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Musiktheater
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Antigona

Tragedia per musica in drei Akten
Text von Marco Coltellini
Musik von Tommaso Traetta

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Theater am Domhof am 20. Januar 2018

 

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Theater Osnabrück
(Homepage)

Die Sprache des Herzens          

Von Ursula Decker-Bönniger / Fotos von Jörg Landsberg

 

Bildende Künstler, Schriftsteller, Komponisten von 442 v. Chr. bis ins 20. Jahrhundert haben sie sich mit dem Mythos Antigone auseinandergesetzt. Aber wer kennt schon Tommaso Traettas Oper „Antigona“, die 1772 als Auftragswerk der russischen Kaiserin Katharina der Großen in St. Petersburg uraufgeführt wurde? Für kurze Zeit ist die gestenreiche, wohl durchdachte, kunstvolle Inszenierung von Floris Visser, die als Kooperation mit der niederländischen Opera Trionfo entstand, nun im Theater Osnabrück zu sehen, bevor sie am 10. Februar in Amsterdam ihre zweite Premiere feiert.

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Eteocle (Kenneth Gérard) und Polinice (Kevin Ruijters) im Kampf um Theben (1. Akt)

Traettas „tragedia per musica“ steht einerseits in der Tradition barocker Affektsprache. Andererseits werden vor allem die starren, barocken Formen von Rezitativ und DaCapo-Arie dramaturgisch aufgebrochen. Sie weiten sich mitunter zu Duetten, Terzetten und Ensembles aus. Oft fährt ein Chor dazwischen. Und die als Ouvertüre erklingende Sinfonia greift sogar den Verlauf des Dramas auf.

Textgrundlage der Oper ist die Tragödie des griechischen Dichters Sophokles aus dem Jahre 442 v. Chr. . Als Antigonas Brüder Eteocle und Polinice im Zweikampf sterben, wird ihr Onkel Creonte König von Theben. Er befiehlt – unter Androhung der Todesstrafe – die Leichen der Feinde nicht zu bestatten. Antigone rebelliert, folgt dem ungeschriebenen Gesetz der Menschlichkeit und bestattet ihren Bruder Polinice.

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Antigona (Erika Simons) soll lebendig begraben werden. (3. Akt)

Visser erzählt den Sophokles-Stoff als zeitlose Familientragödie, ohne die psychische und politische Dimension des Werkes außer Acht zu lassen. Unbeschwert ballspielende Jungen und eine kramende, schwarz gekleidete Ismene erinnern im ersten Satz der Ouvertüre an die historische Ausgangssituation im Kampf um Theben. Eteocle erhält die Königskrone, während Polinice leer ausgeht. Der Fluch, der auf den elternlosen Geschwistern liegt, bewahrheitet sich gleich zu Beginn der Oper. Im Kampf um die Königskrone töten sie sich gegenseitig.

Bis auf den letzten Akt der Oper findet das Geschehen vor den Toren Thebens statt. Das Bühnenbild in sandfarbenen Beigetönen erinnert an Wüstenregionen. Statt Weite und Leere zu betonen wird die ohnehin recht kleine Bühne des Theater Osnabrück jedoch von einer einengenden, lehmfarbenen Mauer begrenzt. Ein fensterloses Seelengefängnis, das nur zwei Auswege kennt: ein gigantisches Stadttor oder der gewaltige Riss in der Mauer. Szenen und Begegnungen sind stimmig und detailliert ausgeleuchtet wie ein Gemälde. Barocke Affektsprache in endlos wiederholten Gesten von Trauer, Klage, Leid, Schmerz, Flehen und Mitmenschlichkeit beherrschen die Personenregie vor allem der ersten beiden Akte.

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Creonte (Christian Damsgaard) beweit seinen toten Sohn Emone (Katarina Morfa).

Wunderbar, wie Visser in der Ombra-Szene dann das antike, mythische Lebenskonzept vor Augen führt und die Zerrissenheit Antigonas zuspitzt. Während sie sich ganz den Leidenschaften, dem Schmerz und der Trauer hingibt und zu ihrem toten Bruder spricht, wird der Schatten Polinices lebendig, streckt suchend die Hand nach Erlösung aus, was Antigona wiederum in Schrecken und Angst versetzt. Sie wird ihren Bruder begraben, triumphierend und leidenschaftlich den Tod suchen, um ihr Leid zu beenden, während Creonte – er stört den Seelenfrieden, als er die Urne seines Neffen zerschlägt – durch die Begegnung an seiner eigenen Grausamkeit zu zweifeln beginnt.

Während Antigona und Emone bei Sophokles lebendig begraben den Liebestod sterben, entscheiden sich Traetta und sein Librettist Coltellini zeittypisch für ein glückliches Ende. Auch in der Inszenierung von Floris Visser versucht Creonte, die beiden zu retten. Doch er kommt zu spät. Sein Sohn Emone ersticht sich vor seinen Augen, Antigona kurze Zeit später.

Auch musikalisch überzeugt die Darbietung. Allen voran der homogene, dynamisch gestaltende Opernchor.

Eine leicht erhöht platzierte Basso continuo-Gruppe aus Hammerklavier und Violoncello ergänzt das Osnabrücker Symphonieorchester, das unter der umsichtigen Leitung von Andreas Hotz die barocke Affektsprache anschaulich vor Augen führt. Erika Simons verkörpert meisterlich, mit schlanken, schneidend und scharf in die Länge gezogenen Tönen und leidenschaftlich sich entladenden Koloraturketten die Protagonistin Antigona. An ihrer Seite berührt Lina Liu als Ismene. Und Katarina Morfa verzaubert mit farbenreichem, klangvollen und lyrisch beweglichen Mezzosopran als Emonte.  Christian Damsgaard ist mit seinem baritonal gefärbten, lyrischen Stimmklang ein eher aufgeklärter, um Erklärungen, Nähe und Unterstützung bemühter Herrscher.

FAZIT

Chor, Gesangssolisten, Basso continuo-Gruppe und das Osnabrücker Symphonieorchester verstehen es meisterlich, barocke Klang- und Mythenwelten mit Leben zu füllen.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Andreas Hotz

Inszenierung
Floris Visser

Bühne, Kostüme
Dieuweke van Reij

Lichtdesign
Alex Brok

Choreinstudierung
Markus Lafleur

Dramaturgie
Alexander Wunderlich

 

Osnabrücker Symphonieorchester

Damen- und Herrenchor
des Theaters Osnabrück


Solisten

Antigona
Erika Simons

Ismene
Lina Liu

Creonte
Christian Damsgaard

Emone
Katarina Morfa

Adrasto
Daniel Wagner

Polinice
Kevin Ruijters

Eteocle
Kenneth Gérard

Soldaten
Statisterie




Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Osnabrück
(Homepage)





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