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Musiktheater
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Orphée et Eurydice

Oper in vier Akten
Libretto von Pierre-Louis Moline
Musik von Christoph Willibald Gluck in der Bearbeitung von Hector Berlioz

In französischer Sprache mit französischen, niederländischen und deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 40' (keine Pause)

Koproduktion mit Opéra Comique, Opéra de Lausanne, Théâtre de Caen, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Opéra Royal-Château de Versailles Spectacles, Croatian National Theater in Zagreb und Beijing Music Festival

Premiere  im Théâtre Royal de Liège am 18. Oktober 2019
(rezensierte Aufführung: 20.10.2019)

 



Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)

Magie in abstrakten Bildern

Von Thomas Molke / Fotos: Opéra Royale de Wallonie-Liège

Die Geschichte um den thrakischen Sänger Orpheus, der mit seinem Gesang nicht nur wilde Tiere zu zähmen, sondern auch Pflanzen und Steine zu bewegen vermochte, ist seit den Anfängen der Oper untrennbar mit dieser Gattung verbunden und hat immer wieder Komponisten zu musikalischen Ausgestaltungen des Mythos inspiriert. Die bekanntesten Vertonungen stammen von Claudio Monteverdi, dessen L'Orfeo als die "Urform aller Opern" gilt, von Jacques Offenbach, dessen Orphée aux enfers den Übergang von der Opéra bouffe zur Operette markiert, und natürlich von Christoph Willibald Gluck, dessen Ruf als Opernreformator vor allem auf seinem 1762 in Wien uraufgeführten Werk Orfeo ed Euridice basiert. Mit der Konzentration auf nur drei Solisten verabschiedete sich Gluck von den zahlreichen Verwicklungen der klassischen Opera seria, stellte die Musik ganz in den Dienst des gesungenen Textes und löste einen Opernstreit aus, der die Opernanhänger in zwei Parteien, die Gluckisten und Piccinnisten, Anhänger der alten Operntradition, spaltete. Im weiteren Verlauf unterzog Gluck seine Oper mehrfachen Änderungen. 1768 arbeitete er sie für die Hochzeit der Erzherzogin Maria Amalia mit dem spanischen Infanten Herzog Ferdinand von Bourbon-Parma zum dritten Akt einer Festoper unter dem Titel Le feste d'Apollo um, indem er die drei Akte der Wiener Fassung auf sieben Szenen ohne Pause verkürzte und die Partie des Orfeo von einem Altkastraten in einen Soprankastraten transponierte. Fünf Jahre später feierte dann die französische Fassung als Tragédie-opéra Orphée et Eurydice in Paris Premiere, für die Pierre-Louis Moline ein komplett neues Libretto verfasste und die um die für die Pariser Oper obligatorischen Balletteinlagen erweitert wurde. Fast ein Jahrhundert später beschäftigte sich Hector Berlioz mit Glucks diversen Fassungen und schuf eine neue französische Version, die nun als Koproduktion zahlreicher Bühnen in Liège zu erleben ist.

Da im 19. Jahrhundert Kastraten endgültig aus der Mode gekommen waren und Berlioz auch die Besetzung der Titelpartie des Orphée mit einem Haute-Contre, einer sehr hohen Tenorstimme, als problematisch erachtete, transponierte er die Rolle für die berühmte Mezzosopranistin Pauline Viardot, die damit am Théâtre-Lyrique in Paris 1859 eine umjubelte Premiere feierte. Des Weiteren vermischte Berlioz Teile aus der italienischen und der französischen Fassung und erweiterte das Werk auf insgesamt vier Akte, wobei natürlich auch die Balletteinlagen beibehalten wurden. Dazu zählten zum einen das berühmte "Air de Furies" am Ende des zweiten Aktes, das Gluck aus seinem 1761 komponierten Ballett Don Juan in seine französische Fassung übernommen hatte, und zum anderen der "Reigen der seligen Geister" am Anfang des dritten Aktes, der Orphées Weg in die Gefilde der Seligen beschreibt, wo er erneut auf seine geliebte Eurydice trifft. Anders als im antiken Mythos behält Berlioz Glucks glückliches Ende bei. Nachdem Orphée Eurydice erneut verloren hat, da er sich nach ihr umgedreht hat, und er sich das Leben nehmen will, lenken die Götter ein. Amour erscheint ein weiteres Mal und gibt ihm Eurydice zurück, so dass alle im abschließenden Chor "Le Dieu de Paphos" Amour und seiner Gnade huldigen.

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Amour (Julie Gebhart) verkündet die Bedingungen für Orphées Gang in die Unterwelt.

Das Regie-Team um Aurélien Bory wählt einen sehr abstrakten Zugang zum Mythos, ohne ihn dabei seiner Magie zu berauben. Dazu verwendet Bory einen im 19. Jahrhundert erstmals benutzten Theatertrick namens "Pepper's Ghost". Hierbei handelt es sich um einen nach John Henry Pepper benannten Illusionstrick, bei dem mittels eines Flachglases und einer speziellen Beleuchtung vor und hinter einer Scheibe Objekte erscheinen und verschwinden können. Da diese riesige Scheibe vom Boden schräg nach hinten gezogen wird, wird der Boden in der Scheibe reflektiert, wodurch zauberhafte Bilder entstehen. Zur Ouvertüre sieht man Eurydice in einem langen weißen Kleid aus dem Orchestergraben die Bühne betreten, die zunächst mit einem schwarzen Tuch bedeckt ist. Eurydice zieht dieses Tuch mit kreisförmigen Bewegungen zusammen. Darunter befindet sich ein Gemälde von Camille Corot aus dem 19. Jahrhundert, das Orphée mit Eurydice auf seinem Weg aus der Unterwelt zeigt. Dann sieht man im Spiegel die auf dem Boden liegende Eurydice, wodurch der Verlust, den der Trauerchor beklagt, noch präsenter wird. Die dunkel gekleideten Sängerinnen und Sänger des Chors bedecken Eurydice mit ihren dunklen Jacken, bevor sie im Bühnenboden verschwindet und endgültig Orphées Blick entrissen wird. In einem kreisrunden Reifen taucht nun Amour auf und verhindert Orphées Selbstmord. Anschließend beschreibt er Orphée die Bedingungen für den Abstieg in die Unterwelt. Julie Gebhart überzeugt dabei als Amour nicht nur mit leuchtendem Sopran sondern auch artistisch mit Hilfe der dunkel gekleideten Tänzerinnen und Tänzer, die sie auf einer imaginären Wendeltreppe auf ihren Händen emporsteigen lassen und sie dann wieder auffangen, wenn sie sich nach hinten fallen lässt.

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Orphée (Varduhi Abrahamyan, vorne links) am Tor zur Unterwelt

Für den Gang in die Unterwelt findet Bory ebenfalls eindrucksvolle Bilder, die sich vor allem aus der Spiegelung auf dem Flachglas ergeben. Dazu legen sich die Sängerinnen und Sänger des Chors in einen Kreis auf den Boden und erzeugen somit ein faszinierendes Bild auf der Scheibe. Leider leidet darunter ein wenig der Gesang. In der liegenden Position kann der Chor der Furien und Larven nicht die Bedrohlichkeit entwickeln, mit der er sich musikalisch dem herabsteigenden Orphée zunächst entgegenstellt. Musikalisch wirkt der Chor also bereits zu Beginn des zweiten Aktes relativ besänftigt. Dennoch ist das Bild sehr beeindruckend, wenn Orphée sich zu den sanften Klängen der Harfe zwischen die Choristen legt und sich im Spiegel so inmitten der Furien befindet. Überzeugend gelingt dann auch die tänzerische Umsetzung des berühmten "Air de Furies", bei dem die Tänzerinnen und Tänzer in wilden Zuckungen um den liegenden Orphée krabbeln, was im Spiegelbild wiederum sehr surreal und bedrohlich wirkt. Schließlich wird das komplette Flachglas nach oben gezogen, und Orphée schreitet darunter her. Nun wird das Glas gekippt und lässt den Zuschauer in eine ganz andere Welt eintauchen, die Gefilde der Seligen. Zunächst sieht man im Hintergrund nur schwache Leuchten. Dann bewegt sich der Chor hinter dem Glas als Selige an diesem Ort der Ruhe und des Friedens. Wie aus dem Nichts taucht plötzlich Eurydice direkt an der Scheibe auf, und Orphée kann den Weg zurück mit seiner Geliebten antreten.

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Orphée (Varduhi Abrahamyan) will Eurydice (Mélissa Petit) aus der Unterwelt führen.

Die Scheibe wird erneut nach oben gezogen, so dass man den Eindruck gewinnt, die beiden seien nun wirklich auf dem Rückweg. Orphée und Eurydice befinden sich auf einem dunklen Tuch. Noch sind sie sehr dicht beieinander. Doch Orphée verlässt das Tuch, und die Tänzerinnen und Tänzer ziehen Eurydice auf dem Tuch langsam von ihm weg. Die Zuversicht schwindet allmählich. Eurydice beklagt Orphées seltsames Verhalten und fordert ihn auf, sich nach ihr umzudrehen. Orphées Widerstand wird immer geringer. Währenddessen lassen die Tänzerinnen und Tänzer hinter Eurydice ein schwarzes Tuch bedrohlich in wellenförmigen Bewegungen auf- und abwehen. Schließlich wickeln sie Eurydice in dieses Tuch ein. Sie fühlt sich schwach und gibt vor, Orphée nicht weiter folgen zu können, was schließlich dazu führt, dass dieser sich verzweifelt zu ihr umdreht. Damit ist Eurydice erneut für ihn verloren. Wie zu Beginn versinkt sie im Boden. Orphée beklagt den erneuten Verlust seiner Gattin und schreitet in den dunklen Bühnenhintergrund. Nun folgt Bory dem Mythos und nicht der Oper. Der Chor und Amour stimmen zwar den freudigen Schlussgesang an, aber Orphée ist verschwunden. Wahrscheinlich ist er wieder in die Unterwelt zurückgekehrt, um im Tod mit seiner Eurydice vereint zu sein.

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Orphée (Varduhi Abrahamyan) beklagt den erneuten Verlust seiner geliebten Eurydice.

Musikalisch bewegt sich die Aufführung auf gutem Niveau. Varduhi Abrahamyan gestaltet die Partie des Orphée mit einem satten Mezzosopran und dramatischen Tiefen, die die Leiden des begnadeten Sängers regelrecht spürbar machen. Schon für ihre bewegende Klage im ersten Akt erntet sie bei ihrem Abgang Szenenapplaus, bevor die Musik verklungen ist. Nach der berühmten Arie "J'ai perdu mon Eurydice" ist das Publikum zu Recht völlig begeistert und spendet großen Beifall. Mélissa Petit verleiht der Eurydice einen warmen Sopran und punktet vor allem im Zusammenspiel mit Abrahamyan im vierten Akt, wenn Eurydice ihren Geliebten dazu bringt, dem göttlichen Gebot nicht Folge zu leisten und sich nach ihr umzudrehen. Der von Pierre Iodice einstudierte Chor überzeugt trotz des kleinen Mankos im zweiten Akt in den unterschiedlichen Rollen als Hirten, Furien und Geister der Seligen. Guy Van Waas lotet mit dem Orchester der Opéra Royal de Wallonie Glucks Partitur differenziert aus, so dass es am Ende großen und verdienten Beifall für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

So bewegend hat man dieses Werk selten gesehen, obwohl (oder gerade weil?) der tragische Schluss des Mythos beibehalten wird.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Guy Van Waas

Inszenierung und Bühnenbild
Aurélien Bory

Bühnenbild
Pierre Dequivre

Kostüme
Manuela Agnesini

Licht
Arno Veyrat

Chorleitung
Pierre Iodice

Dramaturgie
Taïcyr Fadel

 

Orchester und Chor
der Opéra Royal de Wallonie-Liège


Solisten

Orphée
Varduhi Abrahamyan

Eurydice
Mélissa Petit

Amour
Julie Gebhart

Tänzerinnen und Tänzer
Claire Carpentier
Tommy Entresangle
Charlotte Le May
Coralie Meinguet
Margherita Michitelli
Lise Pauton

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Opéra Royal
de Wallonie

(Homepage)



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