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Jesus Christ Superstar

Rockoper in zwei Akten
Gesangstexte von Tim Rice
Musik von Andrew Lloyd Webber

Aufführungsdauer: ca. 2h 5' (eine Pause)

in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Übernahme aus dem Oldenburgischen Staatstheater

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 20. Dezember 2019


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Aufstieg und Fall eines Superstars


Von Thomas Molke / Fotos: 
Bettina Stöß

Die letzten Tage des Jesus von Nazareth sind vielleicht nicht unbedingt das Thema, welches man mit dem bevorstehenden Weihnachtsfest verbindet. Von daher mag es ein wenig verwundern, dass die Wuppertaler Oper nach dem Musiktheater im Revier vor zwei Jahren schon das zweite Theater in NRW ist, das die Premiere dieses biblischen Stoffes direkt an den Beginn der Weihnachtsferien legt. Den Erfolg dieser Produktion, bei der es sich um eine Übernahme aus dem Oldenburgischen Staatstheater handelt, die seit Oktober 2017 insgesamt 40 Mal vor vollem Haus aufgeführt wurde, dürfte diese Entscheidung allerdings nicht beeinträchtigen. Während man für die Wuppertaler Inszenierung die gleichen beiden Hauptdarsteller für die Partien des Jesus und des Judas verpflichtet hat, spielt man es im Gegensatz zu Oldenburg allerdings in der großen Orchesterfassung, bei der das Sinfonieorchester Wuppertal aus dem Graben mit der fünfköpfigen Rockband auf der Bühne zu einem großen Klangkörper zusammenwächst.

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Jesus (Oedo Kuipers) wird als Superstar von der Masse gefeiert.

Das Regie-Team um Erik Petersen interessiert - genauso wenig wie Andrew Lloyd Webber und seinen Textdichter Tim Rice, als sie das Stück Ende der 60er bzw. Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts schufen - in erster Linie nicht der biblische Inhalt, sondern vielmehr die persönliche Dramatik, die in dem bühnenwirksamen Aufstieg und Fall einer charismatischen Persönlichkeit liegt. Von daher verzichten das Bühnenbild von Sam Madwar und die Kostüme von Verena Polkowski auf historische Anspielungen. Die Handlung spielt im Hier und Heute, und Jesus wird als Rockstar gezeigt, der zu Beginn des Stückes mit seiner Band, die neben Judas aus drei weiteren Musikern und drei Soulgirls, eine davon Maria Magdalena, besteht, von der Masse frenetisch gefeiert wird. Madwar hat dafür eine Bühne auf der Bühne entworfen, die in ihrer halbrunden Form mit ihren zahlreichen Lampen an eine Art Cabaret erinnert. Die Rockband sitzt als "begleitendes Live-Orchester" auf einer Empore im Hintergrund der Bühne. Auf der rechten und linken Seite befindet sich jeweils ein Steg, über den Figuren aus der oberen Ebene auf die Bühne hinab- oder hinaufsteigen können. In einer waagerechten Position bieten diese beiden Bühnenteile auch eine hervorragende Möglichkeit für einen bewegenden Schlagabtausch zwischen Jesus und seinem Gegenspieler Judas.

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Jesus (Oedo Kuipers, Mitte) mit Maria Magdalena (Maureen Mac Gillavry) und Judas (Rupert Markthaler, links)

Letzterer nimmt bei Rice und Webber eine derart zentrale Rolle ein, dass die beiden sogar überlegten, das Stück Judas zu nennen. Mit einer sehr modernen und kritischen Haltung hinterfragt er ständig Jesus' Handeln, das textlich teilweise wörtlich aus den Evangelien des Lukas und Johannes übernommen wird. In der Jesus-Band in Petersens Inszenierung spielt Lukas die E-Gitarre und beobachtet sehr besorgt den Star der Band, Jesus, der dem Hype um seine Person nicht mehr gewachsen zu sein scheint und schon zu Beginn der Aufführung relativ ausgebrannt wirkt. Während er zu Beginn Jesus' vor dem Jubel der Masse warnt, der schnell umschlagen kann, falls Jesus ihren Wünschen nicht mehr gerecht werden sollte, hat er das Gefühl, dass Jesus aus Schwäche nicht auf ihn hört, so dass er ihn schließlich trotz schlechten Gewissens verrät. Beim letzten Abendmahl kommt es zu einem musikalisch grandiosen Schlagabtausch der beiden, der im legendären "Judaskuss" im Garten Gethsemane kulminiert. Obwohl sich Judas im Anschluss an seinen Verrat das Leben nimmt - bei Petersen erschießt er sich auf einem der beiden Stege -, taucht er am Ende mit der Jesus-Band als neue Rock-Ikone wieder auf. Während Jesus am Kreuz emporgezogen wird, hat die Masse bereits ihr neues Idol gefunden. Judas hat mit seinen Warnungen am Anfang folglich Recht behalten.

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Pontius Pilatus (Simon Stricker, links) lässt Jesus (Oedo Kuipers, auf dem Boden liegend) auspeitschen.

Mit Oedo Kuipers in der Titelpartie und Rupert Markthaler als Judas, die bereits in Oldenburg das Publikum begeisterten, hat man zwei großartige Sängerdarsteller verpflichtet, die allein schon die Reise nach Wuppertal empfehlenswert machen. Kuipers zeichnet ein glaubhaftes Bild eines umjubelten Rockstars, der dem Rummel um seine Person nicht mehr gewachsen ist und in den Armen Maria Magdalenas vergeblich Ruhe und Kraft sucht. Ein absoluter Höhepunkt ist die "Gethsemane"-Szene, in der Jesus nach dem letzten Abendmahl mit seinen Jüngern in seiner Einsamkeit zu verstehen versucht, warum ihm dieser Leidensweg vorherbestimmt ist. Kuipers innerer Kampf rührt hierbei zu Tränen. Auch stimmlich fängt er die Zerrissenheit des Erlösers bewegend ein, und seine verzweifelnden Schreie gehen unter die Haut. Das Publikum ist derart begeistert, dass es sogar innerhalb dieser Szene frenetischen Zwischenapplaus spendet. Wenn Jesus nach der Verhaftung schließlich blutig geschlagen und ausgepeitscht wird, versetzt Kuipers mit seinem eindringlichen Spiel das Publikum in eine regelrechte Schockstarre. Auch die letzten Worte am Kreuz werden von ihm bewegend umgesetzt.

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Judas (Rupert Markthaler, vorne rechts) verrät Jesus an Kaiphas (hier: Sebastian Campione, 2. von links) und Annas (Simon Stricker, links oben) (im Hintergrund: die beiden Priester: hier Sookwang Cho und Hak-Young Lee).

Markthaler steht ihm als Judas szenisch und stimmlich in nichts nach. Großartig gestaltet er Judas' inneren Kampf, wenn dieser immer weniger Jesus' Verhalten nachvollziehen kann. Erst in seinem Song "Judas' Death" erkennt er, als Werkzeug für die Verwirklichung eines höheren Plans missbraucht worden zu sein, so dass er in seiner Verzweiflung nur noch den Freitod als Ausweg sieht. Markthaler begeistert hier durch sauber angesetzte Spitzentöne. Den "Judaskuss" gibt er Jesus nur auf den Hals. Dabei nähert er sich ihm auch von hinten, so dass die beiden sich in dieser Szene nicht in die Augen sehen. Das hätte Judas vielleicht in Petersens Lesart doch nicht fertiggebracht. Maureen Mac Gillavry überzeugt als Maria Magdalena, die zunächst mit einem milde angesetzten "Everything's Alright" Jesus zu beruhigen und später in dem berürenden "I Don't Know How to Love Him" ihre Liebe zu Jesus zu begreifen versucht. Kim David Hammann übernimmt die Partien des "Band-Mitglieds" Simon Zelotes und des Petrus, der nach Jesus' Verhaftung abstreitet, ihn zu kennen. Ernüchternd gelingt die Szene, in der die Band beschließt, auch ohne Jesus weiterzumachen.

Rainer Zaun legt die Partie des durchtriebenen Kaiphas mit dunklem Bass an, der die Schwärze der Figur glaubhaft unterstreicht. Simon Strecker punktet mit kräftigem Bariton sowohl als Annas, der mit Kaiphas zu dem Entschluss gelangt "This Jesus Must Die", als auch als Pontius Pilatus, der in seinem weißen Anzug versucht, sich der Verpflichtung zur Verurteilung zu entziehen. Wenn er sich im "Trial Before Pilate" mit 39 Peitschenhieben bemüht, ein Geständnis aus Jesus herauszuprügeln, und dann unter dem Druck des Volkes Jesus aufgeben und der Hinrichtung übergeben muss, stellt Stricker das Unbehagen des Präfekten sehr glaubhaft dar. Marc Bowman-Hester legt den König Herodes als eine Art Liberace mit glitzerndem Sakko und Pelzmantel an, der vom Volk als glamouröser Star gefeiert wird und in dessen Song eine gewisse Häme dem "gefallenen Konkurrenten" gegenüber mitschwingt. Sehr eindrucksvoll gelingt auch die Abendmahlszene nach der Pause, die von den zwölf Jüngern, die teilweise auch von Choristen dargestellt werden, zunächst mit einer Gitarre sehr intim begleitet wird, bevor das Orchester diese wunderbare Melodie aufnimmt. Der von Markus Baisch einstudierte Opern- und Jugendchor überzeugt in kleineren solistischen Partien und in den Massenszenen. Das Sinfonieorchester unter der Leitung von Jürgen Grimm harmoniert wunderbar mit der Rockband auf der Bühne, so dass es für alle Beteiligten am Ende zu Recht frenetischen Beifall gibt.

FAZIT

Ähnlich wie in Oldenburg dürfte diese Produktion auch in Wuppertal für ausverkaufte Vorstellungen sorgen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jürgen Grimm

Inszenierung und Bühne
Erik Petersen

Bühne
Sam Madwar

Kostüme
Verena Polkowski

Choreographie
Yoko El Edrisi

Licht
Steff Flächsenhaar

Chor
Markus Baisch

Dramaturgie
Annabelle Köhler
David Greiner

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Opernchor und Jugendchor der Wuppertaler Bühnen


Solisten

*Premierenbesetzung

Jesus von Nazareth
Oedo Kuipers

Judas Ischariot
Rupert Markthaler

Maria Magdalena / Soulgirl
Maureen Mac Gillavry

Pontius Pilatus / Annas
Simon Stricker

Simon Zelotes / Petrus
Kim David Hammann

Kaiphas
Sebastian Campione /
*Rainer Zaun

Herodes
Marc Bowman-Hester

1. Priester
*Marco Agostini /
Sookwang Cho

2. Priester
Hak-Young Lee /
*Javier Zapata

Soulgirl 1
Lasarah Sattler

Soulgirl 2
Stefanie Smailes

Jesus People
*Matthias Knaab
*Adriano Sanzo
Philipp Hager

Frau am Feuer
*Banu Schult /
Qian Zhang

Alter Mann
*Jochen Bauer /
Oliver Picker

Lepröse Frau
*Katharina Greiss /
Ute Temizel

Lepröser Mann
Jaroslaw Nowaczek

Jesus-Band
Tobias Deutschmann
Rainer Wind
Peter Engelhardt
Roger Schaffrath
Robert Walla

 

 


Weitere Informationen
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Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



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