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Götterdämmerung

Dritter Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen
Text und Musik von Richard Wagner

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 5h 25' (zwei Pausen)

Premiere im Stadttheater Minden am 6. September 2018
(rezensierte Aufführung: 09.09.2018)


 



Stadttheater Minden
(Homepage)

Großartiger Abschluss eines Zyklus

Von Thomas Molke / Fotos Friedrich Luchterhandt

Es ist vollbracht. Der über vier Jahre angelegte Ring-Zyklus findet in Minden in Ostwestfalen, das mit seinem kleinen Stadttheater ohne eigenes Ensemble wirklich nicht als Opernmetropole bezeichnet werden kann, mit der Götterdämmerung einen grandiosen Abschluss. Zu verdanken ist dieses Projekt dem unermüdlichen Einsatz des ansässigen Richard Wagner Verbandes und seiner Vorsitzenden Dr. Jutta Hering-Winckler, die mit zahlreichen Sponsoren und Kontakten zu Künstlerkreisen eine "Wagner-Tradition" etabliert hat, von der andere Städte vergleichbarer Größe nur träumen können. Zwar mögen dem einen oder anderen die Eintrittspreise für Mindener Verhältnisse relativ hoch erscheinen. Doch dafür bekommt man auch musikalisch Hochkarätiges geboten und erlebt eine szenische Umsetzung, die vor allem die Herzen der Wagner-Puristen höher schlagen lassen dürfte. Nachdem man sich in den vergangenen drei Jahren mit dem Vorabend Das Rheingold (siehe auch unsere Rezension), dem "Ersten Tag" Die Walküre (siehe auch unsere Rezension) und Siegfried (siehe auch unsere Rezension) von der musikalischen Qualität und der durchdachten Regie überzeugen konnte, steht nun der Abschluss der Tetralogie auf dem Programm, der noch einmal eine ganz besondere Herausforderung darstellt, da hier neben dem riesigen Orchesterapparat anders als in den vergangenen Teilen auch noch ein stattlicher Opernchor verlangt wird.

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Siegfried (Thomas Mohr, rechts) und Gunther (Renatus Mészár, links) schwören Blutsbrüderschaft (in der Mitte: Hagen (Andreas Hörl)).

Wenn überhaupt, muss man hier vielleicht kleinere Abstriche machen, da der Chor nicht auf der minimalen Bühne platziert werden kann, sondern hinter dem Orchester steht, das wie in den vorangegangenen Teilen nahezu die ganze Bühne einnimmt, während die Solisten auf dem überbauten Orchestergraben vor dem Orchester spielen. So kann der Chor szenisch weder im zweiten Aufzug bei der Ankunft Brünnhildes bei den Gibichungen noch bei der Jagd im dritten Aufzug szenisch agieren und wirkt aus dem Hintergrund ein bisschen blass. Das Spiel auf der Bühne übernehmen einige Statisten, die als Hagens Mannen auftreten, und im zweiten Aufzug auch vier Damen der Gesellschaft, die von den drei Rheintöchtern / Nornen und Waltraute dargestellt werden und pantomimisch vom Rang auf der rechten Seite das Geschehen auf der Bühne kommentieren. Das Bühnenbild von Frank Philipp Schlössmann besteht größtenteils lediglich aus einem riesigen roten Ring, der die Bühne einrahmt und gewissermaßen als Thema über der ganzen Produktion steht. Die zahlreichen verworrenen Fäden, die im Inneren des Ringes zu erkennen sind, hat man bis zur Götterdämmerung als Schicksalsfäden der Nornen interpretieren können, die zu diesem Zeitpunkt im Ring noch nicht gerissen sind und letztendlich den Verlauf der Geschichte bestimmen. In der Götterdämmerung wählt Schlössmann allerdings hierfür einen anderen Ansatz. So lässt er die drei Nornen an Tablets das Seil spannen. Die Runen, die sie auf ihren Tablets lesen, werden als Videoeinspielungen von Matthias Lippert auf den Gaze-Vorhang zwischen Solisten und Orchester geworfen, und zerfallen beim Reißen des Seils in ihre Einzelteile.

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Brünnhilde (Dara Hobbs, Mitte) klagt Siegfried (Thomas Mohr, vorne rechts) an (in der Mitte: Hagen (Andreas Hörl), hinten rechts: Gutrune (Magdalena Anna Hofmann)).

Da die Bühne ansonsten leer ist, lassen sich im ersten Aufzug problemlos die Szenenwechsel vom Walkürefelsen hin zur Gibichungenhalle und zurück zum Walkürefelsen vollziehen. Eine Treppe im Hintergrund auf der rechten Seite führt einmal hinauf zu Brünnhildes Schlafgemach auf dem Felsen und später in der Gibichungenhalle zu Gutrunes Zimmer. Im vorderen Bereich führen mehrere Treppen in den Orchestergraben hinab. Hier fließt wohl der Rhein, da Siegfried bei seiner Rheinfahrt dort hinabsteigt und später im dritten Aufzug auch die drei Rheintöchter von hier auftauchen. In diesem abstrakten Ansatz lässt Regisseur Gerd Heinz den Solisten viel Spielraum für eine librettonahe Umsetzung der Geschichte. Hervorzuheben ist erneut die großartige Textverständlichkeit der Solisten, da sie vor dem Orchester in unmittelbarer Nähe zum Publikum agieren, so dass man auch ohne Übertitel den Text größtenteils sehr gut verstehen kann. Dara Hobbs begeistert als Brünnhilde bei ihrem Abschied von Siegfried mit strahlenden, dramatischen Höhen, die die ehemalige Walküre als verliebte junge Frau charakterisieren. Thomas Mohr hält als Siegfried mit einem leicht metallischen Heldentenor dagegen, der nur in den extremen Höhen ein bisschen angestrengt klingt. Großartig gelingt ihm seine Verwandlung mit der Tarnkappe am Ende des ersten Aufzugs. Mohr setzt diesen Teil mit nahezu baritonalen Tiefen an, so dass er in seinem Mantel seinem Blutsbruder Gunther sehr nahe kommt. Heinz zeichnet den Gibichungen Gunther weder als schwachen Herrscher noch seine Schwester Gutrune als naives Mädchen. Stattdessen sieht er sie als relativ zufriedenes Geschwisterpaar, vielleicht sogar in einer ähnlichen inzestuösen Verbindung wie Siegmund und Sieglinde, so dass Hagen schon sehr viel Überzeugungskraft aufbringen muss, seinen Halbbruder von Brünnhildes Vorzügen zu begeistern.

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"Starke Scheite schichtet mir dort": Brünnhilde (Dara Hobbs), links außen: Hagen (Andreas Hörl)

Andreas Hörl ist als Hagen stimmlich und darstellerisch ein weiterer Glanzpunkt des Abends. Mit abgrundtief schwarzem Bass zeichnet er den finsteren Charakter des Albensohnes, über den sein Vater Alberich schon längst die Kontrolle verloren hat. Dies wird in der großartigen Szene zwischen Frank Blees als Alberich und Hörl zu Beginn des zweiten Aufzugs stimmlich und darstellerisch wunderbar herausgearbeitet. Schon beinahe angsterfüllt fordert Blees die sprichwörtliche Nibelungentreue ein, während Hörl deutlich macht, dass Hagen nur seine eigenen Interessen verfolgt. Sein dunkler "Hoiho"-Ruf geht durch Mark und Bein und macht nachvollziehbar, wieso Hagen bei den Gibichungen solche Autorität genießt. Renatus Mészár legt die Partie des Gunther mit markantem Bassbariton an, der für Siegfried trotz des Mordplans große Sympathie hegt. Mit überzeugendem Spiel gestaltet Mészár auf der Jagd im dritten Aufzug Gunthers Unbehagen über Hagens Plan und stürzt sich mutig in sein Verderben, wenn er Hagen entgegentritt und ihn des Mordes an Siegfried beschuldigt. Gutrune bricht nicht einfach über dem Leichnam ihres Bruders zusammen, sondern stürzt sich selbst in Hagens Dolch, nachdem sie erkennt, dass Brünnhilde die Frau ist, die Siegfried durch den Trank vergessen hat. Magdalena Anna Hofmann überzeugt als Gutrune mit warmem Sopran. Hobbs triumphiert als Brünnhilde auch in ihrem Schlussgesang "Starke Scheite schichtet mir dort" mit sauber fokussierten Spitzentönen.

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Die Rheintöchter (in der Mitte: Floßhilde (Tiina Penttinen), links: Wellgunde (Christine Buffle)) sind wieder im Besitz des Rings (im Hintergrund auf der Bühne liegend: Gutrune (Magdalena Anna Hofmann) und Gunther (Renatus Mészár)).

Ein weiterer musikalischer Höhepunkt ist die Waltraute-Erzählung im ersten Aufzug. Kathrin Göring, die in Minden bereits in den ersten beiden Ring-Teilen als Fricka begeistert hat, gestaltet die Erzählung mit dramatischem Mezzosopran und intensivem Spiel. Als Rheintöchter und Nornen überzeugen Tiina Penttinen (Floßhilde und erste Norn), Christine Buffle (Wellgunde und zweite Norn) und Julia Bauer (Woglinde und dritte Norn) stimmlich und darstellerisch. Heinz lässt die drei auch die letzten Regie-Anweisungen des Librettos spielen, was bei heutigen Inszenierungen äußerst selten ist. So ergattert Hagen zunächst aus den Tiefen des Rheins den Ring und hält ihn einen Moment triumphierend in der Hand, bevor er von Wellgunde und Woglinde in die Tiefe gezogen wird und Floßhilde den Ring an sich nimmt. Das Ende wirft dann szenisch allerdings ein paar Fragen auf. Die Toten erheben sich und richten ihren Blick auf das Orchester, während der trennende Gaze-Vorhang, der das Orchester von den Solisten trennt, in den Schnürboden emporgezogen wird. Doch bei dem intensiven Spiel der Nordwestdeutschen Philharmonie unter der Leitung von Frank Beermann versinkt man in den Klängen der Musik, ohne groß über diese Idee nachdenken zu können. So gibt es am Ende frenetischen und verdienten Beifall für alle Beteiligten, für ein Projekt, das man im nächsten Jahr zweimal zyklisch erleben kann. (1. Zyklus: 12.09.2019 Das Rheingold, 15.09.2019 Die Walküre, 19.09.2019 Siegfried und 22.09.2019 Götterdämmerung, 2. Zyklus: 26.09.2019 Das Rheingold, 29.09.2019 Die Walküre, 03.10.2019 Siegfried und 06.10.2019 Götterdämmerung). Interessenten sollten sich beizeiten um Karten kümmern, da die Nachfrage sehr groß werden dürfte und das Stadttheater nur über ein begrenztes Platzkontingent verfügt.

FAZIT

Minden in Ostwestfalen hat das Unmögliche möglich gemacht und auf einer minimalen Bühne in einer hochkarätigen Besetzung einen Ring auf die Bühne gestellt, der den Vergleich mit den großen Bühnen des Landes keineswegs zu scheuen braucht.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Frank Beermann

Regie
Gerd Heinz

Bühne und Kostüme
Frank Philipp Schlössmann

Videogestaltung
Matthias Lippert

Licht
Michael Kohlhagen

Chor
Thomas Wirtz

 

Nordwestdeutsche Philharmonie

Wagner Chor Minden 2018


Solisten

Siegfried
Thomas Mohr

Gunther
Renatus Mészár

Alberich
Frank Blees

Hagen
Andreas Hörl

Brünnhilde
Dara Hobbs

Gutrune
Magdalena Anna Hofmann

Waltraute
Kathrin Göring

Erste Norn / Floßhilde
Tiina Penttinen

Zweite Norn / Wellgunde
Christine Buffle

Dritte Norn / Woglinde
Julia Bauer

Statisterie
Leona Meier
Klara Bonhage
Johanna Hoffmann
Romy Schwagmeier
Niels Karlson Hering
Jakob Gellermann
Julia Treger
Gil-Frederik Hoz-Klemme
Henry Mohrhoff
Simone Rau


Weitere Informationen
erhalten Sie unter
www.ring-in-minden.de
(Homepage)




Da capo al Fine

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