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Musiktheater
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Die Pantöffelchen

Komisch-fantastische Oper in vier Aufzügen von Pjotr I. Tschaikowsky
Libretto von Jakow Polonsky nach der Erzählung „Die Nacht vor Weihnachten“ von Nikolai Wassiljewitsch Gogol
Anonyme deutsche Übersetzung von ca. 1898

In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 Stunden (1 Pause)

Premiere im Stadttheater Hildesheim des Theaters für Niedersachsen am 9. Dezember 2018


Theater für Niedersachsen
(Homepage)

Ein entzückender Teufel

Von Bernd Stopka / Fotos: Falk von Traubenberg

Zum Thema Tschaikowsky und Musiktheater fallen dem fleißigen Opernbesucher spontan Eugen Onegin und Pique Dame ein, vielleicht noch Mazeppa und Iolanta, wenngleich nur Eugen Onegin und Pique Dame regelmäßig auf den Spielplänen deutscher Opernhäuser zu finden sind. Die Pantöffelchen, deren Libretto auf der fantastischen Erzählung „Die Nacht vor Weihnachten“ von Nikolai Gogol basiert, waren in den letzten 30 Jahren nicht auf deutschsprachigen Bühnen zu erleben. Das Theater für Niedersachsen hat diese entzückende Oper nun aus ihrem Dornröschenschlaf mit einer szenisch wie musikalisch wunderbaren Produktion wachgeküsst.

 Foto folgt
Neele Kramer (Hexe Solocha), Peter Kubik Teu

Die Handlung im Wesentlichen:
Der Teufel kommt am Abend vor Weihnachten in ein Dorf, an deren Kirchwand eine Karikatur von ihm prangt. Er will sich am Täter, dem Schmied Wakula, dafür rächen, wird aber von einer triebhaften Zuneigung zu Wakulas Mutter, der Hexe Solocha, zunächst davon abgehalten. Wakula liebt Oxana, die bei ihrem Vater Tschub lebt, kann sie aber nur treffen, wenn ihr Vater ins Wirtshaus geht. Um das zu verhindern, reitet der Teufel auf Solochas Besen in den Himmel und stiehlt den Mond. Doch Oxanas Vater geht auch bei Dunkelheit zum Trinken, auch am Weihnachtsabend, was Oxana ausgiebig bejammert. Wakula macht ihr einen Heiratsantrag, doch sie weist ihn zunächst zurück, obwohl sie ihn eigentlich mag.
Der Teufel versucht Solocha tanzend darüber hinwegzutrösten, dass ihr Besen den Mond-Diebstahl-Ritt nicht überstanden hat. Auch der Dorfschulze, der Schulmeister und Tschub hofieren Solocha. Alle drei Verliebten verstecken sich voreinander in leeren Säcken, die ihnen Solocha reicht. Als Wakula erscheint, räumt er für Weihnachten auf, schafft die Säcke aus dem Haus und will sich aus Verzweiflung vor einer unlösbaren Aufgabe mit dem Sack, in dem der Teufel steckt und dessen Gewicht er für sein Werkzeug hält, ertränken: Oxana will ihn nur heiraten, wenn Wakula ihr goldene Pantöffelchen bringt, wie sie nur die Zarin trägt. Wakula widersteht den Wassernixen, die ihn zu sich herabziehen wollen. Der Teufel springt aus dem Sack und bietet seine Hilfe an, wenn Wakula ihm seine Seele verkauft. Wakula überlistet den Teufel und verpflichtet ihn nun seinerseits als Diener, der ihn auf dem Rücken zum Zarenhof tragen muss. Seine Durchlaucht, den Prinzen, bewegt Wakulas Geschichte so sehr, dass er ihm ein Paar goldener Pantöffelchen der Zarin schenkt. Zurück im Dorf bittet Wakula Tschub, ihm Oxana zur Frau zu geben, die in deutlich gewordener Liebe um den verschwundenen Wakula trauert und nun auch ohne Pantöffelchen bereit wäre, ihn zu heiraten.


foto folgtWolfgang Schwaninger (Wakula), Katja Bördner (Oxana), im Hintergrund Peter Kubik (Teufel)

Anna Katharina Bernreitner inszeniert Die Pantöffelchen in der Ausstattung von Hannah Oellinger und Manfred Rainer als fantastisches Märchen mit einfachen, aber effektiven Bühnenmitteln und ebenso fantasiereichen wie archetypischen Kostümen.
Der Winter ist durch einen weißen Bühnenboden, weiße Häuserminiaturen, weiße Tücher und eine große Rutsche stilisiert dargestellt. Das Dorf baut der ebenfalls weißgekleidete Teufel aus immer kleiner werdenden ineinander stehenden Häuschen auf, die er auspackt, wie die berühmten russischen ineinander stehenden Puppen. Jeweils eine Wand der Häuser, in denen Solocha und Oxana leben, liegt flach auf dem Boden und wird zur entsprechenden Szene aufgestellt. Der Mond ist ein großer weißer Luftballon, zu dem der Teufel erst auf einer Schaukel (ordnungsgemäß angeschnallt) und dann freischwebend ohne die Hexe heraufsteigt um ihn mit einem Holzstab platzen zu lassen. Dabei wurde daher auch kein Besen zerstört, sondern der durchsichtige Plastikregenschirm, mit dem Solocha danach nicht mehr zaubern kann (Regenschirm als Zauberstab? Hagrid lässt grüßen.).

Viele kleine Ausdeutungen des Textes zaubern dem Zuschauer ein ums andere Lächeln ins Gesicht. Etwa wenn der Teufel Solocha umwerbend singt „und Warzen hast Du auch“ während er auf ihre noch beschuhten Füße schaut. „Scher Dich zum Teufel“ bekommt eine besondere Bedeutung, wenn man dabei auf einen Sack geschleudert wird, in dem der Teufel leibhaftig steckt. Köstlich und wohldurchdacht leuchtet der Teufel Tschub den Weg nach Hause zu seiner Tochter, die gerade Besuch von Wakula hat. Er konnte durch das Löschen des Mondlichts nicht bewirken, dass Tschub nicht ins Wirtshaus geht, lässt ihn aber schneller nach Hause kommen, damit er Wakula noch erwischt, was dem Teufel seinerseits zur Rache an dem Karikaturisten dient. Ebenso bezaubernd wie versöhnlich wirkt das Schlussbild, in dem sich nicht nur Oxana und Wakula, sondern auch der Teufel und seine Hexe Solocha als Paare gefunden haben.

Foto folgtPeter Kubik (Teufel), NIxen (Chor)

Besonders stimmungsvoll gelingt das wie eine Schneenacht ausgeleuchtete Bild am Teich der Nixen, die mit dunklen, grauen Schleiern bedeckt sind. Urkomisch ist die Szene, in der sich die verschiedenen Männer in den Säcken verstecken, nachdem Solocha für jeden eine neue Flasche geöffnet hat – ganz realistisch inszeniert und die komischen Talente der Darsteller ausschöpfend – aber eben ohne albern oder gar peinlich zu werden. Das gilt auch für die im Text schon sehr deutlichen erotischen, ja sexuellen Anspielungen, die nicht als platter Sex, sondern als knisternde Erotik zu erleben sind. Kleine Gags, wie das über die Bühne fahrende ferngesteuerte Modell eines Gasthauses, das zwischenzeitlich auch als Tisch dient und die dezente Schrift „open“ trägt, die unaufdringlich in gleicher Farbe wie die Häuserfenster leuchtet; die am Anfang über die Hinterbühne fahrende Mini-Kirche mit der Teufelsfratze, die im Finale von Wakula abgewischt wird, wofür sich der Teufel mit einer stilvollen Verbeugung bedankt; sowie die Pantöffelchen – die eher wie Sneakers mit goldener Weihnachtslamettagirlande aussehen – und im Finale an Oxanas Füßen mit LED-Lichtern fröhlich blinken.

Die ironisch überzogenen Kostüme karikieren russische Klischees: Oxanas überdimensionierter Rock, die Fellkappen und Mäntel der Liebhaber Solochas ebenso wie ihr Hosenanzug. Die Gesellschaft am Zarenhofe ist in enge weiße Trikots gekleidet und sieht nicht nur beim skurrilen Ballett im letzten Akt, (das als Kampf um die Pantöffelchen choreografiert ist – als Palmen dekorierte Wärmestrahler tanzen fröhlich mit), sondern per se aus, als seien sie dem Schwanensee oder einer Szene des Nussknackers entsprungen.

Drahtzieher der ganzen Geschichte ist der Teufel, der hier keineswegs als Satan, sondern als verschmitzter, ironisch-witziger, verführerisch lächelnder, frech grinsender und zuweilen mit der Technik überforderter Puck gezeichnet ist. Köstlich wie er mit großer Geste einen Zauber ausführen möchte, der dann nicht gelingt. Insbesondere, wenn es darum geht, Wakula auf seinem Rücken bald hierhin und bald dorthin zu bringen. Dann entgleiten ihm die Gesichtszüge und er sieht kurz aus wie ein kleiner Trottel, bevor er die Situation retten kann – ist doch egal, ob er mit Wakula auf der Schaukel nach oben oder zur Seite abgeht… Die erotischen Szenen mit Solocha entgleiten nie ins Derbe, obwohl der Text es hergäbe, die geschmackssichere Personenregie erliegt dieser Versuchung aber nicht. Mit Peter Kubik steht in Hildesheim ein Teufel auf der Bühne, der dies alles und noch viel mehr so bravourös, darstellt und singt, dass man es sich nicht besser wünschen könnte. Diese Mimik! Herrlich!

foto folgtJesper Mikkelsen (Zeremonienmeister), Chor

Wolfgang Schwaninger wurde vor der Premiere als „angeschlagen“ angesagt, hielt in der anspruchsvollen Tenor-Partie des Wakula aber tapfer bis zum Ende durch. Neele Kramer ist eine dezent verruchte, schönstimmige Solocha, Katja Bördener eine partiturgetreu zickige  Oxana, die aber auch die inneren Sehnsüchte der Figur Klang werden lässt. Ebenso wie als lüsterner Dorfschulze beweist Levente György auch als Durchlaucht einmal mehr, dass er neben einem kultiviert- und wohlklingenden Bass auch herrlich komisches Talent besitzt – und keine noch so ungünstige Kostümierung scheut. Uwe Tobias Hieronimi verleiht Oxanas Vater Tschub auch stimmlich Autorität und bringt das Publikum als alter Saporoger zum Schmunzeln. Julian Rohde ist ein köstlich scheuer, schlechtgewissiger Schulmeister mit angenehm hellklingendem Tenor und Jesper Mikkelsen ist ein stimmlich wie darstellerisch mit Ironie gewürzter Zeremonienmeister.
Florian Ziemen leitet das Orchester des TfN mit sängerfreundlicher Umsicht und zelebriert auch die sperrigen Teile der Partitur, die zuweilen etwas hölzern klingen. Chor und Orchester sind bestens einstudiert und bilden die verlässlichen Grundzutaten dieses Musiktheatergenusses.

Bei aller Begeisterung nach dem zweiten Teil darf doch nicht verschwiegen werden, dass die ersten beiden Akte Längen haben… sehr lange Längen… Wenn Oxana zum 27. Mal besingt, wie schön ihre Zöpfe sind und sich die Handlung in ausgiebigen Parlando-Passagen nur langsam und langatmig voranschleppt, denkt man schon mal, dass man manches Dornröschen ruhig schlafen lassen sollte. Aber dann kommt die Szene der Männer in den Säcken. Die macht Hoffnung, die im zweiten Teil, nach der Pause, nicht enttäuscht wird. Dieser zweite Teil ist dramaturgisch straffer, effektvoller konzipiert und auch musikalisch vielfältiger und reicher. Auch die häufig nicht ganz glücklich übereinstimmenden Fließrichtungen von Sprache und Musik in der deutschen Übersetzung fallen hier weniger auf als im ersten Teil. Durchhalten lohnt sich also. Nicht in der Pause weglaufen!

FAZIT

Eine bezaubernde Produktion dieser hierzulande vergessenen Oper, die wunderbare und entzückende Szenen hat, wenn man sich durch die Längen der ersten beiden Akte gekämpft hat. Das liegt aber am Werk, nicht an der Produktion, für die Hildesheim ein weiteres Mal für die szenische und musikalische Seite ein großes Lob verdient. Mögen viele Freunde von Opernraritäten den Weg nach Hildesheim finden.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Florian Ziemen

Inszenierung
Anna Katharina Bernreitner

Ausstattung
Hannah Oellinger
Manfred Rainer

Choreografie
Natascha Flindt

Chor
Achim Falkenhausen

Dramaturgie
Susanne von Tobien


Opernchor und Extrachor
des TfN

Orchester des TfN

Solisten

*Besetzung der hier
besprochenen Premiere

Oxana
Katja Bördner

Wakula der Schmied
*Wolfgang Schwaninger
Beau Gibson

Solocha, Hexe und Wakulas Mutter
Neele Kramer

Teufel, aus der Hölle, fantastische Person
Peter Kubik

Tschub, ein alter Kosak und Oxanas Vater
Uwe Tobias Hieronimi

Pan Golowa, der Dorfschulze
Levente György

Panass, der Schulmeister
Julian Rohde

Durchlaucht
Levente György

Alter Saporoger
Uwe Tobias Hieronimi

Zeremonienmeister
Jesper Mikkelsen





Weitere Informationen
erhalten Sie hier:
Theater für Niedersachsen
(Homepage)





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