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Der seltsame Fall des Claus Grünberg

Favola in musica in 16 Szenen, einem Prolog und einem Epilog (Uraufführung)
Text von Kobie van Rensburg
Musik von Claudio Monteverdi und Georg Friedrich Händel

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 5' (eine Pause)

Premiere im Studio im Theater Mönchengladbach am 24. September 2017

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Theater Krefeld-Mönchengladbach
(Homepage)
Leiden mit Monteverdi

Von Thomas Molke / Fotos:  Matthias Stutte

"Nicht kleckern sondern klotzen" lautet wohl die Devise zur Spielzeiteröffnung im Gemeinschaftstheater Krefeld-Mönchengladbach, und so startet man in Mönchengladbach direkt mit zwei Musiktheaterpremieren an einem Wochenende, die zwar inhaltlich gar nichts miteinander gemein haben, aber in gewissem Sinne beide Jubiläums-Charakter haben. Emmerich Kálmáns Operette Die Faschingsfee erlebte fast auf den Tag genau 100 Jahre vor der Premiere in Mönchengladbach ihre Wiener Uraufführung, und das von Kobie van Rensburg zusammengestellte Opernpasticcio unter dem Titel Der seltsame Fall des Claus Grünberg kann als Beitrag zum 450. Geburtstag des Komponisten Claudio Monteverdi verstanden werden. So formuliert es zumindest van Rensburg im Programmheft der "Favola in musica", die er aus unterschiedlichen Werken von Claudio Monteverdi und einer Arie von Georg Friedrich Händel zusammengestellt hat. Dieses Format ist in Mönchengladbach nichts Neues, so hat van Rensburg bereits vor zwei Jahren ein Opernpasticcio mit Musik von Georg Friedrich Händel und Henry Purcell unter dem Titel The Gods Must Be Crazy herausgebracht (siehe auch unsere Rezension).

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Claus Grünberg (Andrew Nolen) hat schreckliche Visionen.

Während van Rensburg allerdings vor zwei Jahren mit seiner Geschichte in der antiken Mythologie geblieben ist und mehr oder weniger eine Kurzfassung von Händels Oratorium Semele erzählt hat, verlegt er dieses Mal die Handlung in die Gegenwart. Claus Grünberg, dessen Name eine Anspielung auf Claudio Monteverdi ist, ist ein erfolgreicher Opernkomponist, der bei einem tragischen Autounfall seine Gattin Claudia und die gemeinsame Tochter Arianna verloren hat und nun aufgrund von akutem Gedächtnis- und Realitätsverlust sein tristes Dasein in einer psychiatrischen Klinik fristet. Der Chefarzt der Klinik, Dr. Bardi, stellt fest, dass Grünberg ausschließlich mit seiner Umwelt durch die Musik von Claudio Monteverdi kommuniziert und in verschiedene Gestalten aus Monteverdis Opern wie beispielsweise Orfeo, Ulisse oder Seneca schlüpft, um einen Weg zu finden, die Schuld am Tod seiner Familie zu verarbeiten. In insgesamt 16 Szenen erkennt Grünberg dabei, dass er die Wiedervereinigung mit seiner Frau nur im Tod finden kann, und beschließt schließlich, seinem Leben ein Ende zu setzen. Das Klinikpersonal kann nicht verhindern, dass er sich die Pulsadern aufschneidet.

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Das Klinikpersonal (von links: Agnes Thorsteins, Panagiota Sofroniadou und Alexander Kalina) verzweifelt an dem "Fall Grünberg" (Andrew Nolen, vorne).

Wie schon bei The Gods Must Be Crazy verwendet van Rensburg ausgefeilte Videoanimationen mit dem Blue Screen Verfahren. Als Bühnenbild reicht vor der Projektionsfläche ein weißes Podest, das als Krankenhausbett dient. Grünberg sitzt in einem Rollstuhl und starrt auf eine weiße Wand, die an eine Gummizelle erinnert. Wenn er in seine Fantasiewelt eintaucht, verändert sich auch durch Projektionen der Hintergrund. So sieht er zunächst eine riesige Spinne, die die ganze Projektionsfläche ausfüllt und ihn bedroht. Später durchlebt er noch einmal die letzte Fahrt mit seiner Frau Claudia und seiner Tochter, die in dem tragischen Unfall endet. Später blickt ihn der Schatten seiner Frau durch die Scherben der Windschutzscheibe an. Beeindruckend gelingt es hierbei, die Solisten, die auf der linken Seite vor einer graublauen Leinwand stehen, bei der Projektion in die teils surreal anmutenden Bilder zu integrieren. So tritt beispielsweise Alexander Kalina als Mercurio vor der Leinwand auf und erscheint auf der Projektionsfläche in einer weißen Wolke mit riesigen Flügeln, um Claus seinen nahenden Tod zu verkünden. Gleiches gilt für Panagiota Sofroniadou, die als Musica mit dem Prolog aus L'Orfeo den Abend eröffnet.

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Claus Grünberg (Andrew Nolen, hinten im Rollstuhl) flüchtet in eine Fantasiewelt mit der Tugend (Susanne Seefing, links), Amor (Panagiota Sofroniadou, Mitte) und Fortuna (Agnes Thorsteins, rechts).

Andrew Nolen gestaltet die Titelpartie eindrucksvoll und changiert zwischen Falsett und kräftigem Bassbariton, um die geistige Verwirrung des Claus Grünberg deutlich zu machen. Als Patient stimmt er einzelne Passagen im Falsett mit leicht gebrochener Stimme an, um dann in dunkle Tiefen abzutauchen, wenn er in die Gestalten aus Monteverdis Opern schlüpft. Susanne Seefing gestaltet die Partie seiner verstorbenen Gattin mit warmem Sopran. Dabei erinnern die beiden in vielen Momenten an Orpheus und Eurydice. Bewegend gelingt die Szene vor der Pause, in der Grünberg, benebelt von den zahlreichen Medikamenten, eine Vision seiner Frau hat, wie sie in einem kalten Raum vor seinem Leichnam steht. Dann wiederum gibt es auch komische Momente, wenn Nolen in die Rolle des Philosophen Seneca schlüpft, der in Monteverdis Oper L'incoronazione di Poppea verzweifelt versucht, seinen Schützling Nero zur Vernunft zu bringen. Seefing übernimmt hierbei die Rolle des Kaisers und trägt eine Trump-Maske vor dem Gesicht, wobei erschreckend ist, wie passend sich der gesungene Text auf die aktuelle Situation in den USA übertragen lässt. Panagiota Sofroniadou schlüpft unter anderem in die Rolle der Tochter Arianna und überzeugt bei ihrem bewegenden Lamento der Arianna aus Monteverdis gleichnamigem Werk mit weichem Sopran. James Park stattet den Chefarzt Dr. Bardi mit flexiblem Tenor aus. Agnes Thorsteins und Alexander Kalina, die wie Sofroniadou Mitglieder des Opernstudios Niederrhein sind, überzeugen in zahlreichen weiteren Rollen.

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Claus Grünberg (Andrew Nolen) hat eine Vision seiner verstorbenen Frau Claudia (Susanne Seefing).

Musikalisch unter die Haut geht vor allem der Schluss. Wenn Grünberg beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen, wechselt er von Monteverdi zu Händels großer Bassarie "Fra l'ombre e gl'orrori" aus der Kantate Aci, Galatea e Polifemo, in der der Riese Polifemo eigentlich beklagt, dass die Nymphe Galatea ihre Gunst dem Schäfer Aci schenkt. Hierbei taucht Nolen als Grünberg stimmlich in dunkelste Tiefen hinab, um den Verlust seiner Gattin zu beklagen und schneidet sich dabei die Pulsadern auf. In der Projektion sieht man das Blut aus seinen Adern fließen, bis er schließlich in einen hellen Nebel eingetaucht wird. Nun treten Seefing und Sofroniadou von beiden Seiten an die Projektionsfläche heran und stimmen den Schlussgesang aus Monteverdis L'incoronazione di Poppea, "Pur ti miro, pur ti godo" an, der nahelegt, dass die Familie im Tod nun endlich wieder vereint ist. Das Publikum zeigt sich von diesem Ende stark beeindruckt und spendet den Solisten großen Beifall. Diese bedanken sich mit einem fröhlichen Madrigal und der Botschaft, das Leben zu genießen und zu lachen, solange es geht.

FAZIT

Kobie van Rensburg gelingt es, mit passenden Auszügen aus Monteverdis Werken eine neue Geschichte zu erzählen, die unter die Haut geht.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Yorgos Ziavras

Inszenierung, Ausstattung und Video
Kobie van Rensburg

Dramaturgie
Andreas Wendholz

 

Mitglieder der
Niederrheinischen Sinfoniker

 

Solisten

*Premierenbesetzung

Claus Grünberg
Andrew Nolen

Claudia Grünberg
Susanne Seefing

Musica / Amor / Krankenschwester 1
Panagiota Sofroniadou

Fortuna / Pallas Athene /
Krankenschwester 2
Agnes Thorsteins

Chefarzt Dr. Bardi
Alexander Liu /
*James Park

Tempo / Mercurio / Krankenpfleger
Alexander Kalina


Weitere
Informationen

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Theater Krefeld-
Mönchengladbach

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