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Musiktheater
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Król Roger (König Roger)

Oper in drei Akten
Text von Jarosław Iwaszkiewicz und vom Komponisten
Musik von Karol Szymanowski

in polnischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Frankfurt am 2. Juni 2019



Oper Frankfurt
(Homepage)
Erkenne dich selbst!

Von Christoph Wurzel / Fotos von Monika Rittershaus

Man stelle sich eine impressionistisch schillernde Klangpalette la Debussy vor, dazu die überbordende Orchesteropulenz eines Richard Strauss gepaart mit der eruptiven Klangekstase Alexander Skjabins, dann bekommt man etwa eine Vorstellung von dem Klangzauber, den Karol Szymanowski in seiner Oper  Król Roger entfaltet - eine Musik die etwas Magisches hat, sagt Sylvain Cambreling, der Dirigent dieser Frankfurter Neuproduktion. Und davon wird viel spürbar an diesem Abend. Sei es die ehrfürchtig sakrale Stimmung, wenn noch bevor der Vorhang sich hebt, der Chor a capella und pianissimo einen alten Kirchenhymnus anstimmt.  Dasselbe Kirchenvolk wird sich wenig später, begleitet von chaotischen Klangclustern des Orchesters zu dramatischen Hassausbrüchen hinreißen lassen. Orgiastische Tänze in orientalischem Kolorit sind die Höhepunkte des zweiten Akts. Dagegen ist grüblerische Schwere stimmungsprägend im dritten Akt. Das sind 90 Minuten hochspannender Musik-Erzählung von schier unerschöpflichem Reichtum an Klängen und Formen musikalischer Phantasie, die Assoziationen auslösen, die über die spärliche äußere Handlung dieser Oper hinein ins Innere der Figuren führen, vor allem der Titelfigur, des König Roger von Sizilien.

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Der polnische Bassbariton Łukasz Goliński als König Roger

Dabei ist dieser historische Herrscher des mittelalterlichen  Normannenreichs nur die Folie für eine Opernfigur, die stark autobiografische Züge des Komponisten trägt, der auch maßgeblich am Libretto seines Vetters Jarosław Iwaszkiewicz mitgewirkt hat. Es geht um den Prozess eines inneren Ringens um Selbstvergewisserung. Im zutiefst christlichen Reich Rogers taucht ein Hirte als wundersamer Prediger auf, der ein anderes Gottesbild preist, eines der Jugend, der Schönheit und der Lebenslust.  Die Vertreter der religiösen Orthodoxie und das ihnen ergebene Volk fordern seine Hinrichtung. Rogers Frau Roxane aber fühlt sich zu diesem Mann hingezogen. Roger selbst wird von seiner Ausstrahlung so sehr verunsichert, dass er ihn in seinen Palast einlädt, um ihn näher zu befragen. Da er sich dessen lockenden Worten aber nicht entziehen kann und Roxane zudem dem Hirten immer mehr verfällt, will er ihn festnehmen lassen. Auf magische Weise erweist der Fremde sich aber als unantastbar. Resigniert und schwer grübelnd bleibt Roger zurück, bis er innerlich die Macht dieses Propheten der Sinnlichkeit  anerkennt und in einem hymnischen Gesang die Sonne, d.h. die Erleuchtung preist.

In Frankfurt stehen besonders für diese drei Hauptrollen hervorragende Sängerdarsteller zur Verfügung. Łukasz Goliński, der die Rolle König Rogers bereits mehrfach international verkörperte, macht die inneren Kämpfe der Titelfigur prägnant spürbar, für seine Hilflosigkeit gegenüber den Verlockungen des Hirten und seine flehentlichen Rufe nach Roxane nutzt der Sänger stark expressive Farben. Bis  zum erlösenden Schlussgesang an die Sonne ist diese Partie weitgehend rezitatorisch, während Roxane in weit gespannten lyrischen Melodiebögen ihre wachsenden Anziehung durch den Hirten bis hin zu einem fast ekstatischen, zart von der Flöte umspielten Lied deutlich erkennen lässt. Sydney Mancasola aus dem Frankfurter Ensemble singt diese Partie  ausnehmend schön und mit strahlender Höhe und reinem, vibratoarmem Ton. Der verführerischen Rolle des Hirten gibt Gerard Schneider (ebenfalls Ensemblemitglied in Frankfurt) beeindruckend Profil. Unter dem ansonsten in strenges, elegantes Schwarz gekleideten Personal sticht er schon durch seinen weißen, leger getragenen Leinenanzug hervor. Und seine lyrischen Gesangslinien singt Schneider entsprechend seiner Rolle als  erotischer Verführer mit betörend intensiver Sinnlichkeit.
Auch die  weiteren kleineren Rollen sind in Frankfurt in dieser Oper bestens besetzt. Vor allem aber zeigt sich auch der Frankfurter Chor wieder von seiner besten Seite.

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Gerard Schneider als Prophet der Lebensfreude und Sinnlichkeit (mit Roger als Kind: Filip Niewiadomski, links)

Sylvain Cambreling lässt der Musik den nötigen Raum zur Entfaltung, das Orchester hielt am Premierabend sein gewohntes hohes Niveau an Klangschönheit und technischer Perfektion. Allein wirkte die betörende Magie, die irisierende Verzauberung, die von dieser Musik ausgehen kann, die luxuriöse Eleganz des orientalischen Kolorits aber auch das sinnliche Feuer der ekstatischen Ausbrüche unter Cambrelings Leitung doch etwas zu kontrolliert. An Transparenz, Plastizität und subtilerer Ausgestaltung der Klangfarben hätte es noch Luft nach oben gegeben.

Die Regie von Johannes Erath setzt zu der  emotionalisierenden Musik einen deutlichen Gegenpol. In dem in strenger Schwarz-weiß-Optik gehaltenen absolut abstrakten Raum von Johannes Leiacker erzählt Erath die Handlung einerseits deutlich und in präziser Personenregie, reichert sie aber mit zahlreichen Symbolen an, die versteckte Hinweise für eine Deutung der Handlung geben.
Szymanowski galt seinen Zeitgenossen als schwieriger Charakter, narzisstisch und unnahbar, gleichzeitig habe er eine "unaufhörliche erotische Bereitschaft", ausgestrahlt, wie eine im Programmheft zitierte Zeitgenossin berichtete. In der katholischen Umgebung des Komponisten durfte Szymanowski seine homosexuellen Neigungen nicht ausleben, so wie in der späteren Rezeption in seinem Heimatland Polen diese Seite seiner Persönlichkeit bis in die jüngere Zeit vollkommen verdrängt wurde. Gleichwohl erkennen Interpreten besonders in der Figur der Königs Roger ein Abbild des Komponisten selbst und in Rogers Ringen um die Akzeptanz der sinnlichen Verführung des Hirten einen künstlerisch sublimierten Findungsprozess Szymanowskis selbst.

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Sydney Mancasola als Roxane (und Statisterie)

Behutsam weist Eraths Inszenierung in diese Richtung, wenn er als deutlichste Zeichen die Rollen des Erzbischofs und der Diakonissin aus dem 1. Akt später gleichsam wie Elternfiguren agieren lässt, die Rogers zaghafter Öffnung gegenüber den Verlockungen des Hirten strafend begegnen. Hinzugefügt hat die Regie einen Jungen, der sich spontan und frei dem Hirten anvertraut, so als sei er ein Wunschbild dafür, wozu der erwachsene König selbst nicht imstande ist. Im zweiten Akt, wenn Roger sich der erotischen Macht des Hirten hilflos ausgesetzt sieht und zudem ein gleichsam ritueller Beischlaf Roxanes mit dem Idol angedeutet wird, liegen bis auf einen Lendenschurz unbekleidete gefesselte Jünglinge am Boden. Ein großer Spiegel im ersten Akt und der wie ein Netz ausgeworfene Umhang des Hirten scheinen in dieselbe Richtung zu deuten. Die wenigen auf die Rückwand projizierten Videos verstärken die sinnlich lockende Macht, denen diese innerlich verkapselte Figur König Rogers ausgesetzt ist. Recht unvermittelt allerdings kommt dann der Wandel am Schluss. Dieser ist vor allem in der Musik nachzuvollziehen.

FAZIT

Musik und Handlung lohnen diese Entdeckung, auch wenn die abstrakt kühle Optik der Szene gewöhnungsbedürftig ist.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Sylvain Cambreling

Regie
Johannes Erath

Bühnenbild
Johannes Leiacker

Kostüme
Jorge Jara

Licht
Joachim Klein

Video
Bibi Abel

Chor und Extrachor
Tilman Michael

Kinderchor
Markus Ehmann

Dramaturgie
Zsolt Horpácsy

 

Frankfurter Opern- und
Museumsorchester

Chor, Extrachor, Kinderchor und
Statisterie der Oper Frankfurt


Solisten

König Roger
Łukasz Goliński

Roxana
Sydney Mancasola

Der Hirte
Gerard Schneider

Edrisi
AJ Glueckert

Der Erzbischof
Alfred Reiter

Die Diakonissin
Judita Nagyová

Kind
Filip Niewiadomski*

*stumme Rolle /
Kinderchor der Oper Frankfurt


Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
(Homepage)







Da capo al Fine

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