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Musiktheater
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Intolleranza 2021

Handlung in zwei Teilen
nach einer Idee von Angelo Maria Ripellino
Musik und Libretto von Luigi Nono

Aufführungsdauer: ca. 1h 15' (keine Pause)

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Nicht öffentliche Premiere im Opernhaus Wuppertal am 4. Juni 2021


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Gefangen im Container


Von Thomas Molke / Fotos:  Bettina Stöß

Während die meisten Bühnen in Nordrhein-Westfalen aufgrund der sinkenden Inzidenzwerte jetzt doch noch relativ kurzfristig vor der Sommerpause die Pforten für das Publikum öffnen, hat man sich in Wuppertal bereits vor einiger Zeit dazu entschieden, in dieser Spielzeit keine Aufführungen mehr mit Zuschauer*innen anzusetzen. Dennoch brannte ein Projekt besonders unter den Nägeln, das eigentlich schon in der vergangenen Spielzeit herauskommen sollte: Luigi Nonos Opernerstling Intolleranza. Anlässlich der Feierlichkeiten zu Friedrich Engels' 200. Geburtstag wollte die Oper dieses Werk präsentieren, das zur Zeit seiner Entstehung 1960 verschiedene Erfahrungen mit Intoleranz und Unterdrückung anprangerte, und damit Parallelen zum Schaffen des berühmten Wuppertalers aufzeigen. Die Corona-Pandemie verhinderte eine Aufführung im Jubiläumsjahr 2020, und so hat man sich nun ein Jahr später entschieden, diese Produktion zumindest aufzunehmen und digital im Netz zur Verfügung zu stellen. Die Online-Premiere wird am Freitag, dem 18. Juni 2021, um 19.30 Uhr als Stream zu erleben sein. Der Vorverkauf endet eine Stunde vor Beginn. Ab der gebuchten Uhrzeit ist das Video dann für 46 Stunden mit einem personalisierten Zugang verfügbar. Der Aufzeichnung dieses Streams durften nun Pressevertreter*innen beiwohnen.

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Der Emigrant (Markus Sung-Keun Park) will in seine Heimat zurück.

Nono schuf dieses Stück für die Biennale in Venedig, wo es am 13. April 1961 im Teatro La Fenice zur Uraufführung gelangte und direkt zu einem Eklat führte. Während einer Folterszene wurde die Premiere von Neo-Faschisten gestört, die die Vorstellung mit den Rufen "Viva la polizia" unterbrachen. Nonos Gegner warfen ihm ferner vor, mit seinem Stil die italienische Musik zu vergiften. Nono ließ sich davon nicht beirren und blieb zeit seines Lebens seinem unkonventionellen Stil treu. Während der Originaltitel Intolleranza 1960 lautet, wobei die Jahreszahl die Zeit der Entstehung angibt, heißt das Stück in Wuppertal Intolleranza 2021. Erzählt wird die Geschichte eines Emigranten, der als Gastarbeiter in einem fremden Land schuftet und sich nach seiner Heimat sehnt. Als er dorthin zurückkehren will, landet er in einer nicht genehmigten Demonstration und wird verhaftet. Unter der Folter versuchen vier Polizisten, ein Geständnis von ihm zu erzwingen. Aus dem Gefängnis gelingt ihm die Flucht mit einem Algerier. Nun ist sein Ziel allerdings nicht mehr die Heimat, sondern die Freiheit aller Menschen. Dabei trifft er auf eine junge Frau, die die gleichen Ziele verfolgt wie er. Gemeinsam wollen sie für eine bessere Welt kämpfen. Doch eine Sintflut macht ihrem Streben ein Ende. Gemeinsam mit zahlreichen anderen Menschen sterben sie einen qualvollen Tod in den Fluten.

Selbst wenn man in Wuppertal diese Inszenierung vor Publikum gespielt hätte, hätte man wahrscheinlich nur das Parkett öffnen können, da die Ränge für Teile des Orchesters und den Chor benötigt werden. Nono schwebte bei seiner Komposition ein multidimensionaler Raumklang vor, weshalb er das Orchester in insgesamt vier Gruppen aufteilte. Nur die Streicher und die Harfen sind im Orchestergraben untergebracht. Die Holzbläser spielen vom Rang und sind somit hinter dem Publikum untergebracht. Das Blech und das Schlagzeug befinden sich jeweils als separate Gruppe hinter der Bühne, so dass auch die Solist*innen wie das Publikum von dem Orchester gewissermaßen eingekreist werden. Man könnte bei dieser Aufteilung fast meinen, Nono habe die Corona-Pandemie vorausgesehen. Gleiches gilt auch für den Chor. Die Choristen rahmen Bühne und Saal ebenfalls ein und sind teilweise so weit auseinander, dass ihr Gesang schon beinahe solistischen Charakter hat. Aufgrund der geltenden Abstandsregeln wird das Chorwerk Ruhr allerdings nur über Lautsprecher eingespielt, während der Opernchor der Wuppertaler Bühnen hinter der Bühne und auf den Rängen positioniert ist. Ein a capella Chorgesang spannt den Bogen vom Anfang zum Ende des Stückes. So beginnt der Abend mit einem Gedicht von Angelo Maria Ripellino ("Vivere e stare svegli", zu Deutsch "Leben und wachsam sein") und endet mit Ausschnitten aus Bertolt Brechts Gedicht "An die Nachgeborenen".

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Der Emigrant (Markus Sung-Keun Park) wird gefoltert.

Das Regie-Team um Dietrich W. Hilsdorf siedelt die Geschichte in einem riesigen Fleischereibetrieb an, einer Branche, die gerade in der Corona-Pandemie wegen der katastrophalen Arbeitsbedingungen immer wieder in die Kritik geraten ist. Schon vor Beginn der Vorstellung sieht man Menschen in weißen Kitteln über die Bühne huschen. Wenn sich der Vorhang hebt, erkennt man, dass diese Kittel blutverschmiert sind. Dieter Richter hat einen riesigen, schäbigen Container entworfen, in dem der Emigrant gemeinsam mit einer Frau sein Leben fristet. Markus Sung-Keun Park macht als Emigrant mit klagenden Höhen deutlich, wie sehr er sich ein anderes Leben wünscht. Annette Schönmüller macht ihm als Frau mit dunklem Mezzosopran Vorwürfe, dass er sie nur benutzt habe und nun verlassen wolle. Wenn Park aus seinem Leben ausbricht, verlässt er den Container allerdings nicht. Er scheint, dort in gewisser Weise gefangen zu sein. Auf seinem Weg gerät er in eine Demonstration, die teilweise vor dem Container und teils in Projektionen auf der Containerrückwand zu sehen ist. Einige Demonstranten tragen Schweineköpfe. Die Demonstration wird von vier schwarz gekleideten Polizisten brutal aufgelöst und der Emigrant gerät in Gefangenschaft. Mit verzerrten Stimmen erfolgt das Verhör.

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Der Emigrant (Markus Sung-Keun Park) schwankt zwischen der Frau (Annette Schönmüller, Mitte) und seiner Gefährtin (Solen Mainguené, rechts).

Eindrucksvoll gestaltet dann Andrey Berezin, Tänzer aus dem Pina Bausch Tanztheater, die Leiden eines gefolterten Menschen, der im Text nur als "Körper" bezeichnet wird. Geschunden schleift er sich über die Bühne, um anschließend in einem viel zu engen Spind an der Containerrückwand Schutz zu suchen. Aus dem Container ist nun ein richtiges Gefängnis geworden, in das der Emigrant zusammengekettet mit einem Algerier (Simon Stricker) geführt wird. Erst jetzt gelingt ihm die Flucht, indem die beiden vorne aus dem Container springen. Aber sie kommen nicht allzu weit, und werden von der Bürokratie, die in großen Lettern auf die Bühne projiziert wird, gebremst. Dem Emigranten gelingt scheinbar die Befreiung durch eine Frau (Solen Mainguené), die fortan seine Gefährtin wird, während der Algerier leblos an der Rampe zurückbleibt. Durch zwei Fenster im Container sehen der Emigrant und seine Gefährtin die ansteigende Flut. Doch noch sehen sie darin keine Bedrohung. Die Frau aus dem früheren Leben des Emigranten kehrt noch einmal in sein Leben zurück. Nun trägt sie ein schickes Kleid, hat also einen gesellschaftlichen Aufstieg vollzogen. Doch der Emigrant will nicht noch einmal ihren Verlockungen folgen und schickt sie fort. Die Flut steigt weiter. Der Chor berichtet, wie Straßen und Brücken von den Wassermassen zerstört werden. Der Emigrant verlässt den Container. Wohin er geht, bleibt unklar. Seine Gefährtin bleibt zurück und schreibt einen Brief an die Nachwelt, während der Vorhang langsam fällt und der Chor verstummt.

FAZIT

Hilsdorf gelingen eindrucksvolle Bilder, die durch Nonos verstörende Musiksprache noch unterstützt werden. Es bleibt zu hoffen, dass der Stream im Internet den Eindruck des Live-Erlebnisses einfangen kann. (Weitere Termine nach der Premiere am 18. Juni 2021: 26. Juni 2021, 2. Juli 2021, 13. und 27. August 2021 jeweils um 19.30 Uhr)


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Johannes Harneit

Subdirigat
Stefan Schreiber

Inszenierung
Dietrich W. Hilsdorf

Bühne
Dieter Richter

Kostüme
Nicola Reichert

Video
Gregor Eisenmann

Chor
Markus Baisch

Einstudierung Chorwerk Ruhr
Sebastian Breuing

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Statisterie der Wuppertaler Bühnen


Besetzung

Ein Emigrant
Markus Sung-Keun Park

Seine Gefährtin
Solen Mainguené

Eine Frau
Annette Schönmüller

Ein Algerier
Simon Stricker

Ein Gefolterter
Sebastian Campione

Ein Körper
Andrey Berezin

Polizei
Marco Agostini
Tanja Brall
Katharina Greiss
Tomasz Kwiatkowski

Arbeiter, Demonstranten, Gefangene, Gefolterte, Algerier, Bauern
Opernchor
Chorwerk Ruhr

 

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



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