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Le Domino noir

Opéra-comique in drei Akten
Libretto von Eugène Scribe
Musik von Daniel-François-Esprit Auber

In französischer Sprache mit französischen, niederländischen und deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 55' (eine Pause)

Koproduktion mit der Opéra Comique

Premiere  im Théâtre Royal de Liège am 23. Februar 2018

 



Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)

Cinderella aus dem Kloster

Von Thomas Molke / Fotos: © Lorraine Wauters - Opéra de Wallonie

Daniel-François-Esprit Auber hat zwar im 19. Jahrhundert das goldenen Zeitalter der französischen Opéra-comique als "Opéra franšais" eingeleitet. Von seinen insgesamt 47 Opern hat sich jedoch lediglich Fra Diavolo im Repertoire halten können. Einen seiner größten Erfolge dürfte Auber mit der am 2. Dezember 1837 an der Opéra Comique uraufgeführten Oper Le Domino noir gefeiert haben. Das Stück wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und war im 19. Jahrhundert mit über 1000 Aufführungen das am häufigsten gespielte Werk von Auber. Erst 1909 verschwand es von den Bühne und geriet in Vergessenheit. Auch eine CD-Einspielung 1993 mit dem English Chamber Orchestra unter der Leitung von Richard Bonynge mit Sumi Jo als Angèle und Bruce Ford als Horace sowie eine Wiederentdeckung am Teatro La Fenice in Venedig 2003 konnten daran nichts ändern. Nun unternimmt die Opéra Royal de Wallonie, die bereits vor zwei Spielzeiten Aubers Alterswerk Manon Lescaut auf den Spielplan gestellt hat (siehe auch unsere Rezension), in einer Koproduktion mit der Opéra Comique den Versuch, einem der größten Erfolge der französischen Oper des 19. Jahrhunderts zu neuem Ruhm zu verhelfen.

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Horace (Cyrille Dubois) verliebt sich auf dem Maskenball der Königin in eine schöne Unbekannte (Anne-Catherine Gillet).

Beim Titel des Werkes mag man vielleicht an einen rechteckigen Stein des gleichnamigen Legespiels denken. Gemeint ist jedoch ein wadenlanger, schwarzer Umhang ohne Ärmel und mit Kapuze, der ursprünglich zur Kleidung von Geistlichen in Italien gehörte, ab dem 16. Jahrhundert jedoch auch häufig als verhüllende Tarnung gebraucht wurde, um heimlich zu einem Rendezvous zu gehen. Als Verkleidung dient dieses Kleidungsstück auch in der Oper der jungen Novizin Angéle de Olivarès, die sich gemeinsam mit ihrer Freundin Brigitte de San Lucar am Weihnachtsabend heimlich auf einen Maskenball im Palast der Königin von Spanien begibt, um noch einmal das "richtige Leben" kennenzulernen, bevor sie im Kloster ihr Gelübde ablegt und zur neuen Äbtissin ernannt wird. Horace de Massarena, der Sekretär bei der spanischen Botschaft, hat sich auf dem Ball Hals über Kopf in die geheimnisvolle Unbekannte verliebt und setzt alles daran, ihre Identität herauszufinden. Doch um Mitternacht verschwindet Angèle vom Fest und Horace bleibt zunächst nur ein Armreifen. Da es zu spät ist, ins Kloster zurückzukehren, flieht Angéle zu ihrer Freundin Jacinthe, die als Haushälterin bei Horaces Freund, dem Grafen Juliano, tätig ist und sich eigentlich auf ein Rendezvous mit Gil Perez, dem Schlüsselverwalter des Klosters, vorbereitet. Allerdings platzen Juliano und Horace mit einem Dutzend Freunden herein und wollen bewirtet werden. Jacinthe tarnt Angèle als ein armes Bauernmädchen, das die Gäste bei Tisch bedienen soll. Horace erkennt in ihr die schöne Unbekannte wieder. Nachdem er sie zunächst für die Ehefrau und anschließend für die Mätresse des Gesandten der britischen Botschaft, Lord Elfort, gehalten hat, den er sich durch einen Sieg beim Whistspiel zum persönlichen Feind gemacht hat, stellt sich nach Angèles erneuter Flucht am Morgen bei einer weiteren Begegnung im Kloster heraus, dass Angèle die Nichte von Lord Elfort ist, der ihr gesamtes Vermögen erbt, wenn sie zur neuen Äbtissin ernannt wird. Doch die Königin hat auf Drängen einer anderen adeligen Anwärterin auf das Amt anders entschieden. Angèle soll wie ihre Freundin Brigitte das Kloster verlassen und heiraten. So finden Horace und Angèle am Ende doch noch zueinander, und Lord Elfort geht leer aus.

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Auf der Suche nach der schönen Unbekannten: Jacinthe (Marie Lenormand) und Horace (Cyrille Dubois)

Das Regie-Team um Valérie Lesort und Christian Hecq greift die parodistischen Anspielungen des Stückes auf die Cinderella-Geschichte mit pittoresken Bühnenbildern (Laurent Peduzzi), fantasievollen Kostümen (Vanessa Sannino) und Puppen auf, die zum Leben erwachen und an Figuren der Muppet-Show erinnern. Da ist zunächst das niedliche Spanferkel zu nennen, das im zweiten Akt auf einem Tisch hereingefahren wird und zum Gesang den Apfel aus dem Maul ausspuckt und sich auf dem Silbertablett im Takt bewegt. Im Kloster des dritten Aktes hängen an der Rückwand zwei riesige Gargoyles, die nicht nur weißen Dampf ausspeien, wenn Ursule, Angèles Rivalin auf das Amt der Äbtissin, gegen die junge Angèle intrigiert, sondern sich zur Musik ebenso bewegen wie die weißen Statuen, die von ihren Podesten herabsteigen und ihre gegenseitige Zuneigung bekunden. Die große Uhr, die das Bühnenbild im ersten Akt dominiert, lässt sich vor- und zurückdrehen, wobei die Gäste des Maskenballs in ihren Bewegungen auf die schnell verfliegende oder zurücklaufende Zeit jeweils entsprechend reagieren. Lord Elfort tritt beim Maskenball im ersten Akt als Stachelschwein auf und fährt seine Stacheln mit einem Zischen immer dann aus, wenn er sich über den jungen Horace ärgert. Juliano ist ein eitler Pfau, der beim Flirt mit den Damen auf dem Maskenball einen eindrucksvollen Pfauenschwanz auf seinem Rücken entstehen lässt. Angèle wiederum erinnert mit dem schwarzen Vogel als Hut auf ihrem Kopf an einen schwarzen Schwan. Auch das berühmte Legespiel wird bei der Ouvertüre aufgegriffen. So treten Tänzerinnen und Tänzer als Dominosteine auf, die sich in einer akrobatischen Nummer auch zahlenmäßig passend aneinanderreihen.

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Ursule (Sylvia Bergé, Mitte), Angèle (Anne-Catherine Gillet, links) und die Nonnen (Opernchor) im Kloster

In diesem bezaubernden Ambiente können sich die Solisten mit frischem Spielwitz austoben und entzünden ein Feuerwerk der Komik, wobei dankenswerter Weise auch die zahlreichen Dialoge in deutschen und niederländischen Übertiteln eingeblendet werden, so dass man der Handlung auch ohne ausreichende Französischkenntnisse folgen kann. Über einige Unstimmigkeiten im Libretto sieht man dabei gerne hinweg. Unklar bleibt nämlich die Beziehung zwischen Horace und der Novizin Brigitte, die eigentlich als Braut für ihn vorgesehen ist, wie man im dritten Akt erfährt. Im ersten Akt kommt Brigitte mit Angèle zum Maskenball und trifft dort mit ihrer Freundin auf Horace. Dabei scheint aber keiner von beiden den anderen zu erkennen. Oder sollten sie sich etwa noch nie begegnet und die Hochzeit zwischen ihnen ohne vorheriges Treffen geplant worden sein? Dass die Pförtnerin des Klosters, La tourière, mit einem Buckel wie Quasimodo gezeichnet wird, mag wie die sich bewegenden Gargoyles eine Anspielung auf die Disney-Variante des Glöckners von Notre-Dame sein. Wieso die Pförtnerin sich im Finale jedoch mit Lord Elfort zusammenschließt, wird nicht nachvollziehbar. Sollte sie neben der verschwundenen Tänzerin eine weitere oder neue Mätresse des britischen Schwerenöters sein?

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Glückliches Ende für Angèle (Anne-Catherine Gillet) und Horace (Cyrille Dubois)

Neben der großen Spielfreude überzeugt das Ensemble auch stimmlich. Anne-Catherine Gillet stattet die Partie der Angèle mit leuchtendem Sopran und sauberen Koloraturen aus. In ihren Couplets begeistert sie durch glasklare Spitzentöne und spielt die schwankenden Gefühle der jungen Novizin, die Horace liebt und gar nicht zur Äbtissin ernannt werden möchte, glaubhaft aus. Cyrille Dubois punktet als Horace mit lyrisch jugendlichem Tenor, der in den Höhen über enorme Strahlkraft verfügt. Antoinette Dennefeld gefällt als Brigitte mit mädchenhaftem Sopran und keckem Spiel und kann darstellerisch vor allem in der Auseinandersetzung mit Sylvia Bergé als streitbarer Ursule glänzen, die vor allem durch eine wunderbare Diktion in den Dialogen punktet. François Rougier überzeugt als Comte Juliano mit sonorem Bariton und Laurent Montel gefällt als streitbarer Lord Elfort mit großem komischem Talent. Eine enorme Bühnenpräsenz besitzt auch Marie Lenormand als Jacinthe und zwar nicht nur, weil sie einen Fatsuit trägt und darin wie eine Kugel gewissermaßen über die Bühne rollt. Sie weiß, die zusätzlichen Pfunde auch gut in ihr Spiel einzubauen und verfügt über großes Slapstick-Potenzial. Laurent Kubla gibt als Gil Perez ein schlaksiges Pendant zu Lenormand und sorgt ebenfalls für gute Unterhaltung. Patrick Davin lässt mit dem Orchester der Opéra Royal de Wallonie einen frischen und schlanken Klang aus dem Orchestergraben ertönen, so dass es am Ende großen Jubel für alle Beteiligten gibt, der beim Auftritt des Regie-Teams sogar noch einmal anschwillt.

FAZIT

Die Opéra Royal de Wallonie setzt mit dieser kurzweiligen Inszenierung alles daran, Aubers vergessenes Werk in ein gutes Licht zu rücken. Die Aufführung überzeugt durch ein spielfreudiges Ensemble und eine gut durchdachte Regie. Ob das jedoch für dieses aus heutiger Sicht recht seichte Stück reicht, an den damaligen Erfolg anzuknüpfen und wieder einen Platz im Repertoire zu erlangen, ist fraglich.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Patrick Davin

Inszenierung
Valérie Lesort
Christian Hecq

Bühnenbild
Laurent Peduzzi

Kostüme
Vanessa Sannino

Licht
Christian Pinaud

Choreographie
Glyslein Lefever

Chorleitung
Pierre Iodice

 

Orchester und Chor
der Opéra Royal de Wallonie-Liège


Solisten

Angèle de Olivarès
Anne-Catherine Gillet

Horace de Massarena
Cyrille Dubois

Brigitte de San Lucar
Antoinette Dennefeld

Comte Juliano
François Rougier

Jacinthe
Marie Lenormand

Gil Perez
Laurent Kubla

Ursule
Sylvia Bergé

Lord Elfort
Laurent Montel

La tourière
Tatiana Mamonov

Melchior
Benoît Delvaux

Tänzerinnen und Tänzer
Anna Beghelli
Sandrine Chapuis
Margaux Dufour
Mikael Fau
Gaëtan Lhirondelle
Guillaume Rabain

 


Weitere
Informationen

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Opéra Royal
de Wallonie

(Homepage)



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