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Musiktheater
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Dialogues de Carmélites
(Gespräche der Karmeliterinnen)


Opéra in drei Akten und zwölf Bildern
Libretto vom Komponisten nach dem gleichnamigen Drama von Georges Bernanos,
Musik von Francis Poulenc



in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 50' (keine Pause)

Premiere im Großen Haus des Musiktheater im Revier am 27. Januar 2018
(rezensierte Aufführung: 4. Februar 2018)


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Musiktheater im Revier
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Plädoyer für den Menschen

Von Stefan Schmöe / Fotos von Karl und Monika Forster

Der Umgang mit der Angst in extremen Krisensituationen ist das große Thema der Dialogues des Carmelites. Darin ist die Oper ja durchaus aktuell, zeigt unsere aktuellste Gegenwart doch Symptome einer Krisenzeit, vielleicht auch Zeit grundlegender Umbrüche. Komponist Francis Poulenc, der das Libretto einem Schauspiel von Georges Bernanos entnahm (das wiederum auf der Novelle Die letzte am Schafott von Gertrud von le Fort basiert) spiegelt das in einer historisch gesicherten Episode aus der französischen Revolution wieder. Kurz zur Handlung: Die von Ängsten geplagte Blanche tritt im Frühjahr 1789 in ein Karmeliterinnenkloster ein, das im Zuge der Revolution aufgelöst wird; da sich die Nonnen dennoch weiterhin versammeln (und in der Oper ein Gelübde zum Martyrium ablegen), werden sie zum Tode verurteilt und am 17. Juli 1794 mit der Guillotine hingerichtet. Die mit sich ringende Blanche schlägt die Gelegenheit zum Untertauchen aus und folgt der Gruppe - die Angst überwunden - aus freien Stücken zum Schafott.

Szenenfoto kommt später

Die Bibliothek ist bereits geplündert, die Ereignisse erscheinen im Rückblick: Blanche ist im vorrevolutionären Paris exitenziellen Ängsten ausgesetzt; rechts Vater und Bruder. Allerlei Schatten sind sowieso allgegenwärtig.

Unproblematisch ist die Oper aus verschiedenen Gründen nicht. Sicher nicht mehr ins Gewicht fällt die gänzlich "unmoderne", neoromantische, durch und durch betörend schöne Klangsprache des Komponisten, die bei der Uraufführung 1957 in Mailand in denkbar großem Kontrast zur musikalischen Avantgarde stand - die einst hitzigen Diskussionen über die "richtige" Moderne sind längst einem pluralistischen anything goes gewichen (die große Textlastigkeit vor allem im ersten Aufzug bleibt dennoch sperrig). Weitaus schwieriger ist da schon die durch passives Erdulden gekennzeichnete Grundhaltung, nicht nur im musikhistorisch (klassen-)kämpferischen Gegensatz etwa zu einem seinerzeit ja noch eminent "linken" Luigi Nono, sondern auch aus aktueller Perspektive: Den Rückzug in die Religiösität als Ideal kann man schon mit einigem Recht infrage stellen. In religiösen Besinnungs- oder Historienkitsch abgleiten darf das Werk schon gar nicht. Die beeindruckende Inszenierung von Ben Baur umschifft nicht nur diese Klippen, sondern findet eine Sprache, die, ohne in die Struktur einzugreifen, das Werk plötzlich aus anderer Perspektive hochbrisant erzählt.

Szenenfoto kommt später

Auch der sterbenden Priorin erscheint der Arzt nur noch als Phantom.

Die Schlüsselszene der Oper ist ganz sicher das Finale. Poulenc komponiert es als eine grandiose vielstimmige Vertonung des Salve Regina , ein Marienantiphon, das häufig als Begräbnismusik gesungen wurde. Eine Nonne nach der anderen wird zum Schafott geführt und verstummt, das schneidende Geräusch des Fallbeils ist Bestandteil der Musik. Bis zuletzt nur noch die junge Constance übrig ist, zu allerletzt noch Blanche hinzu kommt und die Schlussphrase übernimmt. Das absolute Verstummen, die größtmögliche Opernkatastrophe schlechthin, ist an sich schon ein starkes musikalisches Symbol, das ein entsprechendes szenisches Pendant braucht. Gelsenkirchens Intendant Michael Schulz hat die Oper vor 20 Jahren im benachbarten Essen inszeniert und die Anklage gegen die Henker, die Gewalttäter, in den Fokus gerückt. Ben Baur sucht in Gelsenkirchen die Sicht auf die Opfer und findet eine sehr einfache und stille, gleichzeitig tieftraurige Lösung, die man so schnell nicht vergessen wird. Aus diesem fast introvertierten Finale spricht ein im positiven Sinn demütiger Respekt vor dem einzelnen Menschen. In Zeiten, in denen Schicksale im tagespolitischen Diskurs durch Kennziffern abgehandelt werden (Stichwort "Flüchtlingsobergrenzen"), lässt das unversehens eine eminent politische Deutung zu.

Szenenfoto kommt später

Seine Funktion als Schutzraum hat das Kloster in den Revolutionswirren verloren; das Volk bedrängt die Nonnen.

Um dahin zu kommen, erzählt Baur die Geschichte im Rückblick. Blanche befindet sich in der Familienbibliothek, wo der Büchersturm bereits stattgefunden hat, und Bücher gibt es auch nicht mehr (das Bühnenbild hat der Regisseur selbst entworfen). In der ersten Hälfte der Oper ist das der Raum für alle Bilder, ein klösterlicher Schutzraum fernab der Welt; in der zweiten Hälfte bricht er auf, von Volksmassen umgeben, die den Terror in der Spätphase der Revolution andeuten. Die Kostüme (Uta Meenen) sind leidlich historisch, sodass Ambiente wie Erzählrahmen gewahrt bleiben, und wirken doch nie museal. Die Geschichte wird im Wesentlichen realistisch erzählt, dabei aber gleichzeitig auf die entscheidenden Elemente konzentriert - Nebenfiguren wie ein Arzt erscheinen nur als Schatten, wie überhaupt Schattenprojektionen dem Geschehen etwas Irreales verleihen. Es ist ein wenig so, als kämen die Schatten der Vergangenheit herüber zu uns. Die Personenregie ist genau, hält aber gleichzeitig eine respektvolle Distanz, die dem Werk gut tut.

Szenenfoto kommt später

Kurz vor der Hinrichtung: Der Henker wartet schon.

Glänzend ist die weibliche Hauptpartie besetzt. Die junge Bele Kumberger wächst als Blanche mit unglaublicher Intensität über sich hinaus; die nicht große, aber mit hoher Intensität geführte, in jugendlicher Angst wie Eifer lodernde Stimme passt ideal zur Darstellung. Eine Entdeckung ist die noch jüngere Dongmin Lee als glockenreine, glasklar aufleuchtende Constance. Almuth Herbst ist eine solide Mutter Marie mit warmer Stimme. Noriko Ogawa-Yatake gibt eine souveräne Charakterdarstellung der alten Priorin; Petra Schmidt als deren Nachfolgerin Madame Lidonie hat zwar ein paar Probleme mit den dramatischen Spitzentönen, aber eine klangvolle Mittellage. Aus dem Chor der Schwestern fällt eine (aber welche?) durch allzu großes Forcieren ein wenig heraus. Bei den Herren überzeugen Ibrahim Yesilay und Piotr Prochera als Bruder und Vater Blanches.

Chefdirigent Rasmus Baumann dirigiert die insgesamt sehr gute, in den Tutti-Einsätzen mitunter ungenaue, aber sorgfältig phrasierende Neue Philharmonie Westfalen mit viel Sinn für große Klangentwicklungen; wie das abschließende Salve regina klug strukturiert, steht sinnbildlich für eine Interpretation auf orchestral sehr hohem Niveau, die auf einen kompakten und runden Gesamtklang setzt.


FAZIT

Einmal mehr eine Großtat des Musiktheater im Revier mit einer grandiosen Inszenierung, in den Schlüsselrollen toll besetzt und mitreißend dirigiert.


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Hinweis: Wir schließen uns in unserer Rezension der vom Musiktheater im Revier verwendeten Schreibweise "Karmeliterinnen" (statt "Karmelitinnen", wie man es ebenfalls findet) an.

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Rasmus Baumann

Inszenierung und Bühne
Ben Baur

Kostüme
Uta Meenen

Licht
Andreas Gutzmer

Video
Kevin Graber

Chor
Alexander Eberle

Dramaturgie
Stefan Steinmetz



Herren-Opernchor und Damen-Extrachor
des Musiktheater im Revier

Neue Philharmonie Westfalen


Solisten

Marquis de la Force
Piotr Prochera

Blanche, seine Tochter
Bele Kumberger

Der Chevalier de la Force
Ibrahim Yesilay

Madame de Croissy, alte Priorin
Noriko Ogawa-Yatake

Madame Lidoine, neue Priorin
Petra Schmidt

Mère Marie
Almuth Herbst

Constance
Dongmin Lee

Mère Jeanne
Silvia Oelschläger

Sur Mathilde
Lina Hoffmann

Beichtvater des Karmel
Edward Lee

1. Kommissar
Apostolos Kanaris

2. Kommissar, Thierry, Javelinot, Kerkermeister
Zhive Kremshovski

Schwestern des Karmel
Sabina Detmer
Heike Einhorn
Gabriele Ernesti
Wiltraud Maria Gödde
Olga Gorodetskaja
Sina Jacka
Alfia Kamalova
Lisa Maria Laccisaglia
Marijana Mladenov
Patricia Pallmer
Ewa Stachurska



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