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Sweeney Todd - The damon Barber of Fleet Street

Ein Musical-Thriller
Gesangstexte von Stephen Sondheim
Buch von Hugh Wheeler nach einer Adaption von Christopher Bond
Deutsch von Wilfried Steiner
Musik von Stephen Sondheim
Orchestrierung von Jonathan Tunick


In deutscher Sprache, keine Übertitel

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Halle am 11. März 2018


Opernhaus Halle

Leben ist lebensgefährlich

Von Joachim Lange / Fotos: © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Falk Wenzel

Es fängt schon mit der Genrebezeichnung an. Ein Musical? Also schmalzige Balladen und eine zentrale Lovestory, große Ensemblenummern, bei denen die Fetzen respektive die Beine in der chorus line fliegenů. Und ein paar Hits, von denen mindestens einer als Rausschmeißer geeignet ist. Das alles bietet Sweeney Todd eher nicht. Oder höchstens am Rande. Immerhin: Martin Gerke als Anthony (Marke: smarter Langhaar- und Brustfrei-Schlagerfuzzi) und Andormahi Raptis als Johanna (im rosa Barbieperfekt-Look) liefern eine Love-und-ich-rette-dich-Story und die Parodie der entsprechenden Klischees gleich mit.


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Das eigentlich Paar aber ist eher auf der nachtschwarzen Seite daheim. Da treffen sich der Rachefuror des Barbiers Sweeney Todd und der abartige Geschäftssinn der Pastetenbäckerin Mrs. Lovett. Er, den der fiese Richter Turpin für 15 Jahre in die Verbannung geschickt, die Frau ins Elend gestürzt und die Tochter in seine "Obhut" entführt hat. Sie, die kein Problem damit hat, ihr schlecht gehendes Pastetengeschäft in der Fleetstreet mit menschlichen Zutaten wieder in Schwung zu bringen.

Der erste, dem Sweeney die Kehle durchschneidet, ist der Barbierkollege Pirelli. Dessen handwerkliche Konkurrenz muss er zwar nicht fürchten - er gewinnt ein öffentliches Wettrasieren spielend. Wohl aber dessen Wissen um seine Identität und seinen Erpresserehrgeiz. Als Mieter Sweeney und Vermieterin Lovett vor dem Problem Wohin-mit-der-Leiche? stehen, ist die perverse Geschäftsidee geboren! Und ein Start-up-Unternehmen der besonderen Art nimmt seinen Lauf. Sweeney wollte sich eigentlich nur am Richter und dessen Büttel rächen. Es werden ein paar mehr Leichen. Und als herauskommt, dass sich seine tot geglaubte Frau hinter der Bettlerin, die ,auch im fortgeschrittenen Alter, Sex für Geld anbietet ("Ficken für die Rente" stehe auf ihrem Pappschild), seine Frau ist und Mrs. Lovett das wusste, ist auch diese Zweck-Partnerschaft zu Ende.

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Jetzt muss auch Mrs. Lovett zusehen, dass sie das rote Tuch schnell findet, das in der Inszenierung von Martin Miotk noch jedes Mals das spritzende Blut vertritt, das Todds Barbierkünste produziert. Kurz vor der Pause regnet es in Strömen. Blut - was sonst. Ein paar der grandiosen Kostüme, Perücken und Masken überstehen das natürlich nicht unbeschadet. Die ganze stilisierte Kostüm-Opulenz dieser Produktion ist eine Meisterleistung von Andy Besuch. Auch die gänzlich blutigen und lädierten Kostüme, die es nach der Pause in dem Fleetstreet-Halbrund mit jetzt herabhängenden Fassadenprospekten gibt, und die darstellerische Meisterleistung von Chor (einstudiert von Rustam Samedov und Peter Schedding, der auch einige Vorstellungen dirigieren wird), Statisten und Rossa-Tänzer trösten darüber hinweg, dass es mit der Textverständlichkeit nicht immer allzu weit her ist. Der Kasten für Übertitel hängt zwar da, bleibt aber aus. Schade.


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Mit Textverständlichkeit hat ein (auch musicalversierter) Allrounder wie Gerd Vogel als Sweeney kein Problem. Mit der anspruchsvollen Partie natürlich auch nicht. Auch Katharina Schutza als seine finstere Geschäftskomplizin ist eine Wucht. Bei den kleinen Rollen faszinieren Stefan Stara als schmieriger Büttel, Helga Hahnemanns einstige Bühnenpartnerin Dagmar Gelbke als deftige Bettlerin und die Wiederbegegnung mit Tomas Möwes als in seiner Trotteligkeit höchst präsenter Richter Turpin. Dass Julius Dörner aus der Nachwuchsriege des Opernhauses den clownesken Tobias spielt und singt, der am Ende dem Blutrausch mit einem beherzten Schnitt durch Sweenys Kehle ein Ende macht, funktioniert vor allem, weil er die Authentizität des unschuldigen (na ja halbwegs) Jungen ausspielt. Die Bühne, die auch auf der schwarzen Rückseite bespielt wird, erinnert an ein Globe Theater - das, was da passiert, kann es sogar mit Shakespeares Titus Andronicus aufnehmen. Die konsequente Stilisierung der Optik und des Spiels erlauben es aber, sich über den Horror hinaus, sogar zu amüsieren. Schwarzer (sogar blutiger) Humor halt.

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Stephen Sondheim hat mit Sweeney Todd die Gattung Musical über die Klischees des Weichgegespülten hinausgetrieben. Dieses sehr spezielle, musikalisch anspruchsvolle Stück in Halle auf die Bühne zu bringen, war nicht nur ein Wunsch von Intendant Florian Lutz, sondern auch des scheidenden GMD Josep Caballé-Domenech, der selbst mit Sondheim zusammengearbeitet und das 1979 in New York mit Angela Lansbury (Mord ist ihr Hobby) und dann 1980 in London nach Europa gekommene Stück in Barcelona herausgebracht. Der Staatskapelle konnte er seine Begeisterung jedenfalls vermitteln und die reichte sie weiter ans Publikum.


FAZIT

Sweeney Todd treibt in Halle das erste Mal sein Unwesen. Das einhellige Gejohle am Ende belegte, dass das Experiment geglückt ist.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Josep Caballé-Domenech

Inszenierung und Bühne
Martin Miotk

Kostüme
Andy Besuch

Licht
Peter Erlenkötter

Choreographie
Michal Sedlácek

Chor
Rustam Samedov
Peter Schedding

Dramaturgie
Philipp Amelungsen


Staatskapelle Halle


Solisten

Sweeney Todd
Gerd Vogel

Mrs. Lovett
Katharina Schutza

Anthony Hope
Martin Gerke

Richter Turpin
Tomas Möwes

Büttel Bamford
Stefan Stara

Johanna
Andromahi Raptis

Bettlerin
Dagmar Gelbke

Adolfo Pirelli
Konstantinos Latsos

Tobias Ragg
Julius Dörner

Mr. Fogg
Markus Laich

Tänzer des Ballett Rossa
Denise Dumröse
Margherita Sabbadini
Emma Louise Harrington


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Opernhaus Halle
(Homepage)






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