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Musiktheater
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Pique Dame

Oper in drei Akten
Text von Modest Iljitsch Tschaikowsky nach der gleichnamigen Novelle von Alexander S. Puschkin
unter Verwendung von Versen von Konstantin Batjuschkow, Gawrila Derschawin und Wassily Schukowsky
Musik von Peter Iljitsch Tschaikowsky

in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln 

Aufführungsdauer: ca. 3h 20' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Düsseldorf am 25. Mai 2019


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Rheinoper
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Russischer Jetset am Hollywood-Pool

Von Thomas Molke / Fotos von Hans Jörg Michel

Tschaikowskys vorletzte Oper Pique Dame gilt als Meilenstein der russischen Opernliteratur, da sie in ihrer szenischen Opulenz als Antwort auf die französische Grand opéra verstanden werden kann und musikalisch den Melodienreichtum des italienischen Belcanto mit dem literarischen, ernsthaften deutschen Musikdrama verbindet. Auch wenn das Werk im Vergleich zu Eugen Onegin auf deutschen Bühnen eher selten auf dem Spielplan steht, entwickelte es sich in Russland zum Sinnbild einer ganzen Epoche. Dabei hatte Tschaikowsky zunächst gar kein Interesse an einer Vertonung der Puschkin-Vorlage. Bereits 1885 beauftragte Fürst Iwan Wsewoloschsky, der Direktor des Kaiserlichen Theaters in St. Petersburg, Tschaikowskys Bruder Modest ein Libretto nach Puschkins Novelle zu verfassen, das zunächst Tschaikowskys Schüler Nikolaj Klenowsky vertonen sollte. Doch dieser brach die Komposition im März 1888 nach der vierten Szene ab. Ab Januar 1890 begann dann Tschaikowsky, für dieses Projekt zu brennen, und schuf während seines Italienaufenthalts im Frühjahr 1890 in kurzer Zeit eine Rohfassung. Am 19. Dezember 1890 wurde die Oper dann am Mariinski-Theater in St. Petersburg mit dem russischen Startenor Nikolaj Figner als Hermann in einer opulenten Inszenierung mit insgesamt 297 Mitwirkenden uraufgeführt und markierte Tschaikowskys größten Opernerfolg, der ihm am Ende seiner Karriere erstmals ermöglichte, finanziell auf eigenen Füßen zu stehen.

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Hermann (Sergey Polyakov) hat sich in Lisa (Elisabet Strid) verliebt.

Im Gegensatz zu Puschkins Novelle spielt die Handlung bei Tschaikowsky nicht im frühen 19. Jahrhundert, sondern in der Spätzeit der Zarin Katharina der Großen. Neu ist auch die Figur des Fürsten Jeletzki, der mit Lisa, der Enkelin der geheimnisvollen Gräfin, verlobt ist. Hermann, ein deutscher Offizier, hat sich in Lisa verliebt, die aufgrund des Standesunterschiedes allerdings unerreichbar für ihn erscheint. Da erfährt er von seinem Freund, dem Grafen Tomski, dass die Gräfin in ihrer Jugend um den Preis einer Liebesnacht das Geheimnis dreier gewinnbringender Karten beim Spiel in Erfahrung gebracht habe. Dieses Geheimnis will Hermann ihr entlocken, um damit Lisa zu gewinnen. Heimlich lauert er der Gräfin in ihrem Schlafgemach auf und bedroht sie, ihm die drei Karten zu verraten. Doch die Gräfin stirbt, bevor Hermann eine Antwort erhält. Später erscheint sie ihm als Geist und nennt ihm drei Karten: Drei, Sieben und Ass. Von nun an ist Hermann besessen, sein Glück im Spiel zu machen. Lisa, die mittlerweile ihre Verlobung mit Jeletzki gelöst hat, um mit Hermann zu fliehen, muss erkennen, dass das Spiel für Hermann wichtiger ist als sie und nimmt sich in der Newa das Leben. Hermann ist derweil im Kasino mit den ersten beiden Karten sehr erfolgreich. In der dritten Runde will keiner mehr gegen ihn antreten. Nur Jeletzki stellt sich dem Spiel. Hermann setzt alles auf das Ass. Doch die gezogene Karte ist die Pique Dame. Der Geist der Gräfin erscheint Hermann erneut und triumphiert. Hermann nimmt sich das Leben.

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Maskenspiel zur Unterhaltung: von links: Zeremonienmeister (Luis Fernando Piedra), Polina als Milowzor (Maria Kataeva), Mascha als Prilepa (Daria Muromskaia) und Tomski als Slatogor (Alexander Krasnov)

Das Regie-Team um Lydia Steier verlegt die Handlung vom ausgehenden 18. Jahrhundert in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Aus dem internationalen Jetset zur Zeit der Zarin Katharina II. wird eine Pool-Party in Hollywood, wo sich die Stars und Sternchen versammeln, um den American Dream zu verwirklichen. Bärbl Hohmann hat dafür ein riesiges Konstrukt mit einem Pool auf der linken Seite und Liegestühlen auf der rechten Seite entworfen, das sich durch einen weißen Vorhang und verschiedene Prospekte im Hintergrund schnell in Lisas Zimmer beziehungsweise das Schlafgemach der Gräfin oder ein kleines Theater verwandeln lässt, in dem im dritten Bild ein Maskenspiel stattfindet. Ursula Kudrna hat für diese Party und das Rokoko-Spiel aufwändige Kostüme entworfen, die die Oberflächlichkeit der Zeit glaubhaft einfangen. Natürlich wird hier auch mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen gespielt, sei es als Anspielung auf den Komponisten selbst oder mit Blick auf das Geschehen in Hollywood. Der Ruhm führt durch das Bett der einflussreichen Menschen. Das können für einen Statisten in knapper Badehose der gutsituierte Tschekalinski sein, der ihn am Pool mit kostbarem Schmuck beschenkt, oder eben für Hermann die Gräfin, die als Geist in seiner Traumsequenz für das verratene Geheimnis eine körperliche Bezahlung einfordert. Besonders beeindruckend gelingt die Szene im Schlafgemach der Gräfin, die optisch stark an Norma Desmond aus Sunset Boulevard erinnert. Hinter ihrem Bett wird ein Prospekt mit einem riesigen Bild einer großen Stummfilm-Diva herabgelassen, das ihre wehmütigen Erinnerungen an ihre Jugend noch unterstreicht.

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Die Gräfin (Hanna Schwarz)

Unklar bleibt die Funktion eines Kindes, das im ersten Bild inmitten von zahlreichen Cowboys in einem weißen Kostüm mit einer weißen Feder auftritt. Wenn die Cowboys dieses Kind im Pool ertränken wollen, rettet Hermann es zunächst. Nach der Pause erscheint dieses Kind in Hermanns Traumvisionen erneut. Nun scheint es allerdings eine Bedrohung darzustellen, und Hermann versucht, es zu töten. Der Pool ist auf der Bühne nun verschwunden. Stattdessen wird ein Steg herabgelassen, über den zunächst der Geist der Gräfin erscheint, um Hermann die geheimnisvollen Karten zu verraten. Später wird Lisa über diesen Steg aus dem Leben scheiden. Statt des Pools wird nun aus dem Bühnenboden das Spielkasino mit zahlreichen grünen Tischen hochgefahren. Für Unverständnis sorgen bei Tomskis unanständigem Lied über die Frauen zwei blutbeschmierte Bunnies, die Tomski während des Liedes regelrecht ausweiden, während die anderen Teilnehmer nach und nach von Hermann getötet werden. Wahrscheinlich soll das eine Wahnvorstellung Hermanns sein, der sich mit der Kenntnis der drei Karten nun für unbesiegbar hält. Schließlich trägt er nun wie die anderen Herren einen schwarzen Anzug und stellt optisch keinen Außenseiter mehr da.

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Hermann (Sergey Polyakov, rechts) hält sich für unbesiegbar (von links: Jeletzki (Dmitry Lavrov), Tschaplitzki (Andrés Sulbarán), Tschekalinski (Johannes Preißinger) und Surin (Beniamin Pop)).

Musikalisch bewegt sich die Aufführung auf hohem Niveau. Aziz Shokhakimov taucht mit den Düsseldorfer Symphonikern bewegend in die emotionsgeladene Musik Tschaikowskys ein, die in vielen Momenten die Nähe zu Eugen Onegin nicht verleugnen kann. Sergey Polyakov verfügt als Hermann über einen höhensicheren Tenor, der in den Spitzentönen glänzen kann und die Entwicklung der Figur glaubhaft nachvollziehen lässt. So lässt man sich genau wie Lisa von diesem Mann am Anfang blenden und muss entsetzt zusehen, wie er in sein Verderben rennt. Elisabeth Strid stattet die Lisa mit großem dramatischem Sopran aus. Steier sieht sie optisch genauso als Außenseiterin wie Hermann. Beide passen nicht in dieses "Reich der Schönen", was sich auch in Lisas unvorteilhaftem Kleid ausdrückt. Am Ende gönnt Steier den beiden allerdings eine Wiedervereinigung im Tod. Lisa reicht Hermann eine Brille, um endlich "sehend" zu werden, und verträumt blicken die beiden ins Publikum, während der Vorhand sich schließt. Alexander Krasnov begeistert als Graf Tomski mit kräftigem Bass und lässt sowohl seine Erzählung im ersten Akt über die Gräfin als "Vénus moscovite" als auch sein Lied im dritten Akt zu einem musikalischen Höhepunkt des Abends avancieren. Dmitry Lavrov stattet den Fürsten Jeletzki, der in der musikalischen Gestaltung Züge des Fürsten Gremin aus Eugen Onegin trägt, mit dunklem Bariton aus. Maria Kataeva punktet im Duett mit Strid im zweiten Bild und beim Schäferspiel als Lisas Freundin Polina mit sattem Mezzosopran.

Für die Partie der Gräfin ist Hanna Schwarz verpflichtet worden. Mit enormer Bühnenpräsenz versprüht sie die Aura eines unnahbaren geheimnisvollen Stars, der die ganze Szene beherrscht. Oft sind es nur Blicke und kleine Gesten, die Schwarz ganz gezielt einsetzt. Bewegend gestaltet sie das wehmütige französische Lied "Je crains de lui parler la nuit" im zweiten Akt, das sie gedankenverloren singt, bevor sie einschläft. Regelrecht diabolisch tritt sie nach der Pause als Geist auf, verrät Hermann das Geheimnis und stachelt ihn an, in sein Verderben zu rennen. Die übrigen Solisten und der von Gerhard Michalski homogen einstudierte Chor runden den Abend musikalisch wunderbar ab, so dass es am Ende für alle Beteiligten verdienten Beifall gibt.

FAZIT

Lydia Steiers Übertragung der Geschichte nach Hollywood geht im Großen und Ganzen auf. Musikalisch lässt der Abend keine Wünsche offen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Aziz Shokhakimov

Inszenierung
Lydia Steier

Bühne
Bärbl Hohmann

Kostüme
Ursula Kudrna

Chor
Gerhard Michalski

Kinderchor
Justine Wanat

Licht
Stefan Bolliger

Dramaturgie
Mark Schachtsiek

 

Düsseldorfer Symphoniker

Chor der Deutschen Oper am Rhein

Akademie für Chor und Musiktheater

Statisterie der Deutschen Oper am Rhein

 

Solisten

*Premierenbesetzung

Hermann
*Sergey Polyakov /
Sergej Khomov 

Graf Tomski / Slatogor
*Alexander Krasnov /
Stefan Heidemann

Fürst Jeletzki
Dmitry Lavrov

Die Gräfin
Hanna Schwarz

Lisa
Elisabet Strid

Polina / Milowzor
*Maria Kataeva /
Maria Boiko

Mascha / Prilepa
Daria Muromskaia

Tschekalinski
Johannes Preißinger

Surin
Beniamin Pop

Tschaplitzki
Andrés Sulbarán

Narumow
Andrei Nicoara

Zeremonienmeister
*Luis Fernando Piedra /
Bohyeon Mun

Der Aufsteiger
Philipp Vorjohann

Das Kind
Luke Gondek

Klavierspielerin
Anastasiya Titovych

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Deutschen Oper am Rhein
(Homepage)



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