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b.40

Pacific

Ballett von Mark Morris
Musik von Lou Harrison ( 3. Satz VDance, Rhapsody and Song) und 4. Satz Allegro aus dem Trio für Violine, Violoncello und Klavier

Locus Trio

Ballett von Trisha Brown

Night Wandering

Ballett von Merce Cunningham
Musik von Bo Nilsson (Bewegungen, Quantitäten, Schlagfiguren)

Offenbach Overtures

Ballett von Paul Taylor
Musik von Jacques Offenbach (Overtüren zu La Grand-Duchesse de Gérolstein, Barbe-bleu und Les Fées du Rhin, American Eagle Waltz, Galop aus Les Flocons de Neige)

Aufführungsdauer: ca. 2h (zwei Pausen)

Premiere am 8. Juni 2019 im Opernhaus Düsseldorf
(rezensierte Aufführung: 24.Juni 2019)


Homepage

Ballett am Rhein / Rheinoper
(Homepage)
Die Mathematik des Tanzes

Von Stefan Schmöe / Fotos von Gert Weigelt

Es ist ein Tanzabend, der ganz dem amerikanischen modern dance gewidmet ist. Programmatisch versucht Ballettchef Martin Schläpfer damit einmal mehr den Spagat zwischen Uraufführungen und Werken des Repertoires, die Entwicklungen aufzeigen und im besten Fall deutlich machen, auf welchen Säulen Schläpfers Arbeiten basieren. Jetzt also die Amerikaner, zumal in diesem Jahr der 100. Geburtstag von Merce Cunningham, Ikone nicht nur des amerikanischen Tanzes, gefeiert wird. Dass der aktuelle Ballettabend b.40 mit vier Werken nur rund zwei Stunden kurz ist, darin enthalten zwei Pausen, ist gar nicht einmal ein Fehler. Schließlich wird dem Publikum einiges zugemutet - ein sommerlich leichter Saisonabschluss ist das jedenfalls nur im Schlussteil geworden.

Vergrößerung Locus Trio: Feline van Dijken, Marjolaine Laurendeau, Sonny Locsin

Im Zentrum des Abends stehen zwei kurze Werke von Trisha Brown und eben Merce Cunningham. Beide verbindet nicht nur, dass sie sich lossagen von einem erzählenden und im konventionellen Sinn emotional besetzten Tanz, sondern auch, dass sie nicht einem musikalischen Impuls folgen. Cunninghams Night Wandering ist unterlegt von Klaviermusik des schwedischen Komponisten Bo Nilsson (1937 - 2018), ohne Metrum, mit wilden Intervallsprüngen und abrupten Lautstärkewechseln (aus heutiger Sicht klingt das ziemlich klischeemäßig nach "neuer Musik", die sich wunderbar parodieren lässt); aber Cunningham hat die Choreographie unabhängig von der Tonspur entwickelt, die autonom nebenher läuft. Trisha Brown hat in Locus Trio sogar gleich ganz auf Musik verzichtet. Beide Choreographen arbeiten zudem mit Zufallsprinzipien und quasimathematischen Strukturen - Cunningham in streng artifiziellem Gestus, Brown ist freien, fast alltäglichen Bewegungsfolgen, die schnell Schlagworte wie "Demokratisierung des Tanzes" provozieren, als könne plötzlich jeder so tanzen. Tatsächlich sind die einzelnen Elemente nicht mehr streng "akademisch"; aber die Komplexität der detailverliebten, in geometrischen Strukturen entwickelten Choreographie widerspricht der vermeintlichen Einfachheit prompt wieder. Den Zufall ersetzt hier ein kurzer Text mit biographischen Aussagen über Trisha Brown - die Buchstaben werden "übersetzt" in dreidimensionale Körperpositionen. In lässigen weißen Hosenanzügen wird das von Feline van Dijken, Majorlaine Laurendeau und Sonny Locsin bravourös getanzt. Locus Trio, uraufgeführt 1980, ist in seiner hochkonzentrierten Anlage eine faszinierende 10-Minuten-Miniatur über alles Wundersame, was in vermeintlicher Alltagsbewegung steckt. Alle Bewegung ist Kunst? Ja, wenn man sich ihrer Schönheit, oder vielleicht besser: Ihren Möglichkeiten an Schönheit, bewusst wird.

Vergrößerung

Night Wandering © Merce Cunningham Trust: Michael Foster, Camille Andriot

Nach der Stille des unbegleiteten Brown-Trios wirkt Bo Nilssons Musik zunächst wie ein leichter Schock - selbst geübte Ohren müssen sich erst einmal einhören, und wenn die Konzentration sich auf das Bühnengeschehen richtet, wird das nicht einfacher. Pianistin Alina Bercu schönt und romantisiert nichts, lädt die Musik auch nicht espressivo auf - eine nüchterne Sachwalterin. Das nach der Musik nächste Rätsel des Zwei-Personen-Stücks sind die Kostüme von Robert Rauschenberg, eine Art Pelzumhang für die Dame, ein rotes Oberteil mit Fellüberwurf für den Herrn - ästhetisch befindet sich die Kreation irgendwo zwischen dem neuesten Chick und Steinzeit-Look. Ein Mann, eine Frau: Natürlich steht die klassische Pas de deux-Situation im Raum, aber alle Konvention ist ausgeschaltet, läuft bestenfalls als Passepartout, als Assoziationsrahmen mit. Immer wieder stehen die beiden hintereinander, die Arme vorgeschoben - aber ohne den anderen wirklich zu halten. Die 1958 in Stockholm uraufgeführte Choreographie wirkt angestrengter, in der Auslotung von Raum und Bewegung mit nur zwei Personen konstruierter, weniger zugänglich als Trisha Browns spätes Gegenstück. Von allen Werken des Abends bleibt hier am stärksten der Eindruck, ein Zeitdokument des Tanzes zu sehen, das vor allem im historischen Kontext von Bedeutung ist. Gleichwohl: In den intensiven vielleicht 15 Minuten, von Wun Sze Chan und Bruno Narhammer hochkonzentriert realisiert, nähert man sich ein Stück weit dem Wesen des Tanzes wie auf einem Seziertisch.

Vergrößerung Pacific: Ensemble

Sehr viel einfacher hat man es mit den beiden Choreographien, die um dieses Zentrum herum angeordnet sind. Pacific von Mark Morris, 1995 am San Francisco Ballett uraufgeführt, wird zu Musik von Lou Harrison (1917 - 2003) getanzt, die bei maßvoller Modernität und neoklassizistischer rhythmischer Anlage angenehm zu hören ist und von der Choreographie unmittelbar aufgegriffen wird. Morris entwickelt extrem klare Strukturen, erst eine Gruppe von drei Männern, dann ein Paar, schließlich eine weitere Gruppe von vier Frauen, jeweils farblich klar gekennzeichnet. Die Bewegungsfolgen sind ritualhaft, beinahe wie für mechanische Spieluhren, und jede Geste erscheint groß und gewichtig. Aus dem Stillstand skulpturaler Körperhaltungen erwachsen fast explosionsartig fließende Abläufe, oft synchron getanzt, sodass das Individuum hinter der bewusst artifiziellen, aber immer harmonischen Struktur zurücktritt. Pacific ist ein unmittelbar die Sinne ansprechendes, abstraktes Gesamtkunstwerk.

Vergrößerung

Offenbach Overtures: Pedro Maricato, Vincent Hoffman

Den Abschluss bilden, passend zum 200. Geburtstag von Jacques Offenbach, die Offenbach Overtures von Paul Taylor, uraufgeführt 1995. Dirigent Patrick Francis Chestnut führt die Duisburger Philharmoniker schwungvoll durch die Overtüren zur Großherzogin von Gerolstein Blaubart und Die Rheinnixen sowie den American Eagle Waltz (mit Johannes Mielke an der Solotrompete). Taylor greift die satirisch-parodistische Haltung Offenbachs auf, indem er das hehre Pathos des klassischen Balletts ironisch unterläuft. Die Herren tragen lange Schnurrbärte und erinnern an Soldaten, die Damen an Varieté-Tänzerinnen der Offenbachzeit. Der heilige Ernst des großen Balletts wird immer wieder unterlaufen. Den Witz von Jerome Robbins' Ballettsatire The Concert (aufgeführt im Ballettabend b.29) erreicht Taylor aber nicht, weil er bei manchem lustigen Detail vor dem echten Slapstick zurückschreckt und eine Spur zu brav bleibt. Amüsant ist's trotzdem, und den Geist Offenbachs trifft das Werk allemal. Zudem spiegelt dieses Finale auch zurück auf die Choreographien zuvor: Wo Mark Morris, Trisha Brown und Merce Cunningham durch extreme Reduktion und Autonomie der Mittel dem tradierten Ballettbegriff entkommen, führt Taylor ihn mit Humor ad absurdum.


FAZIT

Ein nicht ganz einfacher, aber erhellender und aufregender Ballettabend.


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Produktionsteam

Pacific

Choreographie
Mark Morris

Kostüme
Martin Pakledinaz

Licht
James F. Ingalls

Einstudierung
Tina Fehland

Violine
Franziska Früh

Violoncello
Doo-Min Kim

Klavier
Alina Bercu

Tänzerinnen und Tänzer

*Besetzung der rezensierten Aufführung

Ann-Kathrin Adam
Doris Becker
Rubén Cabaleiro Campo
Sinthia Liz
Cassie Martín
Marcos Menha
Chidozie Nzerem / *Tomoaki Nakanome
Marié Shimada / *So-Yeon Kim
Eric White


Locus Trio

Choreographie, Visual Design, Kostüme
Trisha Brown

Licht
Thomas Diek

Einstudierung
Diane Madden


Tänzerinnen und Tänzer

*Besetzung der rezensierten Aufführung

*Feline van Dijken / Rubén Cabaleiro Campo
*Marjolaine Laurendeau / Norma Magalhães
*Sonny Locsin / Daniel Vizcayo


Night Wandering

Choreographie & Design
Merce Cunningham
© The Merce Cunningham Trust

Kostüme
Robert Rauschenberg

Lichtdesign
Beverly Emmons

Einstudierung
Julie Cunningham

Klavier
Alina Bercu


Tänzerinnen und Tänzer

*Besetzung der rezensierten Aufführung

Camille Andriot / *Wun Sze Chan
Michael Foster / *Bruno Narnhammer


Offenbach Overtures

Choreographie
Paul Taylor

Bühne und Kostüme
Santo Loquastro

Licht
Jennifer Tipton

Dirigent
Patrick Francis Chestnut

Trompete
Johannes Mielke


Tänzerinnen und Tänzer

*Besetzung der rezensierten Aufführung

Alexandra Inculet / *Cassie Martín
Chidozie Nzerem / *Marcos Menha
Ann-Kathrin Adam
Camille Andriot
Doris Becker
*Wun Sze Chan / Marjolaine Laurendeau
*Feline van Dijken / Sonia Dvořák
Aleksandra Liashenko
*Yoav Bosidan / Rashaen Arts
Vincent Hoffman
Pedro Maricato
*Tomoaki Nakanome / Eric White
Alexandre Simões
*Daniel Smith / Arthur Stashak



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Ballett am Rhein
(Homepage)



Da capo al Fine

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