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Musiktheater
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La Bohème

Oper in vier Bildern
Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica nach den Scènes de la Vie de Bohème von Henri Murger
Musik von James Reynolds


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere am 8. November 2019 im Theater Duisburg


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Rheinoper
(Homepage)
Schreiben bis der Arzt kommt

Von Stefan Schmöe / Fotos von Hans Jörg Michel


Ist alles nur Erfindung? Die Geschichte, die hier erzählt wird, nur der literarischen Fantasie des Schriftstellers Rodolfo entsprungen? Eins ist schnell klar in dieser Inszenierung: Eine "reale" Geschichte wird uns nicht erzählt. In einem halbrunden, gekachelten und fensterlosen Raum sitzt der Schriftsteller Rodolfo, und alles, was von nun an passiert, wird sich in diesem Raum abspielen. Wenn Nachbarin Mimi hereinkommt, ziehen sich die Herren Marcello, Colline und Schaunard zurück - an die Rückwand des Raumes. Im zweiten Bild sieht man das historische Paris als Ansichtskartenmotiv oberhalb des Raumes, da agiert auch der Chor; das eigentliche Geschehen findet aber auch wieder in diesem rätselhaften Halbrund statt, wo schnell ein paar Café-Tische improvisiert werden. Eine lineare Erzählweise gibt es nicht. Die Handlung von La Bohème wird wieder und wieder gebrochen, bis einem ganz schwindelig wird.

Szenenfoto

Ist Mimi nun echt oder nur ein literarisches Produkt von Schriftsteller Rodolfo?

Die vier Bohèmiens tragen im Wesentlichen identische Kleidung - sind das vier Erscheinungen derselben Person? (Ein ähnlicher Ansatz hatte schon bei Lotte de Beers Essener Carmen nicht gut funktioniert.) Dabei unterscheiden sich immerhin die Frisuren, anders als bei Mimi und Musetta, die (von der unterschiedlichen Statur abgesehen) Klone sein könnten, zumal ein Frauenportrait mit gleicher Frisur dutzendmal vervielfacht an der Wand hängt (und darüber hinaus einem Teil der Choristen als Maske dient). Aber wozu? Immer wieder agiert jemand mit Blättern Papier in der Hand, mutmaßlich Rodolfos Manuskript - alles ein Spiel nach Rodolfos Plan? Mimi stirbt nicht, sie geht unauffällig ins Dunkel ab (ein hübscher Theatereffekt immerhin) - was die Problematik der Krankheit zuvor ziemlich überflüssig macht. Zuletzt kommt der Arzt, ein Irrenarzt wohl, der Rodolfo zu therapieren versucht. Wird der über seinem eigenen Werk irre? Oder über seinen Erinnerungen? (Wozu dann die vermeintlichen Manuskriptseiten?) Rätsel über Rätsel.

Szenenfoto

Zweites Bild: Oben Paris als Ansichtskartenmotiv, das Café Momus wird unten improvisiert

Keine Frage, Regisseur Philipp Westerbarkei hat viele Ideen. Was er vermutlich nicht hat, ist ein Konzept. Jedenfalls fügen sich die einzelnen Bausteine nicht zu einem solchen erkennbar zusammen. Vielmehr wirkt seine Regie wie ein großes "Das-alles-habe-ich-in-irgendeiner-Inszenierung-schonmal-gesehen". Der Raum versinkt wie einst bei Marthalers Bayreuther Tristan, die Bühnennebel wabern, der Schnee fällt (mindestens 10 cm Schneehöhe in geschlossenen Räumen ab dem dritten Bild). Der Raum an sich (Ausstattung: Tatjana Ivschina) ist durchaus eindrucksvoll, das Aquarium darin scheint allerdings ziemlich überflüssig. Wenn die Herren sich für den weihnachtlichen Cafébesuch lange Ballettröcke überstreifen, ist das ein, nun ja, sagen wir freundlich: wenig schlüssiger Regieeinfall - aber es sieht ganz hübsch aus, wenn die totkranke Mimi später diese Kleidungsstücke wie Riesenblumen behandelt.

Szenenfoto

Viermal dieselbe Person, oder einfach ähnlichen Modegeschmack? Von links: Marcello, Schaunard, Colline und Rodolfo

In Wuppertal, gerade einmal 30 km vom Düsseldorfer Haus der Rheinoper entfernt, hatte La Bohème ein paar Tage zuvor in der Regie von Immo Karaman Premiere (Rezension folgt) - in der Brechung der Realität durchaus ähnlich, aber ungleich souveräner in der Beherrschung der Mittel und, das ist weitaus wichtiger, mit einer zentralen Idee, die solche Brechungen rechtfertigt und plausibel macht. Bei Westerbarkei dagegen, wo jeder Effekt als Selbstzweck erscheint, parodiert sich das Regietheater selbst. Mag ja sein, dass der Regisseur ein Konzept besitzt - erkennbar inszeniert hat er's nicht.

Dass die Wuppertaler Bühnen in diesem Fall auch musikalisch als Punktsieger im Bohème-Derby hervorgehen, liegt teilweise wohl an der heiklen Duisburger Akustik, ziemlich plüschig und allzu direkt. Unter dem Dirigat von Antonino Fogliani klingen die zuverlässigen Duisburger Philharmoniker jedenfalls konventioneller als das Sinfonieorchester Wuppertal mit ihrer Chefin Julia Jones eine Woche zuvor, die den Klang weitaus raffinierter aufgesplittet und den moderneren Puccini gespielt hatten als in dieser eher pauschal klingenden Duisburger Interpretation. Fogliani dirigiert schöne Kantilenen, atmet mit den Sängern, bleibt dabei aber oft ziemlich behäbig und neigt zu breiten, manchmal fast statischen Tempi, bei denen allzu oft Phrase für Phrase musiziert wird, der Fluss und die Dramatik des Geschehens aber auf der Strecke bleiben.

Szenenfoto

In den Wahnsinn getrieben? Am Ende der Inszenierung brauch Rodolfo ärztlichen Beistand.

Wuppertal hat auch die "passenderen" Sänger aufzubieten, nämlich jugendliche Stimmen, die gut mit der Regie korrespondieren. Die Rheinoper bietet mit der eindrucksvollen Liana Aleksayan die großformatigere Mimi auf, zu Beginn noch mit etwas ausuferndem Vibrato, aber zunehmend souveräner und besser fokussiert - eine interessante Stimme, die in der Höhe aufblüht und schön phrasiert, "divenhafter" als die fragilere, dadurch aber glaubwürdigere Li Keng in Wuppertal. Eduardo Aladrén als Rodolfo verfügt über eine tolle Höhe - wenn er laut singen darf (was er immer ausgesprochen kultiviert und mit angemessener "Italianitá" macht); im Piano wird die Stimme eng, manchmal wacklig. Man merkt ihm den Willen zur Gestaltung an, aber nicht alles ist umsetzbar. Bogdan Baciu singt einen imposanten und stimmgewaltigen, dabei im Timbre durchaus warmen Marcello, Richard Sveda einen sehr soliden Schaunard, Luke Stoker ist einen akzeptablen Colline mit kleiner Schärfe. Lavinia Dames, in anderen Produktionen eine bühnenwirksame und präsente (Operetten-)Sängerin, kommt mit der Partie der Musetta, die wohl doch eine größere Stimme erfordert, nicht gut zurecht; sie forciert und klingt allzu soubrettenhaft. Chor und Kinderchor singen ordentlich, sind freilich in dieser Regie ziemlich überflüssig und können sich kaum profilieren.


FAZIT

Hübsche Bildeinfälle retten eine wirre Inszenierung nicht, in der Liana Aleksanyan aufhorchen lässt, die musikalisch sonst solide und wenig aufregend ist.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Antonino Fogliani

Regie
Philipp Westerbarkei

Bühne und Kostüme
Tatjana Ivschina

Licht
Volker Weinhardt

Chor
Gerhard Michalski

Kinderchor
Sabina López Miguez

Dramaturgie
Anne do Paço



Statisterie, Kinderchor und Chor
der Deutschen Oper am Rhein

Duisburger Philharmoniker


Solisten

Mimi
Liana Aleksanyan

Musetta
Lavinia Dames

Rodolfo
Eduardo Aladrén

Marcello
Christopher Bolduc

Schaunard
Richard Šveda

Colline
Beniamin Pop

Parpignol
Gürkan Gider

Benoit/Alcindoro/Arzt
Peter Nikolaus Kante

Sergeant
Clemens Begritsch

Zöllner
Karl Thomas Schneider

Obstverkäufer
Apostolos Zoidis

Ein Junge
Jos Grotthaus



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Rheinoper
(Homepage)



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