Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Der Barbier von Sevilla

Komische Oper in zwei Akten
Libretto von Cesare Sterbini nach dem Schauspiel Le barbier de Séville von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais
Musik von Gioachino Rossini

Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (keine Pause)

in italienischer Sprache

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 31. Oktober 2020


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Konzertante Barbier-Auszüge in bunten Käfigen


Von Thomas Molke / Fotos:  Björn Hickmann

Die steigenden Corona-Zahlen treffen auch die Kulturschaffenden hart. Ab 2. November müssen alle Theater in Deutschland wieder schließen, zunächst bis Ende November. Der relativ hohe Inzidenzwert in Wuppertal hat schon in der vergangenen Woche dazu geführt, dass die beiden für das Wochenende angesetzten Aufführungen von Mozarts Zauberflöte abgesagt werden mussten. An der zweiten Spielzeitpremiere der Oper am 31. Oktober 2020 wollte man allerdings unbedingt festhalten, und als klar war, dass der ursprünglich geplante Doppelabend mit dem Vorspiel aus Richard Strauss' Ariadne auf Naxos und Béla Bartóks Herzog Blaubarts Burg in der vorgesehenen Form nicht umsetzbar sein würde, hat man sich für eine Kurzfassung von Gioachino Rossinis unverwüstlichem Barbier von Sevilla entschieden, konzertant zwar, damit das Sinfonieorchester Wuppertal in überschaubarer Besetzung auf der Bühne unter Einhaltung der erforderlichen Abstände Platz findet, dafür allerdings in einer unkonventionellen szenischen Einrichtung von Inga Levant, die in Wuppertal bereits bei dem "Giulietta"-Akt in Offenbachs Hoffmanns Erzählungen und bei Julietta von Bohuslav Martinů Regie geführt hat. Wegen einer Allgemeinverfügung der Stadt Wuppertal müssen zwar die Zuschauerzahlen im Saal des Opernhauses noch weiter drastisch beschränkt werden, aber wie sagt Generalmusikdirektorin Julia Jones am Ende der Vorstellung so schön: "Für uns Künstler und Künstlerinnen spielt es keine Rolle, ob wir vor einem vollen Haus oder vor 100 Leuten spielen. Hauptsache, wir dürfen überhaupt spielen!" Wie recht sie hat.

Bild zum Vergrößern

Ensemble in Käfigen: von links: Bartolo (Sebastian Campione), Rosina (Iris Marie Sojer), Figaro (Simon Stricker), Almaviva (Siyabonga Maqungo) und Basilio (Nicolai Karnolsky)

Rossinis Il barbiere di Siviglia gilt nicht nur als die bekannteste Oper des Schwans von Pesaro, dessen Werke nicht zuletzt dank der beiden ihm gewidmeten Festivals in seiner Geburtsstadt und in Bad Wildbad wieder viel mehr Aufmerksamkeit erfahren, sondern auch als die älteste italienische Oper, die seit ihrer Premiere nie aus dem Opernrepertoire verschwunden ist. Dieser große Bekanntheitsgrad muss auch vorausgesetzt werden, denn von der Handlung versteht man bei der konzertanten Aufführung in Wuppertal nichts. Zwar ist dem Programmheft ein gekürztes Textbuch beigefügt worden, das wohl die fehlenden Übertitel ersetzen soll, aber die einzelnen Arien sind in eine völlig andere Reihenfolge gebracht und folgen keineswegs dem Handlungsablauf der Geschichte. Laut Inga Levant soll das eine Anlehnung an den Dadaismus sein, der damals auch als Reaktion auf die vor 100 Jahren grassierende Spanische Grippe verstanden werden könne, die gewisse Parallelen zur derzeitigen Pandemie aufweise. So sollen auch die abstrakten Kostüme von Sarah Prinz erklärt werden, die mit opulenten geometrischen Formen in knallbunten Farbtönen arbeiten. Lediglich die Titelpartie wirkt wie ein Joker in einem Kartenspiel. Für jede Figur ist ein geometrischer Käfig vor dem Orchester aufgebaut. Diese Kästen unterscheiden sich nicht nur in der Farbe sondern auch in der Form. Ganz links steht Doktor Bartolo, daneben Rosina, in der Mitte Figaro, dann folgen Almaviva und Don Basilio. Für die Hausangestellte Berta ist kein eigener Kasten aufgebaut. Sie tritt kurz vor dem Finale aus dem Zuschauerraum auf und platziert sich ganz links neben Bartolo unter eine bunte Fahne. Chorsänger Javier Horacio Zapata Vera ergänzt das Ensemble als Gitarrist mit einem Zwischenspiel in der Mitte des Abends.

Bild zum Vergrößern

Simon Stricker als Figaro

In diesem Ambiente hört man nun die größtenteils bekannten Auszüge aus der Oper. Julia Jones eröffnet den Abend mit dem frisch aufspielenden Sinfonieorchester Wuppertal mit der Ouvertüre. Es folgt die berühmte Arie des Figaro "Largo al factotum". Simon Stricker, der schon als Papageno in der Zauberflöte zum Publikumsliebling avancierte, glänzt auch in dieser Paraderolle für jeden Bariton. Mit beweglichen Läufen, die absolut lässig klingen, und selbstbewusstem Spiel zeichnet er diesen Lebenskünstler, den man einfach mögen muss. Stricker arbeitet die Komik der Figur genauso gut heraus wie seine pfiffige Verschlagenheit. Erst anschließend tritt der Graf auf, um der von ihm verehrten Rosina das Ständchen "Ecco ridente in cielo" zu bringen. Für die Partie des Grafen hat man den in Südafrika geborenen jungen Tenor Siyabonga Maqungo engagiert. Maqungo verfügt über einen weichen lyrischen Tenor, der in den Höhen allerdings ein wenig forcieren muss. Darstellerisch überzeugt er als schmachtend liebender junger Mann. Da verwundert es nicht, dass er mit Figaro ins Geschäft kommt. Im Duett "All' idea di quel metallo" erläutert ihm Stricker anschließend sehr wortgewandt, wie er sich der angebeteten Rosina nähern soll, um den misstrauischen Doktor Bartolo zu umgehen, der seinem Mündel jeglichen Kontakt mit anderen Männern untersagt, da er aus finanziellen Gründen die junge Frau selbst ehelichen möchte.

Bild zum Vergrößern

Sebastian Campione als Bartolo

Bevor nun Rosina mit ihrer berühmten Arie "Una voce poco fa" zu Wort kommt, tritt in Wuppertal erst einmal Sebastian Campione als Bartolo auf. Er verkündet selbstbewusst in seiner großen Arie "A un dottor della mia sorte", dass er sich nicht so leicht hereinlegen lässt. Dass man diesen Doktor nicht ernst nehmen kann, wird auch durch sein Kostüm unterstützt, dass ihn mit gold glänzendem Gesicht und einem ausladenden Goldkragen mit blauen Troddeln ein wenig lächerlich wirken lässt. Stimmlich überzeugt er mit beweglichem Bassbariton. Inhaltlich unklar bleibt allerdings, wieso er seinem Mündel mit dieser Arie die Leviten liest, bevor es überhaupt zu einem Treffen mit Almaviva als getarntem Lindoro gekommen ist. Das erste Treffen folgt nämlich erst im Anschluss, genauso wie Rosinas berühmte Arie.

Bild zum Vergrößern

Iris Marie Sojer als Rosina

Die Partie der Rosina ist in Wuppertal mit der Mezzosopranistin Iris Marie Sojer besetzt und folgt damit der ursprünglichen Fassung. Die Transponierung der Rolle in die Sopranstimme, die diese Nummer zum Standardrepertoire jeder Koloratursopranistin machte, erfolgte erst später. Sojer begeistert mit dunkel gefärbtem Mezzosopran und zeigt mit beweglichen Läufen, dass auch in einer tieferen Stimmlage die Koketterie der jungen Frau absolut glaubhaft bleibt. Im folgenden Treffen zwischen Almaviva und Rosina werden nun unterschiedliche Szenen verwoben. Zum einen geht es um den Brief, den Rosina für das heimliche Treffen geschrieben hat, dann bereits um den Fluchtversuch im zweiten Akt, wenn sie über den Balkon mit Hilfe einer Leiter das Haus verlassen wollen.

Erst im Anschluss folgt der Auftritt des Musiklehrers Don Basilio mit der bekannten Arie "La calunnia è un venticello". Für die Partie des Basilio hat man Nicolai Karnolsky nach Wuppertal geholt, der viele Jahre in Gelsenkirchen am Musiktheater im Revier zum festen Ensemble gehörte. Mit profunden Tiefen macht er deutlich, wie sich aus dem kleinen Lüftchen der Verleumdung ein gewaltiger Orkan entwickeln kann. Das lässt die anderen Figuren auf der Bühne in ihren Käfigen erzittern. Nach einem kurzen Zwischenspiel folgt Almavivas Auftritt als getarnter Musiklehrer im zweiten Akt und das großartige Quintett aus dem zweiten Akt, in dem Figaro, Rosina und Almaviva versuchen, den plötzlich auftauchenden Don Basilio wieder aus dem Haus zu katapultieren, ohne dass Bartolo den Schwindel merkt. Hier agieren Sojer, Stricker, Maqungo, Campione und Karnolsky mit großartiger Komik. Dann geht es zurück zum Ende des ersten Aktes. Almaviva tritt nun als scheinbar betrunkener Soldat auf, der Einlass in Bartolos Haus fordert. Die Szene kulminiert in dem furiosen Finale des ersten Aktes "Mi par d'esser colla testa", in dem alle drohen, den Verstand zu verlieren. Das Publikum bedankt sich für diesen Abend mit großem Applaus, der nach der Ansprache des Intendanten Berthold Schneider und der Generalmusikdirektorin Julia Jones nicht enden will. Scheinbar haben alle den Wunsch, noch so lange wie eben möglich im Opernhaus zu bleiben, bevor der Vorhang erneut für mindestens vier Wochen fällt.

FAZIT

Auch wenn man die eigentliche Handlung der Oper nicht nachvollziehen kann, bietet die Produktion einen unterhaltsamen Abend mit wunderbarer Rossini-Musik, den man hoffentlich ab Dezember im Opernhaus wieder erleben kann.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Julia Jones

Szenische Einrichtung
Inga Levant

Kostüme
Sarah Prinz

Dramaturgie
Sina Dotzert

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Gitarre
Javier Horacio Zapata Vera


Besetzung

Graf Almaviva
Siyabonga Maqungo

Figaro
Simon Stricker

Bartolo
Sebastian Campione

Rosina
Iris Marie Sojer

Basilio
Nicolai Karnolsky

Berta
Anne Martha Schuitemaker

 

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum

© 2020 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -