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Frau Luna

Operette in zwei Akten
Libretto von Heinz Bolten-Baeckers, Dialogfassung für die Hagener Neuinszenierung von Holger Potocki
Musik von Paul Lincke

in deutscher Sprache mit teilweiser Übertitelung der Gesangstexte

Aufführungsdauer: ca. 2h 10' (eine Pause)

Premiere im Theater Hagen am 2. Dezember 2017


Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Intergalaktisches Moon-Spaceport-Abenteuer

Von Thomas Molke / Fotos von Klaus Lefebvre (Rechte Theater Hagen)

Paul Lincke gilt als Begründer der Berliner Operette, die Ende des 19. Jahrhunderts mit ihrer Mischung aus Posse, Burleske und Show-Revue einen Gegenentwurf zu dem süffisant-ironischen oder schwelgerisch-walzerseligen Stil ihrer Vorgänger in Paris und Wien bildete. Von Linckes mehr als 20 Bühnenwerken kann Frau Luna als das Meisterstück bezeichnet werden, dessen berühmter Marsch "Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft" zur inoffiziellen Hymne der Stadt Berlin avancierte und heute traditionell an jedem Ende des Saisonabschlusskonzertes der Berliner Philharmoniker erklingt. Dabei wurde das Lied erst in die zweite Fassung aufgenommen, die 1922 im Apollo-Theater in Berlin herauskam. Bei der Uraufführung am 1. Mai 1899 bestand das Werk nur aus einem einzigen Akt mit vier Bildern. Doch der große Erfolg mit über 600 ausverkauften Vorstellungen führte dazu, dass die Operette durch die Ergänzung zahlreicher Nummern auf eine spektakuläre "Mondrevue" in zwei Akten und elf Bildern ausgedehnt wurde. So wurde auch das berühmte Duett "Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe" erst später eingefügt und stammt wie der erwähnte Marsch aus der Ausstattungsburleske Berliner Luft, die auf ein Libretto von Benno Jacobson 1904 ihre Uraufführung erlebte, jedoch schnell wieder vom Spielplan verschwand. Heute steht schon allein wegen der beiden genannten Ohrwürmer meistens die zweite Fassung der Operette auf dem Spielplan.

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Frau Pusebach (Kristine Larissa Funkhauser) will, dass Fritz Steppke (Richard van Gemert, Mitte) endlich seine Miete bezahlt (links: Lämmermeier (Tillmann Schnieders), rechts unten: Pannecke (Olaf Haye)).

Auch das Regie-Team um Holger Potocki will natürlich auf die bekanntesten Nummern aus der Operette nicht verzichten und hat sich deshalb musikalisch für die Version von 1922 entschieden. Mit dem Inhalt geht man allerdings etwas freier um. So verlegt Potocki die Handlung in das Jahr 2023 und wählt als Ausgangspunkt den zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht fertiggestellten Berliner Flughafen, dessen Bau nach endlosen Querelen und Planungsfehlern nun schließlich aufgegeben werden soll. Stattdessen soll das Gelände für einen symbolischen Euro an den Gewinner eines Kreativwettbewerbs verkauft werden. An diesem Wettbewerb hat sich auch Fritz Steppke beteiligt, der als Tüftler auf dem Gelände eine Basis für kommerzielle bemannte Mondflüge errichten will. Doch sein Vorhaben ist nicht von Erfolg gekrönt. Stattdessen geht das Gelände an eine Kindertagesstätte aus Bielefeld, die dort ihre Spielgeräte während einer bevorstehenden Vorgartensanierung lagern will. Frustriert trifft sich Steppke mit seinen beiden Freunden, dem Architekten Pannecke und dem Schneider Lämmermeier, zum "Trostrauchen" und landet dabei auf dem Mond, wo eine skurrile Gesellschaft aus diversen Galaxien auf die seit Jahren verschobene Eröffnung eines "Moon-Galaxy-Spaceports" wartet, dessen Fertigstellung sich genauso wie der Bau des Berliner Flughafens seit vielen Jahren hinzieht und die Besucher ein wenig mürbe gemacht hat. Da bilden die Berliner Gäste eine nette Abwechslung für neue amouröse Abenteuer. Frau Luna versucht, Steppke zu verführen. Dass er ihren Annäherungen widersteht, scheint jedoch weniger mit seinen Gedanken an seine Verlobte Marie zusammenzuhängen als vielmehr mit dem, was Frau Luna ihm als vermeintlicher "Mann im Mond" unter ihrem Mantel präsentiert. Ob Steppke und seine Freunde hinterher wieder auf die Erde zurückfliegen, bleibt genauso offen wie die Frage, ob die ganze Geschichte vielleicht nur ein rauschhafter Traum in Steppkes Wohnung gewesen ist.

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"Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe": Theophil (Rainer Zaun) und Stella (KS Marilyn Bennett)

Kostümbildnerin Lena Brexendorff darf sich bei diesem ominösen Mondexkurs richtig austoben und schwelgt in Anspielungen auf diverse Science-Fiction-Filme. Da tritt Mars als Darth Vader auf, und auch weitere Figuren aus der Star Wars-Reihe wie beispielsweise Han Solos Begleiter Chewbacca werden imitiert. Theophil erinnert als Verwalter auf dem Mond mit der silbernen Platte auf dem Kopf und den halbseitig blonden Haaren an den Film The Fifth Element. Anspielungen auf Star Trek dürfen natürlich ebenfalls nicht fehlen. Prinz Sternschnuppe wirkt in seinem pinkfarbenen glitzernden Outfit wie ein Space-Cowboy aus Las Vegas, und auch die anderen aufwändigen Kostüme setzen der Phantasie über außerirdische Lebensformen keine Grenzen. Dass Stella in einem goldfarbenen Octopus-Kostüm auftritt, soll wohl ferner andeuten, dass sie vermögend ist. Frau Luna sieht in ihrem glitzernden Kleid wie ein Popstar aus, wobei die haarlose Kopfform ein wenig an eine Mondsichel erinnert. Gegen diese bunten, phantasievollen Kostüme heben sich Steppke und seine Freunde durch ihr relativ normales Aussehen deutlich ab. Wieso Lämmermeier allerdings in einem Rock auftritt, wird nicht ganz nachvollziehbar. Soll damit die Gleichstellung des Mannes in Bekleidungsfragen im Jahr 2023 angedeutet werden?

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"Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft": Finale 1. Akt: in der Mitte von links: Stella (KS Marilyn Bennett), Fritz Steppke (Richard van Gemert), Pannecke (Olaf Haye), Frau Pusebach (Kristine Larissa Funkhauser), Theophil (Rainer Zaun), Ballett und Chor

Steppkes Wohnung ist recht futuristisch als eine Art Mikrowohnung eingerichtet, in der alle Möbel Platz sparend in der Wand eingeklappt sind und bei Bedarf hervorgeholt werden können. Von dem sterilen Ton dieser Wand hebt sich das gelbe Sofa ab, mit dem die Freunde dann auch ihren Flug zum Mond unternehmen. In einer Videoprojektion steigen sie zunächst mit Frau Pusebach empor, bevor sie erst im Zuschauersaal des Theaters landen und dann schließlich auf dem intergalaktischen Mondflughafen ankommen, der mit seinen Showtreppen an einen futuristischen Revue-Saal erinnert. Hier reiht sich nun ein musikalischer Ohrwurm an den nächsten, der die dramaturgisch doch eher blasser Handlung überdeckt. Wenn Frau Luna versucht, Steppke in ihrem Boudoir zu verführen, befindet sich ein riesiges rotes Herz auf dem Boden, auf dem Steppke neben Frau Luna Platz nimmt und von Nebel umhüllt wird, der die Sinne genauso verwirren dürfte wie das Kraut, das Steppke zu Beginn mit seinen Freunden geraucht hat. Die Tänzerinnen und Tänzer des Ballett Hagen umschwirren Steppke als verführerische Einhörner und lassen Steppke auf dem Herzen zunächst schwach werden. Was Frau Luna Steppke eigentlich genau zeigt, wenn sie ihren Mantel öffnet, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Sinn macht es jedenfalls keinen. Kurz darauf wird dann das gelbe Sofa mit Marie aus dem Bühnenboden emporgefahren, und man befindet sich in einer Art Zeitschleife. Das Gespräch zwischen Marie und den drei Freunden wird wiederholt. Marie bittet Steppke erneut, gleich in die Berliner Kneipe "Berghain" zu kommen, bevor die Freunde mit den Mondgästen das zweite Finale abstimmen, womit eigentlich alles offen gelassen wird und die Geschichte nicht zu einem Ende geführt wird. Hier hätte man sich von Potockis Regie doch einen deutlicheren Schlusspunkt gewünscht.

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Finale 2. Akt: auf dem Sofa von links: Lämmermeier (Tillmann Schnieders), Marie (Veronika Haller), Steppke (Richard van Gemert), Pannecke (Olaf Haye) und Frau Pusebach (Kristine Larissa Funkhauser), oben: Frau Luna (Cristina Piccardi, Mitte) mit Stella (KS Marilyn Bennett, rechts) und Theophil (Rainer Zaun)

Das Ensemble präsentiert sich absolut spielfreudig und bewegt sich mit großer Komik durch den mit Gassenhauern gespickten Abend. Um vom Orchester nicht übertönt zu werden, sind die Solisten und der Chor mit Mikroports ausgestattet, wobei die Aussteuerung stellenweise noch verbessert werden müsste. An einzelnen Stellen sind die Solisten vor allem bei Ensembles zu laut und müssten noch etwas heruntergeregelt werden. Dann wiederum sind sie an anderen Stellen zu leise eingestellt. Nach welchen Kriterien Übertitel eingeblendet werden, wird nicht ganz nachvollziehbar. Kommen sie immer dann, wenn das Regie-Team das Gefühl hat, dass der gesungene Text nicht verstanden werden könnte? Richard van Gemert stattet den Fritz Steppke mit beweglichem Tenor und großem Spielwitz aus. Veronika Hallers Sopran ist für seine Freundin Marie beinahe ein bisschen zu schwer, punktet aber mit sauber geführten Bögen in dem berühmten Lied "Schlösser, die im Monde liegen". Darstellerisch spielt sie mit aller Macht gegen die langweilige Anlage der Figur im Libretto an. Kristine Larissa Funkhauser hat als ihre Tante Frau Pusebach da schon eine dankbarere Rolle. Mit großem Spielwitz gibt sie die Witwe als eiskalt berechnende Geschäftsfrau, die ihren Freund Pannecke wie einen Hund kommandiert und nur bei Theophil schwach wird. Mit überbordender Komik zeigt sie das direkt zu Beginn in ihrem Lied "O Theophil", wenn ihr Gesang in lautem Heulen untergeht.

Rainer Zaun und Kammersängerin Marilyn Bennett stellen als Theophil und Stella erneut ihr großartiges komödiantisches Talent unter Beweis. Zaun hat dabei alle Hände voll zu tun, seine heimliche Liaison mit Frau Pusebach vor seiner Geliebten Stella zu verbergen. Bennett zahlt es ihrem Freund Theophil mit gleicher Münze heim, indem sie versucht, zunächst mit Steppke anzubändeln und dann auch noch seinem Freund Lämmermeier Avancen macht. Die berühmte Nummer "Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe" avanciert in Bennetts und Zauns Interpretation zu einem musikalischen Glanzpunkt des Abends. Kenneth Mattice präsentiert einen melancholischen, dabei aber auch etwas selbstverliebten Prinz Sternschnuppe. Cristina Piccardi überzeugt mit großem Sopran und verführerischem Spiel in der Titelpartie. Die übrigen Solisten und der von Wolfgang Müller-Salow einstudierte Opernchor überzeugen genauso wie das Philharmonische Orchester Hagen, das unter der Leitung des neuen 1. Kapellmeisters Linckes Musik frisch und spritzig aus dem Graben erklingen lässt. So gibt es für alle Beteiligten am Ende großen Beifall.

FAZIT

Das Regie-Team um Holger Potocki versucht, Linckes etwas dünner Story mit modernen Einfällen neues Leben einzuhauchen. Im Großen und Ganzen geht dieser Ansatz auf, nur das Ende wirkt irgendwie unvollständig. Aber die zahlreichen schwungvoll präsentierten Melodien trösten darüber hinweg.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Rodrigo Tomillo

Inszenierung
Holger Potocki

Bühne und Kostüme
Lena Brexendorff

Choreographie
Andrea Danae Kingston

Licht
Hans-Joachim Köster

Video
Volker Köster

Chor
Wolfgang Müller-Salow

Dramaturgie
Ina Wragge

 

Philharmonisches Orchester Hagen

Chor des Theater Hagen

Ballett Hagen

Statisterie des Theater Hagen


Solisten

Frau Luna
Cristina Piccardi

Prinz Sternschnuppe
Kenneth Mattice

Stella
KS Marilyn Bennett

Theophil
Rainer Zaun

Frau Pusebach
Kristine Larissa Funkhauser

Marie
Veronika Haller

Fritz Steppke
Richard van Gemert

Lämmermeier
Tillmann Schnieders

Pannecke
Olaf Haye

Venus
Sophia Leimbach

Mars
Anja Frank-Engelhaupt

Radio-Moderatoren-Stimme
Ralf Schaepe

Nachrichtensprecher
Tobias Kramm

TV-Sprecherin
Cristina Piccardi

Mondgroom-Stimme
Julia Gámez Martín


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen
(Homepage)




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