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Münchner Opernfestspiele 2018

24.06.2018 - 31.07.2018

Orlando paladino

Dramma eroicomico in drei Akten
Libretto von Nunziato Porta
Musik von Joseph Haydn

in italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 10' (eine Pause)

Premiere im Rahmen der Münchner Opernfestspiele im Prinzregententheater
am 23. Juli 2018

(rezensierte Aufführung: 25.07.2018) 

 

 



Bayerische Staatsoper München
(Homepage)

Wer begehrt hier wen?

Von Thomas Molke / Fotos von Wilfried Hösl

Joseph Haydn ist zwar mit den beiden Oratorien Die Schöpfung und Die Jahreszeiten sowie seinen zahlreichen Orchesterwerken im Konzertrepertoire kein Unbekannter. Sein Opernschaffen fristet jedoch auf den Bühnen ein Schattendasein. Dabei bewies er in diesem Bereich große Experimentierfreude, indem er Gattungsgrenzen überschritt und heitere Themen mit ernsten, heroische Elemente mit pastoralen kombinierte, so dass der berühmte österreichische Dirigent und Musikschriftsteller Nikolaus Harnoncourt ihn einmal als den "witzigsten Komponisten der Wiener Klassik" bezeichnete. Dafür boten ihm die kompositorischen Möglichkeiten auf Schloss Eserháza aber auch hervorragende Möglichkeiten, da er dort relativ frei experimentieren konnte und sich als fest angestellter Operndirektor des Wohlwollens des Fürsten Esterházy relativ sicher sein konnte. Seine vorletzte Oper, das Dramma eroicomico Orlando paladino, war ursprünglich für den Besuch eines russischen Großfürsten gedacht und erlebte eine umjubelte Uraufführung am Namenstag am Namenstag des Fürsten Esterházy, so dass das Werk schnell zu Haydns erfolgreichsten Opern gehörte. Obwohl es heute größtenteils vergessen ist, ist es umso erstaunlicher, dass insgesamt drei deutsche Bühnen diese Oper innerhalb weniger Monate auf den Spielplan gestellt haben. Den Anfang hat im Februar das Theater Hagen mit einer Überarbeitung und deutschen Übersetzung des Regisseurs Dominik Wilgenbus unter dem Titel Ritter Roland gemacht (siehe auch unsere Rezension). Es folgte eine Inszenierung von Felicitas Brucker am Theater Bielefeld im April (siehe auch unsere Rezension), und nun präsentiert auch die Bayerische Staatsoper dieses Werk als zweite Premiere im Rahmen der Münchner Opernfestspiele.

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Willkommen im nostalgischen Programmkino von Gabi und Heiko Herz (Gabi Herz und Heiko Pinkowski) (im Hintergrund rechts: Angelica (Adela Zaharia))

Die Handlung kombiniert Elemente der Commedia dell'arte, der Oper seria, der Zauberoper und des Ritterepos und geht zurück auf das berühmte Versepos Orlando furioso von Ludovico Ariosto aus dem 16. Jahrhundert, das mit seinen insgesamt 46 Gesängen als Vorlage für zahlreiche Opern diente. Die bekanntesten dürften heute noch Vivaldis gleichnamige Oper und Händels Alcina sowie Ariodante sein. Erzählt wird die Geschichte des Kreuzritters Orlando (Roland), der sich in die schöne Königin von Katai (China), Angelica, verliebt hat. Diese ist jedoch mit Medoro liiert, was Orlando in die Raserei treibt und zum "Orlando furioso" (rasenden Roland) macht. Auf der Flucht bitten sie die Zauberin Alcina um Hilfe. Unterstützung scheint zunächst in Gestalt des Barbarenkönigs Rodomonte zu kommen, der sich mit Orlando duellieren will und dabei wohl selbst ein Interesse an der schönen Prinzessin hat. Alcina versucht, Orlando immer wieder zu bändigen, indem sie ihn zunächst in einen Käfig sperrt und später in Stein verwandelt. Doch sein Wahnsinn ist nicht zu bremsen, und so lässt er Angelica keine Ruhe. Schließlich führt Alcina Orlando zum Eingang der Unterwelt, wo der Fährmann Caronte ihn mit dem Wasser aus dem Fluss des Vergessens von seinem Wahnsinn heilt. Orlando kann sich erneut seinen Aufgaben als Kreuzritter widmen. Angelica ist nun glücklich mit Medoro vereint, und Orlandos Knappe Pasquale gewinnt das Herz der Schäferin Eurilla.

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Die Geschichte ist von der Leinwand in den Kinosaal übergegangen (im Kinosaal von links: Pasquale (David Portillo), Eurilla (Elena Sancho Pereg), Angelica (Adela Zaharia), Orlando (Mathias Vidal), Medoro (Dovlet Nurgeldiyev), Alcina (Tara Erraught) und Rodomonte (Edwin Crossley-Mercer), im Hintergrund quasi als Regisseur: Heiko (Heiko Pinkowski)).

Axel Ranisch vermischt in seiner Inszenierung die Ebene des Films mit der "Realität" und führt zwei weitere stumme Figuren ein: Gabi und Heiko Herz (Gabi Herz und Heiko Pinkowski, ein Schauspieler mit dem Ranisch als Filmregisseur häufig arbeitet). Die beiden führen ein nostalgisches Programmkino, das "Herz-Kino", in dem alte Stummfilme laufen. Im Moment steht "Medoro und Angelica" auf dem Programm. In einem kurzen Vorfilm während der Ouvertüre, sieht man die beiden das Kino für eine weitere Vorstellung vorbereiten. Die spätere Zauberin Alcina tritt hierbei als ihre gemeinsame Tochter auf, die mit Sorgen das Verhalten ihrer Eltern betrachtet. Gabi hat nämlich ein Verhältnis mit dem Hausmeister Licone und vergnügt sich mit ihm in einem Nebenraum, was Licones Tochter Eurilla, die als Putzfrau im Kino arbeitet, gar nicht gefällt. Währenddessen masturbiert Heiko mit einem Pin-up-Kalender seines Idols Rudolfo Rodomonto, eines gefeierten Schauspielers, der als Orlandos Gegner im Stummfilm auftritt. Falko Herold hat als Bühnenbild einen nostalgischen Kinosaal entworfen, in dem auf einer großen Leinwand der Anfang des Films gezeigt wird. Auf der rechten Seite steht die obligatorische Popcorn-Maschine. Für die Filmsequenzen zeichnet Ranisch selbst verantwortlich.

Zu Beginn erscheinen die Bilder in nostalgischer Stummfilmoptik. Angelica und Medoro treten in den Kostümen, die sie auch im Film tragen, gewissermaßen aus der Leinwand heraus. Wieso Rodomonte als Schauspieler im Trenchcoat im Kinosaal auftritt und sein Kostüm in einer Tüte hat, erschließt sich nicht wirklich. Will er sich etwa auch im Kino den fertigen Film ansehen? Eurilla und Licone werden als Putzfrau und Hausmeister gar nicht erst Teil der Filmhandlung, und Alcina löst bei ihrem ersten Auftritt einen Kurzschluss aus, der den gezeigten Film reißen lässt. Im weiteren Verlauf der Handlung versuchen die einzelnen Figuren immer mal wieder, sich an den Fetzen der Filmrolle zu orientieren, transportieren dabei allerdings die Handlung immer mehr in den Kinosaal. Medoro malt die Herzen mit Angelicas und seinen Initialen auf die Rückseiten der Kinositze, was dazu führt, dass Orlando bei seinem ersten Auftritt das ganze Kino auseinandernimmt. Seiner Zerstörungswut fällt auch die Popcorn-Maschine zum Opfer, die anschließend sogar noch explodiert.

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Orlando (Mathias Vidal mit Tänzern des Opernballetts der Bayerischen Staatsoper) trinkt vom Fluss des Vergessens.

Im zweiten Akt gleicht der Kinosaal einem Schlachtfeld. Auf der Bühne liegt ein totes Pferd. Da sich der Film scheinbar nicht mehr rekonstruieren lässt, dreht Heiko ihn einfach neu in einer abgeänderten Fassung. Während Angelica auf der Bühne ihre Liebe zu Medoro besingt, nimmt Heiko auf der Leinwand Rodomonte gefangen und versucht ihn am felsigen Ufer eines Sees mit Orlando zusammenzubringen. Die gezeigte Filmsequenz lenkt allerdings stark von der eigentlichen Handlung ab, auch wenn Ranisch beeindruckende Bilder kreiert. Die Verbindung von Rodomonte und Orlando ist nicht von Erfolg gekrönt, was weniger an Rodomonte liegt, der sich einer homoerotischen Beziehung gegenüber nicht abgeneigt zeigt. Im dritten Akt ist der Kinosaal fast ganz verschwunden. Caronte tritt mit sechs schwarzen Vögeln auf, deren Köpfe an Totenkopfmasken erinnern und die ein Banner mit sich tragen, das auch auf Rodomontes Oberkörper gemalt ist. Dieser hat Orlando zunächst niedergestochen, weshalb Caronte erscheint, um Orlando mit seinem Gefolge ins Reich der Toten zu holen. Aber Alcina verhindert es und lässt ihn nur vom Wasser des Vergessens trinken. Nun hat Orlandos Wahnsinn ein Ende. Neben Angelica und Medoro sowie Eurilla und Pasquale werden auch Gabi und Licone sowie Heiko und Rodomonte als Paare zusammengeführt.

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Die Figuren (von links: Heiko (Heiko Pinkowski), Angelica (Adela Zaharia), Medoro (Dovlet Nurgeldiyev), Rodomonte (Edwin Crossley-Mercer), Orlando (Mathias Vidal), Eurilla (Elena Sancho Pereg), Pasquale (David Portillo), Alcina (Tara Erraught), Licone (Guy de Mey) und Gabi (Gabi Herz) schauen das Ende des Stummfilms (auf der Leinwand: Angelica und der tote Medoro).

Mit einem hereingefahrenen alten Filmprojektor schauen sie auf einer herabgelassenen Leinwand den scheinbar nun doch reparierten Stummfilm, der aber keineswegs so glücklich wie die Oper endet. Medoro wird beim Überfall von als Monstern verkleideten Räubern getötet. Rodomonte und Orlando können zwar in vereinter Kraft die Übeltäter besiegen. Aber Angelica kann den Tod des Geliebten nicht verwinden und nimmt sich das Leben. Damit endet der Film. Wieso dann in der Realität alles ganz anders sein soll, wird zwar nicht richtig klar, stört bei den wunderbaren Bildern allerdings nicht weiter.

Die Solisten begeistern nicht nur stimmlich sondern auch darstellerisch auf der Bühne und in den zahlreichen Filmsequenzen, in denen sie gezeigt werden. Adela Zaharia glänzt als Angelica mit leuchtendem, runden Sopran, der in den Höhen enorme Strahlkraft besitzt und die Leiden der jungen Frau wunderbar zum Ausdruck bringt. In den Stummfilmsequenzen überzeugt sie durch eindringliches Spiel mit extrovertierter Mimik und Gestik, wie es im Stummfilm üblich war. Gleiches gilt für Dovlet Nurgeldiyev, der ihren Geliebten Medoro mit weichem lyrischen Tenor gestaltet. Edwin Crossley-Mercer punktet als Rodomonte mit einer dunklen, sehr maskulinen Stimme, die im Gegensatz zu den weichen Zügen steht, die er in den Filmsequenzen im zweiten Akt darstellerisch zeigt. Auch auf dem Pferd macht er im Film eine gute Figur. Mathias Vidal stattet die Titelpartie mit strahlendem Heldentenor aus und lässt auch darstellerisch Orlandos Raserei sehr glaubhaft werden. Tara Erraught gestaltet die Zauberin Alcina mit dramatischen Höhen und beweglichen Läufen. Einen weiteren Glanzpunkt setzt Elena Sancho Pereg als Eurilla mit mädchenhaft hellem Sopran und kessem Spiel. David Portillo ist als Orlandos Knappe Pasquale ein genialer Gegenpart für sie. Portillo begeistert mit komödiantischem Spiel und kräftigem Tenor. Seine große Arie "Ho viaggiato", in der er aufzählt, welche Orte er mit seinem Herrn schon bereist hat, wirkt wie ein Vorläufer der berühmten Register-Arie aus Mozarts Don Giovanni. Einen weiteren Höhepunkt stellt seine "Orchester-Arie" "Ecco spiano" dar, in der er Eurilla seine Kunst auf diversen Instrumenten demonstriert. Ivor Bolton arbeitet mit dem Münchener Kammerorchester den frischen Klang von Haydns Partitur differenziert heraus, so dass es am Ende großen und verdienten Beifall für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Axel Ranischs Inszenierung ist im wahrsten Sinne des Wortes "großes Kino". Das Ensemble begeistert stimmlich und darstellerisch auf ganzer Linie.

Weitere Rezensionen zu den Münchner Opernfestspielen 2018

 


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Ivor Bolton

Inszenierung
Axel Ranisch

Bühne und Kostüme
Falko Herold

Choreographie
Magdalena Padrosa Celada

Licht
Michael Bauer

Dramaturgie
Rainer Karlitschek

 

Münchener Kammerorchester

Statisterie der Bayerischen Staatsoper

Opernballett der Bayerischen Staatsoper


Solisten

Angelica
Adela Zaharia

Rodomonte
Edwin Crossley-Mercer

Orlando
Mathias Vidal

Medoro
Dovlet Nurgeldiyev

Licone
Guy de Mey

Eurilla
Elena Sancho Pereg

Pasquale
David Portillo

Alcina
Tara Erraught

Caronte
François Lis

Gabi und Heiko Herz
Gabi Herz
Heiko Pinkowski


Weitere
Informationen

erhalten Sie unter 
Bayerische Staatsoper München
(Homepage)



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