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Der Kaiser von Atlantis

Spiel in einem Akt
Text von Peter Kien
Musik von Victor Ullmann


in deutscher Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h (keine Pause)

Premiere am 19. September 2020 im Opernhaus Düsseldorf


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Rheinoper
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Im Tod wird der Despot zum Menschen

Von Stefan Schmöe / Fotos von Hans-Jörg Michel


Ein paar Stunden vor der Premiere wurde vor der Oper noch das Deutschlandlied gegrölt, bei einem Demonstrationszug gegen die Corona-Schutzmaßnahmen, berichtete Dramaturgin Anna Grundmeier in ihrer Einführung. Nationalistische Töne als Versuch rechtsnationaler Kräfte, die Diskurshoheit zu gewinnen. Das Lied der Deutschen wird auch in Victor Ullmanns Oper Der Kaiser von Atlantis zitiert, die 1943 oder 1944 im KZ Theresienstadt entstand und dort auch aufgeführt werden sollte - warum es nicht dazu kam, ist unklar, möglicherweise waren es auch künstlerische Gründe. Im Programmheft dieser Düsseldorfer Premiere finden sich Karikaturen des Librettisten Peter Kien, die andeuten, wie wenig von den ursprünglichen künstlerischen Absichten am Ende übrig blieb: Die Parabel um den Kaiser, der den totalen Krieg "aller gegen alle" ausruft und dem der Tod die Gefolgschaft versagt, worauf niemand mehr stirbt, dürfte ungeachtet der vermeintlichen Freiheiten im "Vorzeigelager" Theresienstadt ein erhebliches Risiko für alle Beteiligten dargestellt haben. Am 16. Oktober 1944 wurden Kien und Ullmann ins Todeslager Auschwitz deportiert. Ullmann hatte alle Aufzeichnungen dem Theresienstädter Bibliothekar übergeben, wodurch die Oper für die Nachwelt gerettet wurde. Natürlich ist das etwa einstündige Werk nicht von seiner Entstehungsgeschichte zu trennen, und den Worten der Dramaturgin war anzumerken, wie sehr der Rheinoper die (eigentlich bereits für den April geplante) Aufführung zur Herzensangelegenheit geworden ist - eben auch als künstlerisches Signal gegen die erstarkende Rechte.

Szenenfoto

Das fast vollständige Personal der Oper: Vorne Harlekin und der Tod, auf den Außenpositionen das Mädchen (links) und der Soldat, im Mittelfeld Trommler (links) und Lautsprecher. Fehlt nur noch der Kaiser, den gibt's im nächsten Bild zu sehen.

Auch in Köln und in Bonn war der Kaiser von Atlantis in den vergangenen Jahren zu sehen, und beide Produktionen scheiterten (auch) daran, dass sie das kammermusikalisch besetzte Werk auf Nebenbühnen mit ungeeigneter Akustik verbannten. In Düsseldorf spielt man auf der großen Bühne, das Orchester sitzt wie gewohnt im Graben und am Pult steht GMD Axel Kober, der damit den Saisonauftakt zur Chefsache macht - und zur großen Oper. An keiner Stelle nimmt er die collagenhafte Musik, die zwischen Spätromantik, der Zeitoper der 1920er-Jahre und der Revueoperette pendelt, zu leicht. Dem Kaiser (beeindruckend mit großer, agiler Stimme: der junge Bariton Emmet O'Hanlon) gönnt er wagnerische Größe und ein durchaus pathetisches Moment, um postwendend mit grandioser Selbstverständlichkeit in den swingenden Tonfall der Tanzmusik zu wechseln. In vielen liedhaften Passagen ahnt man Gustav Mahler und dessen Wunderhorn-Lieder, und Querbezüge zu Alban Bergs Wozzeck (dem Wiegenlied oder der Wirtshausszene) werden hörbar. Kurz: Ullmanns Oper wird musikalisch ernst genommen und findet in Kober einen ganz ausgezeichneten Sachwalter, der die Eigenheiten dieser Komposition großartig zum Klingen bringt. Die Düsseldorfer Symphoniker spielen glänzend, explizit genannt sei der oft solistische Klavierpart (wer am Flügel sitzt, ist im Besetzungszettel nicht genannt).

Szenenfoto

Der Kaiser residiert in einem Palast, der an Albert Speers Lichtdom denken lässt.

Auch sängerisch ist die Aufführung ausgezeichnet besetzt. Neben dem schon genannten O'Hanlon singt Luke Stoker einen eindrucksvollen Tod mit humoristischen Zwischentönen, und der junge Tenor David Fischer ist ein glänzender Harlekin, Symbol für das Leben. Sergej Khomov und noch mehr Anke Krabbe (mit Mut zum Pianissimo in hoher Lage) werden, eben noch verfeindete Soldaten, ein betörend schön singendes Liebespaar. Thorsten Grümbel gibt souverän den "Lautsprecher", Verkünder kaiserlicher Botschaften, und Kimberley Boettger-Soller als Trommler ist sein mehr als solides Pendant. Sicher kommt dem Ensemble die kleine Instrumentalbesetzung ebenso entgegen wie das Singen fast immer an der Rampe - aber unabhängig davon wird in jeder gesungenen Note unterstrichen, dass es hier trotz des vermeintlich kleinen Formats um große Oper geht.

Szenenfoto

Eine Soldatenliebe - nachdem man gerade noch aufeinander geschossen hat, aber der Tod streikt.

Nun muss der Kaiser von Atlantis auch noch irgendwie inszeniert werden. Es ist eine Parabel (ganz wichtig!, betonte die Dramaturgin) auf auf ja, worauf eigentlich? So eindeutig ist die Sache nicht. Natürlich liegt es nahe, in dem anmaßenden Kaiser, der den Tod zu seinem Vollstrecker machen möchte, die NS-Diktatur und letztendlich Hitler zu sehen und in der Tod-Verweigerung den humanitären Aufschrei dagegen. Da liefe die Regie freilich Gefahr, in die historische Falle zu geraten und das Werk auf seinen Entstehungskontext zu verkürzen. dann ist da die komplizierte Rolle des Todes, der sich weniger als garstiger denn als süßer Tod sieht - das aber angesichts des Grauens in den Vernichtungslagern zu inszenieren, ist völlig undenkbar.

Die belehrende Form der Parabel merkt man der Inszenierung von Ilaria Lanzino, bislang als Regisseurin im Kinder- und Jugendtheater aktiv, dann auch nicht weiter an. Sie bemüht sich um Zwischentöne; so wandelt sich der Kaiser von der unnahbaren Bronzestatue zum echten, sterblichen Menschen (sein Tod ist in der Oper die Voraussetzung dafür, dass der Tod seine Arbeit wieder aufnimmt). Da schwingen durchaus Sympathien für den zur Selbsterkenntnis gelangten Despoten mit - und in der Figur schlummert wohl ein wenig von Wagners Wotan (Lanzino war Dietrich Hilsdorfs Regieassistentin beim Düsseldorfer Ring). Der Tod lässt sich sehr hübsch am Rand der Bühne nieder, wenn er die Arbeit verweigert, und betrachtet die ohne ihn überforderte Welt mit einem gehörigen Maß an Ironie. Da werden Figuren durchaus gebrochen und wandlungsfähig gezeichnet. Der Lautsprecher (mit albern blinkendem, spiralförmigem Antennensymbol vor der Brust) und der Trommler bleiben dagegen in der Welt des Puppentheaters.

Szenenfoto

Harlekin, klassisch.

Eine historische Einordnung oder gegenwartsbezogene Deutung will die Regie nicht geben, sondern bewegt sich im unverbindlich abstrakten Raum. In der Bühneninstallation von Ausstatterin Emine Güner, die aus vielen Schnüren eine Art Käfig gebaut hat, mag man noch Albert Speers Lichtdom für die Nürnberger Reichsparteitage erahnen; letztendlich ist es dann doch mehr das symbolhafte Gefängnis, aus dem der Kaiser sich zwecks Selbstfindung befreien muss. Wenn Harlekin (das Leben) und der Tod aneinandergebunden sind, ist das dem Repertoire gutbürgerlicher Poesiealben entnommen. Spannend wird es dann, wenn die Regie bewusst uneindeutig wird: Bevor das Mädchen frisch verliebt mit dem Soldaten in der Kulisse verschwindet (Liebesszenen auf offener Bühne gehen gerade nicht, weil der Mindestabstand eingehalten werden muss), greift es sich noch einmal an die eigentlich tödliche Wunde. In solchen kurzen Momenten bekommt das Spiel etwas Traumartiges, Surreales. Davon hätte es ruhig noch mehr geben können.


FAZIT

Eine Inszenierung in der abstrakten Sicherheitszone, in der man nicht viel falsch, aber auch nicht allzu viel richtig machen kann - ein paar hübsche Momente gibt es trotzdem. Es ist aber vor allem die großformatige musikalische Umsetzung, die den Kaiser von Atlantis zum doch sehr spannenden Saisonauftakt werden lässt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Axel Kober

Regie
Ilaria Lanzino

Bühne und Kostüme
Emine Güner

Licht
Thomas Diek

Dramaturgie
Anna Grundmeier



Statisterie der
Deutschen Oper am Rhein

Düsseldorfer Symphoniker


Solisten

Overall, Kaiser von Atlantis
Emmett O'Hanlon

Der Lautsprecher
Thorsten Grümbel

Der Tod
Luke Stoker

Harlekin
David Fischer

Ein Soldat
Sergej Khomov

Ein Mädchen
Anke Krabbe

Trommler
Kimberley Boettger-Soller



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Rheinoper
(Homepage)



Da capo al Fine

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