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Musiktheater
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Der Rosenkavalier

Komödie für Musik in drei Aufzügen
Dichtung von Hugo von Hofmannsthal
Musik von Richard Strauss


In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Veranstaltungsdauer: ca. 4h 10' (zwei Pause)

Premiere am 9. Februar 2020 an der Staatsoper Unter den Linden, Berlin
(rezensierte Aufführung: 22. Februar 2020)


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Staatsoper Berlin
(Homepage)
Sind halt aso, die liebestollen Menschen

Von Stefan Schmöe / Fotos von Ruth Walz

So delikat hat man sie lange nicht rieseln gehört, die Zeit, die nicht nur in den Gesichtern rieselt (wie die Marschallin so schön singt), sondern auch lautmalerisch im Orchester. Das geht oft verloren, degradiert zur aparten Klangfarbe; Zubin Mehta am Pult der ausgezeichneten Staatskapelle Berlin pointiert hier den Orchesterpart, ohne im Mindesten von der Gesangslinie abzulenken (sängerfreundlich zurückhaltend dirigiert Mehta sowieso). Vielmehr reagieren Sängerin und Orchester aufeinander, spiegelt sich in der Stimme staunend wider, was da Außerordentliches aus dem Graben ertönt. 83 Jahre alt ist Mehta, Grandsigneur der Opernszene, und er lässt diesen Rosenkavalier federleicht spielen im abgeklärten Konversationston. Sicher ist einzuwenden, dass er die erste Hälfte des ersten Aufzugs allzu gemächlich angeht, wodurch die von Strauss so genial gezeichnete allmähliche Beruhigung von der heißen Liebesnacht bis zum wehmütig verklärten Schluss allzu zu sehr gedämpft wird. Überhaupt entschärft Mehta die Kontraste, unterscheidet nicht zwischen den "schönen" Stellen und den banaleren Passagen, vermeidet Brüche - seine Interpretation ist entspannt und in sich geschlossen, dabei durch ein Hervorheben der Holzbläser luftig leicht. Die Überreichung der silbernen Rose nimmt er im flotten Tempo, im folgenden Duett von Octavian und Sophie akzentuiert er die harmonischen Wandlungen, gleichsam Spiegelbild der plötzlichen Gefühlsverwirrungen. Die Walzerfolgen sind mit großer Noblesse musiziert, und das große Schlussterzett beginnt er extrem langsam, beschleunigt dann behutsam - großes Hörtheater.

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Liebesnacht: Marschallin und Octavian

Regie führt André Heller, der in seinem schillernden Künstlerleben allerlei gemacht, aber (fast) nie Opern inszeniert hat (einen Abend mit Einaktern hat er irgendwann einmal gestaltet, gibt er an, aber so richtig zählt das wohl nicht). Im Programmheft erzählt er, wie in seiner Kindheit die Familie in Festtagskleidung vor dem Radio saß und den Übertragungen von den Salzburger Festspielen lauschte. Der Inszenierung scheint geprägt von der Faszination des Kindes, verbunden mit der Notwendigkeit, die zugehörigen Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Jedenfalls ist die Regie im allerbesten Sinne altmodisch, denn Heller zeigt mit vielen, sehr präzise gearbeiteten Details, was die Figuren bewegt: Ein Blick hier, eine kleine Handbewegung dort, ein Wegdrehen oder Zuwenden. Wie Mehta versteht auch Heller den Rosenkavalier als Konversationsstück der kleinen Gesten, die Großes besagen. In der Tat braucht diese Oper keine "Interpretation", keinen Überbau, so genau wie Librettist Hugo von Hofmannsthal und Komponist Richard Strauss den Stoff bis in die letzte Silbe ausgearbeitet haben. Heller erzählt das mit akribischer Liebe zum Detail nach, und er gestaltet vielschichtige Figuren: Eine Marschallin, die noch im Verzicht auf ihren Liebhaber Octavian offenbar versucht, ihn (zumindest für das eine oder andere Schäferstündchen) zurückzugewinnen; ein Octavian, der im Verlauf der Oper die lässige Körperhaltung des Draufgängers und Frauenhelden Ochs auf Lerchenau übernimmt; das Mädchen Sophie, das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht monogam leben wird und sich ihrer Reize sehr bewusst ist. Menschen allesamt, die an der Liebe toll werden.

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Überreichung der silbernen Rose

Museal soll diese Inszenierung auf gar keinen Fall sein. Heller bemüht sich keinen Augenblick um Illusionstheater; die Künstlichkeit der Geschichte ist immer überdeutlich sichtbar (und doch sind die Figuren sehr viel menschlicher als in fast allen anderen Produktionen). Das Bühnenbild hat die Malerin Xenia Hauser entworfen, einen bewusst naiv gehaltenen tiefblauen Rahmen mit runden Fenstern (fast muss man an Kasperletheater denken), darin künstlerisch freie Anspielungen auf die Welt der österreichischen Secession. Gustav Klimt und seine zeitweilige Lebensgefährtin, die Modeschöpferin Emilie Flöge, dürfen auch kurz auftreten. Wie hätte wohl eine Aufführung des Rosenkavalier am 9. Februar 1917, also auf den Tag genau 103 Jahre vor der Premiere dieser Produktion, ausgesehen, organisiert von Hofmannsthals (und Rilkes) Mäzenin Fürstin Marie von Thurn und Taxis, zugunsten des k.k. Kriegs-, Witwen- und Waisenfonds - das ist die aberwitzige Leitfrage Hellers und Hausmanns zu dieser Inszenierung. Ein Spektakel jedenfalls, dafür steht auch Heller (und im Stück der neureiche Emporkömmling Faninal). Die extravaganten Kostüme hat Arthur Arbesser entworfen, Jahrgang 1983 und laut Wikipedia der "rising star der Damenmode". So sieht man ein Wien von ungefähr 1917, das einem exotischen Japonismus huldigt. Stilbrüche gehören dazu: In der Rosenzeremonie ist Octavian zunächst nicht mehr als eine Barockpuppe, bis er dem Charme der selbstbewussten Sophie erliegt. Ein wenig fragwürdig wird das Verfahren im dritten Aufzug, den Heller von der schäbigen Vorstadtkneipe in ein Gewächshaus im Stil der Zeit verlegt. Sein Argument: Ochs muss der vermeintlichen Zofe "Mariandl" mehr bieten als das Milieu, in dem sich eine Zofe ohnehin bewegt. Mag sein, aber die Fallhöhe zwischen (geld-)adeligem Anspruch und sozialer Wirklichkeit geht verloren wie auch der "Abstieg" vom hochadeligen Ambiente des ersten Aufzugs über das großbürgerliche Milieu des zweiten bis zum kleinbürgerlichen des dritten. Und so gut auch die Figurenzeichnung gelingt, eine Deutungsebene gibt Heller preis: Im Original deutet sich eine Zeitwende an, die Abdankung des Adels und der Aufstieg des Bürgertums, Vorahnung auch der kommenden Umbrüche. In Hellers Konzeption bleibt davon nichts mehr übrig.

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Im Beisl, das hier ein "Palmhäusl" ist - Ochs, Octavian verkleidet als "Mariandl", der Kommissar (rechts) und Leiblakai Leopold

Berührend ist die Regie allemal. Und hatte Strauss einst geplant, die Oper "Ochs von Lerchenau" zu nennen - selten wäre dieser Titel so treffend gewesen wie in dieser Produktion. Heller zeichnet den Ochs ausgesprochen sympathisch, ein Nachfahre Don Giovannis. Das funktioniert, weil Günther Groissböck das schauspielerisch und stimmlich unbedingt beglaubigt, ein bei allen Widersprüchen charismatischer Charmeur, oder mit den Worten, die Hofmannsthal der Figur in den Mund gelegt hat: Ein Kavalier. Groissböck singt mit Eleganz und weltmännischer Attitüde, immer kultiviert (selbst in seinem - erfreulicherweise anders als üblich ungekürzten - ziemlich obszönen Vortrag über sein Liebesleben im ersten Aufzug). Damit reiht sich der Sänger in die Garde der ganz großen Interpreten dieser Rolle ein.

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Die Marschallin

Camilla Nylund gestaltet die Marschallin mit vielen Zwischentönen und besticht insbesondere durch die leisen Töne; zum ganz großen Glück fehlt es der Stimme ein wenig an "aristokratischer" Größe, die den Abstand zu den anderen Figuren deutlich macht. Michéle Losier singt einen tadellosen, ein wenig unscheinbaren Octavian - was wohl auch daran liegt, dass die junge Amerikanerin Nadine Sierra eine umwerfende Sophie ist mit leuchtender und strahlender, für die Partie vergleichsweise großer Stimme. Vokal untermauert sie ihr selbstbewusstes Auftreten (wenn sie sich vor dem Eintreffen des Rosenkavaliers zur Demut ruft, hat das hier wohl seinen Grund) - ein Glücksfall auch für die Regie. Roman Trekel war an diesem Abend indisponiert, was er auch ansagen ließ; so blieb sein Faninal (ein machtbewusster Stratege im goldenen Anzug) kultiviert, aber notgedrungen ohne allzu große Durchschlagskraft. Klangschön, aber ein wenig unausgeglichen gibt Atalla Ayan den italienischen Sänger, akzeptabel singen Katharina Kammerloher und Karl-Michael Ebner das Intrigantenpaar Annina und Valzacchi. Ziemlich blass bleibt Anna Samuil als angestrengt forcierende Leitmetzerin (dadurch fehlt dem Beginn des zweiten Aufzugs der Gegenpol zu Sophie), und ein wenig mehr Glanz hätte auch den kleinen Partien nicht geschadet. Absolut zuverlässig singen Chor und Kinderchor, und durchweg setzen die Darstellerinnen und Darsteller mit viel Herz und Akribie die Personenregie um.

FAZIT

"Gehe ich liebevoll und behutsam genug mit der Zeit des Publikums, der Mitwirkenden und meiner eigenen [] um?", fragt André Heller im Programmheft - und man kann das aus vollem Herzen bejahen: Herausgekommen ist eine ungemein liebevoller, detailversessener und dennoch großformatiger Rosenkavalier mit hinreißender Personenzeichnung, dazu ausgezeichnet, teilweise herausragend musiziert.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Zubin Mehta

Inszenierung
Andre Heller

MMitarbeit Regie
Wolfgang Schilly

Bühnenbild
Xenia Hausner

Mitarbeit Bühnenbild
Nanna Neudeck

Kostüme
Arthur Arbesser

Mitarbeit Kostüme
Onka Allmayer-Beck

Licht
Olaf Freese

Video
Günter Jäckle
Philip Hillers

Chor
Anna Milukaova

Dramaturgie
Benjamin Wäntig


Staatsopernchor

Staatskapelle Berlin


Sänger

Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg
Camilla Nylund

Der Baron Ochs auf Lerchenau
Günther Groissböck

Octavian
Michèle Losier

Herr von Faninal
Roman Trekel

Sophie, seine Tochter
Nadine Sierra

Jungfer Marianne Leitmetzerin
Anna Samuil

Valzacchi
Karl-Michael Ebner

Annina
Katharina Kammerloher

Ein Polizeikommissar
Erik Rosenius

Der Haushofmeister bei der Feldmarschallin
Florian Hoffmann

Der Haushofmeister bei Faninal
Linard Vrielink

Eine Modistin
Victoria Randem

Ein Notar
Jaka Mihelac

Ein Wirt
Andrés Moreno García

Ein Sänger
Atalla Ayan

Drei adelige Waisen
Olga Vilenskaia
Anna Woldt
Verena Allertz

Ein Tierhändler
Motoko Kinoshita

Vier Lakaien der Marschallin /
vier Kellner
Soongoo Lee
Javier Bernardo
Sergej Shafranovich
Insoo Hwoang

Sechs Lerchenau'sche
Günter Giese
Stefan Livland
Mike Keller
Thomas Vogel
Bernd Grabowski
Andreas Neher

Hausknecht
Jens-Eric Schulze

Papierkünstler
Lorenzo Torres

Leopold
Christian Schönecker

Mohammed
Bruno Sandow



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Staatsoper Unter den Linden Berlin
(Homepage)



Da capo al Fine

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