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Echnaton

Oper in drei Akten
Libretto von Philip Glass in Zusammenarbeit mit Shalom Goldmann, Robert Israel und Richard Riddell
Gesangstexte von Shalom Goldmann basierend auf Originalquellen
Musik von Philip Glass


in deutscher, ägyptischer, akkadischer, aramäischer und englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 24. Mai 2019




Theater Dortmund
(Homepage)

Das Reich des Sonnenpharaos geht unter in Abstraktion

Von Stefan Schmöe / Fotos von Björn Hickmann

In der schönsten Szene der Aufführung steht Pharao Echnaton - ein Kunstwesen, ein wenig einem Schmetterling ähnelnd - in einem leuchtenden Reif, Ausdruck des neuen Aton-Kultes, dem Sonnengott, der die alten Gottheiten ablösen soll. Würde Countertenor David DQ Lee an dieser musikalisch vielleicht reizvollsten Stelle der Oper weniger angestrengt, weniger flackernd, weniger die Intonation eintrübend singen, der Moment wäre ein ganz großer. So ist es ein beinahe großer, und er steht durchaus typisch für diese Aufführung, die von ihrer Bildmächtigkeit leben möchte, was ihr, sagen wir mal: ganz gut gelingt. Meistens.

Szenenfoto

Vor rund einem Jahr hat Laura Scozzi in Bonn dem oratorisch-statischen Werk eine ganz neue, brandaktuelle Story übergestülpt, bei der es um die religiöse Radikalisierung einer Schülerin ging, die sich in die Welt der Pharaonen hinüberträumt. Da wurde der minimal music von Philip Glass, die auf Psychologisierung der Figuren und dramatische Zuspitzung verzichtet, bewusst eine szenisch komplementäre Dramatik entgegengesetzt. Das Theater Dortmund geht in diesem spartenübergreifenden Projekt von Oper und Ballett den entgegengesetzten Weg: Alle konkreten Handlungselemente werden aus dem Stück hinausgeworfen und durch eine weitgehend abstrakte Choreographie ersetzt. Die Kostüme (Ausstattung: Tatyana van Walsum) bewegen sich zwischen Altägypten und Science Fiction und sind meistens ziemlich gut gelungen (ein paar Fehlgriffe gibt es), spielen mit Farben (Rot für die alte Religion, Gold für den neuen Kult). Die Bühne hebt und senkt sich viel, was für fließende Bewegung sorgt. Es gibt ein paar interessante Plexiglaselemente, die sich zum Untergang Echnatons effektvoll mit Sand füllen. Das fängt den drohenden Oratoriencharakter ganz gut auf.

Szenenfoto

Kurzes Liebesglück in China: Sou-Chong und Lisa

Für Regie und Choreographie ist Giuseppe Spota zuständig, der junge designierte Ballettchef der benachbarten Gelsenkirchener Compagnie. Mit dem Juniorballett NRW (unter dem nicht sehr glücklichen Namen firmiert das vom Dortmunder Ballettchef Xin Peng Wang gegründete Nachwuchsensemble) schafft er eine Reihe von aparten Bildern, wobei er barfuß und fast durchweg in der Gruppe tanzen lässt. Das ist schön anzusehen, keine Frage, aber gleichzeitig ausgesprochen harmlos - kaum eine Szene, die sich einprägen würde, die wirklich berührt. Ob Spota dem ordentlichen, wenn auch kaum sich profilierenden Ensemble nicht mehr zumuten wollte? Am Beginn wird der Tod des alten Pharaos mit einem pas de deux dargestellt, wobei die Tänzer Körper und Kopf darstellen, die sich trennen (würde man's verstehen, wäre es nicht im Programmheft erklärt?). Da zeigt sich immerhin eine Spur von Mut zur Gestaltung, den man ansonsten doch sehr vermisst. Nicht, dass Spota anbiedernd choreographieren würde; irgendwie sieht das schon modern aus und passt auch zur Musik. Aber es ist eben sehr, sehr brav: Eine Choreographie mit Sicherheitsabstand zu dem, was an dieser Oper bewegen könnte.

Szenenfoto

Fast wie im Tatort: Claus Dieter Clausnitzer als Erzähler

Leider bleibt Spota auch ästhetisch nicht konsequent genug. Es gibt ein paar schicke Videoanimationen, darunter zu Beginn des dritten Aktes eine mit einer angedeuteten Großstadtlandschaft. Da bekommt man eine Idee, dass die Oper vielleicht über die reine Kunst hinaus eine Bedeutung für unsere Zeit haben könnte. Wenn sich aber kurz das Dortmunder Fußballstadion andeutet und das mit Raunen und Gelächter quittiert wird, ist das ein Stilbruch. Den gibt es auch bei der Besetzung der Sprechrolle, ein Erzähler (und Reiseführer im Epilog), der aus dem Bühnengeschehen herausgelöst ist und an der Rampe agiert. Darsteller Claus Dieter Clausnitzer hat es zu einiger Fernsehpopularität gebracht, vor allem als kiffend Taxi fahrender Vater des Tatort-Kommissars aus Münster, und optisch wie im Sprechduktus hat er einiges von der Schnoddrigkeit dieser Figur nach Dortmund mitgebracht - was als Kontrast zum Abgesang auf Echnaton im Epilog ganz gut passt, nicht aber zu den historischen Texten wie dem überlieferten Sonnenhymnus des Echnaton. Im Rahmen dieser durch und durch artifiziellen Choreographen-Regie wäre eine Verbeugung vor dem Text, die sich auch in der Sprache ausdrückt, jedenfalls naheliegender gewesen.

Szenenfoto

Das Juniorballett NRW

Bleiben die musikalischen Probleme. Die Unsicherheit von David DQ Lee, der die Patie ansonsten ordentlich absolviert, wurde bereits angesprochen; vielleicht fühlt er sich im offenen, möglicherweise akustisch schwierigen Raum nicht wohl. Da kann vor allem der klangprächtige, rhythmisch präzise, ja geradezu "harte" Chor, oft im Staccato-Modus, glänzen (Einstudierung: Fabio Mancini) - das zuverlässige Orchester spielt weniger pointiert, in der Gestaltung weniger bewusst, was zu einem leichten Bruch führt. Dirigent Motonori Kobayashi hält Orchester und Bühne souverän zusammen, eine klare Handschrift trägt die Interpretation allerdings nicht. Schwerer wiegt, dass die Klangbalance nicht wirklich gut gelungen ist, was vor allem die männlichen Solisten betrifft. Mandla Mndebele als General Haremhab und Denis Velev als Nofretetes Vater Aye werden fast durchweg von Chor und Orchester zugedeckt und sind viel zu schlecht zu hören (was man erahnt, klingt überzeugend), was sicher nicht an den Sängern liegt. Besser kann sich Fritz Steinbacher mit hellem Tenor als Priester behaupten. Ungleich durchsetzungsfähiger sind die hohen Stimmen, das sind Aytaj Shikhalizada als strahlende Nofrete (Echnatons Gemahlin) und Anna Sohn als deren Mutter Teje.

Szenenfoto

Echnatons Ende

Am Ende gab es stehende Ovationen, das erste "Bravo" kam zu früh (da gab's noch den Epilog zu spielen ), dazu ziemlich undifferenziertes Johlen und schrilles Pfeifen, egal, wer gerade an die Rampe trat. Die Kooperation von (Junior) Ballett und Oper hat ihre Fans, und Philip Glass' Musik wohl auch.

FAZIT

Giuseppe Spota und sein Team liefern mit ihren Kunstwelten eine Reihe von tollen Bildern, bleiben mit der gefällig-zahnlosen Choreographie dem Werk aber auch manches schuldig. Sicher keine schlechte Produktion, ja, eine durchaus sehenswerte, aber zum großen Glück fehlt es dann doch an Präzision, Konsequenz und Mut.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Motonori Kobayashi

Regie und Choreographie
Giuseppe Spota

Co-Regie
Pasquale Plastino

Bühne und Kostüme
Tatyana van Walsum

Licht
Bonnie Beecher
Stefan Schmidt

Chor
Fabio Mancini

Dramaturgie
Merle Fahrholz
Heribert Germeshausen


Chor der Oper Dortmund

Dortmunder Philharmoniker


Solisten

Echnaton
David DQ Lee

Nofretete
Aytaj Shikhalizada

Königin Teje
Anna Sohn

Haremhab
Mandla Mndebele

Hoher Priester des Amun
Fritz Steinbacher

Aye
Denis Velev

Erzähler, Amenophis,
Schreiber, Reiseführer
Claus Dieter Clausnitzer

TänzerInnen (Juniorballett NRW)
Amélie Demont
Loïs Martens
Rion Natori
Yume Okano
Martina Renau
Giuditta Vitiello
Yingyue Wang
Daniel Leger
Márcio Barros Mota
Guillem Rojo i Gallego
Duccio Tariello


Weitere
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Da capo al Fine

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