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Musiktheater
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Surrogate Cities / Götterdämmerung

Musiktheater von Heiner Goebbels und Richard Wagner

Surrogate Cities
"D&C", "Sarabande", "Allemande", "Gigue" aus der Samplersuite, "In the Country" und "Three Horatian Songs"
aus dem Orchesterzyklus mit Texten von Paul Auster, Heiner Müller und Hugo Hamilton
Musik von Heiner Goebbels

Götterdämmerung, 3. Akt
aus Der Ring des Nibelungen, Bühnenfestspiel in einem Vorabend und drei Tagen
Text und Musik von Richard Wagner

In englischer und deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 16. September 2017


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Gegensätze ziehen sich nicht immer an


Von Thomas Molke / Fotos: © Jens Grossmann

28 Jahre ist es her, dass in Wuppertal zum letzten Mal Wagners kompletter Ring des Nibelungen im Opernhaus auf dem Programm gestanden hat. Langjährige Besucher haben heute noch ein Leuchten in den Augen, wenn sie an die legendäre Inszenierung von Friedrich Meyer-Oertel denken. Seitdem ist viel passiert an der Wupper. Aus der Fusion mit Gelsenkirchen ist das Haus 2001 finanziell und personell geschwächt hervorgegangen, und Toshiyuki Kamioka hat mit der Zerschlagung des Solisten-Ensembles bis 2016 schweren Schaden angerichtet. Seit der letzten Spielzeit versucht nun Berthold Schneider, das finanziell angeschlagene Haus mit einem ambitionierten und vielseitigen Programm wieder nach vorne zu bringen. Zu Beginn der neuen Saison knüpft er dafür an Wagner an, da er weiß, wie groß die Begeisterung an der Wupper für diesen Komponisten ist. Da ein kompletter Ring oder auch eine ganze Götterdämmerung derzeit finanziell aber nicht zu realisieren ist, beschränkt er sich auf den dritten Akt aus dem letzten Teil des Zyklus. Damit wären die Wagnerianer wahrscheinlich schon zufrieden gewesen. Aber Schneider glaubt wohl, dass das für einen kompletten Opernabend nicht reiche, und lässt den Schluss der Götterdämmerung mit Auszügen aus Heiner Goebbels' 1994 zur 1200-Jahrfeier Frankfurts komponierten Orchesterzyklus Surrogate Cities kombinieren, der zuletzt 2014 bei der Ruhrtriennale zu erleben war (siehe auch unsere Rezension). Doch auch wenn Goebbels' Musik durchaus seine Meriten hat, lassen sich die beiden Teile nicht zu einer Einheit verbinden und behindern sich eher gegenseitig.

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"Turnübungen" bei Surrogate Cities: Gutrune (Jenna Siladie)

Der Abend beginnt mit ca. 40 Minuten Auszügen aus Surrogate Cities. Das Sinfonieorchester Wuppertal ist dafür aufgeteilt worden. Die Streicher und die Harfen sitzen im hochgefahrenen Orchestergraben, während sich die Bläser und das Schlagzeug im hinteren Teil der Bühne befinden und die Spielfläche einschließen. Kathrin Wittig hat auf relativ engem Raum ein kleines, modernes Apartment entworfen, das von einer zweckmäßig eingerichteten Küche auf der linken Seite über ein Bett in der Mitte hin zu einem kleinen modern eingerichteten Badezimmer auf der rechten Seite führt und mit der Enge die ökonomische Nutzung von Wohnraum in dicht besiedelten Großstädten andeutet. Auf dieser Bühne ist den ganzen Abend über eine Frau (Hannah Usemann) mit einer Live-Kamera in Aktion, die die Solisten und teilweise auch Elemente des Bühnenbildes filmt, die dann auf Großleinwände geworfen werden, die über der Bühne und auf der rechten Seite angebracht sind. Im Badezimmer befindet sich neben der Dusche ein kleiner Lehmhaufen, auf dem zwei Miniatur-Häuser stehen. Unter dem Tisch in der Küche steht eine Hochzeitstorte. Man befindet sich wohl zwischen dem zweiten und dritten Akt der Götterdämmerung. Die Doppelhochzeit zwischen Siegfried und Gutrune bzw. Gunther und Brünnhilde hat bereits stattgefunden, und als nächstes steht der Jagdausflug der Männer an. Gutrune (Jenna Siladie) wandelt in einem weißen Kleid etwas unschlüssig durch den Raum und rutscht etwas unmotiviert auf dem Tisch herum.

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Hagen (Lucia Lucas) geht duschen. (vorne und hinten: Sinfonieorchester Wuppertal mit Johannes Pell in der Mitte)

Das würde aber zur Musik von Goebbels nicht weiter stören. Was hingegen Lucia Lucas als Hagen vom Regisseur Jay Scheib in dieser Szene abverlangt wird, ist eine Frechheit und verstößt gegen den guten Geschmack. Scheib lässt Lucas zu Beginn mit Motorradhelm und in Lederklamotten auftreten. Nachdem sie ein bisschen im Lehm herumgematscht hat, stellt sie sich unter die Dusche und zieht sich komplett aus. Während das allein schon keinen Sinn macht, fragt man sich, wieso es obendrein noch nötig ist, sie mit der Live-Kamera dabei auch noch ins Visier zu nehmen und diese Nacktheit in Großaufnahme auf die Leinwände zu übertragen. Soll das Provokation um der Provokation willen sein? Nachdem Lucas sich dann wieder anziehen darf, wühlt sie weiter im Lehm herum und entdeckt einen goldenen Ring. Soll das Siegfrieds Ring sein? Kurz darauf verliert sie ihn im Waschbecken, so wie er später in den Fluten des Rheins untergeht. Anschließend schreibt sie noch mit Lippenstift "Drink to Remember, Drink to Forget" auf den Spiegel. Vielleicht hilft hier wirklich nur Alkohol, um zu verstehen, was der Regisseur einem damit sagen will. Bei diesem ganzen Firlefanz kann man sich gar nicht richtig auf Goebbels' Musik konzentrieren, die in interessanten vielschichtigen Klangbildern die Hektik und Gefahr der Großstadt ausmalt, was mit Wagners Ring aber nun wirklich überhaupt nichts zu tun hat. So wirkt auch das angespielte Es-Dur-Vorspiel des Rheingolds, das erklingt, während Hagen im Badezimmer eine Schallplatte auflegt, fehl am Platz.

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Siegfried (Ronald Samm, vorne links) erzählt Hagen (Lucia Lucas, vorne rechts) von seiner Begegnung mit dem Waldvogel.

Der Übergang zum dritten Akt der Götterdämmerung kommt nach den 40 Minuten ebenso unvermittelt. Hagen und seine Mannen treten zur Jagd in weißem Anzug auf, wobei die Herren des Opernchors eine verwirrende schwarze Kriegsbemalung im Gesicht haben. Siegfried hebt sich in seinem schwarzen Kostüm nicht nur von der Jagdgesellschaft, sondern auch vom gesamten Orchester ab, das ebenfalls weiß gekleidet ist. Die drei Rheintöchter wirken in ihren golden und silbern glänzenden Kostümen wie Teile des Rheingoldes, das ihnen geraubt wurde und das sie nun von Siegfried zurückbekommen möchten. Mit ihren stark geschminkten Gesichtern erinnern sie ein wenig an weibliche Vampire. Das Bühnenbild ist für den Anfang des dritten Aktes nicht gerade ideal, da es zum einen für den Chor sehr wenig Platz bietet und alle auf engstem Raum zusammengepfercht sind und zum anderen das Spiel der Rheintöchter mit Siegfried ebenfalls nicht richtig entfaltet werden kann. Hier hätten die drei Wassernixen wohl kaum die Möglichkeit, Siegfried zu entkommen. Hinzu kommen weitere unnötige Regie-Mätzchen. Wieso muss Floßhilde (Ariana Lucas) auf einem Eimer ihr Geschäft erledigen und goldene Münzen ausscheiden? Stimmlich hat man die Rheintöchter schon harmonischer und textverständlicher erlebt, aber Ralitsa Ralinova und Liliana de Sousa punkten als Woglinde und Wellgunde dennoch mit mädchenhaftem Sopran, und Ariana Lucas überzeugt mit sattem Mezzo. Ronald Samm verfügt als Siegfried über einen kräftigen Tenor, der in den Höhen ein bisschen stark forcieren muss. Die Waldvogel-Erzählung meistert er gut. Lucia Lucas überzeugt als grimmiger Hagen mit dunkel gefärbten und bedrohlich klingenden Tiefen. Nach dem Orchesterstück "Siegfrieds Tod", das vom Sinfonieorchester Wuppertal unter der Leitung des 1. Kapellmeisters Johannes Pell eindrucksvoll interpretiert wird, folgt die Pause.

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"Starke Scheite schichtet dort auf": Brünnhilde (Annemarie Kremer)

Nach der Pause geht es dann an den Hof der Gibichungen in das enge Apartment, in dem der Abend begonnen hat. Siegfrieds Leichnam ist bereits auf dem Tisch aufgebahrt, so dass Gutrunes besungene Sorge eigentlich so recht keinen Sinn macht, da sie ihren toten Gatten ja bereits auf dem Tisch in die Arme geschlossen hat. Jenna Siladie verfügt über einen eher zarten Sopran, der durch das umsichtige Dirigat von Pell nicht zugedeckt wird, so dass sie in den leisen Passagen textverständlich bleibt. Sebastian Campione überzeugt als Gunther mit kräftigem Bariton. Mit Lucas liefert er sich stimmlich einen beeindruckenden Schlagabtausch, bevor er dann von Hagen mit Siegfrieds Schwert Nothung umgebracht wird. Nun hat Annemarie Kremer als Brünnhilde ihren großen Auftritt. Optisch macht sie in ihrem dunklen Kostüm deutlich, dass sie zu Siegfried gehört. Brünnhildes Schlussgesang "Starke Scheite schichtet dort auf" präsentiert sie stimmgewaltig mit starkem Vibrato in den Höhen. Am Ende vergräbt sie den Ring im Lehm neben der Dusche. Doch dieses Mal sind es die Rheintöchter, die den Ring an sich nehmen und nach einem kurzen Kampf Hagen im Lehm zur Strecke bringen. Das Sinfonieorchester setzt musikalisch zu einem leuchtenden Finale an, das die ersten vierzig Minuten des Abends und einige Regie-Ungereimtheiten vergessen lassen könnte, wenn danach der Abend zu Ende wäre.

Aber dem Publikum wird nach dem beseelten Ende der Götterdämmerung kein Moment des Innehaltens gelassen. Stattdessen peitscht sofort und völlig unvermittelt wieder Goebbels' Musik los. Dieser Übergang ist wirklich unbarmherzig. Dabei ist das Stück, das zum Finale gespielt wird, musikalisch ein Höhepunkt aus dem Orchesterzyklus. Elisabeth King interpretiert mit markanter Soulstimme die "Three Horatian Songs", die vom Kampf der Horatier gegen die Curatier berichten, der im 7. Jahrhundert vor Christus stattgefunden haben soll, als das noch junge Rom mit der benachbarten Stadt Alba Longa um die Vorherrschaft in Latium kämpfte. Um die beiden Völker zu schonen, sollte der Konflikt durch einen Kampf zwischen den besten Kriegern aus jedem Volk entschieden werden. Für Rom wurden die drei Horatier, für Alba Longa die drei Curatier ausgewählt. Einem der Horatier gelang es schließlich, die Curatier zu töten. Bei den Siegesfeierlichkeiten betrauerte seine Schwester laut den Tod der Curatier, da sie mit dem ältesten der drei Brüder verlobt war, und wurde von ihrem Bruder dafür getötet. Dieser erhält im letzten der drei Songs die Ehren für den siegreichen Kampf, wird jedoch gleichzeitig für den Mord an der Schwester zur Rechenschaft gezogen. Dies alles wird von King und dem Sinfonieorchester Wuppertal eindrucksvoll umgesetzt und wäre für sich allein gesehen musikalisch großartig, aber nach dem Ende der Götterdämmerung will man sich einfach nicht darauf einlassen.

FAZIT

Der Versuch, Goebbels' Surrogate Cities mit dem dritten Akt der Götterdämmerung zu kombinieren, geht weder szenisch noch musikalisch auf. Einige Regie-Einfälle im ersten Teil von Surrogate Cities überschreiten die Grenzen des guten Geschmacks, und nach dem Ende der Götterdämmerung hätte man den Abend definitiv beenden sollen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Johannes Pell

Inszenierung
Jay Scheib

Bühne
Kathrin Wittig

Kostüme
Doey Lüthi

Chor
Markus Baisch

Dramaturgie
Jana Beckmann

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Herrenchor der
Wuppertaler Bühnen

Statisterie der
Wuppertaler Bühnen


Solisten

Siegfried
Ronald Samm

Brünnhilde
Annemarie Kremer

Hagen
Lucia Lucas

Gunther
Sebastian Campione

Gutrune
Jenna Siladie

Woglinde
Ralitsa Ralinova

Wellgunde
Liliana de Sousa

Floßhilde
Ariana Lucas

Stimme
Elisabeth King

Live-Kamera
Hannah Usemann

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



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