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Die tote Stadt

Oper in drei Bildern
Libretto von Paul Schott (Pseudonym für Julius Korngold) und vom Komponisten
nach Das tote Brügge von Georges Rodenbach
Musik von Erich Wolfgang Korngold

Aufführungsdauer: ca. 2h 40' (eine Pause)

in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 16. Juni 2019


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Visionen in der Leichenhalle


Von Thomas Molke / Fotos:  Wil van Iersel

Erich Wolfgang Korngold trägt seinen Zweitnamen nicht nur aufgrund der Verehrung seiner Eltern für Mozart. Der Anfang seiner Karriere ließ die Musikwelt ein neues Wunderkind entdecken, das bereits mit elf Jahren als erstes Bühnenwerk eine Ballettpantomime komponierte, die zwei Jahre später in der Orchestrierung seines Lehrers Alexander von Zemlinsky an der Hofoper Wien uraufgeführt wurde. Mit seinen im zarten Alter von 16 Jahren unter dem Einfluss seines ehrgeizigen Vaters Julius Korngold entstandenen Operneinaktern Der Ring des Polykrates und Violanta zählte er bereits nach dem Ersten Weltkrieg mit Richard Strauss zu den bedeutendsten und am häufigsten gespielten zeitgenössischen Komponisten. Seinen größten Erfolg erzielte er mit seiner Oper Die tote Stadt, die am 4. Dezember 1920 gleichzeitig an den Stadttheatern Hamburg und Köln uraufgeführt wurde. Auch die Filmmusik in Hollywood hat Korngold in den 30er und 40er Jahren entscheidend geprägt, bevor er dann in den 50er Jahren erkennen musste, dass seine spätromantische farbige Orchestrierung nicht mehr gefragt war. So geriet das einstige Wiener Wunderkind am Ende seines Lebens 1957 in Vergessenheit und rückt erst seit den letzten Jahrzehnten wieder mehr ins musikalische Bewusstsein. Die Wuppertaler Bühnen bringen nun zum Ende der Spielzeit Korngolds berühmtestes Werk, Die tote Stadt, heraus, das vor allem durch die als musikalisches Leitmotiv fungierende Arie der Marie, "Glück, das mir verblieb", und die schwärmerisch-melancholische Bariton-Romanze des Fritz, "Mein Sehnen, mein Wähnen", noch einen gewissen Bekanntheitsgrad besitzt.

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Paul (Jason Wickson) sieht in Marietta (Susanne Serfling) seine verstorbene Frau Marie.

Das Libretto, an dem Korngolds Vater Julius unter dem Pseudonym Paul Schott mitgearbeitet hat, basiert auf dem 1892 erschienenen Roman Das tote Brügge (Bruge-la-Morte), in dem der trauernde Witwer Hugues Vianes sich in die Tänzerin Jane Scott verliebt, die seiner verstorbenen Frau so ähnlich sieht, dass er sie als eine Reinkarnation seiner toten Gattin betrachtet und ein Verhältnis mit ihr beginnt. Jane lässt sich auf die Beziehung ein, ist aber nicht bereit, in die Rolle der Verstorbenen zu schlüpfen. Als sie sich schließlich zum Spaß einen Zopf der Toten, den Hugues in einem Schrein aufbewahrt, um den Hals legt, verliert Hugues die Beherrschung und erdrosselt Jane. Im Gegensatz zum Roman wird in der Oper die Begegnung des Witwers, der hier Paul heißt, mit der Tänzerin, die in Anlehnung an seine verstorbene Gattin Marie den Namen Marietta trägt, nur als Vision geschildert. Die Ermordung findet also nicht wirklich statt, sondern löst nur eine Art Reinigungsprozess aus. Paul erkennt am Ende, dass er in Brügge, das sinnbildlich als Stadt genauso tot ist wie seine Frau, nicht länger leben kann und will, und verlässt mit seinem Freund Frank die "tote Stadt".

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"Glück, das mir verblieb": Paul (Jason Wickson) lauscht Maries / Mariettas (Susanne Serfling, links hinten in der Mitte) Gesang.

Das Regie-Team um Immo Karaman und Fabian Posca taucht tief in die Visionen Pauls ein und konzipiert den Bühnenraum als eine Leichenhalle in einem abgeschlossenen klaustrophobischen Kubus auf der Bühne. Die graue Farbe an den Wänden spricht für die Tristesse des Ortes. Schon im ersten Bild wirkt der Ort absolut irreal, da sich in dem Kubus nur ein Leichenfach in der Rückwand befindet. In diesem Fach sieht man eine tote Frau mit langem blondem Haar. Paul kauert trauernd auf einem Stuhl neben der Toten und schneidet ihr schließlich eine Haarsträhne ab, die er als Reliquie verehrt. Zwei an der Vorderseite des Kubus herabgelassene schwarze Vorhänge verwandeln den Raum und lassen Menschen gewissermaßen aus dem Nichts auftreten und wieder verschwinden. Da ist zunächst Pauls Haushälterin Brigitta zu nennen, die sich am Ende als eine Ärztin oder Schwester in der Leichenhalle entpuppt. Sie führt hinter dem Vorhang Maries Doppelgängerin Marietta herein, die Pauls Einladung gefolgt ist, um einen Blumenstrauß entgegenzunehmen und sich selbst auf Maries Laute zu einem Lied zu begleiten. Dann taucht Pauls Freund Frank auf, der versucht, Paul ins wahre Leben zurückzuholen und die Leichenkammer mit Marie schließt. Später schlüpft er allerdings in die Rolle des Fritz, der als Pierrot der Theatertruppe, mit der Marietta unterwegs ist, ebenfalls unsterblich in die Tänzerin verliebt ist, und damit zu Pauls Rivale wird.

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Paul (Jason Wickson) gefällt Mariettas (Susanne Serfling, links) Lebenswandel nicht (rechts vorne: Juliette (Anne Martha Schuitemaker), hinten rechts: Lucienne (Iris Marie Sojer)).

Im zweiten Bild wird die Rückwand des Kubus in den Schnürboden emporgezogen und gibt den Blick auf ein verunglücktes brennendes Auto frei. Man kann vermuten, dass Marie bei diesem Unfall umgekommen ist. Neben dem Auto liegen weitere Tote, die sich im weiteren Verlauf als die Tänzerinnen Juliette, Lucienne, der Regisseur Victorin und der Graf Albert entpuppen und zu Mariettas Theatergruppe gehören. Hier beobachtet Paul das improvisierte Spiel, in dem Marietta die von den Toten auferstehende Helene aus Meyerbeers Oper Robert le Diable darstellt. Nach der Pause ist Marietta mit Paul in die abgeschlossene Leichenhalle zurückgekehrt. Aus dem Hintergrund tritt der Chor auf, der das gleiche Kostüm wie Paul und eine Strumpfmaske über dem Kopf trägt. Marietta wird gewissermaßen komplett von Paul eingenommen. Interessant ist auch das Wortspiel auf dem Vorhang. Zuerst erscheint der Name "Marie", hinter den ein Kreuz gesetzt wird. Mit einem weiteren Kreuz und einem "a" verwandelt sich der Name in "Marietta". Marietta ist Pauls Frömmigkeit unheimlich. Sie kann sich von ihm befreien, und die Rückwand des Kubus wird wieder emporgezogen. Noch einmal sieht man den Wagen, nun allerdings vor dem Unfall. Marietta steigt hinein, oder ist es Marie, die in den Tod fährt?

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In der Realität angekommen? Paul (Jason Wickson) in der Leichenhalle

Danach scheint der Traum zu Ende zu sein. Nun befindet man sich in einer wirklichen Leichenhalle mit mehreren Leichenkammern, einer Tür im Hintergrund und zwei Eingängen in den Kubus. Brigitta und Frank treten nun in weißen Kitteln auf. Paul ist scheinbar gerade in die Leichenhalle zu seiner verstorbenen Frau gerufen worden. Danach hört man die anderen Figuren nur noch aus dem Off. Sie dringen also nicht mehr zu Paul vor. Marietta, die erneut auftritt, um den Strauß abzuholen, bleibt genauso unsichtbar wie Frank, der Paul bittet, mit ihm Brügge zu verlassen. Paul verlässt den Raum, und man hört ein letztes Mal Maries Lied "Glück, das mir verblieb", das nun von Paul beim Abgehen angestimmt wird. Karaman findet für die Geschichte surreale Bilder, die Pauls Visionen zu einem regelrechten Psycho-Trip werden lassen, bei dem er versucht, den Verlust seiner Frau und die Angst vor dem, was kommt, zu verarbeiten. Besonders das Schlussbild geht in seiner Unerbittlichkeit unter die Haut.

Das Sinfonieorchester Wuppertal leistet unter der musikalischen Leitung von Johannes Pell Gewaltiges. Sehr expressiv arbeitet Pell mit den Musikern die opulenten Klänge der Partitur heraus und löst beim Zuhörer ein Wechselbad der Gefühle aus. Jason Wickson meistert die Partie des Paul mit kräftigem Tenor, der in den Höhen über enorme Strahlkraft verfügt. Susanne Serfling verfügt als Marie / Marietta über einen leuchtenden Sopran, der auch in den Höhen großes Volumen besitzt. Auch darstellerisch begeistert sie mit großem Ausdruck und wechselt glaubhaft zwischen Marietta und der toten Marie, was auch mit zahlreichen schnellen Kostümwechseln verbunden ist. Die berühmte Arie "Glück, das mir verblieb" zeichnet sie mit lyrischer Innbrunst und bewegendem Spiel. Simon Stricker punktet als Frank / Fritz mit kräftigem Bariton. Seine innige Interpretation der berühmten Romanze "Mein Sehnen, mein Wähnen" avanciert zu einem musikalischen Höhepunkt des Abends. Ariana Lucas legt die Partie der Brigitta mit etwas zu starkem Vibrato an. Die kleineren Partien sind gut besetzt, und auch der von Markus Baisch einstudierte Chor überzeugt, so dass es am Ende großen und verdienten Beifall für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Karaman setzt Korngolds tote Stadt als Seelendrama in Szene, das in nüchtern gehaltenen Bildern die Visionen Pauls stimmungsvoll einfängt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Johannes Pell

Regie und Bühne
Immo Karaman

Kostüme und Choreographie
Fabian Posca

Licht
Henning Priemer /
Fredy Deisenroth

Chor
Markus Baisch

Dramaturgie
David Greiner

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Opernchor und Kinderchor der Wuppertaler Bühnen


Solisten

Paul
Jason Wickson

Marietta / Marie
Susanne Serfling

Frank / Fritz
Simon Stricker

Brigitta
Ariana Lucas

Juliette
Anne Martha Schuitemaker

Lucienne
Iris Marie Sojer

Victorin / Gaston
Sangmin Jeon

Graf Albert
Mark Bowman-Hester

Statisterie
Bettina Gericke
Michael Kallweit
Sebastian Klopotowski
Erik Mamberger
Lara-Sophie Sondern
Heidi Stein
Daniela Stibane
Janneth Wegener
Lotte Zuther

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



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