Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



La forza del destino
(Die Macht des Schicksals)


Oper in vier Akten
Libretto von Francesco Maria Piave und Antonio Ghislanzoni
nach dem Drama Don Alvaro o la Fuerza del sino von Angel de Saavedra, Duque de Rivas
Musik von Giuseppe Verdi (Fassung von 1869)

in iatlienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 30' (eine Pause)

Premiere der Deutschen Oper Berlin am 8. September 2019


Homepage

Deutsche Oper Berlin
(Homepage)
Mitmachtheater an der Deutschen Oper

Von Roberto Becker / Fotos: © Thomas Aurin

Sie können es noch, die Berliner Operngänger, für die die Deutsche Oper im Westen der Stadt das Nonplusultra ist. Und die, wenn sie denn schon mal im Ostteil der Hauptstadt waren, auf keinen Fall einen Schritt über die Schwelle der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz gesetzt haben dürften. Für diese Charlottenburger, für die schon die Originalität eines Hans Neuenfels die Grenze des Zumutbaren überschritten hatte, muss einer wie Frank Castorf wenn nicht der Antichrist, so doch der Anti-Regisseur schlechthin sein. Es war jedenfalls mal wieder was los im Parkett bei der jüngsten Premiere an der Bismarckstraße. Dietmar Schwarz hatte den im Intendanten-Unruhestand fleißig durchs Land inszenierenden Frank Castorf eingeladen, das erste Mal an seinem Haus Oper zu inszenieren. Verdis La forza del destino. Als der Berufs-Dekonstruierer des Theaters das erste Mal 1998 in Basel mit der Oper fremd ging, war es auch ein Verdi - Otello. Ohne viel Umwege durch die Mühen der Täler ging es dann 2013 gleich auf den Gipfel des Genres nach Bayreuth und mit seiner Nibelungen-Saga zur Sache. Da war Castorf zwar eigentlich eine Notlösung - aber unter Druck und wenn es halt sein muss, läuft der ästhetische Querulant (sagt er selbst von sich) zur dialektischen Hochform auf.

Foto

Der Indio als das personifizierte Fremde

In der Deutschen Oper jedenfalls gab es im letzten Drittel ein Zwischenspiel, das Teile des Publikums selbst übernahmen. Als zwei der Sänger - inhaltlich passend, im Programmheft nachlesbar und vorher angekündigt - eine Text-Passage von Curzio Malaparte in englischer Sprache rezitierten, platzte etlichen Zuschauern der Kragen. "Aufhören", "Weitermachen", "Wir wollen Verdi" - und was die, die genau wissen, wie es gehen muss, halt so brüllen, wenn sie keine Lust haben, sich auf etwas von ihren Erwartungen Abweichendes einzulassen. Es gab natürlich Gegenstimmen. Eine davon skandierte dann - die Brüller imitierend - "Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhaben". Was einigermaßen witzig war, weil dem im Eifer des Gefechtes beide Parteien zustimmten. Die eine Seite, weil sie die Ironie gut fand, die andere, weil sie sie nicht verstand und für bare Münze nahm. Ganz so hasserfüllt wie vor 19 Jahren nach der Premiere von Hans Neuenfels' Nabucco oder wie während Calixto Bieitos Entführung aus dem Serail an der Komischen Oper 2004, wo die Türen knallten und Kirill Petrenko unterbrechen musste, war es nicht. Aber es reichte auch so.

Dabei hat Castorf nur gemacht, was er immer macht. Ein Theater, das auf Assoziationen setzt, aus den vorgegebenen Bahnen der Handlung ausbricht, Fremdtexte einfügt und sich auf die kongenialen Räume verlässt, die ihm Aleksandar Denic baut. Diesmal mit einem Schießstand und den vom alten Rom ererbten Symbolen des Faschismus, mit den Flaggen von Deutschland, Italien, Spanien und Portugal, die sich gegen die Demokratien verbündet hatten, samt den Konterfeis von Franco und Mussolini, mit einer üppigen andalusischen Kirchenfassade und schließlich mit einem amerikanischen Armeelaster.

Castorf verlegt Verdis ziemlich krudes Handlungsdrunter und -drüber nach Spanien und Italien. Der US-Army-Laster deutet auf die Landung der Amerikaner in Italien. In dem Stück geht es auch um Rassismus. Das Ressentiment gegen den aus der neuen Welt stammenden Verehrer Leonoras steht hinter der Auseinandersetzung zwischen diesem Alvaro und Leonoras Vater, bei der sich ein Schuss löst und das Verhängnis in Gang setzt, dem niemand entkommt und das der Oper den Titel Die Macht des Schicksals gibt. Man könnte ihn auch in die "Ohnmacht des freien Willens" übersetzen.

Vergrößerung in neuem Fenster

Unter den Fahnen nimmt das Unheil seinen Lauf

Verdi hat die verwickelte Handlung vor den Hintergrund eines exemplarischen Kriegspanoramas geblendet. Da ist es im Grunde zweitrangig, wer da eigentlich gegen wen kämpft. Entscheidend ist das Leid, das der Krieg mit sich bringt. Geistig, wenn sie alle den Krieg hochleben lassen. Körperlich, wenn sie im Lazarett verbluten. Besonders da kommt die Castorfsche Videovorliebe voll zum Einsatz. Wobei es schon ein Problem für die Aufmerksamkeitsökonomie der Zuschauer ist, diese Atmosphäre als Tableau für den Chor und als Rampennähe für die Solisten nahezu einzufrieren. Mit einer Überdosis an Dynamik ist hingegen der hinzuerfundene Indio (Ronni Maciel) ausgestattet. Ein Exot, der wie ein domestiziertes archaisches Alter Ego Alvaro daherkommt. Oder wie eine schrille Variante des Engels der Geschichte. In einer von ihm eingefügten Passage aus Heiner Müllers Der Auftrag nennt er sich selbst den "Engel der Verzweiflung". "Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus, die Betäubung des Vergessens, Lust und Qual der Leiber. ." Das passt schon. Wenn auch nicht jedem Charlottenburger. Maciel kommt mit seiner Vehemenz am Ende durch. Marko Mimicia und Amber Fasquelle haben es mit den Texten von Malaparte schwerer.

Castorfs Theater kommt ohne den willigen Rezipienten per se nicht an sein Ziel. Bühnenbildner Aleksandar Denic dagegen schafft es mit assoziativer Opulenz. Und Verdi sowieso. Das Orchester der Deutschen Oper spielt unter Jordi Bernacer seine Verdi-Erfahrung zuverlässig aus, liefert den Sound für diesen düsteren Opernabend mit Erkenntnisnebenwirkungen.

Aus dem Protagonistenensemble ragt Markus Brück als der auf Rache- und Ehrenmord versessene Don Carlo di Vargas heraus. Aber auch Don Alvaro ist bei Russell Thomas gut und wohltimbriert aufgehoben. Die beiden im Duett sorgen für die vokalen Höhepunkte des Abends. Maria José Siri ist eine leidenschaftliche Donna Leonora und Agunda Kulaeva eine respektable Preziosilla.


FAZIT

Berlin hat mal wieder einen Opernaufreger. Zumindest bei der Premiere stellte sich das Publikum an der Deutschen Oper gegen einige - wenn auch maßvoll eingesetzte - Mittel von Frank Castorf. Vor allem Verdi, Denic, die Sänger, Orchester und der Chor sorgten gleichwohl für einen zumindest streitbar anregenden Abend.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jordi Bernàcer

Inszenierung
Frank Castorf

Bühne
Aleksandar Denic

Kostüme
Adriana Braga Peretzki

Licht
Lothar Baumgarte

Video-Design und Live-Kamera
Kathrin Krottenthaler
Maryvonne Riedelsheimer
Andreas Deinert

Chor
Jeremy Bines

Dramaturgie
Jörg Königsdorf



Chor der Deutschen Oper Berlin

Orchester der Deutschen Oper Berlin


Solisten

Der Marchese von Calatrava
Stephen Bronk

Donna Leonora
María José Siri

Don Carlo di Vargas
Markus Brück

Don Alvaro
Russell Thomas

Preziosilla
Agunda Kulaeva

Pater Guardian
Marko Mimica

Fra Melitone
Misha Kiria

Curra
Amber Fasquelle

Der Alkalde
Padraic Rowan

Mastro Trabuco
Michael Kim

Chirurgus
Timothy Newton

Der Indio
Ronni Maciel







Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Deutschen Oper Berlin
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2019 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -