca Andrew als Ines' Vertraute Anna. Der von Tilman Michael einstudierte Chor präsentiert sich gemeinsam mit dem Extrachor stimmgewaltig und spielfreudig. Nur im dritten Akt gibt es leichte Unstimmigkeiten bei den Tempi. Ansonsten führt Antonello Manacorda das Frankfurter Opern- und Museumsorchester mit sicherer Hand durch den Abend und beschert dem Publikum einen großartigen Klang, der den Suchtfaktor nach Grand Opéra erhöht.

FAZIT

Ob es nun L'Africaine oder Vasco da Gama heißt: Meyerbeers letzte Oper ist und bleibt musikalisch ein großartiges Werk, das auf den Bühnen wieder den gleichen Stellenwert im Repertoire wie Richard Wagner oder Giuseppe Verdi haben sollte. Ob man allerdings die Afrikanerin, die ja eigentlich eine indische Prinzessin ist, von einem anderen Planeten kommen lassen muss, ist Geschmacksache.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Antonello Manacorda

Inszenierung
Tobias Kratzer

Bühnenbild und Kostüme
Rainer Sellmaier

Licht
Jan Hartmann

Video
Manuel Braun

Chor und Extrachor
Tilman Michael

Dramaturgie
Konrad Kuhn

 

Frankfurter Opern- und
Museumsorchester

Chor und Extrachor der Oper Frankfurt

Statisterie der Oper Frankfurt


Solisten

Vasco da Gama
Michael Spyres

Selika
Claudia Mahnke

Nelusko
Brian Mulligan

Ines
Kirsten MacKinnon

Don Pedro
Andreas Bauer

Don Diego
Thomas Faulkner

Der Großinquisitor von Lissabon /
Der Oberpriester des Brahma
Magnús Baldvinsson

Don Alvar
Michael McCown

Anna
Bianca Andrew

1. Matrose
Isaac Lee

2. Matrose
Patrick Henckens

3. Matrose
Thomas Charrois

4. Matrose
Hyeonjoon Kwon

Ratsdiener
Hyun Ouk Cho

Ein Priester
Hyung Kwon Lee

Flugartisten
Susanne Beschorner
Simone Kieltyka
ANGELS Aerials


Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
(Homepage)







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