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b.42

Square Dance

Ballett von George Balanchine
Musik von Antonio Vivaldi (Concerto grosso h-Moll op.3 Nr. 10 RV 580, 1. Satz aus dem Concerto grosso E-Dur op.3 Nr. 12 RV 265) und Arcangelo Corelli (Sarabanda, Badinerie e Giga)

Symphonic Poem (Uraufführung)

Ballett von Remus Şucheană
Musik von Anna Thorvaldsdottir (Metacosmos)

Reformationssymphonie

Ballett von Martin Schläpfer
Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy (Symphonie Nr. 5 d-Moll op. 107 Reformationssymphonie)

Aufführungsdauer: ca. 2h (zwei Pausen)

Premiere am 10. Januar 2020 im Theater Duisburg
(rezensierte Aufführung: 12. Januar 2020)


Homepage

Ballett am Rhein / Rheinoper
(Homepage)
Zwischen Tagträumen und Nachtgedanken

Von Stefan Schmöe / Fotos von Gert Weigelt

Ein tänzerischer Dialog von Neuer und Alter Welt: Auf ausgesprochen charmante Weise hat George Balanchine, ein Georgier mit russischer Ausbildung und Pariser Karriere in New York, 1957 den amerikanischen und den europäischen Tanz miteinander verwoben. Square Dance greift, wie der Titel andeutet, Elemente des amerikanischen Volkstanzes auf, eben des "Square Dance", bei dem vier anfangs im Quadrat ("Square") aufgestellte Paare auf Ansage des "Callers" bestimmte Figuren tanzen. Balanchine spielt ziemlich frei mit diesem Modell (greift vor allem die Idee des formalisierten Gruppentanzes mit wechselnden Figuren auf, nicht die Figuren selbst), verwendet dabei das Vokabular des (neo-)klassischen, europäischen Balletts, ersetzt die traditionelle Fidel spitzbübig durch das barocke Concerto grosso - und vereinnahmt den Volkstanz somit durch die hohe Ballettkunst. In der ersten Fassung hat es noch mehr "amerikanische" Elemente gegeben, nämlich tatsächlich noch einen "Caller", sogar einen Heuballen als Requisite - in der revidierten Fassung von 1972, die jetzt in Duisburg getanzt wird, ist das weggefallen. Das Spiel mit den verschiedenen Ebenen ist dadurch natürlich subtiler, der Rahmen abstrakter. Aber Balanchines Neoklassizismus, durch das Überlagern der Formen mit feiner Ironie unterlegt, ist vom folkloristischen Beigeschmack befreit. Die Herren im Trikot, die Damen mit Röckchen und knappem Oberteil sehr weiblich, alles in strahlendstem Weiß, auf leerer Bühne (vor ätherisch bläulichem Hintergrund) - das zeigt Balanchines Vorstellung vom "Ballett pur", dem "reinen", auch von Handlungselementen befreiten Tanz als ästhetischem Selbstwert. Square Dance ist von zeitlos betörender Schönheit.

Vergrößerung Square Dance: Sonia Dvořák, Orazio di Bella, Ensemble

Ohne Balanchine ist der Choreograph Martin Schläpfer nicht zu denken, und wohl auch deshalb hat dieser in seiner in ein paar Monaten endenden Zeit als künstlerischer Leiter des Ballett am Rhein keinen anderen Choreographen so oft auf das Programm gesetzt wie Balanchine. Nach Serenade, The Four Temperaments, Agon, Concerto Barocco, Episodes, Duo Concertant, Mozartiana und Stravinsky Violin Concerto ist Square Dance die neunte Arbeit im Repertoire. Es ist aber mehr als eine Verneigung vor einem der größten Choreographen überhaupt; es ist immer auch ein fruchtbares Abstecken der Bedingungen gewesen, unter denen Schläpfers eigene Werke entstanden sind. Und so korrespondiert auch Square Dance vielschichtig mit manchem, was man in der Ära Schläpfer gesehen hat, oft auch in den Abgrenzungen wie in Reformationssymphonie - dazu unten mehr. Sonja Dvorak tanzt den weiblichen Solopart püppchenhaft leichtfüßig und mit jugendlicher Eleganz, besitzt dabei eben das richtige Maß an Unbeschwertheit. In der späten Fassung hat Balanchine noch ein großes Solo für seinen Startänzer Bart Croft (der hier die Einstudierung übernommen hat) eingefügt. Orazio di Bella tanzt akkurat, aber recht neutral - ein wenig mehr Persönlichkeit darf er noch entwickeln.

Vergrößerung

Square Dance: Sonia Dvořák, Orazio di Bella, Ensemble

Nach der strengen, klaren Ästhetik Balanchines setzt die Uraufführung von Remus Şucheanăs Symphonic Poem geradezu auf visuelle Überwältigungsästhetik. Drei Schlagzeuger schweben auf hochgezogenen Podesten in einem nachtschwarzen Himmel oberhalb der Bühne, die von einem schwarz-weißen Hintergrund, ein Gewirr von schwarzen Linien auf weißem Grund, begrenzt wird (die dritte Ebene stellt der Orchestergraben dar, war in der Einführung zu hören, sodass Untergrund, Erde und Himmel präsent sind). Spektakulär eigenwillig sind die Fantasiekostüme (Mylla Ek): Die Damen in knappen Kleidchen mit Strumpfhosen, an den Armen flügelartige Erweiterungen, und neckische Hütchen, für jede Tänzerin anders, auch in der Farbe - das erinnert an Kobolde, Harlekine (und ein bisschen auch an Kindergeburtstag), sieht mitunter auch arg nach Modeschau aus. Die Herren tragen ärmellose, unten weite Kutten, die stark an buddhistische Mönche denken lassen. Viel Stoff jedenfalls, und die Choreographie mit etlichen Drehungen von Armen, Beinen und ganzen Körpern hat offensichtlich viel Freude an flatternden und wehenden Stoffbahnen.

Vergrößerung Symphonic Poem: Marlúcia do Amaral

Die knapp eine Viertelstunde lange Komposition Metacosmos der 1977 geborenen isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir ist eine verschwommen flächige Musik, aus der sich immer wieder inselartig rhythmische oder melodische Strukturen herausbilden und wieder verschwinden. Şucheană antwortet darauf mit einer fließenden Choreographie, wie eine große Bewegung, von der die Tänzerinnen und Tänzer aufgesogen werden, in der sich Gruppen bilden und lösen. Ein wenig naiv wirkt das mitunter, allzu sehr der Musik folgend (ohne Akzente zu setzen und einen allzu großen Mehrwert zu erzeugen), ist aber hübsch anzusehen. Unter den wallenden Kostümen gehen die Tänzerpersönlichkeiten allerdings ziemlich verloren, und so erhält das Symphonic Poem einen Überhang ins Dekorative.

Vergrößerung

Symphonic Poem: Ensemble

Geplant war es vermutlich nicht so, aber Martin Schläpfers Choreographie zu Felix Mendelssohn-Bartholdys Reformationssymphonie, am balletmainz uraufgeführt und bereits in Düsseldorf und Duisburg gezeigt, u.a. in reprise.01, wirkt wie ein extrem körperlicher Gegenentwurf und gleichzeitig ein Korrektiv zu Şucheanăs Kostümexessen. Tänzerinnen und Tänzer tragen hautenge, knappe Trikots, schwarz mit gerade noch sichtbaren goldenen Streifen. Im harten Streiflicht treten die muskulösen Körper hervor. Wuchtig und kantig treten die Tänzer auf, stampfen ringen geradezu mit der Schwerkraft. Später, wenn die Damen dazukommen, wird der Spitzenschuh immer wieder in den Boden gerammt, und das wiederum ergibt ein interessanten Spannungsbogen zu Balanchines Square Dance, wo Tanz auf Spitze auch pointiert eingesetzt wird, nur eben in einer aufreizend klassischen Form. Schläpfer deutet nicht nur dieses Element um; das klassische Vokabular wird geradezu als Kampfmittel eingesetzt. Der Tanz ist athletisch, sehr energiegeladen, die Bewegungen von messerscharfer Präzision. Im zweiten Satz agieren die Tänzerinnen und Tänzer dann slapstickhaft wie Puppen oder Marionetten, erst in den letzten beiden Sätzen darf der Tanz tatsächlich auch einmal "schön" sein, wenn auch weit entfernt von Balanchines ungetrübter Schönheit an sich.

Vergrößerung Reformationssymphonie: Alexandre Simões, Marcos Menha

Reformationssymphonie ist ein Nachtstück. Immer wieder treten die Akteure aus dem Dunkel des Bühnenhintergrunds heraus und verschwinden irgendwann wieder darin. Bei allem Bedauern, dass Schläpfer kein neues, nicht einmal ein noch nicht in Düsseldorf und Duisburg gezeigtes Ballett ausgewählt hat: Beim Wiedersehen imponiert die Eindringlichkeit ebenso wie die sprudelnde Kreativität, auch das Maß an Frechheit, an Unkonventionalität, an Frische. Täuscht der Eindruck, oder ist Schläpfer in den zehn Jahren am Ballett am Rhein doch einiges von dieser Unverbrauchtheit abhandengekommen? Schwierig bleibt indes das Bild eines am Boden knienden, betenden Mannes im Finalsatz, der sich offenbar selbst schlägt - die pathosgeladene, ziemlich breit ausinszenierte Geste hat mich schon bei der ersten Begegnung mit diesem Werk gestört. Aber davon abgesehen erweist sich das Werk beim Wiedersehen als ein ganz starkes.

Vergrößerung

Reformationssymphonie: Ensemble

Die Duisburger Philharmoniker unter der souveränen Leitung von Martin Braun, Kapellmeister am Theater Linz, zeigen sich in allen drei Epochen versiert: Mit Leichtigkeit und Eleganz bei Vivaldi und Corelli in Square Dance (mit Siegfried Rivinius, Önder Baloglu, Matthias Bruns und Johannes Heidt - alle vier aus dem Duisburger Orchester - an den Soloviolinen), transparent und farbig in Metacosmos und gewichtig, aber nicht zu schwer in der Reformationssymphonie, bei der durchaus anklingen durfte, was Richard Wagner dem Werk und seinem Komponisten bei aller Abneigung zu verdanken hat.


FAZIT

Zwischen Balanchines blütenweißen Tagträumen und Schläpfers Nachtgedanken nehmen sich Şucheanăs Fantasiewelten eher harmlos aus. Einem in seinen beziehungsreichen Kontrasten großartigen Tanzabend schadet das nicht.


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Produktionsteam

Square Dance

Choreographie
George Balanchine
© The George Balanchine Trust

Licht
Thomas Diek
(nach Ronald Bates)

Einstudierung
Bart Cook

Musikalische Leitung
Martin Braun

Soloviolinen
Siegfrioed Rivinius
Önder Baloglu
Matthias Bruns
Johannes Heldt

Duisburger Philharmoniker

Tänzerinnen und Tänzer



Solisten
Sonia Dvořák
Orazio di Bella

Ensemble
Doris Becker
Doris Becker
Feline van Dijken
Eleanor Freeman
Norma Magelhaes
Gloria Todeschini
Tessa Vanheusden
Brice Asnar
Colegaro Failla
Michael Foster
Pedro Maricato
Tomoaki Nakanome
Kristián Pokorny

Uraufführung: 12. November 1957,
New York City Ballett;
revidierte Fassung: 20. Mai 1972,
New York City Ballett




Symphonic Poem (Uraufführung)

Choreographie
Remus Şucheană

Bühne
Darko Petrovic

Kostüme
Mylla Ek

Licht
Thomas Diek

Musikalische Leitung
Martin Braun

Duisburger Philharmoniker


Tänzerinnen und Tänzer

Marlúcia do Amaral
Camille Andriot
Vivian de Britto Schiller
Wun Sze Chan
Feline van Dijken
Sonia Dvořák
Eleanor Freeman
Yuko Kato
Norma Magalhães
Marié Shimada
Tessa Vanheusden
Rashaen Arts
Orazio di Bella
Yoav Bosidan
Rubén Cabaleiro Campo
Edward Cooper
Michael Foster
Philip Handschin
Vincent Hoffman
Pedro Maricato
Daniel Smith
Arthur Stashak


Reformationssymphonie

Choreographie
Martin Schläpfer

Bühne
Marie-Thérèse Jossen

Kostüme
Marie-Thérèse Jossen

Licht
Thomas Diek

Einstudierung
Kerstin Feig
Julie Thirault

Musikalische Leitung
Martin Braun

Duisburger Philharmoniker


Tänzerinnen und Tänzer

Doris Becker
Alexandra Inculet
So-Yeon Kim
Helen Clare Kinney
Aleksandra Liashenko
Sinthia Liz
Asuka Morgenstern
Marié Shimada
Virginia Segarra Vidal
Gloria Todeschini
Rashaen Arts
Brice Asnar
Calogero Failla
Pedro Maricato
Marcos Menha
Tomoaki Nakanome
Kristián Pokorný
Boris Randzio
Alexandre Simões
Daniel Vizcayo
Eric White

Uraufführung: 23. Februar 2008,
balletmainz





Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Ballett am Rhein
(Homepage)



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