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Musiktheater
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A First Date - Episode 1

Chaconne

Ballett von José Limón
Musik von J. S. Bach (Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-Moll für Violine BWV 1004)

Private Light (Ausschnitte)

Ballett von Demis Volpi
Musik von I. Albéniz (Asturias aus Suite Espagnole für Gitarre op. 47), C. Domeniconi (Presto aus Koyunbaba für Gitarre) und H. Villa-Lobos (Prélude Nr. 4 für Gitarre)

Allure

Ballett von Demis Volpi
Musik von Nina Simone (Good baits)

de la Mancha (Uraufführung)

Ballettszene von Demis Volpi
Musik von Ludwig Minkus (Grand pas de deux aus Don Quichotte)

Aufführungsdauer: ca. 1h 15' (keine Pause)

Premiere am 11. September 2020 im Opernhaus Düsseldorf


Homepage

Ballett am Rhein / Rheinoper
(Homepage)
Neustart mit Tücken

Von Stefan Schmöe / Fotos von Bernhard Weis

Ein rauschender Einstand blieb Demis Volpi, Düsseldorfs und Duisburgs jungem neuen Ballettchef verwehrt. Wie der Abschied seines nach Wien entschwundenen Vorgängers Martin Schläpfer fiel auch ein großformatiger Einstand Volpis der Pandemie zum Opfer. Aber es darf wieder getanzt werden, wenn auch, unter künstlerischen Aspekten gesehen ziemlich absurd, streng mit Abstand. Das Düsseldorfer Opernhaus ist ausverkauft und doch zu dreivierteln leer, so will es das Hygieneschutzkonzept. Warum man auf eine Pause verzichtet, will nicht recht einleuchten - das sehr disziplinierte Publikum wäre sich wohl auch da nicht zu nahe gekommen. So hat Volpi drei Abendprogramme von je 75 Minuten Dauer zusammengestellt, jeweils für einen Teil der Compagnie, um mit isolierten Gruppen arbeiten zu können. Keine einfachen Bedingungen für den Start am Rhein.

Vergrößerung Chaconne: Mariana Dias

Der hier besprochene erste dieser drei Abende beginnt mit einer Choreographie von José Limón (1908 - 1972), nämlich der 1942 in Ney York entstandenen Chaconne zu Johann Sebastian Bachs monumentaler Chaconne aus der d-Moll-Partita für Violine solo. Limón hat die strenge Struktur der Komposition in sehr geordnete, beinahe geometrische Bewegungen umgesetzt, spiegelt im Tanz die Musik, ohne kleinteilig darauf zu reagieren. Ein Werk von großer, allerdings auch ziemlich gepflegter Schönheit, hier von fünf Tänzerinnen und Tänzern (immer mit Mindestabstand) aufgeführt, ein wenig distanziert, sehr kontrolliert. Egor Grechishnikov spielt die ungemein schwierige Musik mehr als achtbar.

Vergrößerung

Private Light: Tommaso Calcia

Auch Martin Schläpfer hat gerne wichtige Choreographien der Tanzgeschichte an den Beginn seiner Ballettabende gestellt und sich und seine Arbeit damit historisch eingeordnet. Wenn Volpi dieses Modell aufgreift, darf man dahinter wohl auch einen programmatischen Anspruch vermuten. Er reagiert auch mit einer eigenen Arbeit darauf, einem Ausschnitt aus Private Light von 2011. Es wird von den gleichen Personen wie in der Chaconne getanzt, hinzu kommt Tommaso Calcia als Solist, der sich mit artifiziellen, ein wenig puppenhaften Bewegungen von der Gruppe absetzt, fast wie eine bewegliche Statue, ein rätselhaftes Gegeneinander, bei dem der Solist am Ende von der Gruppe quasi eingefangen wird. Volpis Formensprache hat in ihrer Klarheit deutliche Verbindungslinien zu Limón. Später folgt noch ein weiterer Ausschnitt aus Private Light, neben einem Solo von Doris Becker ein echter pas de deux mit viel Körperkontakt - Lara Delfino und Nelson Lopez Carlo leben, so ist im dünnen Programmblatt vermerkt, leben in einem Haushalt und dürfen das, dürfen sich sogar küssen. Volpi spielt viel mit den Konventionen, versachlicht dabei das Vokabular, baut kleine Irritationen ein. Die Musik kommt von der Gitarre, u.a. Musik von Issac Albeniz - Peter Graneis spielt großartig. Leider sitzt er, zumindest für die auf der linken Parkettseite sitzenden Besucher, oft im Weg und versperrt den freien Blick auf die Tänzerinnen und Tänzer.

Vergrößerung Allurte: Simone Messmer

Den Höhepunkt des Abends (der während einer Pause zwecks Reinigung der Bühne noch um einen ganz hübschen Film, Regie: Daisy Long, mit Eindrücken und Statements von den Proben ergänzt wird) bildet Allure von Demis Volpi, 2012 uraufgeführt. Ein etwa 10-minütiges Solo, dreiteilig, mit Musik der Jazz-Pianistin Nina Simone ("Good baits"für Klavier, im Mittelteil mit Schlagzeug unterlegt; die Musik kommt vom Band). Die großartige Solistin Simone Messmer erobert sich nach und nach den Raum, mit einer Spur Laszivität. Hier wie auch in Private Light zeigt Volpi eine spannende Doppelbödigkeit, durchaus vielversprechend.

Bestimmte Grundelemente durchziehen signifikant Volpis Arbeiten an diesem Abend: Die Betonung der Körper-Vertikale, oft sehr markant. Mit Hosen, deren Bund weit über die Taille geht, werden die Beine optisch verlängert, was den Effekt noch vergrößert. Dazu weit ausladende Armbewegungen. Es wird viel auf Spitze getanzt, aber weniger um der Leichtigkeit des klassischen Balletts wegen als einer noch verstärkten Streckung. Kontrolle gewinnt immer wieder die Oberhand gegenüber der Emotion. Und dann hebt Volpi fast provokativ den Unterschied der Geschlechter auf: Frauen und Männer tragen oft das gleiche Kostüm, sind manchmal auf den ersten Blick gar keinem Geschlecht zuzuordnen - ein gegenüber der Tradition doch starkes Merkmal der Verfremdung.

Vergrößerung

Private Light: Lara Delfino, Nelson Lopez Garlo ("Diese Tänzer*innen führen einen gemeinsamen Haushalt und sind daher von den gebotenen Abstandsregeln ausgenommen" - so steht's im Programmblatt)

Bis dahin ein spannender, vielversprechender Auftakt. Ans Ende setzt Volpi dann eine kleine Uraufführung, de la Mancha mit Musik von Ludwig Minkus, nämlich den Grand Pas de deux aus dessen Ballett Don Quichotte. Sicher gibt es in Düsseldorf Traditionalisten, die Martin Schläpfer immer übelgenommen haben, dass er die großen Handlungsballette aus dem Repertoire genommen hat (die gibt's freilich nebenan in Essen zu sehen). Ob diese kleine Uraufführung ein Versprechen sein soll, auch dieses Genre wieder aufzugreifen? Auch hier verfremdet Volpi nach Kräften, schon bei der Musik, die vom Band kommt und den typischen Applaus gleich mit aufgenommen hat. Nur kommt der jetzt an den falschen Stellen, denn Volpi lässt weder einen Pas de deux tanzen, noch hält er sich an dessen formale Struktur. Zunächst gibt es ein großes Solo für den charmanten, sehr jungen Miquel Martinez Pedro, dann für den charismatischen Dukin Seo , später noch für Kauan Soares - da präsentieren sich drei sehr interessante Tänzerpersönlichkeiten, keine Frage (die sich aber noch deutlich besser aufeinander abstimmen dürften, wenn sie nebeneinander tanzen). Auch hier fällt das Verschwinden der Geschlechterrollen auf. Aber letztendlich gerät die Szene dann trotzdem zu einem ziemlich belanglosen Divertissement - die Harmlosigkeit bleibt auch in gebrochener Form bestehen, und dadurch wirkt de la Mancha ein wenig anbiedernd. Eine überzeugende Lösung, Klassiker in ein zeitgemäßes Gewand zu packen (wie es Schläpfer in Schwanensee dann doch recht gut gelungen ist, lässt sich aus diesen nicht wirklich geglückten zehn Minuten noch nicht ablesen.


FAZIT

Kein uneingeschränkt überzeugender Auftakt, aber im kleinen Format macht Demis Volpi doch neugierig auf seine Amtszeit als Ballettchef am Rhein.


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A First Date, Episode 2
A First Date, Episode 3

Produktionsteam

Chaconne

Choreographie
José Limón

Einstudierung und Inszenierung
Kathryn Alter

Kostüm
Katharina Schlipf

Licht
Claudia Sanchéz

Violine
Egor Grechishnikov

Tänzerinnen und Tänzer

Mariana Dias
Michael Foster
Philip Handschin
Marjolaine Laurendeau
Virginia Segarra Vidal

Uraufführung: 1942
Humphrey-Weidman Studio Theater,
Ney York City




Private Light (Ausschnitt)

Choreographie
Demis Volpi

Kostüm
Katharina Schlipf

Licht
Claudia Sanchéz

Einstudierung
Louise Bennett

Gitarre
Peter Graneis


Tänzerinnen und Tänzer

Tommaso Calcia (Solo)
Mariana Dias
Michael Foster
Philip Handschin
Marjolaine Laurendeau
Virginia Segarra Vidal

Uraufführung:
American Ballett Theater,
City Centre New York, 2011




Allure

Choreographie
Demis Volpi

Kostüm
Katharina Schlipf

Licht
Claudia Sanchéz

Einstudierung
Damiano Pettenella


Tänzerin

Simone Messmer

Uraufführung: Stuttgart Ballett,
Opernhaus Dortmund, 2012




Private Light (Ausschnitt)

Choreographie
Demis Volpi

Kostüm
Katharina Schlipf

Licht
Claudia Sanchéz

Einstudierung
Louise Bennett

Gitarre
Peter Graneis


Tänzerinnen und Tänzer

Doris Becker
Lara Delfino
Nelson López Garlo

Uraufführung:
American Ballett Theater,
City Centre New York, 2011




de la Mancha

Choreographie
Demis Volpi

Kostüm
Katharina Schlipf

Licht
Claudia Sanchéz

Choreographische Assistenz
Damiano Pettenella

Uraufführung


Tänzerinnen und Tänzer

Miquel Martínez Pedro
Dukin Seo
Kauan Soares

- Uraufführung -




Film:
A First Date, Episode 2

Regie
Daisy Long

Licht und Kamera
Hugh Lomas

Ton
David Marker

Schnitt, Postproduktion
Jo Alexander Berg


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Weitere Informationen
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