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Keep Moving!

Ballettabend mit Choreographien von Iris Bouche, Armen Hakobyan, Denis Untila und Michelle Yamamoto, Roland Petit sowie
Ben Van Cauwenbergh

Aufführungsdauer: ca. 1h 15' (keine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 24. Oktober 2020
(rezensierte Aufführung: 30.10.2020)




Theater Essen
(Homepage)
Vom abstrakten Tanz zum Handlungsballett

Von Thomas Molke / Fotos: Bettina Stöß

Auch die Ballettsparte in Essen ist von der Corona-Pandemie stark betroffen. Das ursprünglich für diese Spielzeit geplante Programm kann hier genauso wenig wie an anderen Bühnen gespielt werden, und ab 2. November darf erst einmal für mindestens vier Wochen gar nicht mehr gespielt werden. Ballettdirektor Ben Van Cauwenbergh hat ähnlich wie Marguerite Donlon schon vor der Sommerpause nach der im März verordneten Theaterschließung wieder den Kontakt zum Publikum gesucht. Anders als Donlon, die einen Prolog zu ihrer ursprünglich geplanten Choreographie Schwanensee - aufgetaucht kreiert hat, hat er in einer Art "Best-Of" Paare des Ensembles, die auch im realen Leben miteinander verbunden sind, mit unterschiedlichen Pas de deux in der Philharmonie Essen präsentiert. Nun hat er einen Ballettabend mit fünf Choreographien zusammengestellt, dieses Mal für das Aalto Theater, in dem die geltenden Abstandsregeln eingehalten werden. Zwar handelt es sich hierbei nicht um Neukreationen, aber man muss das Rad ja auch nicht jedes Mal neu erfinden. Stattdessen erlebt das Publikum ein breites Spektrum vom abstrakten Tanz bis zum Handlungsballett. Der Abend trägt den passenden Titel Keep Moving!, was nahezu wie eine Kampfansage an das sich immer noch ausbreitende Virus klingt.

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Ensemble in Aporie

Den Anfang macht eine Choreographie von Iris Bouche, die sie 2011 für die Studierenden im Fach Tanz des Royal Conservatory Antwerp entwickelt hat und die in Essen ihre Deutschlandpremiere erlebt: Aporie. Der Begriff bezeichnet die Unmöglichkeit, in einer vermeintlich unlösbaren Situation die richtige Entscheidung zu treffen. Als Menschen wie du und ich betreten die Tänzer*innen des Aalto-Ballett Essen zu einem rhythmischen Ticken, das an eine Uhr oder einen Herzschlag erinnert, von unterschiedlichen Seiten die Bühne und versuchen, ihren Weg zu finden. Dabei gehen sie zunächst in unterschiedlicher Geschwindigkeit, führen verschiedene Bewegungen aus, da jeder eine eigene Lösung für sich sucht. Manche scheinen verzweifelt, indem sie sich selbst immer wieder schlagen. Nachdem alle eine Position erreicht haben, in der sie in gebührendem Abstand voneinander frontal zum Publikum stehen, hört man den Song "Sinnerman" von Nina Simone, in dem ebenfalls ein Menschen auf der Suche beschrieben wird. Während des Liedes finden die Tänzer*innen allmählich einen gemeinsamen Rhythmus. Doch nachdem der Song verklungen ist und wenn das Ticken wieder einsetzt, verlieren sie sich erneut und brechen schließlich auf der Bühne zusammen.

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Yegor Hordiyenko und Yuki Kishimoto als Othello und Desdemona in On the Nature of Daylight

Die zweite Kreation On The Nature of Daylight hat man in Essen bereits in der Spielzeit 2012/2013 im Rahmen der Uraufführung des Handlungsballettes Othello erleben konnte. Denis Untila und Michelle Yamamoto stellten damit  ihr erstes abendfüllendes Handlungsballett in Essen vor. Untila ist seit der Spielzeit 2006/2007 als Tänzer im Aalto Ballett engagiert. Yamamoto hat 2015 ihre Tänzerinnen-Karriere beendet und ist seit der letzten Spielzeit Company Managerin der MiR Dance Company in Gelsenkirchen. Yegor Hordiyenko und Yuki Kishimoto zeigen als Othello und Desdemona mit modernem Bewegungsvokabular zur Musik von Max Richter, wie Othellos Eifersucht seine Liebe zu Desdemona zerstört, was letztendlich in einer Katastrophe endet. Kishimoto und Hordiyenko finden dabei in innigem Spiel zueinander. Bei der Uraufführung wurde die Partie des Othello von Armen Hakobyan getanzt, der mittlerweile auch als Choreograph tätig ist und das nächste Stück zu dem Ballettabend beigesteuert hat: Many a Moon. Dieses Stück hat er im Rahmen von "Noverre: Junge Choreographen 2019" mit dem Stuttgarter Ballett im Juni letzten Jahres erarbeitet. Neben dem Ensemble sind Adeline Pastor und Davit Jeyranyan zu erleben, die sich als Paar die Frage stellen, wie viel Zeit die Liebe benötigt, um zu entstehen, und was sie aus den Menschen macht.

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Ige Cornelis und Elisa Fraschetti als Paar in Heimspiel

Nach diesen eher ernsten oder melancholischen Stücken folgt eine sehr komödiantische Choreographie des Ballettdirektors selbst, die den bezeichnenden Namen Heimspiel trägt. Van Cauwenbergh hat sie bereits 1996 für das Hessische Staatsballett Wiesbaden, seine damalige Wirkungsstätte, kreiert. Zum Scherzo aus der Sinfonie Nr. 9 d-Moll von Anton Bruckner sieht man ein Paar in typischen Beziehungskonflikten. Wenn die Liebe vom häuslichen Alltag eingeholt wird, dann werden die rosaroten Wolken am Himmel sehr schnell grau. Larissa Machado zeigt eine Frau, die davon genervt ist, dass ihr Mann (Dale Rhodes) am Frühstückstisch in die Zeitung vertieft ist und sie gar nicht zur Kenntnis nimmt, während sie mit ihm kommunizieren möchte. So kommt es zum Streit. Machado nimmt ihm die Zeitung weg, was Rhodes wiederum sehr aggressiv macht. Es kommt zu Streitereien mit Handgreiflichkeiten. Dabei lässt sich der Kampf als durchaus ausgeglichen beschreiben. Doch dann merken die beiden, wie sehr sie einander brauchen, und es folgt eine Versöhnung, die allerdings nicht von Dauer ist. Machado und Rhodes setzen dieses Paar, das nicht ohne und auch nicht miteinander auskommen kann, sehr glaubhaft und nachvollziehbar um.

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Martin Carlos Nudo als junger Mann und Mariya Tyurina als Frau in Le jeune et la mort

Den Abschluss macht dann ein regelrechter Klassiker: Le jeune homme et la mort.. Roland Petit, einer der großen Tänzer und Choreographen des 20. Jahrhunderts, hat dieses existenzialistische Stück 1946 gemeinsam mit dem Dichter und Filmregisseur Jean Cocteau für das 1945 gegründete Ballets de Champs-Élysées kreiert. Erzählt wird die Geschichte von einem jungen Künstler in einer einsamen Mansarde über den Dächern von Paris. Unter Liebesqualen wartet er auf den Besuch einer Frau. Als sie kommt, weist sie seine Avancen jedoch zurück und deutet auf einen von der Decke hängenden Galgen. Dann verlässt sie die Mansarde. Der Künstler bleibt verwirrt zurück und erhängt sich schließlich. Nun erscheint die Frau als personifizierter Tod und führt ihn aus der Mansarde heraus über die Dächer von Paris, wo er nun als Toter ewig wandelt. Als Musik wählte Petit Johann Sebastian Bachs "Pascaglia und Fuge" c-Moll aus, die von Ottorino Respighi üppig orchestriert wurde und damit einen Kontrast zur surrealen Handlung schafft. Die Bühne nach Georges Wakhévitch zeigt zunächst einen Raum mit einem Bett und mehreren Stühlen. Im Hintergrund sieht man bereits den Balken, an dem sich der junge Mann am Ende erhängen wird. Die Frau tritt in einem gelben Kleid mit schwarzen Handschuhen auf. Als personifizierter Tod trägt sie am Ende ein weißes Kleid mit einer roten Kapuze. Die Totenmaske übergibt sie an den jungen Mann. Nun verschwindet die Rückwand der Mansarde und gibt den Blick auf ein surreales, buntes Paris frei.

Enrico Vanroose verleiht dem jungen Mann mit intensivem Spiel den Anschein eines verzweifelt Suchenden, der sich am Ende selbstbewusst seiner Todessehnsucht stellt und seinem Leben ein Ende bereitet. Yuki Kishimoto gibt der geheimnisvollen Fremden einen Hauch von Unnahbarkeit. Ihr Spitzentanz ist exakt, aber keinesfalls schwanengleich, sondern zeugt von einer gewissen unheimlichen Hektik, die das Geheimnisvolle und Unheimliche der Figur unterstreicht. Erst wenn sie sich am Ende als personifizierter Tod zu erkennen gibt, strahlt sie eine gewisse Ruhe aus. Mit dieser eindrucksvollen Choreographie endet ein abwechslungsreicher Abend, der die Vielseitigkeit der Compagnie unter Beweis stellt.

FAZIT

Dieser Ballettabend bietet für jeden Geschmack etwas. Es bleibt zu hoffen, dass diese Produktion dem Publikum ab Dezember wieder präsentiert werden darf. Im November muss das Ballett aufgrund der angeordneten Theaterschließungen ohne Publikum "in Bewegung bleiben".


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*Rezensierte Aufführung

Aporie

Produktionsteam

Choreographie und Kostüme
Iris Bouche

Assistenz
Anna Sergeyevna Senognoeva

Besetzung

Compagnie des Aalto-Ballett Essen

 

On the Nature of Daylight

Produktionsteam

Choreographie
Denis Untila
Michelle Yamamoto

Besetzung

Yuki Kishimoto
Yegor Hordiyenko

 

Many a Moon

Produktionsteam

Choreographie
Armen Hakobyan

Besetzung

Adeline Pastor
Davit Jeyranyan

Compagnie des Aalto Ballett Essen

 

Heimspiel

Choreographie
Ben Van Cauwenbergh

Besetzung

Elisa Fraschetti
Ige Cornelis /
Ekaterina Mamrenko
Davit Bassénz /
*Larissa Machado
*Dale Rhodes

 

Le jeune homme et la mort
Ballett von Roland Petit
Libretto von Jean Cocteau
Musik von Johann Sebastian Bach,
orchestriert von Ottorino Respighi

Produktionsteam

Einstudierung
Luigi Bonino

Bühne
nach Georges Wakhévitch

Kostüme
Karinska

Licht
Jean-Michel Désiré

Besetzung

Le jeune homme
Martin Carlos Nudo /
*Enrico Vanroose

La mort
Mariya Tyurina /
*Yuki Kishimoto




Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Essen
(Homepage)




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