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Musiktheater
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Il trionfo del Tempo e del Disinganno
(Der Triumph der Zeit und der Ernüchterung)

Oratorium in zwei Teilen (HWV 46a)
Libretto von Benedetto Pamphili
Musik von Georg Friedrich Händel

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 40' (eine Pause)

Premiere im Theater Aachen am 28. Oktober 2018

 

Logo: Theater Aachen

Theater Aachen
(Homepage)

Im Spiegel der sozialen Medien

Von Thomas Molke / Fotos: Wil van Iersel

Dass in den vergangenen Jahren immer mehr Bühnen dazu übergehen, neben Georg Friedrich Händels Opern auch seine Oratorien szenisch umzusetzen, mag darin begründet liegen, dass die meisten von ihnen eigentlich Opern in neuem Gewand darstellen, da Händel hier keine liturgische Musik komponierte, sondern biblische Stoffe bühnenwirksam dramatisierte. Auch in seinen beiden ersten Oratorien, die in Rom zu einer Zeit entstanden, als im Kirchenstaat die Aufführung von Opern verboten war, vermischte Händel Erfahrungen aus seiner Hamburger Zeit am Gänsemarkttheater mit Einflüssen aus der italienischen Opera seria und versuchte, durch dramatische Akzente bei den Zuschauern die Sehnsucht nach Theateraufführungen zu befriedigen. So räumt beispielsweise Il trionfo del Tempo e del Disinganno, das auf einen didaktisch angelegten Text des Kardinals Benedetto Pamphili im Frühjahr 1707 entstand und dort wahrscheinlich im Mai seine Uraufführung im Teatro del Collegio Clementino erlebte, der Oboe mit neuartigen Soloeinlagen einen ganz neuen Stellenwert für die damalige Zeit ein. Nachdem Kobie van Rensburg in der Spielzeit 2009 / 2010 am Landestheater Niederbayern mit der Blue-Screen-Technik dieses Oratorium äußerst bühnenwirksam in Szene gesetzt hat, gelingt es auch in Aachen dem Regie-Team um Ludger Engels, das Stück, das keine Handlung im eigentlichen Sinne hat, kurzweilig und aktionsreich umzusetzen.

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Piacere (Fanny Lustaud, vorne rechts) versucht, Bellezza (Suzanne Jerosme, vorne links) auf den Weg des Vergnügens zu locken (im Hintergrund: Mitte sitzend: Tempo (Patricio Arroyo), rechts stehend: Disinganno (Cameron Shahbazi)).

Thema ist ein allegorischer Konflikt um die vier metaphorischen Figuren Bellezza (Schönheit), Piacere (Vergnügen), Disinganno (Ernüchterung) und Tempo (Zeit). Bellezza lässt sich aus Angst vor der eigenen Vergänglichkeit mit Piacere ein, erkennt jedoch mit Hilfe von Disinganno, dass es vor der Zeit kein Entrinnen gibt. Folglich entsagt sie dem Vergnügen und schlägt den Weg der Tugend ein. Händel hat diese Geschichte in seinem späteren Leben immer wieder aufgegriffen. Als 1737 sein italienisches Opernunternehmen in London nicht mehr den erwünschten Anklang fand und er mit dem Oratorium in London einen neuen Markt für sich entdeckte, arbeitete er sein Frühwerk um und brachte es unter dem Titel Il trionfo del Tempo e della Verità heraus, wobei Verità die Rolle von Disinganno übernahm. Ein gravierende Unterschied bestand unter anderem darin, dass eine berühmte Arie von Piacere im zweiten Akt fehlte, mit der Händel in seinem Rinaldo unter dem Titel "Lasci ch'io pianga" in London einen riesigen Erfolg gefeiert hatte. Als Händel 1757 bereits erblindet war, beschäftigte er sich mit Hilfe seines Assistenten erneut mit diesem Stück, ließ die Texte von dem Pfarrer Thomas Morell ins Englische übersetzen und brachte es unter dem Titel The Triumph of  Time and Truth heraus. Diese Fassung war vor fünf Jahren bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe in Kombination mit einer zeitgenössischen "Fortsetzung" des irischen Komponisten Gerald Barry zu erleben (siehe auch unsere Rezension).

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Disinganno (Cameron Shahbazi) hält Bellezza (Susanne Jerosme) den Spiegel vor (im Hintergrund: Piacere (Fanny Lustaud)).

Engels überträgt in seiner Inszenierung die vier allegorischen Figuren in real fühlende und handelnde junge Menschen einer Generation, die sich vor allem durch ihren Auftritt in sozialen Netzwerken definiert. So ist der Spiegel, von dem in dem Stück immer wieder die Rede ist, für ihn die Außenwirkung, die junge Menschen auf den sozialen Plattformen erzielen wollen. Ric Schachtebeck hat dafür die Bühne in einen riesigen Laufsteg umgewandelt, der Teile des Orchestergrabens einnimmt und bis in den Zuschauerraum führt. Ein Teil der Zuschauer ist auf der linken Seite der Bühne platziert, ein anderer Teil sitzt im Orchestergraben, so dass für die Figuren keinerlei Rückzugsmöglichkeiten bestehen und man an jedem Ort einer Öffentlichkeit ausgesetzt ist. Das Sinfonieorchester Aachen, das die Aufführung auf historischen Instrumenten begleitet, ist im Hintergrund der Bühne untergebracht. An mehreren Stellen im Raum hängen riesige Leinwände, auf die die Figuren Bilder ihrer Smartphones projizieren, teilweise auch ganze Sequenzen filmen. Die Kostüme von Raphael Jacobs greifen dabei unterschiedliche Moderichtungen auf, die mal an die Opulenz des Barock erinnern, mal einen eher schlicht gehalten sind. Einzig Bellezza scheint zunächst noch auf der Suche nach ihrer Identität zu sein und wechselt zu Beginn des zweiten Teils das Kostüm. Piacere kommt in einem schrillen, fröhlichen Outfit daher, das die Lebensfreude und den Spaß unterstreicht. Disingannos Kleidung ist dunkel und trist gehalten und wirkt "ernüchternd". Il Tempos grauer Mantel ist mit Folie überzogen, um den Stoff vor der Vergänglichkeit zu bewahren.

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Der "richtige" Weg ist auch nur ein neuer Trend, der getestet wird (von links: Tempo (Patricio Arroyo), Disinganno (Cameron Shahbazi), Bellezza (Suzanne Jerosme) und Piacere (Fanny Lustaud)).

Am Ende macht Engels allerdings deutlich, dass sich die anderen Figuren ebenfalls neu definieren und insgesamt wesentlich schriller werden. Nur Bellezza hat sich nun für die Schlichtheit entschieden und tauscht ihr aufwändiges Kleid gegen ein Kleid in zarten Farben mit zahlreichen Madonnenabbildungen. Aber dies ist für sie auch wieder nur ein neuer Trend, wie sie mit zahlreichen "Posts" in den sozialen Netzwerken, bei denen sie jeweils die Anzahl ihrer "Likes" überprüft, deutlich macht. Vier im Publikum verteilte Statisten werden ebenfalls in die Inszenierung einbezogen. Zunächst sind es drei junge Männer, die Piacere Bellezza als "schönen Jüngling" zum betörenden Klang einer Sonate vorführt. Während Mert Gülbaz als Hiphoptänzer vor kraftvollen Sprüngen und purer Lebensfreude strotzt, führt Disinganno später mit einer älteren Statistin die Würde des Alters vor Augen. Dabei werden sehr eindringliche Momente geschaffen, auch wenn Bellezza vor den Falten des Alters eine gewisse Furcht entwickelt.

Musikalisch ist der Abend ein Hochgenuss. Suzanne Jerosme gestaltet die Partie der Bellezza mit strahlendem Sopran und glockenklaren Höhen, die so rein wie die Schönheit sind, die sie verkörpert. Schon in ihrer Auftrittsarie "Fido specchio", in der sie sich selbstverliebt im Spiegel betrachtet, begeistert sie mit weich angesetzten Spitzentönen. In ihrer Kampfansage "Una schiera di piaceri" tritt sie in einen großartigen Dialog mit der Solo-Oboe und glänzt durch sauber angesetzte Koloraturen. Auch die Angst vor der Vergänglichkeit und die innere Zerrissenheit werden von Jerosme überzeugend dargestellt. Fanny Lustaud verbreitet als Piacere pure Lebensfreude. Mit beweglichem Mezzosopran versucht sie, Bellezza auf ihre Seite zu ziehen, und wickelt sie sogar in Frischhaltefolie ein, um ihre Schönheit zu konservieren. Letzlich zieht sie aber doch den Kürzeren. Ihre große Arie im zweiten Akt, "Lascia la spina", in der sie Bellezza ein letztes Mal auffordert, nach der Rose zu greifen und den Dorn dabei zu meiden, wird zu einem verzweifelten Eingeständnis ihrer Unterlegenheit. Lustaud begeistert dabei mit wunderbar weichen Tönen. Als Gast hat der persisch-kanadische Countertenor Camero Shahbazi die Partie des Disinganno übernommen. Shabazi gestaltet die Partie mit dunkel eingefärbtem Timbre. Im Ohr bleibt vor allem sein großartiges "Crede l'uom", mit dem er Bellezza auf den Pfad der Tugend holen will. Patricio Arroyo verfügt als Tempo durch einen geschmeidigen lyrischen Tenor. Alle vier beherrschen überzeugend den Gang über den Catwalk. Justus Thorau lotet mit dem Sinfonieorchester Aachen die farbenreiche Partitur differenziert aus, so dass es für alle Beteiligten am Ende großen Jubel gibt, in das sich zu Recht auch das Regie-Team einreiht.

FAZIT

Ludger Engels stellt mit einem spielfreudigen Ensemble unter Beweis, dass Händels allegorisches Oratorium enorme szenische Qualitäten besitzt und inhaltlich auch heute noch aktuell ist.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
*Justus Thorau /
Mathis Groß

Inszenierung
Ludger Engels

Bühne
Ric Schachtebeck

Kostüme
Raphael Jacobs

Licht
Dirk Sarach-Craig

Dramaturgie
Pia-Rabea Vornholt



Sinfonieorchester Aachen


Solisten

La Bellezza (Die Schönheit)
Suzanne Jerosme

Il Piacere (Das Vergnügen)
Fanny Lustaud

Il Disinganno (Die Ernüchterung)
Cameron Shahbazi

Il Tempo (Die Zeit)
Patricio Arroyo

Hiphop-Tänzer
Mert Gülbaz

Statisten
Magret Ferner
David Joost
Tobias Kulka

 


Weitere Informationen
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Theater Aachen
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