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Argenore

Musikalische Tragödie in drei Akten
Libretto von Giovanni Andrea Galletti
Musik von Wilhelmine von Bayreuth

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 10' (keine Pause)

Premiere im Großen Haus des Theaters Münster am 9. Juni 2021

Logo: Theater Münster

Theater Münster
(Homepage)
Barocke Opulenz vom Feinsten

Von Thomas Molke / Fotos: © Oliver Berg / Michael Lyra

Wilhelmine von Bayreuth, die älteste Tochter des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. von Preußen, ist heutzutage vor allem noch durch das von ihr initiierte Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth bekannt, das nach ihrer Heirat mit dem Markgrafen Friedrich von Brandenburg-Bayreuth dort errichtet wurde und seit 2012 zum Weltkulturerbe zählt. Dass sie neben ihrer Tätigkeit als bedeutende Kunstmäzenin und Opernintendantin auch selbst Opern komponiert hat, ist dagegen größtenteils in Vergessenheit geraten. Eine einzige Partitur-Handschrift ist von der musikalischen Tragödie Argenore überliefert, die erst 1956 als Wilhelmines Werk identifiziert werden konnte. Komponiert hatte sie die Oper laut Textbuch 1740 anlässlich des Geburtstags ihres Gatten. Ob es damals zu einer Aufführung kam, ist heute nicht belegt. Eine weibliche Komponistin ist aber nicht das einzig Außergewöhnliche an diesem Werk. Auch das lieto fine, das eigentlich als Gesetz für die Oper der damaligen Zeit galt, wird von Wilhelmine nicht eingehalten, und so ist die Oper mit den zahlreichen Toten am Ende ebenfalls ihrer Zeit bereits weit voraus. Nach der modernen Erstaufführung des Werkes 1993 im Erlanger Markgrafentheater hat Attilio Cremonesi nun gemeinsam mit dem Intendanten Ulrich Peters eine "corona-konforme" knapp 140-minütige Spielfassung erstellt, die vor der Sommerpause im Theater Münster noch Premiere feiern kann.

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Vorchristliche Handlung in barocken Kostümen: von links: Argenore (Filippo Bettoschi), Italce (Gregor Dalal), Ormondo (Ray Chenez, von zwei Statisten festgehalten), Martesia (Dorothea Spilger) und Palmida (Kathrin Filip) (© Oliver Berg)

Die Oper spielt in vorchristlicher Zeit in Sinope im Königreich Ponto am Schwarzen Meer. Argenore, der dort herrschende König, hat mit seinen beiden Feldherren Ormondo und Leonida einen Krieg gegen seinen Gegner Acabo gewonnen und möchte Leonida als Dank dafür die Hand seiner Tochter Palmida gewähren. Er weiß allerdings nicht, dass Palmida und Ormondo ein heimliches Liebespaar sind. In ihrer Verzweiflung planen die beiden Liebenden zu fliehen. Doch die Flucht wird von Alcasto, dem Berater des Königs, vereitelt, der ebenfalls ein Auge auf Palmida geworfen hat. Argenore lässt Ormondo gefangennehmen und will Palmida zwingen, den Geliebten zu töten, wenn sie nicht in eine Hochzeit mit Leonida einwilligt. Ormondo gelingt die Flucht, und es kommt zum Duell mit Leonida, in dem Ormondo tödlich verwundet wird. Palmida verfällt in Raserei und tötet im Affekt Leonida, bevor sie sich selbst das Leben nimmt. Argenore macht nun seinen Berater Alcasto für die Tragödie verantwortlich und tötet ihn. Da überreicht ihm Martesia, Ormondos Schwester, einen Brief ihres Vaters Acabo, in dem dieser offenbart, dass Ormondo Argenores leiblicher Sohn Eumenes sei, den er, Acabo, als Kind geraubt habe. Argenore verzweifelt darüber, dass er seinen eigenen Sohn hat töten lassen, und erdolcht sich auf offener Bühne.

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Palmidas (Kathrin Filip) und Ormondos (Ray Chenez, rechts) Flucht ist vereitelt worden (im Hintergrund Mitte: Italce (Gregor Dalal) mit zwei Statisten). (© Michael Lyra)

Das Regie-Team um Ulrich Peters greift den Ansatz der Forschung auf, wonach Wilhelmine sehr viel Autobiographisches in dieser blutrünstigen Oper verarbeitet habe. So zeigt die unbarmherzige Titelfigur einige Parallelen zu Wilhelmines jähzornigem Vater Friedrich I. auf, der unter anderem Hans Herrmann von Katte, einen Jugendfreund Wilhelmines und ihres Bruders, Friedrich des Großen, hinrichten ließ, als dieser Wilhelmine und ihrem Bruder bei deren gemeinsamen Fluchtversuch nach Frankreich unterstützt hatte. Ob Wilhelmine Hans Herrmann so wie Palmida Ormondo geliebt hat, bleibt natürlich offen. Peters lässt Wilhelmine selbst als stumme Figur auftreten. In einem historisch angelegten opulenten Kostüm nimmt sie auf der Seitenbühne an einem Spinett Platz und komponiert gewissermaßen parallel zur Aufführung die Oper, die währenddessen auf der Hauptbühne stattfindet. Ein großer Spiegel in der Mitte der Drehbühne deutet so wie die Kostüme der Opernfiguren an, dass Wilhelmine in der Opernhandlung ihre eigene Geschichte wiedererkennt. Von daher verwundert es nicht, dass Palmida ein ähnliches Kostüm trägt wie Wilhelmine. Ab und zu tritt Wilhelmine auch in die Geschichte ein und beeinflusst die Figuren indirekt. Wenn am Ende fast alle tot sind, ist Wilhelmine auf der Bühne gewissermaßen in ihrer eigenen Geschichte gefangen, während Martesia, die einzige Überlebende, ihren Platz am Spinett einnimmt. Christian Floeren zeichnet mit den hohen Wänden und den unterschiedlichen Projektionen im Hintergrund ein historisierendes Bild aus Wilhelmines Zeit, das stellenweise etwas in die Jahre gekommen ist. Die Fassade bröckelt bereits an zahlreichen Stellen.

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Zu spät erhält Argenore (Filippo Bettoschi) den Brief von Martesia (Dorothea Spilger). ( Michael Lyra)

Die Gesangspartien sind im Vergleich zur Angabe in der Originalpartitur teilweise verändert worden. Während dort alle männlichen Rollen für Kastraten konzipiert waren, besetzt man in Münster nur die beiden Partien des Ormondo und des intriganten Alcasto mit einem Countertenor. Die Titelfigur und die kleine Partie des Italce werden für einen Bariton transponiert, während Leonidas Rolle in die Tenorlage verlegt wird. In dieser Form findet man in Münster eine passende Besetzung. Filippo Bettoschi gestaltet die Titelpartie mit kräftigem Bariton und strahlt auch optisch in Reminiszenz an den Soldatenkaiser große Autorität aus. Eindrucksvoll zeigt er am Ende den Wandel vom hartherzigen zum gefühlvollen Vater, der plötzlich erkennt, nicht nur seine Tochter sondern auch seinen eben erst wiedergefundenen Sohn verloren zu haben. Wilhelmines Musik zeichnet diesen Wandel ebenfalls emotionsgeladen nach. Kathrin Filip verleiht seiner Tochter Palmida mit wuchtigem Sopran einen sehr starken Charakter und macht glaubhaft, dass diese junge Frau sich trotz der Autorität des Vaters nicht einfach herumkommandieren lässt. Filip punktet dabei mit großartigen Koloraturen. Gleiches gilt auch für Dorothea Spilger als Martesia, die leider erst zu spät die Informationen vortragen kann, die die Katastrophe verhindert hätten. Mit sattem Mezzosopran lässt sie Martesias Verzweiflung freien Lauf, die einerseits Leonida liebt und andererseits ihren vermeintlichen Bruder Ormondo retten will.

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Ormondo (Ray Chenez, links) und Leonida (Youn-Seoung Shim, rechts) kämpfen um Palmida (im Hintergrund Mitte: Alcasto (Meili Li)). (© Michael Lyra)

Youn-Seoung Shim eignet sich mit seinem Tenor als etwas leichtgläubiger Leonida, der aufgrund seiner Naivität zum Spielball in der von Alcasto angezettelten Intrige wird. Natürlich liebt er Palmida, wie ein Tenor eben den Sopran liebt, und selbstverständlich ist er erbost darüber, dass Palmida dem Rivalen, einem Counter, den Vorzug gibt. Dass er schließlich von der Sopranistin ermordet wird, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Meili Li zeichnet den intriganten Alcasto mit stellenweise recht weichem Countertenor, der seine Gegner zunächst in Sicherheit wiegt, bevor er mit scharfen Tönen zu einem Angriff ausholt. Ray Chenez gibt mit klaren Höhen und leuchtendem Counter den strahlenden Helden Ormondo, der zwar dem Gefängnis entfliehen kann, aber dann im Duell mit dem Tenor dennoch unterliegt. Gregor Dalal rundet das Ensemble als Italce mit dunklem Bariton ab. Carolin Wirth legt die stumme Rolle der Wilhelmine mit intensivem Spiel an. Attilio Cremonesi zaubert mit dem kleinen Ensemble des Sinfonie-Orchesters Münster aus dem hochgefahrenen Orchestergraben und den ersten Reihen des Parketts einen luziden Klang der Wilhelmines Musik, die ihren männlichen Kollegen in nichts nachsteht, wunderbar zum Strahlen bringt. So vergehen die mehr als zwei Stunden ohne Pause wie im Flug. Das Ensemble wird mit großem Applaus bedacht.

FAZIT

Das Theater Münster bietet in einem Pandemie-Jahr, in dem zahlreiche Festivals entweder verschoben werden mussten oder nur als Stream zu erleben sind, einen adäquaten Barockersatz.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung und Cembalo I
Attilio Cremonesi

Inszenierung
Ulrich Peters

Bühne und Kostüme
Christian Floeren

Dramaturgie
Ronny Schulz

 

Sinfonieorchester Münster

Cembalo II
Gregor Hollmann

Statisterie

 

Solisten

Argenore
Filippo Bettoschi

Ormondo
Ray Chenez

Palmida
Kathrin Filip

Leonida
Youn-Seoung Shim

Martesia
Dorothea Spilger

Alcasto
Meili Li

Italce
Gregor Dalal

Wilhelmine von Bayreuth
Carolin Wirth


Weitere
Informationen

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Theater Münster
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