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Tscharodeika (Die Zauberin)

Oper in vier Akten
Libretto von Ippolit Wassiljewitsch Schpaschinski nach seinem gleichnamigen Theaterstück
Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski


In russischer Sprache mit französischen Übertiteln

Premiere am 15. März 2019 an der Opera de Lyon
im Rahmen des Festivals "Leben und Schicksale"
(rezensierte Vorstellung: 22. März 2019)

Aufführungsdauer: ca. 3h 40' (eine Pause)


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Opera de Lyon
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Der Rest ist Wahnsinn

Von Roberto Becker / Fotos © Stofleth


Der Beifall in Lyon bezog sich diesmal wohl nicht nur auf die Protagonisten und die bilderstarkte Inszenierung, sondern auch auf das Stück selbst. Natürlich ist Tschaikowski mit Eugen Onegin und Pique Dame auch in Frankreich eine bekannte Größe. Aber seine vieraktige "Die Zauberin" ist so selten zu sehen, dass sie unter der Rubrik Ausgrabung der aktuellen Ausgabe des Frühjahrsfestivals, das Serge Dorny traditionell seinem Haus beschert, diesmal den Glanz des Besonderen verleiht. Die letzte bemerkenswerte Produktion, die Tatjana Gürbaca für die flämische Oper inszeniert hatte (und die auch in Erfurt zu sehen war), liegt schon etliche Jahre zurück.

Dass die Uraufführung 1887 in St. Petersburg nicht zum Erfolg geriet, ist nachvollziehbar. Eine attraktive, ihr Leben und die Auswahl ihrer Partner selbst bestimmende Frau, das war in einer Welt, deren bigotte Moralvorstellungen Tschaikowski am eigenen Leib zu spüren bekam, nichts für das Opernpublikum im Reich des Zaren. Wobei man sich kaum vorstellen kann, dass der Ukrainer Andriy Zholdak mit seiner beherzt auf gesellschaftliche Missstände zielenden Inszenierung im postsowjetischen Russland Putins mit all seinen neoreligiösen Verklemmtheiten eine Chance auf Zustimmung der Staatsmacht oder auch nur auf die Genehmigung zur Aufführung bekommen würde. Eine Vermutung, die eindeutig für die Relevanz seiner Inszenierung spricht.

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Auch eine historische Pointe hält die Aufführungsgeschichte der Zauberin bereit. Ausgerechnet dieses Werk erfüllte nämlich im Umfeld des Hitler-Stalin Paktes mit einigen Aufführungen eine ähnliche kulturpolitische Feigenblatt-Rolle, wie die in Moskau plötzlich angesetzten Walküre-Vorstellungen Ob die Aufführungsserie dieser Zauberin in Lyon ausreicht, um dem Werk zu einem gesicherten Platz im Repertoire zu verhelfen? Das Zeug dazu hätte sie. Jedenfalls hat der hat der künstlerische Direktor der Oper Lyon Robert Körner (der dem kommenden Führungsteam der Wiener Staatsoper angehören wird) für diese Produktion eine Sängercrew zusammengestellt, der keine Wünsche offenlässt. Hinzu kommt, dass die Qualität der Musik außer Frage steht. Der Chef des Orchesters der Opéra de Lyon Daniele Rustioni macht das auch unmissverständlich deutlich: Großformatig bietet sie sowohl den Tschaikowski, den man - mit Onegin oder Pique Dame im Ohr - erwartet, und geht zugleich darüber hinaus. Es gibt die große aufleuchtende Emotion ebenso wie das zart Melodische oder den leichten Konversationston.

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Die attraktive Nastasja, genannt Kuma, ist natürlich keine Zauberin mit magischen Kräften, sondern einfach nur zauberhaft. Sie bedient aber die entsprechenden Erwartungen der Männer immer wieder, wenn sie - mit einem Augenzwinkern und einem ironischen Lächeln - das Fauchen einer Wildkatze imitiert. Ansonsten geht es ziemlich hoch her und drunter und drüber zwischen den drei meist synchron zu sehenden und bespielten Schauplätzen, Schänke, Kirche und fürstlichem Salon, die Daniel Zholdak nebeneinandergestellt hat, um sie dauernd neu zu kombinieren.

Es fängt mit einem Videofilm an, in dem ein Priester in seiner Kirche ganz geschäftsmäßig zum Feierabend die Kerzen auspustet mit dem Taxi nach Hause fährt. Wir befinden uns mitten in Lyon, in der Nähe des Opernhauses an dem obendrein ein "Festival" Plakat auf den Ort des Bühnengeschehens verweist. Kaum hat der Priester das Taxi verlassen, stürmt er schon auf die Bühne, hin zu dem Schachspiel, das der Mann gegen einen Computer (vielleicht aber sogar mit dem Teufel) spielt. Er greift zur Drei-D Brille und zoomt sich in eine virtuelle Parallelwelt mit Traum-Partnerin. Via Google-Maps-Perspektive geht es geradewegs in jene Schänke, die dann, in all ihrer abgewrackten russischen Schönheit auf der Bühne steht. Wie im Märchen. In der Mitte der Bühne befindet sich ein Kirchenraum-Gewölbe mit einem Riesen-Jesus am Kreuz vor lauter Lampen. Besonderheit: hinter den Augen des Leidensmanns hat unser Priester eine Überwachungskamera installiert. Wenn die Beichtstühle und Nebenräume des Gotteshauses ebenso ausgestattet sind, dann würde sich dort massenhaft Material für ein neue Etappe der Me-too-Debatte finden lassen. So oft wie hier Mädchen und Jungs den Gottesmännern folgen, lässt das nichts Gutes ahnen. Da sie sich weder mit dem Niveau der Protagonisten noch mit dem Stück selbst rechtfertigen lassen, können es wohl nur diese antiklerikalen Seitenhiebe der Inszenierung sein, die den Schlussapplaus (in der besuchten Vorstellung) mit ein paar vereinzelte Solo-Buhrufe würzten.

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Kuma, also die Zauberin, ist beliebt, hat viele Verehrer, aber ein paar hartnäckige Gegner. Allen voran jenen (hier zum Paffen mutierten Berater des Herrschers) Mamyrov, der am liebsten alle nach seiner Pfeife tanzen lassen würde. Den Fürsten, die Fürstin und ihren Filius inklusive. Er macht sich die im Allgemeinen wohl nicht ganz grundlose Eifersucht der Fürstin zunutze, um gegen Kuma zu intrigieren. Er schafft es tatsächlich, dass die Fürstin erst ihren Sohn aufhetzt, um Kuma aus dem Weg zu räumen. Als das aber schief geht und auch den Reizen der Zauberin, die ihn tatsächlich liebt, verfällt, schreitet diese First Lady selbst zur Tat und flößt ihrer vermeintlichen Rivalin mit Hilfe ihres Bodyguards Gift ein. Am Ende bringt der Fürst aus einer ähnlichen Gefühlsgemengelage heraus seinen Sohn um, ist am Ende einsam wie Lear auf der Heide und verfällt mit großem musikalischen Begleitdonnerwetter dem Wahnsinn. Zholdak erzählt die Geschichte wie einen Thriller. Nicht immer gradlinig hinter einander weg, aber auch wenn er synchron Nebenpfade beschreitet, im großen Zusammenhang dieses allgemeinen Drunter und Drüber.

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Mit ihrer Stimmgewalt und durchdringenden Klarheit und Eloquenz sind nicht nur der donnernde Evez Abdulla als Nikita und die mezzostarke Ksenia Vyaznikova als Eupraxia von wahrhaft fürstlichem Kaliber. Auch Migran Agadzhanyan als verspielt kindlicher Prinz Juri und Piotr Micinski als diabolischer Strippenzieher Mamirov komplettieren das Diadem aus erstklassigen Stimmen, aus dem Elena Guseva als strahlende und charismatische Zauberin Nastasia allemal hervorleuchtet. Auch die zahlreichen weiteren, durchweg als Charaktere ausformulierten Nebenrollen sind auf diesem Spitzenniveau besetzt. Sie alle werden so detailgenau in dem Geflecht von Intrigen und Obsessionen geführt, dass man tatsächlich weder dem gesungenen Russisch noch dem übertitelnden Französisch folgen muss, sondern sich voll auf Tschaikowski verlassen kann, um zu erfassen, um welche Gemeinheit es gerade geht.

Am Ende steht der Fürst allein und verlassen auf der Bühne. Der Rest ist Wahnsinn.


FAZIT

Die Oper Lyon landet mit Zholdaks Neuinszenierung von Tschaikowskis Zauberin einen Coup. Szenisch ein Thriller, musikalisch referenzverdächtig.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Daniele Rustioni

Inszenierung
Andriy Zholdak

Bühne
Andriy Zholdak
Daniel Zholdak

Kostüme
Simon Machabeli

Licht
Andriy Zholdak
und das Lichtteam der
Opéra de Lyon

Video
Étienne Guiol

Dramaturgischer Berater
Georges Banu


Chor und Orchester der
Opéra de Lyon


Solisten

Fürst Nikita Kurtjatew
Evez Abdulla

Fürstin Eupraxia Romanovna
Ksenia Vyaznikova

Prinz Juri, ihr Sohn
Migran Agadzhanyan

Mamirow, Schreiber
Piotr Micinski

Nenila, Kammerfrau der Fürstin
Mairam Sokolova

Ivan Jouran, Jagdmeister
Oleg Budaratskiy

Nastasia
Elena Guseva

Lukasch
Christophe Poncet von Solages

Kitschiga, Faustkämpfer
Evgeny Solodovnikov

Paissi, Vagabund
Vasily Efimov

Koudma, Zauberer
Sergey Kaydalov

Foka
Simon Mechlinski

Polia
Clémence Poussin

Potap
Roman Hoza

Balakine, Kaufmann
Daniel Kluge



Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Opera de Lyon
(Homepage)



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