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Musiktheater
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Hamlet

Oper in fünf Akten
Libretto von Michel Carré und Jules Barbier nach dem Schauspiel von Alexandre Dumas d.Ä. und Francoise Meurice
Musik von Ambroise Thomas


Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Theater Krefeld am 25. November 2017

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Theater Krefeld-Mönchengladbach
(Homepage)
Der Mensch ein König ein Narr

Von Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Stutte

Es steckt eine ganze Menge Shakespeare in diesem Hamlet. So selbstverständlich ist das nicht; als Ambroise Thomas in den 1860er-Jahren die Oper komponierte (die Pariser Uraufführung erfolgte 1868), hatte sich das 19. Jahrhundert längst seinen eigenen Hamlet zurechtgemodelt: Gespielt wurde in Paris eine Schauspielfassung von Alexandre Dumas d.Ä. und Francoise Paul Meurice, und Thomas' Librettisten Michel Carré und Jules Barbier bedienten die Bedürfnisse der Pariser Oper und ihres Publikums, etwa mit einer formidablen Wahnsinnsszene im Geiste der Romantik (auch ein Jahrhundert später nicht ohne Reiz für Diven wie Maria Callas oder Joan Sutherland). Dazu komponierte Thomas eine stark lyrisch geprägte, darin mitunter aber kraft- und kontrastlose Musik, die bei allem klanglichen Reiz eine Aufführung heutzutage nicht eben einfach macht, zumal dann, wenn sie nicht als Vehikel für die ganz großen Gesangsstars dient.

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Alles giert nach Thron und Krone: Hamlet und Hofstaat

In Krefeld, wo man das Werk sehr achtbar mit dem hauseigenen Ensemble stemmt, besinnt man sich in der bemerkenswerten Regie von Helen Malkowsky aber wieder zurück auf Shakespeare, und das beginnt bei der Besetzung der beiden Hauptpartien mit sehr jungen Sängern, die nicht für vokale Opulenz, sondern szenische Glaubwürdigkeit stehen. Raphael Bruck ist ein jugendlicher Hamlet, schwarzes Hemd und schwarze Hose, wehendes Haar und jede Menge Orientierungslosigkeit. Kein Künstlertypus des vorvorigen Jahrhunderts, sondern ein durchaus heutiger Charakter. Die Handlung um ihn herum sind vielleicht Bilder in seinem Kopf, jedenfalls kein reales Geschehen. Bruck fehlt es sicher ein wenig an Wärme und Glanz in der Stimme, auch sitzt nicht jeder Ton perfekt; aber er bewältigt die Partie sehr ordentlich, singt unprätentiös und gibt der Figur das Maß an Wahrhaftigkeit, die von der Regie eingefordert wird. Sophie Witte als Ophelia, die aus unerfüllter Liebe zu ihm wahnsinnig wird, tritt zunächst auf wie ein noch kindliches, vielleicht fünfzehnjähriges Mädchen, bricht am Ende auch unter der Last ihres opulenten Kleides zusammen. Auch die Stimme klingt mädchenhaft, wobei Koloraturen und Verzierungen glasklar und genau ausgesungen sind und auch die Spitzentöne gut gelingen, aber eben die Zerbrechlichkeit der Figur zum Ausdruck bringen. In der Mittellage und bei den Mezzo-Lautstärken fehlt es an Tragfähigkeit, und insgesamt ist die Partie eine Spur zu brav gesungen (das kann sich mit der Erfahrung von ein paar Aufführungen legen), aber ein eindrucksvolles Rollenportrait von großer Unmittelbarkeit gelingt da schon, mit Recht bei der Premiere umjubelt.

Vergrößerung in neuem Fenster Da sieht's noch nach einer gemeinsamen Zukunft aus: Hamlet und Ophelia

Da müssen sich also zwei Heranwachsende von der verkorksten Elterngeneration emanzipieren, und das auf ziemlich glattem Parkett, was hier ganz wörtlich zu nehmen ist. Im eindrucksvollen Bühnenbild von Hermann Feuchter scheint die viereckige, mit ebendem Parkett ausgelegte Spielfläche im schwarzen Raum zu schweben, rechts und links begrenzt von Kulissenrückwänden - denn schließlich gibt es im Hamlet das "Theater auf dem Theater" schlechthin, nämlich das von Hamlet arrangierte Schauspiel über den Königsmord, das Mutter und Gattenmörderin Getrud und Onkel-Stiefvater Claudius den Spiegel vorhält. Die Gesellschaft kleidet sich in elegant mattgoldene Gewänder, königlich französischer Historienprunk, unter den sich aber auch manche Frivolität mischt (Kostüme: Susanne Hubrich). Die Pariser Nachtclubs und die Operette Jacques Offenbachs, prominenter Zeitgenosse von Thomas, sind nahe. Es gibt eine Reihe solcher subtiler Zeichen und Querverweise in den oft berückend schönen, teils surrealen Bildern, in denen eine zeitlose Geschichte erzählt wird.

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Surreale Geistererscheinung: Hamlet und die Wiederkehr des ermordeten Vaters

Ins rein Dekorative gleitet das dennoch nie ab, weil die Bilder ihre Rätsel nicht vollständig preisgeben und einen Rest an Geheimnis bewahren, aber auch weil der Fokus auf Hamlet und Ophelia liegt. Zur dritten Hauptrolle wird der ziemlich gegenwärtige Geist von Hamlets totem Vater, auch so ein zeittypisches Element der Oper, für das Malkowsky eine beklemmende Lösung findet. Andrew Nolan singt und spielt diesen Geist mit entblößtem Oberkörper und Narrenkappe als ein gespenstisches Wesen, vielleicht nur für Hamlet sichtbar, und es ist der weise Narr, der zur Erkenntnis gekommen ist - und das ist wieder recht nahe an Shakespeare.

Vergrößerung in neuem Fenster Von Hamlet verstoßen und dem Wahnsinn verfallen: Ophelia

Janet Bartolova gibt Hamlets Mutter Gertrude als sehr attraktive und elegante Frau, wobei es ein wenig an vokaler Attacke fehlt, aber klangschön gesungen ist. Matthias Wippich gestaltet den Claudius mit brüchiger Stimme, was recht gut passt. Zuverlässig agiert der Chor (Einstudierung: Michael Preiser). Unter dem Dirigat von Chefdirigent Mihkel Kütson klingen die insgesamt guten Niederrheinischen Sinfoniker lange Zeit recht spröde; Kütson setzt auf einen transparenten, kammermusikalischen Klang, vielleicht auch um die Stimmen nicht zu überdecken, was aber allzu puristisch gerät. Erst in den letzten beiden Akten entwickelt der klangliche Zauber, für den die Regie mit ihren mattgolden glänzenden Bildern ein optisches Pendant geschaffen hat.


FAZIT

Die Regie von Helen Malkowsky macht aus Thomas' ziemlich genreverhaftetem romantischem Hamlet einen ausgesprochen spannenden Opernabend.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Mihkel Kütson

Inszenierung
Helen Malkowsky

Bühne
Hermann Feuchter

Kostüme
Susanne Hubrich

Chor
Michael Preiser

Dramaturgie
Andreas Wendholz


Statisterie und Chor des Theater
Krefeld und Mönchengladbach

Die Niederrheinischen Sinfoniker


Solisten

* Besetzung der Premiere

Gertrude
* Janet Bartolova
Eva Maria Günschmann

Ophelia
Sophie Witte

Hamlet
Rafael Bruck

Claudius
Matthias Wippich

Geist von Hamlets Vater
Andrew Nolen

Polonius
Hayk Dèinyan

Laertes
Alexander Liu

Marcellus
Kairschan Scholdybajew

Horatio
Gereon Grundmann



Weitere
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Mönchengladbach

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