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Musiktheater
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Hagen - Die Ring-Trilogie - Teil 1

Oper in zwei Teilen
Dreiteilige Bearbeitung für das Theater an der Wien von Tatjana Gürbaca, Bettina Auer und Constantin Trinks

Musik und Libretto von Richard Wagner

in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 15' (eine Pause)

Premiere im Theater Aachen am 15. September 2019
(rezensierte Aufführung: 22.02.2019)

 

Logo: Theater Aachen

Theater Aachen
(Homepage)

Der Ring aus der Sicht Hagens

Von Thomas Molke / Fotos: Wil van Iersel

Richard Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen stellt mit seinen 16 Stunden reiner Spielzeit an jedes Opernhaus enorme Anforderungen. Als sogenannte "Light-Variante" erfreut sich an einigen - vor allem kleineren - Häusern in der letzten Zeit auch Loriots Fassung Der Ring an einem Abend großer Beliebtheit, der mit einigen humorvollen Zwischentexten nur Auszüge präsentiert. Tatjana Gürbaca, Bettina Auer und Constantin Trinks haben 2017 für das Theater der Wien eine weitere "Kurzfassung" erstellt und den Zyklus auf eine Trilogie reduziert, wobei jeder Teil aus dem Blickwinkel einer Figur der "jüngeren Generation" betrachtet wird und stets mit dem Tod Siegfrieds endet. So steht im ersten Teil Hagen, am zweiten Tag Siegfried und zum Abschluss Brünnhilde im Mittelpunkt der Erzählung. Die Musik und der Text sind jeweils auf diese Figur bezogen aus den unterschiedlichen Teilen des Rings neu zusammengesetzt worden (siehe auch unsere Rezension aus Wien von 2017). Das Theater Aachen widmet sich nun als erstes deutsches Opernhaus dieser neuen Fassung, bringt sie allerdings nicht wie in Wien an drei aufeinanderfolgenden Tagen heraus, sondern hat das Projekt auf insgesamt drei Spielzeiten verteilt. Den Anfang macht Hagen, der Sohn des Nibelungen Alberich.

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"Schläfst du, Hagen mein Sohn?": Alberich (Hrólfur Saemundsson, im Hintergrund) und Hagen (Avtandil Kaspeli, vorne)

Der Abend beginnt mit der Szene zwischen Hagen und seinem Vater Alberich aus dem Beginn des zweiten Aufzugs der Götterdämmerung, "Schläfst du, Hagen mein Sohn?". Von dort erfolgt ein Rückblick zum Rheingold. In einer Art Traumerzählung erlebt Hagen als Zuschauer, wie sein Vater den Rheintöchtern das Gold raubt und daraus den Ring schmiedet, der ihm unendliche Macht über die Nibelungen gibt. Anschließend erscheinen Loge und Wotan, überlisten Alberich und entwenden ihm den Ring, den Tarnhelm und das Gold. Mit Alberichs Fluch endet der erste Teil des Abends. Der zweite Teil führt dann direkt an den Gibichungenhof kurz vor der Ankunft Siegfrieds. Hagen preist seinen Halbgeschwistern Gunther und Gutrune Brünnhilde und Siegfried als potentielle Heiratskandidaten an, überredet Gutrune, Siegfried einen Vergessenstrank zu reichen, damit dessen ganze Aufmerksamkeit ihr gehört. Siegfrieds Leidenschaft zu Gutrune soll auch dazu dienen, Brünnhilde für Gunther auf dem Walkürenfelsen zu erobern. Hagens Plan geht auf. Siegfried besiegt als Gunther getarnt Brünnhilde, und Gunther führt sie als Beute am Gibichungenhof vor. Hagen verspricht ihr, ihre Schmach zu rächen und tötet Siegfried direkt bei der Hochzeit. Musikalisch endet der Abend mit dem Instrumentalstück "Siegfrieds Tod" aus dem dritten Aufzug der Götterdämmerung.

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Die Rheintöchter Woglinde (Suzanne Jerosme, links), Wellgunde (Agata Kornaga, Mitte) und Floßhilde (Ekaterina Chekmareva, rechts) auf dem Grund des Rheins

Das Regie-Team um Johannes von Matuschka wählt einen im Großen und Ganzen recht zeitlosen Ansatz und kontrastiert die zivilisierte Welt der Gibichungen mit einer archaischen im Rheingold, was sich auch in den Kostümen von Mascha Schubert und dem Bühnenbild von Magdalena Gut äußert. Aus dem Schnürboden wird eine blaue Folie herabgelassen, die als Grund des Rheins dient. Riesige Projektionsflächen, die die Bühne einrahmen, zeigen in Videoeinspielungen eine Unterwasserwelt, die allerdings keineswegs so rein ist, wie man sich den Rhein zu Beginn der Geschichte vorstellt. Von der Decke fällt Plastikmüll auf den Boden des Rheins herab, und auch in den Projektionen sieht man im Wasser immer wieder Müll treiben. Die drei Rheintöchter wirken in ihren blau-silbrig schimmernden Kostümen wie Wesen aus einer anderen Welt. Die sexuelle Lust des Nibelungen Alberich wird durch einen überdimensionalen Phallus angedeutet. Dass er sich allerdings, wenn er der Liebe entsagt, entmannt und den Phallus abreißt, macht keinen Sinn. Wie soll er dann später seinen Sohn Hagen gezeugt haben, der allein seiner Rache dient? Auch die Frage, wofür das Rheingold eigentlich steht, wird in Matuschkas Inszenierung nicht schlüssig geklärt. Das Regie-Team sieht im Rheingold das reine Trinkwasser, das im Zeitalter fortschreitender Umweltverschmutzung immer kostbarer wird. Was aber ist dann der Ring? Alberich holt ihn, wenn er das Gold raubt, aus einer Mulde im Bühnenboden als kleines goldenes Gefäß hervor, das in der Form an eine Art Wunderlampe erinnert.

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Hagen (Avtandil Kaspeli, Mitte) und seine Mannen (Opernchor)

Während Hagen diesen ersten Teil als Betrachter an der Bühnenrampe erlebt, zeigt der Gibichungenhof wesentlich kältere Strukturen. Ein riesiger Springbrunnen dominiert die Halle, der aber wohl nur bedingt Wasser spendet. Wenn man das kleine goldene Gefäß, das den Ring symbolisiert, unter einen der Hähne hält, fängt das Wasser sofort an zu fließen. Hagens Mannen werden als schwarze Masse mit seltsamen Masken gezeichnet, die in ihrer Form beinahe an Darth Vader aus dem Star Wars Universum erinnern. Schon zu Beginn des zweiten Teils rahmen sie die Gibichungenhalle ein und krabbeln später wie Hunde über die Bühne. Ein guter Regie-Einfall ist dabei lediglich, hinter einer dieser Masken Hagens Vater Alberich auftauchen zu lassen, der auf diese Weise seinen Sohn noch einmal an seine Bestimmung erinnern kann. Das Ende wird dann stringent erzählt und gipfelt in der Ermordung Siegfrieds.

Zu Beginn des Abends sieht man Hagen, Siegfried und Brünnhilde an drei Seilen, die von den drei Nornen gehalten werden. Erda (Lore Stefanek) beobachtet in einer Videoprojektion die Szene und zitiert Erdas Warnung an Wotan aus dem Rheingold. Währenddessen beginnen Hagen, Siegfried und Brünnhilde an den Seilen hektisch im Kreis über die Bühne zu laufen, wobei die Nornen Schwierigkeiten haben, die Kontrolle über die Seile zu behalten, bis die Figuren schließlich aus dieser Fremdbestimmung ausbrechen. Am Ende nach Siegfrieds Tod sieht man erneut Erda in einer Projektion, die fassungslos das Geschehen beobachtet. Sie bewegt zwar weiter die Lippen, aber ihre Warnungen sind nicht mehr zu hören. Die Weisheit der Urwala ist verstummt.

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Hagen (Avtandil Kaspeli, Mitte) beobachtet Siegfried (Tilmann Unger, links) und Gunther (Ronan Collett, rechts) beim Schwur.

Musikalisch bewegt sich die Aufführung auf gutem Niveau. Zwar ist nicht alles ganz glatt, was aus dem Orchestergraben kommt, und so schlägt Christopher Ward mit dem Sinfonieorchester Aachen beim Vorspiel des Rheingolds einige Wellen, die der Rhein in der Partitur eigentlich nicht macht, und auch die Blechbläser intonieren nicht immer ganz sauber. Aber alles in allem bewältigt das Orchester die anspruchsvolle Partitur gut, auch wenn Ward nicht immer sängerfreundlich agiert. Die Solisten können größtenteils mit dem kräftig aufspielenden Sinfonieorchester mithalten. Da ist zunächst Avtandil Kaspeli zu nennen, der der Titelfigur des Abends stimmlich großartige schwarze Momente abgewinnt. Zu einem musikalischen Glanzpunkt des Abends avanciert seine Anfangsszene mit Hrólfur Saemundsson als Alberich. Auch in den "Hoiho"-Rufen begeistert Kaspeli mit gewaltiger Stimmführung und großartigen Tiefen. Saemundsson steht ihm als sein Vater Alberich in nichts nach und punktet im ersten Teil mit markanten Tiefen. Hervorzuheben ist sein Fluch im ersten Teil. Als Wotan konnte für die zweite Aufführung Aris Agiris gewonnen werden, der die Partie bereits in Wien interpretiert hat. Auch in Aachen begeistert er mit kräftigem Bassbariton, auch wenn es in der Personenregie absolut überflüssig ist, dass er die ganze Zeit eine E-Zigarette rauchen muss. Hans-Georg Wimmer gestaltet die listige Partie des Loge mit klarem Tenor und einer sehr deutlichen Diktion. Andreas Joost überzeugt als Alberichs Bruder Mime mit leichtem Tenor. Die Rheintöchter sind mit Suzanne Jerosme als Woglinde, Ekaterina Chekmareva als Floßhilde und Agata Kornaga als Wellgunde ebenfalls gut besetzt.

Tilmann Unger legt die Partie des Helden Siegfried mit strahlenden Höhen und strotzender Kraft an. Wenn er den Trank, den er von Gutrune erhält, seiner Geliebten Brünnhilde widmet, achtet die Regie (vielleicht bewusst?) nicht darauf, dass Gunther und Gutrune diese Widmung eigentlich nicht mitbekommen sollen, weil sich sonst der weitere Verlauf der Handlung nicht erschließt. Aber vielleicht sieht Matuschka die beiden ja als ganz aktiven Teil in Hagens Intrige. Ronan Collett verfügt als Gunther über einen kräftigen Bariton, der im Gegensatz zu seinem leicht feigen Benehmen liegt, das die Personenregie ihm auferlegt. Irina Popova hat als Gutrune mit etwas zu starkem Vibrato in den Höhen zu kämpfen, legt die Figur aber sehr verführerisch an, so dass gut nachvollziehbar wird, dass Siegfried ihrem Charme erliegt. Sonja Gornik hat in diesem Teil noch nicht die Möglichkeit, musikalisch als Brünnhilde viele Akzente zu setzen, da sie musikalisch erst ziemlich am Schluss zum Einsatz kommt. Hier überzeugt sie mit dramatischen Höhen. So gibt es verdienten Applaus für alle Beteiligten.

FAZIT

Auch wenn sich nicht jeder Regie-Einfall erschließt, erweist sich das Projekt als spannende Alternative zu einer kompletten Ring-Tetralogie, so dass man sich bereits auf die weiteren beiden Teile in den kommenden Spielzeiten freuen darf.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christopher Ward

Inszenierung
Johannes von Matuschka

Bühne
Magdalena Gut

Kostüme
Mascha Schubert

Choreinstudierung
Jori Klomp

Dramaturgie
Pia-Rabea Vornholt



Sinfonieorchester Aachen

Herren des Opernchors Aachen

Sinfonischer Chor Aachen

Extrachor Aachen


Solisten

*rezensierte Aufführung

Hagen
Avtandil Kaspeli

Siegfried
Tilmann Unger

Brünnhilde
Sonja Gornik

Wotan
Woong-jo Choi /
*Aris Agiris

Alberich
Hrólfur Saemundsson

Mime
Andreas Jost

Loge
Hans-Georg Wimmer

Gutrune
Irina Popova

Gunther
Ronan Collett

Woglinde
*Suzanne Jerosme /
Rosha Fitzhowle

Floßhilde
Ekaterina Chekmareva

Wellgunde
Agata Kornaga

Erda
Lore Stefanek

Die drei Nornen
Bärbel Gründel
Brigitte Huber
Keara Lindert-Knöppel
*Anne Puschmann
*Cornelia Vehring
*Doris Weber

Grimhild
Keara Linder-Köppel /
*Doris Weber

Nibelungen-Kinder
Kiana Sofia Ben Attou
Linus Carstens
Ronja Hennig
Emanuel Heyne
Simon Heyne
Charlotte König
Alexandra Lachmann
Caroline Lachmann
Elli Lorenz
Caja Lukas
Lotta Matuschek
Ronja Schories
Leni Schwetje

 


Weitere Informationen
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