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Le Comte Ory

Oper in zwei Akten
Libretto von Eugène Scribe und Charles-Gaspard Delestre-Poirson
Musik von
Gioachino Rossini

In französischer Sprache mit französischen, niederländischen und deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 5' (eine Pause)

Koproduktion mit der Opéra Comique und der Opéra Royal-Château de Versailles Spectacles

Premiere  im Théâtre Royal de Liège am 21. Dezember 2018

 



Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)

Pikantes Liebesspiel

Von Thomas Molke / Fotos: Opéra Royale de Wallonie-Liège

Nachdem sich Gioachino Rossini 1824 in Paris niedergelassen hatte, waren seine ersten beiden französischen Opern Le siège de Corinthe und Moïse et Pharaon Überarbeitungen seiner italienischen Opern Maometto II. und Mosè in Egitto. Erst 1828 schuf er mit Le Comte Ory seine erste originär französische Oper. Dass diese komische Oper mit dem höchst pikanten Stoff von der Zensurbehörde genehmigt wurde und am 20. August an der Opéra zur Uraufführung kam, obwohl diese Spielstätte eher dem ernsten Metier verpflichtet war, grenzte schon fast an ein Wunder. Doch der riesige Erfolg dieses Stückes war unaufhaltsam. Drei Jahre später ging bereits die 100. Vorstellung über die Bühne, und bis 1884 hielt sich das Stück mit fast 500 Aufführungen im Repertoire der Opéra. Eugène Scribe, der bei der Uraufführung noch nicht an einen derart überwältigenden Erfolg geglaubt hatte und deshalb nicht als Librettist genannt werden wollte, änderte daraufhin auch sehr schnell seine Meinung und ließ seinen Namen unter das Textbuch setzen.

Die Geschichte geht zurück auf die alte Ballade des Grafen Ory, eines adeligen Schürzenjägers, der sich mit seinen Kumpanen Zutritt zu einem Frauenkloster verschafft, indem sich alle als Nonnen verkleiden. Neun Monate später sollen dann zahlreiche Frauen im Kloster einen kleinen Ritter zur Welt gebracht haben. Scribe hatte zusammen mit Charles-Gaspard Delestre-Poirson 1816 dieses Thema zu einem Vaudeville verarbeitet, das unter anderem bereits 1819 von Carl Borromäus von Miltitz in Berlin vertont wurde. Aus den Nonnen wurden dabei eine Gräfin und ihre Edeldamen, die bis zur Rückkehr ihrer sich auf Kreuzzügen befindenden Ehemänner Keuschheit gelobt hatten. Ory und seine Gefährten verkleiden sich hier als Pilgerinnen, um Zutritt zum Schloss zu erhalten. Anders als in der Ballade können die Frauen das Ehegelübde halten, zum einen, weil der Page Isolier die Gräfin beschützt, zum anderen, weil die Kreuzritter in derselben Nacht zurückkehren und Ory und seinen Männern folglich nur noch die Flucht bleibt. Rossini erweiterte diese einaktige Geschichte um eine Vorgeschichte, in der sich der Graf als weiser Eremit verkleidet, um sich die Sorgen und Wünsche der jungen Mädchen anzuhören. Der verwitweten Gräfin, die er erobern will, rät er, ihre Liebessehnsucht nicht weiter zu unterdrücken, hat dabei allerdings nicht damit gerechnet, dass ihr Verlangen seinem Pagen Isolier gilt. So kommt es in der Nacht vor der Rückkehr der Kreuzritter im Schloss der Gräfin zu einer pikanten Menage à trois, bei der der Graf seinen Pagen für die Gräfin hält, während diese sich mit dem Pagen vergnügt, der nach der Flucht von Ory und seinen Männern im Schloss bleiben und auf eine "Belohnung" hoffen darf.

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Ragonde (Alexise Yerna, vorne Mitte) und die Damen (Chor) suchen Rat bei dem als Eremiten verkleideten Comte Ory (Antonino Siragusa).

Das Regie-Team um Denis Podalydès verlegt die Geschichte aus der Zeit der Kreuzzüge in die Entstehungszeit der Oper und überträgt die Kreuzzüge auf die Kolonialisierung und Eroberung Algeriens. So sieht man während der Ouvertüre und nach der Pause auf einer als Vorhang fungierenden weißen Leinwand diverse Gemälde von französischen Soldaten bei der Landung am Strand und in kämpferischen Auseinandersetzungen. Von diesen Bildern wird man dann zu den Damen geführt, die in Frankreich zurückgeblieben sind. Eric Ruf hat für den ersten Akt mehrere Bühnenelemente zu einer verlassenen und ein wenig zerfallenen Kirche zusammengesetzt. Hier beschließen Ory und sein Gefährte Raimbaud, als verkleidete Priester den Damen im Dorf die Beichte abzunehmen und dabei neue Liebesabenteuer zu entdecken. Christian Lacroix kleidet die Protagonisten in aufwendig gearbeitete Kostüme, die dieser Zeit entsprechen. Ory trägt als Verkleidung dabei nicht nur eine weiße Perücke, die eher an einen Richter als an einen Geistlichen erinnert, sondern trägt auch noch eine verlängerte Nase, um glaubhaft zu machen, dass er selbst von seinem Pagen Isolier in dieser Verkleidung zunächst nicht erkannt wird.

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Raimbaud (Enrico Marabelli, Mitte) berichtet dem Gouverneur (Laurent Kubla, links) und den übrigen Gefährten des Comte Ory (Herren des Chor) von seiner Entdeckung des Weinkellers.

Der zweite Akt ist dann in einem spartanisch eingerichteten Schloss mit hohen grauen Mauern angesiedelt, das auch zur Zeit der Kreuzzüge so ausgesehen haben könnte. Der Weinkeller, den Raimbaud dort als verkleidete Nonne entdeckt, befindet sich unter einer riesigen Steinplatte. Ein erhobenes Podest fungiert als Bett und wird für die Liebesszene nach vorne geschoben. Aus dem Schnürboden wird ein gewaltiger Betthimmel herabgelassen, um dieser Szene das entsprechende Gewicht zu verleihen. Wenn Ory dann beim Eintreffen der Kreuzritter die Flucht ergreifen muss, befindet sich unter diesem Bett ein weiterer Geheimgang, durch den er mit seinem Erzieher und Raimbaud der Entdeckung durch die heimkehrenden Ehemänner entflieht. Podalydès setzt in der Personenregie auf großartige Komik, wenn er die als Nonnen verkleideten Gefährten des Grafen zwischen devotem Gesang und derben Späßen changieren lässt. Da lässt das ein oder andere entblößte Männerbein durchaus die Frage aufkommen, ob die Damen wirklich nicht durchschauen, dass die angeblichen Pilgerinnen etwas ganz anderes von ihnen wollen als Schutz vor dem Comte Ory, und ob sie deren Besuch nicht als willkommene Abwechslung betrachten, um sich die Zeit bis zur Rückkehr ihrer Ehemänner zu vertreiben.

Musikalisch verwendet Rossini vor allem im ersten Akt größtenteils Musik aus der drei Jahre vorher komponierten Cantata scenica Il viaggio a Reims, einem Werk, das er bereits nach vier Aufführungen zurückgezogen hatte, da er er nur für die Krönungsfeierlichkeiten von Karl X. kreiert hatte und aufgrund des Sujets für nicht repertoiretauglich hielt. Die Musik schien ihm allerdings zu gut, als dass er sie in der Versenkung verschwinden lassen wollte. So geht die Ouvertüre nach einem kurzen Einstieg, der für Rossini eher ungewöhnlich klingt, in die Introduktion aus Il viaggio a Reims über. Aus Maddalenas "Presto, presto" wird Raimbauds Aufforderung an die jungen Mädchen, Rat beim "weisen Eremiten" zu suchen. Enrico Marabelli punktet hierbei als Raimbaud mit beweglichem Bariton. Antonino Siragusa kann in der Titelpartie stimmlich zunächst nur bedingt überzeugen. In seiner Auftrittsarie "Que les destins prospères", die auf die Melodie von Madama Corteses Auftrittsarie "Di vaghi raggi adorno" aus Il viaggio gelegt ist, klingt er in den Höhen sehr angestrengt und muss etwas quetschen, während er in der Mittellage über einen weich fließenden Tenor verfügt. Keine Wünsche lässt Laurent Kubla als sein Erzieher offen. In seiner Arie, "Veiller sans cesse", in der in Il viaggio Lord Sidney seine unerhörte Liebe zur schönen Corinna beklagt, verleiht Kubla den Sorgen um den Verbleib seines Zöglings mit markanten Tiefen und beweglicher Stimmführung glaubhaft Ausdruck. Auch Josè Maria Lo Monaco begeistert als Page Isolier mit warm-timbriertem Mezzo und jungenhaftem Spiel. Mit weicher Mittellage bringt sie im Duett mit Siragusa, das originär für die Oper komponiert worden ist, die Liebesleiden des Pagen wunderbar zum Ausdruck.

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Comte Ory (Antonino Siragusa) hat sich als Schwester Colette getarnt, um sich der schönen Gräfin Adèle (Jodie Devos) zu nähern.

Einen großartigen Auftritt hat Jodie Devos als Gräfin Adèle. Mit glockenklarem Sopran und perlenden Koloraturen beklagt sie in ihrer Auftrittsarie "En proie à la tristesse" ihre Schwermut und lässt diese Nummer, mit der in Il viaggio die Contessa di Folleville den Verlust ihres Hutes betrauert, zu einem musikalischen Höhepunkt des Abends avancieren. Sehr komödiantisch gelingt in dieser Szene auch das Zusammenspiel zwischen Devos und Siragusa, der als Schürzenjäger immer wieder versucht, die Angebetete in den Beichtstuhl zu schieben, während sie Lo Monaco als Pagen eindeutige Avancen macht. Ein weiterer musikalischer Höhepunkt folgt nach der Enthüllung des Grafen durch seinen Erzieher mit dem großen Finale "Ciel! Ô terreur, ô peine extrème!", das in Il viaggio für 14 Stimmen konzipiert ist und in der Originalfassung von Le Comte Ory dreizehn Rollen mit doppeltem Chor notiert. In Liège wird die außerhalb von Paris übliche Troupenas-Fassung gespielt, die mit den sieben Partien zuzüglich Chor auskommt. Mit großer Spielfreude und perfekt sitzenden Tempi wird das Publikum dabei regelrecht von den Sitzen gerissen. Natürlich darf auch Don Profondos großartige Katalogarie "Medaglie imcomparibile" aus Il viaggio im Comte Ory nicht fehlen. In einer Weinarie berichtet Marabelli als Raimbaud mit wuchtigem Bariton davon, wie er den Weinkeller im Schloss entdeckt hat, und macht damit aus dem eher spartanischen Mahl ein großes Gelage.

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Verwirrendes Liebesspiel zu dritt: Comte Ory (Antonino Siragusa) mit Adèle (Jodie Devos, links) und Isolier (Josè Maria Lo Monaco, rechts)

Ein weiterer musikalischer und szenischer Höhepunkt ist das Terzett zwischen der Gräfin, Isolier und dem als Schwester Colette verkleideten Comte Ory. Siragusa legt hier stimmlich etwas zu und wirkt auch in den Höhen weniger angestrengt als im ersten Akt. Lo Monaco wird als Isolier von ihm mit Liebkosungen überschüttet, die eigentlich für die Gräfin bestimmt sind und spielt mit wunderbarer Komik aus, dass Isolier nicht so ganz versteht, was ihr / ihm eigentlich passiert. Devos scheint dieses Verwirrspiel als Gräfin regelrecht zu genießen und begeistert erneut mit glockenklarem Sopran. Bei so viel Komik ist man schon fast enttäuscht, dass die Ankunft der Kreuzritter dem Treiben ein Ende bereitet. Der von Pierre Iodice einstudierte Chor begeistert durch große Spielfreude und homogenen Klang, wobei einzelne Chormitglieder als Coryphées auch kleine solistische Parts übernehmen. Jordi Bernàcer zaubert mit dem Orchester aus dem Graben einen spritzigen Rossini-Klang, so dass es am Ende verdienten Beifall für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Die erste, und einzige, französische komische Oper Rossinis ist musikalisch ein großartiges Werk, bei dem man szenisch nicht viel falsch machen kann, solange man der Vorlage vertraut.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jordi Bernàcer

Inszenierung
Denis Podalydès

Bühnenbild
Eric Ruf

Kostüme
Christian Lacroix

Licht
Stéphanie Daniel

Chorleitung
Pierre Iodice

 

Orchester und Chor
der Opéra Royal de Wallonie-Liège


Solisten

Le Comte Ory
Antonino Siragusa

La Comtesse Adèle
Jodie Devos

Isolier
Josè Maria Lo Monaco

Raimbaud
Enrico Marabelli

Le Gouverneur
Laurent Kubla

Dame Ragonde
Alexise Yerna

Alice
Julie Mossay

Comédiens
Laurent Podalydès
Léo Reynaud

Mainfroy / Coryphée
Stefano De Rosa

Gérard
Xavier Petithan

Coryphées
Benoît Delvaux
Alexei Gorbatchev
Ludivine Scheers
Réjane Soldano

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Opéra Royal
de Wallonie

(Homepage)



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