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Ein Herbstmanöver

Operette in drei Akten
Libretto von Karl von Bakonyi, deutsche Übersetzung und Text der Gesänge von Robert Bodanzky
Gießener Dialogfassung von Balász Kovalik, ergänzende Gesangstexte von Matthias Kauffmann
Musik von Emmerich Kálmán

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 3h 5'  (eine Pause)

Premiere im Stadttheater Gießen am 28. Oktober 2017
(rezensierte Aufführung: 26.11.2017)



Stadttheater Gießen
(Homepage)

Zwischen Ernst und Operettenseligkeit

Von Thomas Molke / Fotos von Rolf K. Wegst

Emmerich Kálmán gilt neben Franz Lehár als einer der wichtigsten Vertreten der silbernen Operetten-Ära und ist heutzutage vor allem durch seine beiden Welterfolge Die Csárdásfürstin und Gräfin Mariza bekannt. In dieser Spielzeit haben es sich jedoch direkt zwei Opernhäuser zur Aufgabe gemacht, den vergessenen Werken Kálmáns wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Nachdem in Mönchengladbach die Saison mit Kálmáns Die Faschingsfee, einer Umarbeitung seiner zuvor in Budapest herausgebrachten Operette Fräulein Susi (Zsuzsi kisasszony), eröffnet wurde (siehe auch unsere Rezension), steht in Gießen nun Kálmáns Frühwerk Ein Herbstmanöver auf dem Spielplan. Hierbei handelt es sich um eine Umarbeitung seines Erstlings Tatárjárás (Tartarenplage), mit dem Kálmán in Ungarn 1908 einen riesigen Erfolg feierte und den er in der Operettenstadt Wien in einer von Robert Bodanzky übersetzten und bearbeiteten Fassung wiederholen wollte. Während die Wiener Kritiker eher skeptisch waren, fielen die Reaktionen des Publikums regelrecht enthusiastisch aus. Ein neuer Star am Operettenhimmel war geboren, der der Welt noch zahlreiche unsterbliche Melodien bescheren sollte. In Gießen hat man nun nach aufwendigen Recherchen in den Archiven von Budapest, Wien und den USA aus der ungarischen Urfassung von 1908 und der Wiener Umarbeitung von 1909 eine neue kritische Partitur erstellt, in der auch ein sentimentales Duett für das tragisch liebende Operettenpaar Riza und Lörenthy enthalten ist, das Kálmán später wieder gestrichen hat, und ein Klavierlied erklingt, dessen Existenz völlig unbekannt war, bis Regisseur Balász Kovalik es auf der Rückseite einer Handschrit Kálmáns im ungarischen Nationalarchiv entdeckte.

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Wiedersehen beim Herbstmanöver: Riza von Marbach (Christiane Boesiger, links) und Oberleutnant von Lörenthy (Grga Peroš, rechts) (im Hintergrund Mitte: Rittmeister von Emmerich (Aleksey Ivanov))

Die Geschichte spielt auf dem Schloss der Baronin Riza von Marbach zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Inmitten der ungarischen Puszta soll ein herbstliches Militärmanöver stattfinden, an dem zahlreiche prominente Husaren des Reiches teilnehmen. So wundert es nicht, dass die Damen der Gesellschaft von weit her anreisen, um auf einem rauschenden Ball im Schloss der Baronin die legendären Helden und Liebhaber aus der Nähe zu sehen. Auch Treszka, die bezaubernde Tochter des gefürchteten Feldmarschall-Leutnants von Lohonnay ist gekommen, weil sie unsterblich in den attraktiven Oberleutnant Lörenthy verliebt ist. Die Avancen des jungen Marosi, der sich als Freiwilliger bei den Husaren verpflichtet hat, um Treszka zu beeindrucken, weist sie barsch zurück. Was sie nicht weiß, ist, dass Lörenthy die Jugendliebe der Baronin und der rechtmäßige Erbe des Schlosses ist, von dem ihm ein reicher Mann vertrieb, der dann auch noch Riza heiratete. Daher weigert sich Lörenthy zunächst, das Schloss zu betreten, weil er Rizas Treuebruch nicht verzeihen kann. Auf dem Ball kommt es dann zu zahlreichen Verwicklungen, bis die Feier plötzlich durch das angeblasene Manöver unterbrochen wird. Da Lörenthy dem Regiment fernbleibt, will Lohonnay ihn als Deserteur zunächst bestrafen, bis er erfährt, dass seine Tochter Lörenthy heiraten will. Sofort begnadigt er den Schwiegersohn in spe. Aber Treszka erkennt, dass Lörenthy immer noch Riza liebt, und verzichtet großmütig auf ihn, worüber Marosi natürlich hocherfreut ist, da sein Werben schließlich doch noch von Erfolg gekrönt ist.

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Oberleutnant von Lörenthy (Grga Peroš) zwischen Riza (Christiane Boesiger, links) und Treszka (Marie Seidler, rechts)

Das Regie-Team um Balász Kovalik verfolgt einen Ansatz, der dem Stück und seiner Zeit in den Grundzügen treu bleibt. Dass eine der Damen der Gesellschaft bei ihrer Ankunft den Stallknecht und später die Husaren mit ihrem Handy fotografiert, darf dieser Gag als witziger Anachronismus betrachtet werden. Wenn aber kurz vor dem Finale im zweiten Akt alle Ballgäste ihre Mobiltelefone zur Hand nehmen und Nachrichten schreiben, während der Sternenhimmel besungen wird, ist das vielleicht doch ein bisschen zu viel des Guten, zumal im Anschluss alle ihr leuchtendes Telefon in die Höhe halten. Auch wird nicht ganz klar, was das Gerede über den Untergang der Titanic eigentlich soll. Vom drohenden Ersten Weltkrieg ist anders als in der Csárdásfürstin im Text eigentlich ebenfalls noch kein Hauch zu spüren. Von daher bleibt es unklar, wieso zu Beginn in einer Videoprojektion Soldaten in einer Schlacht auf die weißen Gardinen des Schlosses projiziert werden. Die Dialoge zwischen dem Gutsverwalter Kurt und dem Stallknecht Bence sind wohl teilweise von Kovalik selbst in die Inszenierung eingefügt worden und führen zu unnötigen Längen, ohne die Handlung weiterzubringen. Das Manöver, das den Ball unterbricht, scheint im Schloss mehr Schaden anzurichten als ein bloßer Scheinangriff, so dass an dieser Stelle ebenfalls nicht deutlich wird, wo Kovalik mit seiner Deutung eigentlich hin will. Kurz vor dem Ende lässt Kovalik erneut die Waffen sprechen und alle auf der Bühne niederschießen. Kurt verkündet lakonisch, dass nun alle tot seien, bevor sich dann alle wie von Geisterhand erheben und das Finale anstimmen.

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Wallerstein (Tomi Wendt, links) und Kurt (Rainer Domke, rechts) beim "Pumper-Duett"

Fraglich ist auch, welchen Sinn die homoerotischen Andeutungen in der Inszenierung eigentlich sollen. Dass der leicht vertrottelte Reserve-Kadett-Feldwebel Wallerstein seinen Säbel verliert, mag durchaus sexuelle Bezüge haben. Das Duett, das er mit Kurt singt, stammt allerdings nicht aus dem Stück, sondern ist einerseits aus Kálmáns Operette Der gute Kamerad eingefügt worden und andererseits von "Parlez-vous français?" in das "Pumper-Duett" umformuliert worden. Das gelingt bisweilen ein wenig zotig und wird dem Charme des Stückes nicht gerecht. Auch die Figur des Herrn Nelke bleibt unverständlich. Marosi mag über die Annäherungsversuche dieses Herren ebenso irritiert sein wie das Publikum. Sieht man von diesen unnötigen Einfällen ab, bietet die Inszenierung gute Operettenunterhaltung. Einen entscheidenden Beitrag dazu leisten auch das Bühnenbild und die Kostüme von Lukas Noll. Der Saal des Schlosses atmet mit seinem Verfall die Schwermütigkeit des Fin de siècle. Die hintere Wand weist ein riesiges schwarzes Loch auf, als ob hier eine riesige Kanonenkugel die ehemaligen Strukturen bereits zerstört habe. Der Einsatz der Drehbühne ermöglicht einen schnellen Szenenwechsel zum Vorhof des Schlosses oder Ballsaal. Wenn dann im Hintergrund ein Sternenhimmel leuchtet, erlebt das Publikum Augenblicke der kitschig-schönen Operettenseligkeit. Die Kostüme der Husaren und die Garderobe der Damen sind ebenfalls mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Erst auf dem Ball treten die Personen in moderneren Kostümen auf.

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Marosi (Clemens Kerschbaumer) versucht, Treszka (Marie Seidler, links) mit den Damen der Gesellschaft (Opernchor) eifersüchtig zu machen.

Musikalisch sind bereits Anklänge an die Csárdásfürstin und die Gräfin Mariza erkennbar, auch wenn die Melodien noch nicht den Ohrwurmcharakter von Kálmáns späteren Werken besitzen. Michael Hofstetter taucht mit dem Philharmonischen Orchester Gießen mit betörendem Klang in den bunten Rausch der Operette ein und lässt das Publikum in seligen Melodien schwelgen. Christiane Boesiger verfügt als Riza über einen runden Sopran, der in den Höhen große Strahlkraft entwickelt und in der Mittellage ebenfalls textverständlich über das Orchester kommt. Grga Peroš legt den Oberleutnant Lörenthy mit kräftigem Bariton wunderbar streng und unerbittlich an. Bei den Tänzen macht er eine nicht ganz so gute Figur, was aber durchaus zu seiner Rolle passt. Clemens Kerschbaumer kostet als Marosi mit höhensicherem Tenor die komischen Momente des Freiwilligen Marosi mit witzigem Spiel aus und kann auch mit der Tanzcompagnie Gießen gut mithalten. Marie Seidler legt die Partie der Treszka mit soubrettenhaftem Charme an. Tomi Wendt zeigt sich als leicht vertrottelter Wallerstein von seiner komischen Seite und überzeugt mit leichtem Buffo-Bariton. Die Damen des Chors begeistern durch großen Spielwitz als Damen der Gesellschaft, und Robert Varady lässt mit leidenschaftlichem Spiel auf der Geige das Publikum in Operettenharmonie schwelgen. So gibt es am Ende großen Applaus für alle Beteiligten.

FAZIT

Dem Stadttheater Gießen ist es hoch anzurechnen, dass es Kálmáns Frühwerk ausgräbt. Operettenfans sollten sich diese Rarität nicht entgehen lässt, zumal die Inszenierung dem Stück im Großen und Ganzen treu bleibt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Michael Hofstetter

Inszenierung
Balász Kovalik

Bühne und Kostüme
Lukas Noll

Choreographie
Leo Muji
ć

Chor
Jan Hoffmann

Licht
Jan Bregenzer

Dramaturgie
Matthias Kaufmann

 

Chor des Stadttheaters Gießen

Philharmonisches Orchester
Gießen

Tanzcompagnie Gießen

 

Solisten

Feldmarschall-Leutnant von Lohonnay
Harald Pfeiffer

Treszka, seine Tochter
Marie Seidler

Baronin Riza von Marbach
Christiane Boesiger

Oberleutnant von Lörenthy
Grga Pero
š

Wallerstein, Reserve-Kadett-Feldwebel
Tomi Wendt

Marosi, Freiwilliger bei den Husaren
Clemens Kerschbaumer

Kurt, Gutsverwalter
Rainer Hustedt

Bence, Großknecht
Rainer Domke

Rittmeister von Emmerich
Aleksey Ivanov

Leutnant Elekes
Shawn Mlynek

Herr Nelke
Paul Przybylski

Damen der Gesellschaft
Natascha Jung
Eun-Mi Suk
Antje Tiné
Olga Vogt
Michaela Wehrum
Sora Winkler

Ungarischer Geiger
Robert Varady

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Stadttheater Gießen
(Homepage)



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