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Luisa Miller

Oper in drei Akten
Libretto von Salvatore Cammarano nach Kabale und Liebe von Friedrich Schiller
Musik von Giuseppe Verdi

In italienischer Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Koproduktion mit der English National Opera

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 8. Dezember 2018


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Schillers Trauerspiel in Schwarz-Weiß


Von Thomas Molke / Fotos:  Jens Großmann

Die Dramen von Friedrich Schiller haben auf Giuseppe Verdi eine derart große Faszination ausgeübt, dass er insgesamt vier Tragödien des großen deutschen Dichters vertont hat. Während Don Carlo auch heute noch relativ häufig auf den Spielplänen steht und Verdi sich mit dieser Oper nicht nur am längsten auseinandergesetzt hat, sondern auch von der Uraufführung 1867 in Paris bis 1886 in Modena insgesamt sieben Fassungen in französischer und italienischer Sprache kreiert hat, führen die übrigen drei Kompositionen eher ein Schattendasein im Schaffen des berühmten italienischen Komponisten, was vor allem daran liegen mag, dass sie vor der sogenannten "Trilogia popolare" (Rigoletto, Il trovatore und La traviata) entstanden sind, die seine "Frühwerke" von den Bühnen verdrängten. Im Gegensatz zu Giovanna d'Arco (Die Jungfrau von Orléans) und I masnadieri (Die Räuber) wird Luisa Miller aber zumindest in den letzten Jahren an den Opernhäusern wieder etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt. So stand das Stück in der vergangenen Spielzeit beispielsweise an der Metropolitan Opera auf dem Spielplan, kommt im April 2019 am Landestheater Detmold heraus und wird bei den Salzburger Festspielen 2019 mit großem Staraufgebot zu erleben sein. Nun hat man sich auch an den Wuppertaler Bühnen entschieden, diese Oper als Koproduktion mit der English National Opera zu präsentieren.

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Noch ist ihre Welt in Ordnung: Luisa (Izabela Matula) und Rodolfo (Rodrigo Porras Garulo)

Dass Verdi die weibliche Hauptfigur im Titel beibehält, deutet bereits seine Konzentration auf individuelle Charaktere an, wie sie in seinen späteren Werken immer wieder im Mittelpunkt stehen sollten. Dabei hatte auch Schiller ursprünglich geplant, sein Drama Luisa Millerin zu nennen, ließ sich aber von dem Schauspieler August Wilhelm Iffland überzeugen, dass Kabale und Liebe ein publikumswirksamerer Titel sei. Verdis übrige Änderungen in der Dramenvorlage Schillers sind den damaligen Opernkonventionen und der Zensur im Neapel des 19. Jahrhunderts geschuldet. So wäre es beispielsweise undenkbar gewesen, dass der Sohn des Grafen von Walter den gleichen Vornamen gehabt hätte wie der damalige König von Neapel Ferdinando II. Deswegen wurde aus Ferdinand kurzerhand Rodolfo. Auch die Partie der Lady Milford wurde in der Oper aus mehreren Gründen abgeschwächt. Zum einen wäre es einer Sängerin nicht zumutbar gewesen, die Mätresse eines Herrschers zu spielen. Zum anderen musste die Ranghierarchie in dem am Haus engagierten Ensemble berücksichtigt werden, wonach es neben Luisa keine zweite Primadonna geben durfte, wie Verdi es sich eigentlich für diese Partie gewünscht hätte. Aus Lady Milford wurde folglich Federica von Ostheim, eine verwitwete Herzogin. Des Weiteren wurden Luisas Mutter und der Hofmarschall von Kalb als Rollen gestrichen. Luisa adressiert bei Verdi den verleumderischen Brief direkt an Wurm, was dessen Rolle in der Intrige noch gewichtiger macht.

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Graf von Walter (Sebastian Campione, mit James Rosental als Tänzer im Hintergrund) hat eine "dunkle" Vergangenheit.

Für die Inszenierung wählt das Regie-Team um Barbora Horáková Joly einen psychologischen, recht plakativen Ansatz, der keine Zwischentöne zulässt. Die "weiße" Unschuld Luisas wird von der "schwarzen" Macht des Bösen im Lauf des Stückes überdeckt. So werden die Protagonisten und die hohen weißen Wände ständig mit schwarzer Farbe beschmiert, um den Untergang der Unschuld und des Guten zu manifestieren. Hinzu kommt auch noch ein Tanzensemble bestehend aus zwei Tänzerinnen und zwei Tänzern, die noch ärgere Schmierereien über sich ergehen lassen müssen. Im ersten Akt steigen sie sogar aus unerklärlichen Gründen in Fässer und lassen sich darin mit schwarzer Farbe überschütten, bevor die Fässer verschlossen und von der Bühne gefahren werden. Das verstehe, wer will. Auch ihr späteres Auftreten erschließt sich nicht wirklich. Als Schatten des Bösen machen sie es sich zur Aufgabe, das Weiß der Wände zu verdecken. Hinzu kommen auch noch Luisa und Rodolfo als Kinder, die die Wände im Laufe des Stückes mit zahlreichen Kinderzeichnungen, selbstverständlich in Schwarz, verzieren. Schon bei der Ouvertüre treten sie von unterschiedlichen Seiten mit einem Geschenk auf. Während Luisa rote Schuhe auspackt, bekommt Rodolfo einen Stoff-Teddybär, den er später im Stück mit einem Messer malträtiert. Anschließend schreibt Rodolfo "Amore" an die linke weiße Bühnenwand und Luisa "Intrigo" an die rechte Wand, was wohl für die Begriffe in Schillers Titel steht. Inhaltlich sinnvoll wirkt es nicht, dass Luisa dieses Wort schreibt, da sie ja nur das Opfer der Intrige ist. Später macht Rodolfo das Wort "Amore" unkenntlich, was wohl andeutet, dass Rodolfo sein Vertrauen in Luisa und die Liebe verloren hat.

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Skurrile Geburtstagsfeier: auf der Bank: Miller (Anton Keremidtchiev), im Hintergrund: Luisa als Kind mit dem Tanzensemble als Clowns und dem Chor

Schon bei dem Geburtstagsfest Luisas im ersten Akt verbreiten die Kostüme von Eva-Maria von Acker eine unheimliche Stimmung. Die weiß geschminkten Gesichter des Chors mit den unregelmäßigen schwarzen Tupfern lassen die Gesellschaft wie Unheil verkündende Geister erscheinen. Auch die Clowns, die die kleine Luisa mit zahlreichen Luftballons in die Höhe heben, verheißen nichts Gutes. Wieso die erwachsene Luisa anschließend als Objekt der Begierde in ein Haus im Hintergrund gestellt wird und von zahlreichen halbnackten Männern begrapscht wird, erschließt sich genauso wenig wie der Regie-Einfall, Wurm stets mit einer Silikonmaske auftreten zu lassen, die er dann, sobald er in Aktion tritt, ablegt. Dass er ständig aus dem Nichts erscheine, wie das Programmheft zu erklären versucht, wird dadurch auch nicht nachvollziehbarer. Auch ist fraglich, ob Wurm Luisa wirklich vergewaltigt, wenn er sie zwingt, in einem Brief ihre Liebe zu ihm zu bekennen. Glaubhaft wirkt sie jedenfalls nicht, wenn sie als geschändete Frau vor der Herzogin Federica steht und dieser versichert, dass sie Rodolfo niemals geliebt habe. Allerdings ist Federica in der Inszenierung auch so angelegt, dass es sie nicht wirklich zu interessieren scheint, ob Luisa hier die Wahrheit sagt. Als "dunkle" Figur legt sie im ersten Akt, als Rodolfo Luisa erneut seine Liebe bekannt hat, ein weißes Hochzeitskleid an und tanzt im Hintergrund, während Miller vom Grafen verhaftet wird und Rodolfo seinem Vater androht, das Geheimnis preiszugeben, wie von Walter an die Macht gelangt ist, was zu Luisas Freilassung führt.

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Wurm (Michael Tews) diktiert Luisa (Izabela Matula) den verhängnisvollen Brief.

Musikalisch lässt der Abend keine Wünsche offen. Da ist zunächst einmal Julia Jones' zupackendes Dirigat zu nennen. Absolut energiegeladen führt sie das Sinfonieorchester Wuppertal durch die spannungsreiche Partitur und arbeitet die zahlreichen Nuancen differenziert heraus, durch die sich Verdi als großer Musikdramatiker auszeichnet. Hier wird deutlich, dass Luisa Miller eigentlich schon nicht mehr zu den Frühwerken zu zählen ist, sondern mit der "Trilogia popolare" musikalisch fast schon auf Augenhöhe steht. Für die Titelpartie hat man die polnische Sopranistin Izabela Matula gewinnen können, die bis zur letzten Spielzeit noch dem Ensemble des Theaters Krefeld und Mönchengladbach angehörte und da sicherlich noch als Elsa in guter Erinnerung sein dürfte. Mit jugendlich-dramatischem Sopran und einer hervorragenden lyrischen Grundierung gestaltet sie die Entwicklung von dem jungen, unschuldigen Mädchen zur zum Verrat gezwungenen Frau. In ihrer Auftrittsarie "Lo vidi e 'l primo palpito" schwärmt sie mit mädchenhaft leichtem Sopran von ihrer ersten Begegnung mit Rodolfo, den sie bis jetzt nur unter dem Namen Carlo kennt. Einen großartigen Wechsel vollzieht sie dann im zweiten Akt in ihrer Verzweiflungsarie "Tu puniscimi, o Signore", wenn sie ihr grausames Schicksal beklagt, aus Liebe zum Vater den verräterischen Brief schreiben zu müssen. Entschlossen will sie sich dann im dritten Akt zunächst das Leben nehmen, bevor ihr Vater sie daran hindert. Nachdem sie das von Rodolfo verabreichte Gift getrunken hat, findet sie mit leuchtenden Höhen, die zu Tränen rühren, ihre Unschuld wieder, auch wenn das Beschmieren mit schwarzer Farbe durch die Tänzer da eine andere Deutung anstrebt. Rodrigo Porras Garulo bewegt sich als Rodolfo mit strahlendem Tenor und sauber ausgesungenen Höhen auf Augenhöhe mit Matula. Die berühmte Tenor-Arie aus dem zweiten Akt, "Quando le sere al placido", in der er die glückliche Zeit mit Luisa Revue passieren lässt, gestaltet Garulo mit beweglicher Stimmführung und großer Intensität. Das großes Liebes-Duett im ersten Akt, "T'amo d'amor ch'esprimere", und das Schluss-Duett im dritten Akt, "Piangi, piangi il tuo dolore", in dem Rodolfo und Luisa die Sinnlosigkeit ihres Todes erkennen, avancieren ebenfalls zu musikalischen Glanzpunkten des Abends.

Anton Keremidtchiev gestaltet Luisas Vater Miller mit kräftigem Bass, der im dritten Akt im Zusammenspiel mit Matula auch ganz weiche Töne finden kann, während er zunächst mit Vehemenz gegen Rodolfo und seinen Vater rebelliert. Nana Dzidziguri punktet als Herzogin Federica mit dunkel gefärbtem Mezzosopran und mondänem Spiel. Sie hat sich glaubhaft in die Welt des Bösen integriert und stellt einen Gegenpol zu Luisa dar. Als alter Bekannter kehrt Michael Tews als Wurm nach Wuppertal zurück. Sein düsterer Bass verleiht dem intriganten Verwalter eine sehr schwarze Note. Da hätte es der schwarzen Farbe gar nicht bedurft. Auch darstellerisch gelingt ihm die Szene, in der er Luisa den verleumderischen Brief diktiert, glaubhaft abstoßend. So wird gut nachvollziehbar, dass Luisa ihn nicht lieben kann und er sich ihr gewaltsam nähern muss. Ensemble-Mitglied Sebastian Campione stattet den relativ gefühlskalten Grafen von Walter mit profundem Bass aus. Als neues Ensemble-Mitglied gibt Iris Marie Sojer als Luisas Freundin Laura einen überzeugenden Einstand. Der von Markus Baisch einstudierte Chor begeistert durch harmonischen, kraftvollen Klang und überzeugende Bühnenpräsenz, so dass es für alle Beteiligten am Ende großen Beifall gibt, in den sich auch das Regie-Team ohne jedwede Unmutsbekundung einreiht. Das Publikum scheint also mit der psychologisch-plakativen Sicht auf das Stück keine Probleme zu haben.

FAZIT

Musikalisch bewegt sich die Produktion auf hohem Niveau und macht einen Besuch der Aufführung absolut empfehlenswert. Die schwarz-weiße Inszenierung ist Geschmacksache.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Julia Jones

Inszenierung
Barbora Horáková Joly

Bühne
Andrew Lieberman

Kostüme
Eva-Maria van Acker

Choreographie
James Rosental

Licht
Michael Bauer

Chor
Markus Baisch

Dramaturgie
David Greiner

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Opern- und Extrachor der
Wuppertaler Bühnen


Solisten

*Premierenbesetzung

Il conte di Walter
Sebastian Campione

Rodolfo
Rodrigo Porras Garulo

Federica
Nana Dzidziguri

Wurm
Michael Tews

Miller
Anton Keremidtchiev

Luisa
Izabela Matula

Laura
Iris Marie Sojer

Ein Bauer
*Sookwang Cho /
Sehyuk Im

Luisa als Kind
Marlene Engel /
Letizia Laske

Rodolfo als Kind
Fabian von Heimburg /
Johann Jenkner

Tanzensemble
Nadine Funk /
*Isabell Jäger /
*Ateş Kaykilar /
*Nelly Militz /
*James Rosental /
Natalia Stellmach /
Luca Völkel

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



Da capo al Fine

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