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Move On

Ballettabend mit Choreographien von Cayetano Soto, Itzik Galili und Alfonso Palencia

Uneven
Choreographie von Cayetano Soto, Musik von David Lang

Ephemeron
Choreographie von Itzik Galili, Musik von Haytham Safia

¡Movinos!
Choreographie von Alfonso Palencia, Musik von Max Richter

Aufführungsdauer: ca. 2h 10' (zwei Pausen)

Premiere im Theater Hagen am 13. Oktober 2018


Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Neue Wege des abstrakten Tanzes

Von Thomas Molke / Fotos von Klaus Lefebvre (Rechte Theater Hagen)

In seiner zweiten Spielzeit als Ballettdirektor der Tanztheatersparte in Hagen setzt Alfonso Palencia den mit seinem ersten Tanzabend in der letzten Spielzeit, Dancing Souls, eingeschlagenen Weg fort und präsentiert drei Choreographien des abstrakten Tanzes, die er unter dem Titel Move On zusammenfasst. Der Titel steht dabei für eine Weiterentwicklung seiner Compagnie im Bereich des modernen Ausdruckstanzes mit neuen Choreographen, die jeder ein ganz eigenes Bewegungsvokabular mitbringen. Damit unterstreicht Palencia auch, welche Richtung er mit dem Ballett Hagen zukünftig einschlagen will. Es bleibt allerdings zu hoffen, dass dabei das klassische Handlungsballett, das sich auch in Hagen großer Beliebtheit erfreut, nicht auf der Strecke bleibt.

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Uneven: Noemi Emanuela Martone (links), Gonçalo Martins da Silva und Ana Isabel Casquilho auf der Suche nach dem inneren Gleichgewicht

Den Anfang macht eine Kreation des katalanischen Choreographen Cayetano Soto: Uneven. Soto ist in Hagen kein Unbekannter. 2016 war hier im Rahmen des Ballettabends Tanzquartett seine Choreographie Fugaz zu erleben (siehe auch unsere Rezension). Ein Jahr später riss er mit seiner Kreation Malasombra in dem Tanzabend Satisfaction das Publikum regelrecht von den Sitzen (siehe auch unsere Rezension). Uneven entstand 2010 für das Aspen Fe Ballet und wurde 2011 für den russischen Golden-Mask-Award nominiert. Soto verarbeitet darin die totale Verausgabung, die einen Menschen aus dem Gleichgewicht bringen kann. Dieses Gefühl hatte Soto nach eigenem Bekunden selbst häufig, wenn er unterwegs für neue Choreographien war. Auf der Bühne und in den Kostümen verwendet er mit Schwarz und Weiß eigentlich klare Strukturen, die aber durch eine Verschiebung keine klare Orientierung geben. Der weiße Bühnenboden ist verschoben und lappt an einer Ecke über, während er im Hintergrund nach oben abgeknickt ist, um das Gefühl zu vermitteln, dass er nicht richtig auf die Bühne passt. Auch die Beleuchtung unterstreicht den Aspekt der Unausgeglichenheit. Die Tänzerinnen und Tänzer versuchen, zu den teils sphärischen Klängen von David Lang eine Orientierung zu finden, die ihnen aber versagt wird. So verharren sie immer wieder in abstrakten Posen und wirken dabei "uneven". Die drei Tänzerinnen und fünf Tänzer setzen diese Verlorenheit mit bewegendem Ausdruckstanz um.

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Kraftvoller Tanz des Ensembles in Ephemeron

Für den zweiten Teil des Abends konnte der israelische Choreograph Itzik Galili an das Theater Hagen verpflichtet werden. Galili ist hauptsächlich in der Niederlande tätig und hat sich dort vor allem durch die NND / Galili Dance, die er insgesamt elf Jahre leitete, in der internationalen Tanzbranche einen Namen erworben. Seine Kreation Ephemeron entstand als ein Teil des abendfüllenden Tanzabends For Heaven's Sake, der 2001 vom NND / Galili Dance am Lucent Danstheater in Den Haag uraufgeführt wurde. Zu den Sounds einer Darbuka, einer einfelligen Bechertrommel aus dem Nahen Osten und dem arabischen Nordafrika, präsentiert das Stück in einer rasanten und athletischen Ausdrucksweise pure Vitalität, Energie und Lebensfreude, die an die Tänze afrikanischer Ureinwohner erinnert. Komponiert hat die Percussionen Haytham Safia. Eingerahmt werden diese sehr schnellen Abschnitte, in denen sich das Ensemble körperlich total verausgabt, von zwei ruhigen Szenen. Zu Beginn hört man tropfendes Wasser mit einem sphärischen Hall. Eine Frau schreitet langsam über die Bühne. Ihr folgt ein Mann mit zwei Schildern. Auf einem Schild ist "Error and Terror" zu lesen, ein Auszug aus dem Text "I Walk" von Galili, der am Ende des Stückes wieder aufgegriffen wird. Zwischen den beiden Schildern trägt der Mann eine Frau, die sich in dieser Anfangssequenz von ihm löst.

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Serena Landriel und Bobby Briscoe in Ephemeron

Es folgen kraftvolle, athletische Tänze, die die Tänzerinnen und Tänzer an den Rand der Erschöpfung bringen. Dabei wird nicht nur getanzt, sondern auch getrommelt, gesungen und geschrien. Beeindruckend gelingen in diesem Teil auch die abwechslungsreichen Lichteinstellungen, die genau auf den Rhythmus abgestimmt sind und mal einzelne Tänzerinnen und Tänzer hervorheben, mal die ganze Gruppe in unterschiedlicher Intensität ins Visier nehmen. Der Schluss ist wieder so ruhig wie der Anfang. Bobby Briscoe schreitet mit zwei Schildern über die Bühne und bewegt sich langsam mit Serena Landriel von der rechten zur linken Bühnenseite. Dabei legt er die Pappschilder immer vorsichtig unter ihre Füße, um ihr so den Weg zu ebnen, den sie scheinbar verloren hat. Auf der einen Seite des Schildes steht "One Last Word", auf der anderen Seite "Alone". Das andere Schild trägt die Aufschrift "No One to Hear". Die Wortfetzen stehen für die Einsamkeit der Menschen und den verzweifelten Versuch, seinen Weg zu finden. Ana Isabel Casquilho folgt dem Paar und rezitiert dabei Galilis Gedicht. Nach dem Wort "Alone" verlöscht das Licht auf der Bühne. Das Publikum spendet für diesen Teil frenetischen Beifall.

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Auf der Suche nach der eigenen Identität: das Ensemble in ¡Movinos!

Als letzte Choreographie präsentiert Palencia eine Kreation, die er zur Musik von Max Richter eigens für das Ballett Hagen entwickelt hat und die den Titel des gesamten Tanzabends aufgreift: ¡Movinos!. "Movinos" ist eine Wortschöpfung Palencias und setzt sich aus den beiden spanischen Wörtern "movimiento" (Bewegung) und "nosotros" (wir) zusammen. Es geht in Palencias Stück um Menschen, die auf der Suche nach ihrer Identität sind und dabei unterschiedliche Erfahrungen machen. Saskia Rettig hat die Tänzerinnen und Tänzer in kurze schwarze Hosen und schwarze Strümpfe gekleidet. Der Oberkörper ist bei den Tänzerinen mit einem schwarzen Streifen bedeckt. So wirken die Tänzerinnen und Tänzer zunächst etwas schutzlos und ziehen ein schwarzes Jackett über, das zum einen ihre Nacktheit bedeckt und damit Sicherheit gibt, zum anderen aber auch die Möglichkeit bietet, sich zu verstecken. Dazu ziehen sie die Jacketts als Ausdruck von Scham über den Kopf. Der Teil beginnt mit dem wogenden Rauschen des Meeres, das andeutet, dass die Tänzerinnen und Tänzer Umhergetriebene sind, die ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden haben. Im Hintergrund befindet sich ein asymmetrisches Podest, das den Tänzerinnen und Tänzern eine Art Rückzugsmöglichkeit bietet. Aus dem Schnürboden hängt eine Konstruktionen mit zahlreichen Strahlern herab, die die einzelnen Szenen in unterschiedlichen abstrakten Formen bebildern.

Zunächst bewegen sich alle Tänzerinnen und Tänzer in gleichen Bewegungen, bis als erstes Da Ae Kim ausbricht und einen eigenen Weg sucht. Nun entwickeln sich auch die anderen Tänzerinnen und Tänzer zu Individuen und sammeln Erfahrungen zur Selbstfindung, Sexualität und Liebe. Dabei werden heterosexuelle und homosexuelle Paare als Zeichen dafür gebildet, dass die jungen Menschen auf der Suche nach einer sexuellen Orientierung sind. Vieles wird dabei ausprobiert und schlägt fehl, weshalb sich die Tänzerinnen und Tänzer dann wieder in ihren Jacketts verstecken. Ab einem gewissen Zeitpunkt hat man den Eindruck, dass die Figuren ihren Weg gefunden haben. Die Jacketts werden nämlich abgelegt. Aber die Hoffnung trügt. Deswegen greift man erneut zu den Jacketts. Wieder verebbt die Musik im Rauschen des Meeres. Paare haben sich nun gefunden. Besitzt man die Kraft, am Ende zu seiner Identität zu stehen? Palencia lässt die Frage offen und das Publikum entscheiden. Das Licht verlöscht. Auch für den letzten Teil erntet die Compagnie großen Beifall. Schade ist nur, dass bei der Premiere einige Plätze frei bleiben. Liegt es an dem Anfang der Ferien, dem spätsommerlichen Wetter oder dem Fußballländerspiel? Die Qualität der Aufführung ist jedenfalls nicht dafür verantwortlich.

FAZIT

Alfonso Palencia bietet mit seiner Compagnie einen abwechslungsreichen und vielseitigen Abend des abstrakten Tanzes. Anhänger des modernen Ausdruckstanzes dürften daran ihre Freude haben.



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Produktionsteam

Dramaturgie
Ina Wragge

Ballett Hagen


Uneven

Choreographie und Bühne
Cayetano Soto

Kostüme
Nette Joseph

Licht
Seah Johnson

Choreographische Einstudierung
Mikiko Arai
Rita Soares

Tänzerinnen und Tänzer

*Premierenbesetzung

A-Besetzung
*Ana Isabel Casquilho
*Da Ae Kim
*Noemi Emanuela Martone
*Brandon Alexander
*Bobby Briscoe
*Gennaro Chianese
*Alexandre Démont
*Gonçalo Martins da Silva

B-Besetzung
Da Ae Kim
Serena Landriel
Amber Neumann
Bobby Briscoe
Gennaro Chianese
Alexandre Démont
Gonçalo Martins da Silva

 

Ephemeron

Choreographie, Kostüme, Licht-Design
und Text
Itzik Galili

Choreographische Einstudierung
Elisabeth Gibiat

Tänzerinnen und Tänzer

*Premierenbesetzung

Ensemble
*Ana Isabel Casquilho
*Da Ae Kim
*Serena Landriel
*Noemi Emanuela Martone
*Amber Neumann
*Sara Peña
*Kori Sasago
*Brandon Alexander
*Bobby Briscoe
*Gennaro Chianese
*Alexandre Démont
*Ciro Iorio
*Gonçalo Martins da Silva
*Dani Paeper

Solo
*Serena Landriel /
Da Ae Kim

Final-Duett
*Serena Landriel /
Noemi Emanuela Martone
*Bobby Briscoe /
Dani Paeper

Rezitation
*Ana Isabel Casquilho /
Amber Neumann

 

¡Movinos!

Choreographie
Alfonso Palencia

Bühne und Kostüme
Saskia Rettig

Licht
Mariella von Vequel-Westernach

Tänzerinnen und Tänzer

*Premierenbesetzung

Ensemble
*Ana Isabel Casquilho
*Da Ae Kim
*Serena Landriel
*Noemi Emanuela Martone
*Amber Neumann
*Sara Peña
*Kori Sasago
*Brandon Alexander
*Bobby Briscoe
*Gennaro Chianese
*Alexandre Démont
*Ciro Iorio
*Gonçalo Martins da Silva
*Dani Paeper

Solo
*Da Ae Kim /
Noemi Emanuela Martone

Duett 1
*Ana Isabel Casquilho /
Serena Landriel
*Alexandre Démont /
Bobby Briscoe

Duett 2
*Noemi Emanuela Martone /
Da Ae Kim
*Gonçalo Martins da Silva /
Dani Paeper

Duett 3
*Bobby Briscoe /
Brandon Alexander
*Gennaro Chianese /
Alexandre Démont

Frauen-Duett
*Ana Isabel Casquilho /
Serena Landriel
*Da Ae Kim /
Noemi Emanuela Martone

Trio
*Noemi Emanuela Martone /
Da Ae Kim
*Alexandre Démont /
Bobby Briscoe
*Gonçalo Martins da Silva /
Dani Paeper


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen
(Homepage)




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