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Werther

Lyrisches Drama in vier Akten
Libretto von Édouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann nach Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther
Musik von Jules Massenet

In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 25' (eine Pause)

Premiere der konzertanten Aufführung in der Historischen Stadthalle Wuppertal am 8. September 2018


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Konzertanter Saisonauftakt mit Videoprojektionen


Von Thomas Molke / Fotos:  Claudia Scheer van Erp

Jules Massenets Werther zählt neben seiner Manon zu den größten internationalen Erfolgen des französischen Komponisten. Dabei war der Weg bis zur Uraufführung ziemlich steinig. Der große Anklang, den Gounods Faust und Thomas' Mignon fanden, veranlasste Massenet, sich ebenfalls mit einem Stoff von Goethe zu beschäftigen und den Werther zu vertonen. Eigentlich plante er, das 1887 vollendete Werk an der Opéra comique herauszubringen, doch Léon Carvalho, der dortige Operndirektor, lehnte das Stück als zu melancholisch ab. Als das Haus dann auch noch im gleichen Jahr abbrannte, wurden Massenets Hoffnungen, den Werther in Paris herauszubringen, zunächst zunichte gemacht. Erst als er ein paar Jahre später an der Wiener Hofoper mit Manon einen großen Erfolg erzielte, erlebte Werther am 16. Februar 1892 in Wien seine Uraufführung. Das französische Libretto wurde dafür von Max Kalbeck ins Deutsche übertragen. Der Erfolg in Wien war so groß, dass das Stück ein Jahr später an der wieder aufgebauten Opéra comique herauskam und dort bis zum zweiten Weltkrieg insgesamt über 1000 Mal gespielt wurde. In Wuppertal eröffnet man nun mit dieser Literaturoper die Spielzeit, bringt sie allerdings nicht szenisch sondern konzertant heraus. Anders als die beiden Folgeaufführung findet die Premiere nicht im Opernhaus sondern in der Historischen Stadthalle statt.

Massenets Oper unterscheidet sich von Goethes Roman vor allem in der Erzählstruktur. Während im Roman alle Figuren nur durch Werthers Augen gesehen werden und man folglich nie weiß, ob sie wirklich so sind, wie sie vom Erzähler beschrieben werden, entwickeln sie in der Oper eine eigene Persönlichkeit, da sie auch in Abwesenheit Werthers auf der Bühne agieren. Bei Massenet ist es nicht Charlottes aufrichtige Liebe zu Albert, die dazu führt, dass sie sich Werthers Werben und ihren innigen Gefühlen für ihn widersetzt, sondern ein Versprechen, das sie ihrer Mutter auf dem Sterbebett gegeben hat. Von diesem Schwur am Totenbett der Mutter ist bei Goethe nur am Rande die Rede. Albert ist, anders als bei Goethe, kein farbloser Beamter, sondern erkennt in Werther durchaus einen Rivalen für seine Beziehung zu Charlotte. Wenn er folglich im dritten Akt Charlotte anweist, Werther für seine Reise durch einen Diener die erbetenen Pistolen schicken zu lassen, gewinnt er Züge eines klassischen Opernbösewichts. Neu bei Massenet ist die Partie von Charlottes jüngerer Schwester Sophie, die bei Goethe gar nicht vorkommt und ein leicht naives und stets gut gelauntes Gegengewicht zu den anderen Figuren bildet. Eine Szene in Goethes Roman, in der Werther und Charlotte ihre Seelenverwandtschaft über ein Gedicht Klopstocks erkennen, überträgt Massenet auf ein weiteres junges Pärchen, Brühlmann und Käthchen, die ansonsten in der Oper allerdings keine bedeutende Rolle spielen.

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Schlussapplaus vor der Videoprojektion: in der Mitte von links: Werther (Sangmin Jeon), Charlotte (Catriona Morison), John Nelson, Sophie (Ralistsa Ralinova) und Albert (Simon Stricker), links: der Kinder- und Jugendchor, hinten: Sinfonieorchester Wuppertal

Die konzertante Aufführung wird von Videoprojektionen der beiden Videokünstler und Bühnenbildner Momme Hinrichs und Torge Møller unterstützt, die unter dem Künstlernamen fettFilm agieren. Über dem Orchester ist eine riesige Leinwand angebracht, auf die in einem Bilderrahmen eine Wiese projiziert wird, die in der Mitte auf einer kleinen Erhebung von einem Baum dominiert wird. Dieser Baum steht wohl für den Ort, an dem Werther nach seinem Selbstmord begraben werden möchte. Zu Beginn der Ouvertüre handelt es sich noch um einen zarten Trieb, der im weiteren Verlauf zu einem stattlichen Baum heranwächst. Die einzelnen Akte gewähren nun eine unterschiedliche Sicht auf diesen Baum. Im ersten Teil sieht man ihn von einer Veranda aus. Wenn im dritten Akt der Winter eingebrochen ist, ist er durch ein Fenster in Charlottes Haus sichtbar. An der Wand auf der linken Seite hängt ein Portrait von Charlottes Mutter, um zu zeigen, wie sehr sie auch nach ihrem Tod noch Charlottes Handeln bestimmt. Wenn es dann im letzten Akt zu Werthers Selbstmord kommt, sieht man den Baum durch ein Fenster in Werthers Haus, wobei der Baum so schneebedeckt ist, dass man ihn kaum noch erkennen kann. Über den Baum und die Wiese werden immer wieder die Schemen eines tanzenden Paares gelegt. Dieses glückliche Bild aus vergangenen Tagen wird auch in der Musik hörbar, wenn Werther oder Charlotte an den glücklichen Abend auf dem Fest im Sommer zurückdenken. Mit einem Auftritt ohne Textbuch und ein bisschen szenischem Spiel wäre diese Aufführung andernorts bereits als semi-stage bezeichnet worden.

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Kurzer Augenblick des Glücks zwischen Werther (Sangmin Jeon) und Charlotte (Catriona Morison)

Musikalisch bewegt sich die Aufführung auf hohem Niveau, wobei man mit Stolz sagen kann, dass alle zentralen Partien mit Ensemble-Mitgliedern besetzt werden können. Da ist zunächst einmal der koreanische Tenor Sangmin Jeon in der Titelpartie zu nennen. Mit strahlenden Höhen und leidenschaftlichem Timbre gestaltet er die Leiden des jungen Mannes. Absolut lyrisch gelingt sein erster Auftritt, wenn er in "O nature pleine" noch voller Hoffnung die Schönheit der ländlichen Idylle besingt und der wunderbare Sommertag mit dem Fest, zu dem er Charlotte begleitet, für ihn den Höhepunkt der Glückseligkeit manifestiert. Voller Innbrunst gesteht er Charlotte bei der Rückkehr im Mondenschein seine Liebe, wird von ihr allerdings aus seinem Liebestaumel gerissen, da sie ihm gesteht, Albert heiraten zu müssen. Ein weiterer musikalischer Höhepunkt ist seine große Arie im dritten Akt, "Pourquoi me réveiller", in der er ein Gedicht Ossians zitiert und Charlotte erneut seine Liebe gesteht. Auch hier glänzt Jeon mit leuchtenden Höhen und großer Leidenschaft. Beeindruckend gestaltet er auch Werthers Sterbeszene im letzten Akt, wenn er in Charlottes Armen glückselig sein Ende findet.

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Albert (Simon Stricker) und Sophie (Ralitsa Ralinova)

Catriona Morison gestaltet die Partie der Charlotte mit warm-timbriertem Mezzosopran. Auch sie hat ihre ganz großen Momente im dritten Akt, wenn sie am Weihnachtstag Werthers Briefe liest und sich ihrer Gefühle für ihn bewusst wird. Mit intensivem Spiel zeigt sie Charlottes innere Zerrissenheit, die im Gebet Rettung sucht. Auch ihre Schwester Sophie kann ihre Schwermut nicht lindern. Als dann auch noch Werther auftaucht, ist es beinahe um sie geschehen. Man nimmt Morison ab, wie schwer es ihr fällt, Werthers Drängen nicht nachzugeben. In der folgenden Szene mit Albert zeigt sie sich noch völlig geschwächt, was Alberts Entscheidung, Werther die Pistolen aushändigen zu lassen, noch bestärkt. Im letzten Akt hat sie noch einmal einen innigen Moment mit Werther, wenn er in ihren Armen stirbt, und zerbricht beinahe beim glücklichen Gesang der Kinder im Hintergrund. Ralitsa Ralinova stattet ihre Schwester Sophie mit einem leichten mädchenhaften Sopran aus. Simon Stricker verleiht dem Albert einen dunklen, autoritären Bass. In den kleineren Partien lassen Sebastian Campione als Charlottes Vater und Sebastià Peris als Johann aufhorchen. Peris, der einzige Gast im Ensemble, gestaltet die Partie des Freundes der Familie mit beweglichem Bariton und tritt als einziger ohne Textbuch auf.

Als Gastdirigent ist John Nelson verpflichtet worden, der das Sinfonieorchester Wuppertal mit sicherer Hand durch die Partitur führt und die Mondscheinmelodie als Leitmotiv sehr präzise herausarbeitet. Differenziert changiert er mit dem Orchester zwischen elegisch-wehmütigen Gefühlen des Werther und emotional aufwühlenden Tönen. So gibt es am Ende für alle Beteiligten großen und verdienten Beifall.

FAZIT

Der konzertante Saisonauftakt wird durch die Videoprojektionen und das intensive Spiel fast zu einer semi-stage-Aufführung.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
John Nelson

Szenische Konzeption
Karin Kotzbauer-Bode

Video
fettFilm

Chor
Markus Baisch

Dramaturgie
David Greiner

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Kinder- und Jugendchor der
Wuppertaler Bühnen

Damenchor der
Wuppertaler Bühnen


Solisten

Werther
Sangmin Jeon

Albert
Simon Stricker

Le Bailli, der Amtmann
Sebastian Campione

Schmidt
Mark Bowman-Hester

Johann
Sebastià Peris

Brühlmann
Pascal Giebel /
Kai Selbach

Charlotte
Catriona Morison

Sophie
Ralitsa Ralinova

Käthchen
Lea Homann /
Marlene Guthseel

Die Kinder des Amtmanns:
Fritz, Max, Hans, Karl, Gretel, Clara
Solisten des Kinder- und Jugendchors der Wuppertaler Bühnen

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



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