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Musiktheater
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Quartett

Oper in dreizehn Szenen nach dem gleichnamigen Theaterstück von Heiner Müller
Libretto und Musik von Luca Francesconi


in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (keine Pause)

Realisation in Zusammenarbeit mit IRCAM (Institute for Research and Coordination in Acoustics/Music)
Premiere im Opernhaus Dortmund am 18. April 2019
(rezensierte Aufführung: 5. Mai 2019)




Theater Dortmund
(Homepage)

Weltuntergangserotik

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thomas Maximilian Jauk, Stage Picture

Ein Quartett für zwei: Der Titel dieser Oper ist, vorsichtig formuliert, missverständlich. Es gibt nämlich nur zwei Sängerdarsteller, die Marquise de Merteuil und den Vicomte de Valmont. Das gegenseitige sexuelle Verlangen ist Vergangenheit, verbindend bleiben die ausgesprochen lieblosen sexuellen Fantasien, die sich auf andere richten: Die tugendhaft-fromme Madame de Tourvel und die jungfräuliche Volange. Damit ist dann das Quartett von Charakteren gegeben. Mertuil und Valmont spielen die mögliche - oder vergangene, ganz klar ist das nicht - Entwicklung durch, übernehmen die Rollen der beiden Abwesenden (für die das zynische Spiel ein tödliches Ende nehmen wird). Heiner Müller hat das Zwei-Personen-Schauspiel 1980 nach dem Briefroman Gefährliche Liebschaften von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos, erschienen 1782, geschrieben, Luca Francesconi wiederum aus Müllers Stück ein Opernlibretto destilliert und vertont, uraufgeführt 2011 in Mailand und sofort mehrfach nachgespielt, allerdings bisher nicht in Deutschland.

Szenenfoto

Rededuell als Machtkampf: Die Marquise de Mertuil und der Vicomte de Valmont

"Was ist die Verwüstung einer Landschaft gegen den Raubbau an der Lust durch die Treue eines Gatten", lässt Müller die Marquise fragen. Liebe wird reduziert auf (zerstörerische) Erotik. Müller siedelt das ursprüngliche Sittengemälde des französischen Adels gleichzeitig "in einem Salon vor der französischen Revolution" und in einem "Bunker nach dem dritten Weltkrieg" an. Das virtuose Rededuell zwischen der Marquise und dem Vicomte wird also mit universeller Endzeitbedeutungsschwere aufgeladen - die Bundesrepublik mochte in den 1980er-Jahren ja durchaus dieses Heiner-Müller-Pathos. Müller soll freilich einmal gesagt haben, man könne das Stück auch als Klamotte inszenieren. Davon ist die Musik Francesconis allerdings weit entfernt. Die beiden Sänger und ein relativ kleines Live-Orchester werden elektronisch zur großen Oper aufgepeppt und durch Zuspielungen verstärkt, teilweise geräuschhaft, aber selbst in solchen Momenten immer sehr delikat und klangsinnlich, ein bisschen unterkühlt im silbrigen Glanz, bewusst gesanglich (wenn auch alles andere als eingänglich). Manchmal fühlt man sich an Luigi Nono erinnert, an den späten, nicht den politischen Nono. Das aber ist das Problem: Was möchte Francesconi eigentlich aussagen? Überspitzt formuliert: Was ist die Botschaft?

Szenenfoto

Rollenwechsel: Der Vicomte "spielt" die tugendhafte Madame de Tourvel, die Marquise übernimmt den Part Valmonts als Verführer

Nein, ein Kunstwerk muss keine "Botschaft" verbreiten. Wenn man sich aber auf einen politischen Autor wie Heiner Müller beruft, dann vielleicht schon. Es ist ziemlich mühsam, dem (in englischer Übersetzung gesungenen und deutsch übertitelten) Text zu folgen. Die komplexe Musik macht das keineswegs leichter, im Gegenteil. Ein direkter Bezug zum Text ist nicht zu erkennen, eher abstrahiert die Musik, legt sich als zusätzliche, erlesen schöne Schicht über das Wortgefecht, das an konkreter Bedeutung verliert. Man ahnt in der musikalischen Struktur verschiedene Stilschichten, was Müllers gebrochenem Blickwinkel zwischen vorrevolutionärem Absolutismus und Zukunft entspricht. Aber Text wie Handlung scheinen austauschbar. Christian Browers als samtener, klangschön baritonaler Vicomte und noch mehr Allison Cook als intensive, strahlende Marquise (sie hat die Partie bereits bei der Mailänder Uraufführung gestaltet) singen beeindruckend, die Dortmunder Philharmoniker spielen unter der umsichtigen Leitung von Philipp Armbruster souverän, soweit sich das beurteilen lässt (wer will hier schon einen falschen Ton heraushören?).

Szenenfoto

Noch ein Rollenwechsel: Jetzt gibt die Marquise die jungfräulich-naive Volange, der Marquise darf er selbst sein.

Dass sich auch Ingo Kerkhofs Regie im unbestimmten Raum bewegt, ist durchaus konsequent. Die Bühnen (Anne Neuser) zeigt weder vorrevolutionären Glanz noch Nachkriegsbunkertristesse, sondern ein paar Möbel in Dunkelheit und eine geheimnisvolle Trauerweide. Zwei Zofen bedienen mit schwarz untermalten Augen wie Zombies und werden gelegentlich sexuell misshandelt. Vielleicht ist das eine in ihrem gegenseitigen Vernichtungswahn bereits abgestorbene Gesellschaft. Der Vicomte stirbt, vergiftet durch seine Gegenspielerin, durchaus theatralisch eindrucksvoll, ohne dass man Mitleid empfinden würde. Ansonsten passiert im Grunde nicht viel während der ohne Pause gespielten 90 Minuten. Die von den beiden Akteuren nachgespielten - oder fantasierten - Episoden von der Verführung, Eroberung und anschließender Vernichtung der Madame de Tourvel und der jungen Volange werden eher vorsichtig angedeutet. Was an verbaler oder (sehr maßvoll) szenischer Gewalt angedeutet ist, wird durch die Musik prompt relativiert.

Szenenfoto

Hauptsache, das Spiel wird nicht langweilig: Die Marquise sieht dem Vicomte beim Sterben zu.

Ursprünglich hatte die Dortmunder Oper gar nicht mit Quartett geplant, sondern mit Fin de partie (Endspiel) von György Kurtág nach dem Schauspiel von Samuel Beckett - im vorigen Jahr in Mailand uraufgeführt, aber unerwartet dann noch nicht für andere Bühnen freigegeben (die deutsche Erstaufführung soll nun im Januar 2021 in Dortmund erfolgen). Dass Intendant Heribert Germeshausen stattdessen das nicht zuletzt der Elektronik wegen schwer zu spielende Quartett zur deutschen Erstaufführung bringt, ist aller Ehren wert - auch wenn das überdimensionierte Dortmunder Opernhaus deutlich zu groß ist für das sehr überschaubare Publikum in der hier besprochenen Aufführung. Die "Oper für alle", die Germeshausen proklamiert und an anderer Stelle erfolgreich realisiert hat, die ist mit Quartett ganz sicher nicht gemeint.

FAZIT

Ein rätselhaftes, durchaus faszinierendes Werk, sehr eindrucksvoll gesungen und in Bildern von kühler Schönheit inszeniert. Es bleibt gleichwohl ein Unbehagen, weil die Musik gegenstandslos über Text und Handlung zu schweben scheint und sich letztendlich irgendwo in Beliebigkeit verliert.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Philipp Armbruster

Inszenierung
Ingo Kerkhof

Bühne und Kostüme
Anne Neuser

Kostüme
Inge Medert

Licht
Florian Franzen

Dramaturgie
Laura Knoll

IRCAM Computer Musik Design
Serge Lemounton

IRCAM Computer Musik Production
Benoit Meudic

IRCAM Sound Engineers
Luca Bagnoli
Sébastian Naves


Tonaufnahmen mit Chor und Orchester
des Teatro alla Scala, Mailand
(Aufnahme, Schnitt, Mischung:
Julien Aléonard)

Statisterie der Oper Dortmund

Dortmunder Philharmoniker


Solisten

Marquise Merteuil
Allison Cook

Vicomte Valmont
Christian Bowers

Zwei Zofen
Gianna Pellarin
Zoe Straub


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Theater Dortmund
(Homepage)



Da capo al Fine

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