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Vissi d'Arte

Eine Liebeserklärung an die Opernbühne


Ein szenischer Abend von Johannes Erath
mit Musik von Puccini, Verdi, Wagner, Strauss, Offenbach u.a.


in deutscher Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (keine Pause)

Premiere am 2. Oktober 2020 im Opernhaus Düsseldorf
(rezensierte Aufführung: 14. Oktober 2020)


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Rheinoper
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Rabenschwarze Zeiten für die Oper

Von Stefan Schmöe / Fotos von Monika Rittershaus und Sandra Then


Nein, dieser Abend ist kein Opern-Wunschkonzert, auch wenn Titel und Untertitel das suggerieren. Im Gegenteil. Es ist eher ein Wunschverhinderungskonzert. Johannes Erath, der eigentlich Bellinis Sonnambula hätte inszenieren sollen, was an der Pandemie scheiterte, hat sich diese Liebeserklärung an die Opernbühne ausgedacht, in Zusammenarbeit mit Studienleiter Wolfgang Wiechert, der die meisten der oft abenteuerlichen Arrangements kreiert hat und als musikalischer Leiter den Abend koordiniert. Gesungen wird dabei eher wenig, und das hat Methode. Es ist halt gerade nicht die rechte Zeit zum Singen.

Szenenfoto

Vissi d'arte: Tosca (Morenike Fadayomi) lebte für die Kunst. Gut ging das bekanntlich nicht aus. (Foto: Monika Rittershaus)

Zu Beginn, noch während das Publikum den Saal betritt, liegt eine Sängerin lange wie leblos auf der Bühne vor dem Eisernen Vorhang, zwischen etlichen Blumensträußen. Momentaufnahme nach einer grandiosen Premiere? Oder doch eher Blumen, wie man das nach einem Unfall, einem Attentat kennt? Erath beginnt direkt mit einem höchst ambivalenten Bild, und so geht es auch die folgenden 90 Minuten weiter. Vom Band hört man das Vorspiel zu Lohengrin, eingespielt 2011 von den Düsseldorfer Sinfonikern unter Chefdirigent Axel Kober. Dazu wird eine riesige Fermate auf den Vorhang projiziert, Ausdruck des musikalischen Stillstands unter Aufhebung von Rhythmus und Taktmaß. Lohengrin war die letzte Aufführung, die vor dem Lockdown an der Rheinoper stattgefunden hat, insofern ist Rückgriff auf die Tonkonserve auch Symbol für alles, was nicht live aufgeführt werden konnte. Das ist die Logik, die sich durch diesen Abend voller raffinierter Anspielungen zieht.

Szenenfoto

Bühnenkunst ist ein fragiles Gut: Maria Kataeva möchte es schützen. (Foto: Monika Rittershaus)

Die Bühne öffnet sich bis hin zur rückwärtigen Brandmauer, ein paar Requisiten stehen herum, ein paar Sänger sitzen oder liegen dazwischen. Cécile Tallec und Wolfgang Wiechert klimpern an zwei Klavieren herum, nein, sie spielen höchst sensibel Korngolds Glück, das mir verblieb aus der Toten Stadt, selbstmitleidig-sentimentaler ist Oper nie gewesen als in diesem die Vergangenheit zurückbeschwörenden großartigen Duett. Die Ouvertüre zur Zauberflöte und Vissi d'Arte, zentrale Arie der Tosca (die, wie sie hier besingt, ihr Leben der Kunst und nicht der Politik weiht) gibt's ebenfalls rein instrumental vom Klavier. Dann singt Maria Kataeva die Muse aus Hoffmanns Erzählungen, und die Partie steht natürlich sinnbildlich für die Kunst und die Oper. Als Gegensatz dazu: Das Vorspiel zur schwindsüchtigen Traviata, deren allerschönster Operntod ja da vorweggenommen wird. Zwei Luftballons in Kussmundform fragen sich, was das alles soll und erlauben sich einen Kalauer ("Ich hab' Platzangst"). Heidi Elisabeth Meier singt tadellos die Königin der Nacht, und wenn diese wie eine Shopping-Queen von Düsseldorfs Flaniermeile, der Königsallee (die kurz hinter der Oper beginnt), auftritt, ist das vielleicht ein Seitenhieb auf die im Vergleich zur Kultur recht ambitionierte Fürsorge der Politik für den Handel.

Szenenfoto

Stefan Heidemann räumt desillusioniert auf. (Foto: Sandra Then)

Dann gibt es Vissi d'Arte doch noch gesungen (Morenike Fadayomi gestaltet das schönem Piano, aber heikler Intonation). Tenor Andrés Sulbarán singt mit toller Stimme Bruchstücke aus Tenorarien, die um das Thema "Liebe" kreisen, und ist doch angekettet und zum Einhalten kussuntauglicher Mindestabstände verdammt. Die ungemein vielseitige Maria Kataeva singt ziemlich stilsicher Embraceable You von Ira und George Gershwin, ein ziemlich forderndes, #metoo ignorierendes Liebeslied. Erfüllte Liebe? Morenike Fadayomi kämpft zu Richard Strauss' Tanz der sieben Schleier mit Plastikplanen, mit denen offenbar Requisiten abgehängt waren. Auch das ist wieder so ein mehrschichtiges Bild: Die erotische Enthüllung wird hier zur (scheiternden) Enthüllung der Bühne und des Bühnenlebens, und wohin dieser Tanz die unglückliche Prinzessin Salome führt, ist dem Opernliebhaber ja bekannt: Zum Kuss mit einem abgeschlagenen Haupt, das es hier gerade nicht gibt, wohl aber das (leere) Silbertablett. Eraths Humor ist tiefschwarz.

Szenenfoto

Ein Hauch von Apotheose? Der Chor darf der Muse (Maria Kataeva) nicht nahe kommen. (Foto: Monika Rittershaus)

Dann kommt der Chor. Mit Mundschutz natürlich. Er summt. Und was summt er? "Lippen schweigen", hier beim Wort genommen. ("s'flüstern geigen: Hab' mich lieb", so ginge es weiter im Walzerlied aus Franz Lehárs Lustiger Witwe). Den längsten Auftritt hat Stefan Heidemann mit Wotans Abschied aus der Walküre, und wenn er da Tochter Brünnhilde in den Schlaf küsst und singt - einen Schlaf, in dem sie bekanntlich alle göttlichen Züge verlieren und zur sterblichen Frau werden muss - dann steht diese für die gefährdete Opernkunst. Aber halt: Ganz ohne Hoffnung will Erath uns doch nicht aus diesem bitterbösen Abend entlassen, schließlich hat Wagner an das Ende des Ring des Nibelungen das Erlösungsmotiv gestellt. Das klingt auch an, doch Stefan Heidemann kehrt inzwischen die Blumen auf der Bühne zusammen und schlägt lautstark eine Klappe zu und damit auch die schöne Melodie nieder. "Das Erlösungsmotiv bitte auf die Bühne" (oder so ähnlich, so genau ist's nicht zu verstehen) sagt der Inspizient an. Und am Ende gibt es doch noch ein beinahe großes Chorfinale. Dazu öffnen sich die Saaltüren, hinter denen Choristen stehen - Abstandsregel! - und noch einmal gibt Maria Kataeva Offenbachs Muse, jetzt in der großen Apotheose aus Hoffmanns Erzählungen. Groß ist die Liebe, doch nur durch Schmerz gelangt der Künstler zur wahren Bestimmung. Das ist schon in besseren Opernzeiten ein ambivalentes Schlusswort. Und wieder weiß man nicht, ob man sich am schönen Klang des Chores erfreuen oder über die absurde Situation aufregen soll.


FAZIT

Ein brillanter, rabenschwarzer, anspielungsreicher, vielschichtiger Abend mit einer kräftigen Prise Zynismus. Nichts für Opernliebhaber. Oder doch gerade etwas für Opernliebhaber.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Wolfgang Wiechert

Konzept, Inszenierung, Ausstattung
Johannes Erath

Video
Bibi Abel

Mitarbeit Kostüm
Inga Gürle

Chor
Gerhard Michalski

Video
Bibi Abel

Dramaturgie
Anna Melcher



Chor der
Deutschen Oper am Rhein

Düsseldorfer Symphoniker

Flügel
Cècile Tallec
Wolfgang Wiechert


Solisten

Sopran
Morenike Fadayomi

Sopran
Heidi Elisabeth Meier

Mezzosopran
Maria Kataeva

Tenor
Andrés Suliban

Bariton
Stefan Heidemann



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Rheinoper
(Homepage)



Da capo al Fine

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