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Didone abbandonata

Opera seria in drei Akten
Libretto von Pietro Metastasio
Musik von Niccolò Jommelli (3. Fassung 1736)

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Dauer: ca. 2 3/4 Stunden – eine Pause

Premiere am 7. Juni 2019
(rezensierte Aufführung: 20. Juni 2019)


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Theater Basel
(Homepage)
Starke Charaktere, packende Musik

Von Christoph Wurzel / Fotos: © Sandra Then

Niccolò Jommelli teilt das Schicksal vieler seiner Komponistenkollegen aus der musikalisch äußerst fruchtbaren Zeit zwischen Händel und Mozart. Zu Lebzeiten hochberühmt konnte er sich vor Aufträgen kaum retten, verschwand dann aber bald in der Versenkung des Vergessens. 2014, anlässlich seines 300. Geburtstages erinnerte man sich seiner hierzulande unter anderem in Stuttgart, wo er als Hofkapellmeister des württembergischen Herzogs sechzehn Jahre lang der dortigen Oper, die luxuriöserweise über zwei Bühnen verfügte, zu hoher Blüte verhalf. Die Produktion seiner für Ludwigsburg geschrieben Oper Berenike, Königin von Armenien (siehe unsere Rezension) stellte damals den hohen musikalischen Rang Jommellis erfolgreich unter Beweis. Derselbe Eindruck entstand nun auch in Basel nach der Aufführung von Didone abbandonata  nach dem Libretto Metastasios, das Jommelli im Laufe seines produktiven Komponistenlebens (allein mehr als 60 Opern entstammen seiner Feder) gleich dreimal vertonte. Die für Stuttgart entstandene Fassung von 1736 lag auch der Basler Produktion zugrunde.

Schon allein dieser Ausgrabung wegen ist die Basler Produktion verdienstvoll, punktet aber zusätzlich mit deren glänzender musikalischer Umsetzung durch das in Basel ansässige Ensemble Musica Fiorita unter der Leitung seiner Gründerin Daniela Dolci,  hervorragenden Solisten in allen Rollen und durch eine Inszenierung, welche die dramatischen Qualitäten der Oper bestens zu Geltung bringt.

Die Bühnenkonstruktion von Christof Hetzer und der Regieansatz von Lotte de Beer eliminieren nämlich die Guckkastenbühne und lassen die Handlung auf einem quer durch den Zuschauerraum und über die Bühne gezogenen Laufsteg spielen, das Publikum sitzt zu beiden Seiten, auch das Orchester ist daneben postiert. So wird die Barriere zwischen Publikum und Opernakteuren aufgehoben, die Handlung kann hautnah erlebt werden und trotz häufiger Szenenwechsel fügt sie sich zu einem organischen Ganzen. Zudem erinnert der lange Laufsteg an die weiten Fluchten der Räumlichkeiten barocker Schlösser und weil einige Szenen auch zwischen den Zuschauern und abseits dieses Hauptweges spielen, entsteht der Eindruck von zwei Handlungsebenen - einer des offiziellen Geschehens und jener der in Nebenräumen verabredeten Intrigen, die es in dieser Opernhandlung zu hauf gibt und welche die Hauptfigur Dido schließlich zu Fall bringen.

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Einsame Herrscherin: Dido (Nicole Heaston)

Die karthagische Königin Dido ist nämlich am Schluss allein, einsam und verlassen von allen - ohne Reich, ohne Freunde und vor allem ohne ihren Geliebten Aeneas. Nach außen stolze Herrscherin ist sie aber ahnungslos, was hinter ihrem Rücken betrieben wird. In blinder Liebe hält sie an Aeneas fest, der sie längst verlassen will, ihre Schwester Selene stellt sich als Rivalin um Aenas' Liebe heraus und ihr Minister Osmidas paktiert heimlich mit Jarbas, dem König des Nachbarreichs, der vergeblich um ihre Hand wirbt. Nachdem ihr Plan gescheitert ist, Aeneas an sich zu binden, indem sie zum Schein der Ehe mit Jarbas zustimmt, bricht sie, als der zornige Jarbas Karthago in Schutt und Asche legt, unter den Trümmern ihres Palastes zusammen.

Es sind starke Charaktere in dieser Oper und Lotte de Beer hat ihnen durch eine intensive Personenregie markant Profil verliehen. Das engagierte Solistenensemble trägt dieses Konzept darstellerisch eindrucksvoll mit und macht den Abend zu einem spannenden Opernerlebnis. Nicole Heaston, die in Basel bereits vor zwei Jahren in Händels Alcina beeindruckte (siehe unsere Rezension), ist auch als Dido die alles beherrschende Bühnengestalt. Auf nur einen Fingerschnipp hin versammelt sie ihren Hofstaat und lässt sich nach Manier der Barockfürsten die Staatsrobe anlegen. Als Jarbas ihre Hand fordert, weigert sie sich entschieden mit dem Hinweis auf ihre Verbindung mit Aeneas: "Son regina e son amante". Diese Eingangsarie singt Heaston in selbstbewusster Herrscherpose. Gerade die vermeintliche Sicherheit  dieser Liebesbeziehung mit Aeneas aber wird für sie zur fatalen Falle. Am Schluss ist sie nach mehrmaligen Versuchen, sich Aeneas' zu versichern, nur noch hilflos und verzweifelt: "che farò- was soll ich tun?" - Nicole Heaston singt dieses Lamento stimmlich ausdrucksstark und mit bezwingender Intensität.

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Souveräne Herrscherin: Nicole Heaston (Dido), Hyunjai Marco Lee (Jarbas, kniend), Ena Pongrac (Osmidas, ganz rechts) und Statisterie

Auch der Counter Vince Yi legt seine Figur differenziert an. Hin- und hergerissen zwischen dem angeblich göttlichen Auftrag, von Karthago aufzubrechen und in Italien ein neues Reich zu gründen und seinem Liebesversprechen gegenüber Dido ist vom trojanischen Helden Aeneas in dieser Oper nur noch ein Zauderer und Feigling übrig geblieben. Höchst glaubwürdig macht Yi Aeneas' inneren Zwiespalt zwischen zwei als Pflicht empfundenen Motiven. Seine Liebe zu Dido wirkt echt und so fragwürdig sein Impuls sie zu verlassen auch ist, umso größer wird sein innerer Konflikt, den Yi stimmlich weich und empfindsam gestaltet. Erst als Aeneas sich nach dreimaligem Anlauf durchgerungen hat, die Segel zum Abschied setzen zu lassen, hat Jommelli für diese Rolle eine heroische Arie komponiert ("A trionfar mi chiama"), die Yi mit großer Emphase, stimmschön und absolut koloratursicher singt, begleitet von  wahrer Heldenmusik des Orchesters, einem majestätischen Allegro mit vollem Streichersound und drei solistisch schmetternden Hörnern, allerdings von den schnatternden Oboen ironisch konterkariert.

An solchen Stellen zeigt sich, wie subtil Daniela Dolci das Orchester führt. Auch die verstecktesten Details in Jommellis großartiger Komposition bringt sie zum Vorschein und nutzt die reiche Erfahrung ihrer Musikerinnen und Musiker in wohl gesetzter musikalischer Klangrede, um allen Reichtum und alle Farbigkeit dieser Musik zur Wirkung zu bringen. Und das besondere Kennzeichen der Opern Niccolò Jommellis, die musikalisch ausgefeilten orchesterbegleiteten Rezitative sind es auch, die dieser Aufführung zu jenen musikalischen Spannungsmomenten verhelfen, die den Abend so besonders machen. Wohltuend gekürzt um einige Arien und vor allem viele Seccorezitative besticht diese Aufführung durch packende Zugkraft vor allem auch in den accompagnierten Rezitativen, in denen die Psychologie der Figuren deutlich wird. So werden die Szenen, in denen Dido und Aeneas immer wieder um ihre Beziehung ringen, zu den Höhepunkten des Abends. Jommelli hat für all diese Situationen (und auch für die Arien) ebenso ausdrucksstarke wie dramatische Musik geschrieben, die weit über die bloße Affektdarstellung der herkömmlichen Barockoper hinausgeht und schon auf die individualisierte musikalische Charakterisierung der Figuren etwa bei Mozart vorausweist.

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"Szenen einer Ehe": Dido (Nicole Heaston) und Aeneas (Vince Yi)

Mit den beiden auswärtigen Gästen in den Hauptrollen können auch die Ensemblemitglieder der weiteren Rollen fraglos mithalten. Marco Lee gibt als Jarbas das glänzende Portrait eines arroganten Machos ab, der gleichsam als Dealmaker gegenüber Dido auftritt - nach der Devise "Ehe für Reich". Mit üppigen Geschenken, Blumen, Waffen und Elefantenzähnen, versucht er die karthagische Königin zu beeindrucken. Seine Auftrittsarie mit angedeutet orientalischem Kolorit singt der Tenor mit dem nötigen Aplomb. Das etwas dick aufgetragene Selbstbewusstsein ironisiert das Orchester mit heftigem Stampfen der tiefen Streicher.

Als Didos Schwester Selene gibt auch die Sopranistin Sarah Brady ein eindrückliches Rollenportrait. Ihr fällt die undankbare Rolle der abgeblitzten Liebenden zu. Von Aeneas in ihrer Zuneigung nicht einmal beachtet, gehören ihr zwei Arien tiefster Enttäuschung und Erniedrigung. Brady spielt diese Figur bemitleidenswert echt. Deren starke Emotionen singt sie mit großen Empathie und schleudert immer wieder ein verzweifeltes "tiranno" heraus. Eine erstaunliche Leistung der Sängerin, die am Theater Basel im Opernstudio engagiert ist. Auch Araspes, Jarbas' Begleiter, kommt als Liebhaber nicht zum Zuge, denn er hat sich wiederum in Selene verguckt, die ihn ihrerseits schnöde zurückweist. Dessen einzige Arie singt Luigi Schifano als Glanzstück virtuosen Countergesangs und erhält dafür verdienten Szenenapplaus. Am rezensierten Abend konnte die Mezzosopranistin Ena Pongrac die zwielichtige Rolle von Didos Minister Osmidas wegen eines Infekts nicht singen. So fielen Darstellung (Pongrac) und Gesang auseinander, was bei diesem szenischen Setting etwas unübersichtlich wirkte. Allerdings gab Florencia Menonci als kurzfristig eingesprungene Sängerin in der einzigen Arie dieser Figur ihr Bestes.

Alles in allem vermochten szenische und musikalische Darstellung Jommellis Oper bis zum berührenden Schluss wirkungsvoll zu fesselndem Bühnenleben zu verhelfen. Da stiegen nämlich alle Personen der Handlung achtlos über Didos zusammengesunkenen Körper hinweg, so als gingen sie zur Tagesordnung über. Eine Frau, die Liebe und Macht nicht hat vereinbaren können: gleichsam ein Kollateralschaden der Politik.


FAZIT

Schlagend macht diese Produktion deutlich, wie bedauerlich, ja sträflich die Vernachlässigung Niccolò Jommellis hierzulande als Opernkomponist ist. So modern als faszinierendes Operndrama kann man jedenfalls seine Didone inszenieren. Weitere Opernhäuser sollten sich Jommellis Opern nicht entgehen lassen.





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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Daniela Dolci

Inszenierung
Lotte de Beer

Bühne und Kostüme
Christof Hetzer

Licht
Roland Edrich

Kampfchoreografie

Ran Arthur Braun

Dramaturgie
Johanna Mangold

 

Statisterie des Theater Basel

Barockensemble Musica Fiorita

 

Solisten

Dido
Nicole Heaston

Aeneas
Vince Yi

Jarbas
Hyunjai Marco Lee*

Selene
Sarah Brady**

Osmidas
Ena Pongrac*

Araspes
Luigi Schifano

* Mitglied des Opernstudios
OperAvenir

** Mitglied des Opernstudios
OperAvenir plus



Weitere Informationen
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Theater Basel
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