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La bohème

Oper in vier Bildern
Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa nach dem Roman Scènes de la vie de bohème von Henri Murger
Musik von Giacomo Puccini

Aufführungsdauer: ca. 2h 20' (eine Pause)

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 2. November 2019
(rezensierte Aufführung: 29.11.2019)


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Leben im Pappkarton


Von Thomas Molke / Fotos: 
Jens Großmann

Dass Meisterwerken des Opernrepertoires bei ihrer Uraufführung noch kein großer Erfolg beschieden war, ist keine Seltenheit. Man denke nur an Georges Bizets Carmen. Bei Puccinis Oper La bohème verhielt es sich allerdings anders. Hier war es nur ein Kritiker der Zeitschrift La stampa, der nach der Uraufführung 1896 urteilte, dass die Geschichte über einfache Leute wohl keinen großen Eindruck beim Publikum hinterlassen werde. Schließlich wolle man in Italien eher große Operndramen sehen und hören wie beispielsweise die italienische Fassung von Wagners Götterdämmerung. Die restlichen Kritiker und die Zuschauer hingegen zeigten sich von Anfang an begeistert, und die Oper trat einen beispiellosen Siegeszug an, so dass das Werk auch heute noch zu den populärsten Opern aller Zeiten zählt, die von zahlreichen Opernhäusern besonders gern in der Vorweihnachtszeit auf den Spielplan gestellt wird. In Wuppertal hat man sich entschieden, das Stück nach neun Jahren und zwei Intendantenwechseln einer Neudeutung durch das Regieteam Immo Karaman und Fabian Posca zu unterziehen, die in der letzten Spielzeit hier für die Inszenierung von Erich Wolfgang Korngolds Die tote Stadt verantwortlich zeichneten (siehe auch unsere Rezension).

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Die vier Künstler in ihrer Mansarde: von links: Colline (Sebastian Campione), Schaunard (Simon Stricker), Marcello (Aleš Jenis) und Rodolfo (Sangmin Jeon)

Die Geschichte basiert auf einem Fortsetzungsroman, in dem Henri Murger von März 1845 bis April 1849 in der Zeitschrift Le Corsaire Satan unter dem Titel Scènes de la bohème in einer lockeren Folge von Erzählungen ein farbiges Bild des Pariser Künstlermilieus entwarf, dem er selbst angehörte. Im November 1849 kam eine Bühnenversion unter dem Titel La vie de bohème im Pariser Théâtre des Variétés heraus, die ebenfalls begeistert aufgenommen wurde, so dass die 1851 überarbeitete Buchausgabe unter dem Titel Scènes de la vie de bohème zu einem der populärsten Künstlerromane des 19. Jahrhunderts avancierte. Puccini, der selbst seine Mailänder Studienzeit in ärmlichen Verhältnissen verbracht hatte, war nicht der einzige, der eine Vertonung dieser Erzählung in Angriff nahm. Auch Ruggero Leoncavallo zeigte sich von dem Stoff fasziniert und ließ sich zu einer Oper inspirieren. Während sich Leoncavallo jedoch eng an die literarische Vorlage hielt, betonten Puccinis Librettisten Luigi Illica und Giuseppe Giacosa eher die Atmosphäre als den Handlungsablauf, und so traf das Leid der jungen an Tuberkulose erkrankten Mimì mit der hochemotionalen Musik Puccinis das Publikum mitten ins Herz.

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Erste zärtliche Annäherung: Rodolfo (Sangmin Jeon) und Mimì (Li Keng)

Die Inszenierung von Karaman und Posca ist durch die "Arte Povera" inspiriert, eine von dem Kunstkritiker und Kurator Germano Celant 1967 geprägte Bewegung, die Kunst aus gewöhnlichen und alltäglichen Materialien des Lebens kreiert. So besteht nahezu das ganze von Karaman konzipierte Bühnenbild aus Pappe und Pappkartons. Vor der Aufführung dominiert ein riesiger verschlossener Karton die Bühne, der sich mit Beginn der Musik öffnet und einen Blick in die Künstlermansarde gibt, in der Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline im wahrsten Sinne des Wortes hausen. Nichts ist hier real, und alles besteht aus Pappe, auch der Ofen, dem Rodolfo für ein bisschen Wärme die Seiten seines neuesten Theaterstücks opfert. Selbst der Vermieter Benoît scheint dieser Pappwelt zu entspringen. Während sich die vier Künstler in einfachen Kostümen von den Pappwänden abheben, verschmilzt Benoît farblich mit dem Hintergrund. Selbst die Kerze, mit der Mimì in diese Welt eintritt, besteht nur aus Pappe, und für die romantische Atmosphäre zwischen Rodolfo und Mimì sorgen ein Pappmond und eine große Papplaterne.

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Sie streiten, aber sie lieben sich: Musetta (Ralitsa Ralinova) und Marcello (Aleš Jenis).

Dieser Eindruck setzt sich auch im zweiten Bild fort, wenn die vier Freunde mit Mimì im Café Momus feiern. Die ganze Bühne besteht aus Pappteilen, die bisweilen über die Bühne geschoben werden. Selbst die Tische sind aus Pappe zusammengesetzt. Die vier Freunde und Mimì scheinen die einzigen realen Menschen in dieser Pappwelt zu sein. Chor und Statisten wirken in ihren Kostümen wie Benoît im ersten Bild wie Pappfiguren, die mal mit Pappautos, mal mit Geschenken über die Bühne eilen. Auch Musetta tritt zunächst mit einer aufgesetzten Pappperücke und einem Pappkostüm auf, wenn sie in Begleitung ihres reichen Verehrers Alcindoro ist. Erst wenn sie sich erneut Marcello zuwendet, legt sie ihr Kostüm und ihre Perücke ab und passt sich optisch den vier Freunden und Mimì an. Unklar bleibt, wieso am Ende des zweiten Bildes ein riesiges Monster aus dem Schnürboden herabgelassen wird, das an eine Manga-Version von Godzilla erinnert und quer über die Bühne Feuer speit. Soll damit betont werden, dass Mimì bereits an diesem eigentlich recht fröhlichen Abend vom Tod gezeichnet ist und die ganze vorweihnachtliche Stimmung nur ein Trugbild ist? Immerhin bricht Mimì am Ende des Bildes in Musettas Armen entkräftet zusammen, was im Libretto nicht vorgesehen ist.

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Vom Tod gezeichnet: Mimì (Li Keng) mit Rodolfo (Sangmin Jeon)

Nach der Pause löst sich der Hintergrund allmählich auf. Im dritten Bild sind nur ein riesiger Papprahmen und diverse Kartons erhalten, die von Müllmännern eingesammelt werden. Marcello scheint in einer Diskothek als Maler beschäftigt zu sein, da durch die geöffnete Tür wild tanzende junge Frauen gezeigt werden, die nun wie "normale Menschen" aussehen. Während Rodolfo und Mimì in dieser Szene noch einmal zueinander finden und Marcello und Musetta in heftigen Streit geraten, verschwinden auch diese Bühnenteile Stück für Stück. Man sieht einzelne Choristen, die apathisch Umzugskisten über die Bühne tragen, sich an einer Stelle niederlassen und beim Stöbern in den Kisten melancholisch in alte Erinnerungen versinken. In diesem Ambiente bringt Musetta Mimì todkrank in die Mansarde, die eigentlich gar nicht mehr vorhanden ist. Der Mantel, den Colline für Mimì versetzen will, befindet sich in einem der Umzugskartons. Musetta kehrt ohne Muff für die sterbende Mimì zurück. Alles, was Mimì bleibt, ist die Haube, die ihr Rodolfo im zweiten Akt geschenkt hat. Wenn die Freunde erkennen, dass Mimì gestorben ist, beginnen auch sie, abwesend Umzugskartons über die Bühne zu tragen und versinken wie die Choristen zuvor in eine gewisse Apathie. Auch der verzweifelte Rodolfo ergreift am Ende eine Kiste und entfernt sich langsam von der toten Mimì. So ist die Verstorbene in ihrem Tod ganz allein.

Gesungen wird in Wuppertal auf sehr hohem Niveau. Man kann gar nicht genug betonen, was für ein Glück man am Haus mit einem Tenor wie Sangmin Jeon hat. Die Partie des Rodolfo ist eine weitere Paradepartie für ihn, in der er mit seinem strahlenden Tenor glänzen kann. Die berühmte Arie "Che gelida manina" gestaltet er mit sauber angesetzten Höhen und wunderbarem Timbre, so dass ihm anschließend nicht nur Mimìs Herz zu Füßen liegen dürfte. Das Publikum feiert ihn zu Recht mit frenetischem Applaus. Als Gast steht ihm die aus Taiwan gebürtige Sopranistin Li Keng als Mimì stimmlich in nichts nach. Mit leuchtendem Sopran zeichnet sie die Partie und begeistert mit lyrischen Bögen in ihrer großen Arie "Mi chiamano Mimì", in der sie auch die Verletzlichkeit der Figur hervorhebt. Ein weiterer musikalischer Glanzpunkt des Abends ist das folgende Duett "O soave fanciulla", in dem Jeons Tenor und Kengs Sopran zu einer bewegenden Innigkeit finden. Unter die Haut geht auch ihr gefühlvolles Duett "Addio... Che! Vai?" im dritten Bild, in dem sie nach der zwischenzeitlichen Trennung beschließen, doch noch bis zum Frühling zusammen zu bleiben. Ensemble-Mitglied Ralitsa Ralinova begeistert als Musetta mit strahlendem Sopran und verführerischem Spiel. Aleš Jenis gibt als eifersüchtiger Marcello mit markantem Bariton einen stimmlich und darstellerisch ebenbürtigen Partner. Simon Stricker und Sebastian Campione runden als Schaunard und Colline die Künstler-Clique überzeugend ab, wobei Campione bei seiner großen Mantel-Arie im vierten Bild stimmlich allerdings ein bisschen blass bleibt. Der von Markus Baisch einstudierte Chor präsentiert sich homogen. Julia Jones arbeitet mit dem Sinfonieorchester Wuppertal die unterschiedlichen Nuancen von Puccinis Musik eindringlich heraus, so dass es am Ende verdienten Beifall für alle Beteiligten in der gut besuchten dritten Aufführung gibt.

FAZIT

In einer großartigen musikalischen Umsetzung und einer insgesamt überzeugenden Inszenierung wird deutlich, wieso Puccinis La bohème zu den populärsten Werken des Opern-Repertoires zählt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Julia Jones

Inszenierung und Bühne
Immo Karaman

Kostüme und Choreographie
Fabian Posca

Licht
Florian Kerl

Chor
Markus Baisch

Dramaturgie
David Greiner

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Opernchor und Extrachor,
Kinder- und Jugendchor der Wuppertaler Bühnen

Statisterie der
Wuppertaler Bühnen


Solisten

*rezensierte Aufführung

Mimì
Li Keng

Musetta
Ralitsa Ralinova

Rodolfo
Sangmin Jeon

Marcello
Aleš Jenis

Schaunard
*Simon Stricker /
Deagyun Jeong

Colline
Sebastian Campione

Benoît / Alcindoro
Marcel van Dieren

Parpignol
Mark Bowman-Hester /
*Adam Temple-Smith

Zöllner
*Hak-Young Lee /
Javier Zapata

Sergeant
Oliver Picker /
*Mario del Rio

Händler
*Sookwang Cho /
Jaroslaw Nowaczek

 

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



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