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Musiktheater
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Play

Tanzkreation von Alexander Ekman
Musik von Mikael Karlsson

Aufführungsdauer: ca. 2h 20' (eine Pause)

Premiere an der Operá National de Paris, Palais Garnier, am 6. Dezember 2017
(rezensierte Aufführung: 7. Dezember 2017)


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Opéra national de Paris
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Wer spielt, der lebt

Von Roberto Becker / Fotos © Ann Ray / Opéra national de Paris

Es ist wohl immer noch ein Ritterschlag, wenn ein Choreograph die Bühne und das Corps de ballet des Palais Garnier zur Verfügung gestellt bekommt. Noch dazu im Weihnachtsmonat und en suite. Das muss funktionieren. Nun ist der Schwede Alexander Ekman zwar kein klassischer Choreograph für Spitzentanz und hohe Sprünge. Aber seine Kreationen sind so menschen-, also auch körperfreundlich, seine Einfälle so voller Witz und Phantasie, dass der Funke einfach überspringen muss. Das Pariser Publikum fängt jedenfalls am Ende auch die Bälle, die ihm die Tänzer im wahrsten Sinne des Wortes zuwerfen. Und wirft sie wieder zurück. Oder nimmt sie als Souvenir mit. Wenn der Titel der neuen Kreation schon Play heißt, dann wird natürlich auch ausgiebig gespielt. Und wenn's mit dem Publikum ist.

Vergrößerung in neuem Fenster Wenn die Frauen Geweih tragen, haut es die Männer um.

Aber natürlich geht es dem Choreographen um deutlich mehr. In zwei Akten mit je sieben Szenen lotet er nicht weniger als den Menschen aus. Ist auf der Suche nach dem, was ihn eigentlich ausmacht bzw. ausmachen könnte. Und setzt dem dann gegenüber, was er in der Gemeinschaft wohl oder übel nur sein kann. Hier ein unbeschwert, sich selbst erkundendes temperament- und fantasievolles Einzelwesen. Da nur ein Rädchen im Getriebe, das sich ans Spielen zwar erinnert, aber vor allem in einem größeren Ganzen funktionieren muss. In einem gut dosierten Wechsel zwischen Soli, Gruppen- und Ensemble-Szene entwirft er in Paris mit leichter Hand ein Panorama von Möglichkeiten, ohne auf einen enzyklopädischen Geschichtsabriss oder vordergründige Entfremdungskritik aus zu sein.

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Eine Traumwelt: Hinter dem Paar der Mann im Riesenreifrock

War seine Kreation Cow (wirklich: "Kuh") vor allem ein Experimentieren mit der Identität als Mensch, so geht er mit Play noch weiter. Es beginnt mit einem Filmvorspann auf dem prunkvollen Vorhang des Palais Garnier, den vier Musiker in betontem Freizeitlook mit einem satten einschmeichelnden Saxophonsound begleiten. Wenn dann der Vorhang hochgeht, stürmen sie alle im gleichen Tennis-Look auf die Bühne, erkunden ihre Körperlichkeit, erforschen den Raum und kommen an der Rampe auf allen Vieren auch den Zuschauern sehr nah.

Wenn eine Ballerina auf einem Podest Spitzentanz zelebriert, dann macht ein junger Mann dazu mit einem Mikrophon Geräusche, als kämen sie von der Berührung der Tanzschuhe mit dem Boden, auf dem sie sich bewegt. Die Magie des Tanzes selbst schwebt auch dann über der Szene, wenn ein Tänzer mit freier Brust und in einem gewaltigen weißen Riesenreifrock langsam die Bühne umrundet. Und auf der sich außerdem ein weißer Clown und ein Astronaut im Raumanzug bewegen. Oder Bälle auf Tänzerbeinen. In einem anderen Bild füllen die Damen mit einem Kopfputz aus Ästen oder Geweihen in Formation die Szene. Schließlich prasseln Tausende von apfelgroßen grünen Bällen auf die Bühne. Ein Regenguss der besonderen Art. Durch diesen knöcheltiefen Niederschlag kann man waten wie durch Wasser oder auch so herumspritzen. Oder sich hineinstürzen, wenn alles mit Riesenbesen in den zum Pool mutierten Orchestergraben geschoben wurde.

Vergrößerung in neuem Fenster Tanzgeräusche verstärkt wie im Tonstudio

Diese helle und betont heitere Grundstimmung des ersten Aktes kippt im zweiten Teil komplett um. Jetzt ist das Verspielte, Ungezwungene der paradiesischen Unschuld verschwunden. Niemand kommt hier mehr in Weiß, kurzbehost oder halbnackt. Alle tragen hochgeschlossenes Anzugsgrau. Sind gescheitelt, tragen Brillen. Funktionsträger in einem System, das sie alle einbindet. Wenn sie auf den zu Boden gegangenen Wolkenwürfeln stehen und sich im Gleichklang mechanisch bewegen, dann ist das ein eindrucksvoll subtiles Bild für die isolierte Gleichschaltung moderner Individuen von heute.

Ekman hat den Abend in zwei Akte mit jeweils sieben ineinander übergehenden Szenen aufgeteilt. Die Bühne ist leergeräumt - hinten an der weißen Brandmauer sind die Livemusiker und die Gospelsängerin Calesta "Callie" Day auf einer Galerie postiert. Darunter eine Reihe von Türen für Auf- und Abgänge. Besonderen Effekt machen die Würfel, die wie Wolken über der Szene hängen, sich aber auch bis auf den Boden absenken können, zu Podesten für die Tänzer werden, um dann wieder nach oben zu entschweben.

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Wenn es Äpfel regnetů

Die Choreographie lebt vom Charisma der Bewegung und des Ausdrucks der fast vierzigköpfigen Crew. Wobei Ekman bewusst nicht auf die bekannten Stars und Solotänzer setzt, sondern auf junge Mitglieder der Company. Und auf die so rhythmisch aufgeladene, wie atmosphärisch passende Musik, die ihm der Komponist Mikael Karlsson (erneut) dafür maßgeschneidert hat. Dass das keine erste oder zufällige künstlerische Begegnung ist, spürt man vom ersten Ton an. Sein Landsmann hatte ihm schon für die (u.a. auch in Dresden gezeigten und mit dem Theaterpreis FAUST ausgezeichneten Kreation) Cow, aber auch für Tyll, den Mittsommernachtstraum und Schwanensee die Musik geschrieben.
Mit seinen 33 Jahren hat Ekman weltweit bereits mit rund 45 Tanzkompanien zusammengearbeitet. Nach seinem Play in Paris wird er, so hat er im Vorfeld verraten, eine eigene Company gründen. Eine internationale Fangemeinde hat er schon.


FAZIT

Alexander Ekmans neue Choreographie ist, was der Titel Play verspricht: Ein charismatisches Spiel mit den Möglichkeiten des Tanzes. Aber sie geht weit darüber hinaus und macht Lust auf mehr.


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Produktionsteam

Choreographie und Bühne
Alexander Ekman

Kostüme
Alexander Ekman
Xavier Ronze

Video
T.M. Rives

Licht
Tom Visser


Musiker

Gospelgesang
Calesta "Callie" Day

Frederic Vaysse Knitter (Klavier)
Amanda Favier (Erste Geige)
Pauline Fritsch (Zweite Geige)
Benoit Marin (Alt)
Eric Villaminey (Cello)
François Gavelle (Bass)
Christian Wirth (Sopransaxophon)
Géraud Etrillera(Altsaxophon)
Adrien Lajoumard (Tenorsaxophon)
Pascal Bonnet (Baritonsaxophon)
Adelaide Ferrière (Perkussion, Marimba)


Tänzerinnen und Tänzer

Muriel Zusperreguy
Marion Barbeau
Aurélia Bellet
Alice Catonnet
Silvia Saint-Martin
Ida Viikinkoski
Laurène Levy
Juliette Hilaire
Charlotte Ranson
Jennifer Visocchi
Claire Gandolfi
Marion Gautier de Charnacé
Clémence Gross
Caroline Osmont
Sofia Rosolini
Chelsea Adomaitis
Margaux Gaudy-Talazac
Shanti Mouget
Stéphane Bullion
François Alu
Vincent Chaillet
Aurélien Houette
Allister Madin
Marc Moreau
Jérémy-Loup Quer
Daniel Stokes
Yvon Demol
Alexandre Gasse
Antoine Kirscher
Mickaël Lafon
Hugo Vigliotti
Takeru Coste
Simon Le Borgne
Antonin Monié
Andréa Sarri



Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Opéra national de Paris
(Homepage)



Da capo al Fine

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