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Musiktheater
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Amadis de Gaule

Tragédie lyrique in drei Akten
Libretto von Alphonse-Marie-Denis Devismes nach Philippe Quinault

Musik von
Johann Christian Bach


In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 15' (eine Pause)

Premiere im Stadttheater Bielefeld am 27. April 2019


 

Logo: Theater Bielefeld

Theater Bielefeld
(Homepage)

U-Bahn in die Unterwelt

 Von Thomas Molke / Fotos: Bettina Stöß

Von den Söhnen Johann Sebastian Bachs gilt der jüngste, Johann Christian Bach, nicht nur als einer der Väter und Wegbereiter der Wiener Klassik, der einen großen Einfluss auf den zwei Jahrzehnte jüngeren Wolfgang Amadeus Mozart ausübte, sondern er war auch wie kein anderes Mitglied der Bach-Familie der Welt der Oper zugetan. In seiner gut 20 Jahre währenden Karriere schuf er bis zu seinem Tod mit 46 Jahren insgesamt elf Opern, die sich in drei Abschnitte gliedern lassen. Seine "Frühwerke" entstanden in Italien, wo er als Schüler des Padre Martini in Bologna ursprünglich mit der Komposition religiöser Musik begonnen hatte. Es folgte eine sehr erfolgreiche Zeit in London, wo Bach insgesamt fünf Opern und mehrere Pasticcios komponierte. Während seiner Londoner Zeit führten ihn dann Auftragswerke an das Hoftheater in Mannheim und nach Paris. Für die Académie Royale de Musique in Paris entstand 1779 sein letztes Werk, Amadis de Gaule, dem jedoch kein allzu großer Erfolg beschieden war. Vielleicht lag es an dem dauernden Streit zwischen Gluckisten und Piccinisten, dem schon viele Meisterwerke zum Opfer gefallen waren. Bachs Versuch, im Amadis französische und italienische Stilelemente elegant zu verbinden, führte bei beiden Parteien lediglich zu dem Konsens, das Werk abzulehnen. Das Theater Bielefeld, das es sich schon seit vielen Jahren zur Aufgabe gemacht hat, auch Opernschätze fernab des gängigen Repertoires wiederzuentdecken, präsentiert nun eine neue Inszenierung von Bachs letzter Oper, die vor 10 Jahren zuletzt im Nationaltheater Mannheim zu erleben war (siehe auch unsere Rezension).

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Arcabonne (Hasti Molavian) und Arcalaus (Evgueniy Alexiev) wollen Rache für den Tod ihres Bruders Ardan.

Die Handlung basiert auf einem spanischen Ritterroman des 14. Jahrhunderts über den Lebensweg des Ritters Amadis von Gallien, der sich neben aller geschilderten Heldentaten vor allem durch seine treue Liebe zu der Prinzessin Oriana auszeichnet, deren ständiger Liebesentzug eine größere Gefahr für ihn darstellt als alle Riesen, Zauberer oder gegnerischen Krieger, die er in seinen Abenteuern bekämpfen muss. Im 16. Jahrhundert wurde der Roman ins Französische übersetzt, und Philippe Quinault war der erste, der ein Libretto daraus formte, das Jean-Baptiste Lully 1684 vertonte. Bach komprimierte ein knappes Jahrhundert später mit seinem Librettisten Alphonse-Marie-Denis Devismes das ursprünglich fünfaktige Werk auf drei Akte. Arcalaus, ein Fürst der Finsternis, und seine Schwester Arcabonne wollen gemeinsam den Tod ihres Bruders Ardan rächen, den der Ritter Amadis im Kampf um die schöne Oriane getötet hat. Doch Arcabonne hat sich in den Ritter verliebt, weil er sie vor einem gefährlichen Ungeheuer gerettet hat. Als die beiden Amadis und Oriane mit Hilfe dämonischer Mächte trennen und Amadis in ihr Reich hinabsteigt, um Oriane aus ihrer Gewalt zu befreien, bringt Arcabonne es nicht über sich, Amadis hinzurichten, und lässt stattdessen auf seinen Wunsch hin alle anderen Gefangenen frei. Dennoch ist ihr Versuch, den jungen Ritter für sich zu gewinnen, nicht von Erfolg gekrönt, da dieser Oriane ewige Treue geschworen hat. Arcalaus steigert währenddessen Orianes Zorn auf Amadis. Als er ihr jedoch Amadis' leblosen Körper zeigt, verwandelt sich Orianes Wut in Schuldgefühle. Nun greift die Göttin Urgande ein, um dem schändlichen Treiben des von Hass zerfressenen Geschwisterpaars Einhalt zu gebieten. Arcabonne nimmt sich am Grab ihres Bruders das Leben, Arcalaus entschwindet und Amadis und Oriane werden erneut in Liebe vereint.

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Naturgewalten an der Bielefelder U-Bahnstation (rechts oben: Arcabonne (Hasti Molavian), in der Mitte und links: Opernchor)

Das Regie-Team um Maximilian von Mayenburg lässt die Geschichte in der Gegenwart beginnen, genau genommen an einer U-Bahnstation in Bielefeld. Auf einer Anzeigetafel, die über der zur U-Bahn hinabführenden Rolltreppe hängt, sieht man die vier Bielefelder Linien mit Informationen, die mit Hinweisen wie "verspätet", "fällt aus" und "SEV" dem alltäglichen Nutzer dieses Transportmittels leider nur allzu bekannt vorkommen dürften. Urgande verkauft an dieser Station Blumen und beobachtet wohlwollend das geschäftige Treiben der Menschen. Oriane betreibt einen Kiosk, den sie schließt, als Amadis sich mit ihr dort zum Rendezvous trifft. In diesen ganz gewöhnlichen Alltag brechen nun Arcabonne und Arcalaus in Kostümen ein, die sich deutlich von der Alltagskleidung der restlichen Figuren unterscheiden. Arcabonne erscheint in einem feuerroten langen Kleid über die Rolltreppe aus den Tiefen einer finsteren Welt. Eine grün leuchtende Ranke, die sich über ihre Schulter bis hin zum Hals hochzieht, deutet an, dass sie aus einer anderen naturbehafteten Welt stammt. Gemeinsam mit ihrem Bruder lässt sie die unterdrückten Urgewalten ausbrechen. Der Chor verfängt sich allmählich  in Zweigen, die gewissermaßen aus ihren Kostümen herauswachsen. Wie in Trance steigen sie als Gefangene die Rolltreppe in Arcalaus' finsteres Reich hinab. Der U-Bahn-Betrieb bricht völlig zusammen.

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Arcalaus (Evgueniy Alexiev) versucht, Oriane (Cornelie Isenbürger) zu manipulieren.

Nach der Pause befindet man sich im inneren der U-Bahnstation. Die Bühne ist emporgefahren und wird von einem riesigen Baumstamm in der Mitte dominiert. In diesem Baum befindet sich Arcabonnes verstorbener Bruder Ardan, der seiner Schwester wie aus einer anderen Welt prophezeit, dass sie aus Liebe zu Amadis ihren Auftrag verraten werde. Die Maske hat bei Ardan ganze Arbeit geleistet, so dass er in dem Baum zunächst gar nicht zu erkennen ist. Musikalisch wird Moon Soo Parks Stimme durch einen Hall entstellt, was die ganze Szene noch unheimlicher macht. Der Baum setzt sich dann auf der oberen Hauptbühne fort und zeigt, dass sich die Natur den Ort um die Station zurückerobert hat. Der Kiosk ist auseinandergefallen und wird von Ranken dominiert. Oriane wird im oberen Teil des Baumes von Arcalaus gefangen gehalten. Unklar bleibt, wieso Arcabonne im finsteren Reich Amadis niedersticht. Zwar hat ihn Coryphée mit einem Sack über dem Gesicht in das finstere Reich hinabgeführt, so dass Arcabonne ihn nicht direkt erkennt. Aber anschließend hat man schon das Gefühl, dass sie über seinem Leichnam trauert. Das rote Tuch, mit dem sie ihn bedeckt, deutet ihren Versuch an, den geliebten Ritter für sich zu gewinnen. Urgande hat sich von der Blumenfrau nun ebenfalls in eine Art Naturgewalt verwandelt und führt Amadis und Oriane erneut zusammen. Da bleibt Arcabonne nichts anderes übrig, als den Dolch gegen sich selbst zu richten und sich mit letzter Kraft gemeinsam mit ihrem Bruder in die Tiefe der U-Bahnstation zurückzuziehen, während auf der Hauptbühne der Sieg der Liebe gefeiert wird.

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Arcabonne (Hasti Molavian, unten Mitte) versucht vergeblich, ihre Gefühle für Amadis (Lianghua Gong, unten Mitte) zu bekämpfen (oben: Opernchor).

Musikalisch bewegt sich der Abend auf gutem Niveau. Bachs Musik, die in den sinfonischen Passagen und den Chorszenen stark an Glucks Reformopern erinnert und in den dramatischen Arien als Vorstufe zu Mozart betrachtet werden kann, könnte von den Bielefelder Philharmonikern unter der Leitung von Merijn van Driesten allerdings noch ein bisschen pointierter herausgearbeitet werden. Einiges klingt ein bisschen breit und undifferenziert. Da ist noch Spielraum für die folgenden Vorstellungen. Der Bielefelder Opernchor unter der Leitung von Hagen Enke überzeugt darstellerisch und stimmlich durch Homogenität und Durchschlagskraft. Hasti Molavian begeistert als Arcabonne mit dramatischem Sopran und wird dieser zwischen Liebe und Hass schwankenden Figur auch darstellerisch durch intensives Spiel gerecht. In den Höhen lässt sie der Verzweiflung der gegen ihre Gefühle ankämpfenden Frau mit großem Ausdruck freien Lauf. Evgueniy Alexiev gestaltet den Bösewicht Arcalaus mit markanten, schwarzen Tiefen, geht in den Höhen allerdings bisweilen an seine Grenzen. Überzeugend gelingt ihm das diabolische Spiel. Lianghua Gong meistert die Titelpartie mit leichtem, sicherem Tenor, der in den Höhen enorme Strahlkraft besitzt. Cornelie Isenbürger punktet als seine Geliebte Oriane mit leuchtendem Sopran. Bei Nohad Becker als Urgande hätte man sich gewünscht, dass sie mehr zu singen hätte. Für ihren satten Mezzosopran ist ihr Auftritt stimmlich eigentlich zu kurz. Nienke Otten und Moon Soo Park runden als Coryphée und Ardan das Solisten-Ensemble überzeugend ab, so dass es für alle Beteiligten verdienten und großen Beifall gibt.

FAZIT

Johann Christian Bachs Oper ist musikalisch gefällig, als ganz großer Wurf kann sie allerdings nicht bezeichnet werden. Die Bielefelder Produktion macht das Beste daraus und überzeugt szenisch und musikalisch.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Merijn van Driesten   

Inszenierung
Maximilian von Mayenburg   

Bühne und Kostüme
Sophie du Vinage
Sylvie Berndt

Licht
Ralf Scholz

Choreinstudierung
Hagen Enke

Dramaturgie
Anne Christine Oppermann

 

Bielefelder Philharmoniker

Bielefelder Opernchor


Solisten

*Premierenbesetzung

Amadis
Lianghua Gong

Oriane
Cornelie Isenbürger

Arcabonne
Hasti Molavian

Arcalaus
Evgueniy Alexiev

Ardan
Moon Soo Park

Urgande
Nohad Becker

Coryphée
Dorine Mortelmans /
*Nienke Otten

Zwietracht
*Franziska Hösli /
Elena Schneider

Der Hass
*Yun-Geun Choi /
Tae-Woon Jung

 

 

Weitere Informationen
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