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Der Kaiser von Atlantis
oder Die Tod-Verweigerung

Spiel in einem Akt
Text von Peter Kien
Musik von Victor Ullmann


in deutscher Sprache, keine Übertitel

Aufführungsdauer: ca. 1h (keine Pause)

Premiere in der Außenspielstätte am Offenbachplatz am 24. Februar 2018
(rezensierte Aufführung: 27. Februar 2018)


Logo: Oper Köln

Oper Köln
(Homepage)

Dieser Tod hat jeden Stachel verloren

Von Stefan Schmöe / Fotos von Paul Leclaire

Der Tod mag nicht mehr töten. Das kaiserliche Edikt, ab sofort möge jeder gegen jeden Krieg führen, empfindet er als anmaßend und verweigert fortan die Arbeit: Ob Exekutionen oder Schlacht, die Menschen bleiben am Leben. Man vergegenwärtige sich, unter welchen Umständen Text und Musik dieser Oper geschrieben wurden, nämlich 1943-44 im KZ Theresienstadt, dem "Vorzeigelager" nördlich von Prag, in dem sich eine rege Musikkultur entwickelte, vermutlich sogar weitgehend frei von Zensur. Dass der Kaiser von Atlantis letztendlich nicht aufgeführt wurde, hatte seinen tragischen Grund möglicherweise darin, dass Mitwirkende wie auch Komponist Victor Ullmann und Librettist Peter Kien im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert wurden, wo Ullmann umgebracht wurde, Kien an einer Infektion starb. Natürlich legt der Inhalt der Oper Assoziationen an den von Goebbels propagierten "totalen Krieg" nahe. Aber bei allen Anklängen an die furchtbare Gegenwart, bei kompositorischen Bezügen auf die Zeitoper der 1920er-Jahre, der Einbindung von Bachchoral wie Tanzmusik und einer Stimme aus dem Lautsprecher ist die Oper nicht einfach eine böse Satire. Ullmann hat den Schluss in verschiedenen Varianten hinterlassen. Noch einmal zum Inhalt: Weil ohne Todesfurcht die autoritäre Ordnung zusammenbricht, muss der Tod seine Arbeit wieder aufnehmen - das macht er aber nur unter der Bedingung, dass der Kaiser der erste ist, der stirbt. In Köln spielt man die Version, in der Ullmann eine elegische Abschiedsarie des Kaisers komponiert: "Von allem, was geschieht, ist Eines nur, wovor der Götter Lächeln nicht besteht: Der Abschied! [] gedenkt auch meiner ohne Klage, denn es ist das Ferne nicht beklagenswert, vielmehr das Nahe, das in ewigem Schatten ruht." Ein überhöhtes Ende, das gewissermaßen aus der Zeit herausfällt.

Szenenfoto

Der Tod und der Kaiser

Die Oper steckt gewissermaßen in einer Zwickmühle: Um den Künstlern Kien und Ullmann gerecht zu werden, die Qualität des Werkes unvoreingenommen beurteilen zu können, muss man das Stück ohne den biographischen Hintergrund sehen und hören - der aber kann bei den offensichtlichen Zeitbezügen und Anspielungen nicht einfach weggedacht werden. Zu dieser Problematik dringt die Kölner Aufführung allerdings gar nicht erst vor, denn schon die Rahmenbedingungen sind ungünstig. Gespielt wird in der "Außenspielstätte am Offenbachplatz". Am Offenbachplatz steht, das ist diese "Außenspielstätte", neben dem wegen der schier unendlichen Sanierung eingerüsteten Opern- und Schauspielhaus auch das Gebäude, in dem früher das Theatercafé untergebracht war, und hier soll einmal die kleine Bühne des Schauspiels untergebracht werden - in einem ziemlich wohlwollend als "funktional" zu bezeichnenden Raum mit steil ansteigender Zuschauertribüne (immerhin ist die Sicht gut). Statt einer Bühne führt ein Laufsteg um einen kleinen Orchestergraben herum bzw. mitten durch, was die szenischen Möglichkeiten stark reduziert. Vor allem aber der akustische Eindruck ist desaströs an diesem Abend. Das betrifft weniger das aus 15 Musikern bestehende Kammerorchester, das von Rainer Mühlbach umsichtig geleitet wird und sehr differenziert spielt; die Sänger allerdings klingen viel zu direkt und singen leider auch viel, viel zu laut - das ist nicht nur unschön, sondern vor allem vor allem bei Tenor Martin Koch in der Partie des Harlekin und Judith Thielsen als Trommler (so etwas wie der kaiserliche Herold) regelrecht unangenehm. Nicht, dass sie schlecht bei Stimme wären, im Gegenteil; aber man müsste hier eine Gesangs- und Klangkultur der leisen Töne (und besseren Textverständlichkeit) pflegen, was am besten noch Claudia Rohrbach als Soldat gelingt, in Ansätzen Dino Lüthy als Soldat und Nikolay Borchev als Kaiser in der zitierten Schlussarie. Lucas Singer als Tod bleibt wenig dämonisch. Und der Klang von Sängern und Orchester mischt sich leider viel zu schlecht.

Szenenfoto

Kaiser (vorne) mit Trommler (links) und Harlekin

Musikalisch wird der Kaiser von Atlantis also deutlich unter Wert verkauft, aber warum überhaupt wird er an diesem Ort so kleinformatig gespielt? (Da wäre doch der variable Saal 3 des Staatenhauses die bessere Lösung gewesen.) Natürlich sind Einakter immer schwierig im Repertoire unterzubekommen, und die kleine Orchesterbesetzung legt ein entsprechendes Ambiente nahe (wobei gerade in Münster die Angels in America mit ähnlich kleiner Besetzung als ganz große Oper aufgeführt worden sind). Ein zweites Werk von ähnlich überschaubarer Länge als Ergänzung ließe sich sicher auch finden. Wenn dann die Inszenierung dann noch einem streitbarem Geist wie, sagen wir: Dietrich Hilsdorf oder Tatjana Gürbaca (beide keine Unbekannten an der Kölner Oper) angetragen würde - das könnte großes, herausforderndes Musiktheater sein. Eike Ecker, Oberspielleiterin an der Kölner Oper, und Ausstatter Darko Petrovic aber brechen das Werk allzu sehr auf Spielzeugformat herunter, indem sie fast jeglichen Zeitbezug vermeiden. Viel Abstraktion und ein bisschen Revue mit Anklängen an die 1920er-Jahre - das ist zu wenig pointiert und letztendlich zu brav, da fehlt es am satirischen Witz wie am bedrohlichen Grundton. Eine Lösung, die den Holocaust ausblendet (wobei ihn das Programmheft umgehend wieder herein holt), ist an sich diskutabel, aber das Existenzielle, das sich in dieser Oper verbirgt, müsste doch irgendwie deutlich werden.


FAZIT

Toll, dass die Kölner Oper den Kaiser von Atlantis neu entdeckt - und ärgerlich, dass sie ihn am falschen Ort szenisch wie musikalisch verschenkt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Rainer Mühlbach

Inszenierung
Eike Ecker

Bühne und Kostüme
Darko Petrovic

Licht
Andreas Grüter

Dramaturgie
Tanja Fasching


Statisterie der Oper Köln

Gürzenich-Orchester Köln


Solisten

Kaiser Overall
Nikolay Borchev

Der Lautsprecher / Der Tod
Lucas Singer

Harlekin
Martin Koch

Soldat
Dino Lüthi

Bubikopf, ein Soldat
Claudia Rohrbach

Ein Trommler
Judith Thielsen



Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Oper Köln
(Homepage)



Da capo al Fine

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