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Ein Feldlager in Schlesien
Singspiel in drei Akten
in Lebensbildern aus der Zeit Friedrichs des Großen
Text von Ludwig Rellstab nach einem Entwurf von Eugène Scribe
Musik von Giacomo Meyerbeer


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 45' (zwei Pausen)

Premiere im Opernhaus Bonn am 22. April 2022


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Theater Bonn
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Preußens Elend, Preußens Gloria

Von Roberto Becker / Fotos von Thilo Beu

Ein Feldlager in Schlesien ist ein Singspiel mit historischer Karriere. 1844 kam es als Auftragswerk an den damaligen Generalmusikdirektor der Berliner Hofoper Giacomo Meyerbeer (1791 -1864) das erste Mal zu Bühnenehren. Der weltläufige, in Paris wie in Berlin populäre Komponist feierte damit nicht nur den nach einem Brand wiedererrichteten Musentempel, den Friedrich II. bauen ließ, sondern er glorifizierte bei der Gelegenheit diesen König und gleich noch ganz Preußen. Mit dem Alten Fritz und ein paar Anekdoten aus dessen Leben als Flötenspieler und Kriegsherr im Zentrum und dem Siebenjährigen Krieg als historischem Hintergrund. Das Libretto dazu hatte Meyerbeer von keinem geringeren als Eugène Scribe verfertigen lassen. Die preußische Staatsraison war dann aber so engherzig, offiziell nicht den französischen Starlibrettisten seiner Zeit, sondern nur den Übersetzer Ludwig Rellstab als Verfasser zu vermerken.

Ausdrücklich ausgewiesen wird das ganze Spektakel als ein "Singspiel in Lebensbildern aus der Zeit Friedrichs des Großen". Weil Friedrich II. in populären Anekdoten als aufgeklärter Geist, cleverer Feldherr und umsichtiger Landesvater ausnehmend gut wegkommt, vor allem aber weil im mittleren Akt der Dessauer Marsch (der immer noch zum Kernrepertoire militärischer Marschmusik gehört) und kunstvoll gebauter, ziemlich martialischer Hurrapatriotismus das eigentliche Feldlager zu einer hemmungslosen Militärrevue machen, avancierte das Werk für viele Jahrzehnte zur preußischen Nationaloper; bestens geeignet für diverse fürstliche und patriotische Feiertage. Man stelle sich nur mal für einen Moment vor, der in Sache Fürstennähe ja auch nicht gerade zurückhaltende Richard Wagner hätte eine Oper mit "Heil dir im Sternenglanz, Vater des Vaterlands, heil König dir" gekrönt und tatsächlich die prägende Gestalt einer herrschenden Dynastie gemeint

Vergrößerung in neuem Fenster Vielka (links) beim Wahrsagen, mit Therese und Saldorf, in der Mitte der Chronist

Ende des 19. Jahrhunderts verschwand das Werk jedoch von der Bildfläche. Im von Preußen dominierten Deutschen Kaiserreich hatte Meyerbeers (in dieser Beziehung extrem unfairer und obendrein antisemitischer) Widersacher Richard Wagner die erdrückende musikalische Übermacht. Im zwanzigsten Jahrhundert schließlich sorgte der Rassenwahn der Nazis dafür, dass Meyerbeer heute gar zum Objekt von Ausgrabungsehrgeiz geworden ist.

So ist das Feldlager ein Paradebeispiel für die Reihe "Fokus 33", mit der sich die Oper Bonn solchen Werken mit einer "Forschungsreise zu den Ursachen von Verschwinden und Verbleiben" widmet. Dabei geht man bereits seit der Spielzeit 2013/14 der Frage nach, warum Meisterwerke aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts (z.B. von Walter Braunfels, Emil Nikolaus von Reznicek, Hermann Wolfgang von Waltershausen oder Othmar Schoeck) nicht den Weg ins Repertoire gefunden haben. In der erweiterten Perspektive des Nachdenkens über die Mechanismen des Vergessens oder Bewahrens gerät dabei fast zwangsläufig auch Giacomo Meyerbeer ins Visier. Es ist ein mutiges Unterfangen, dafür keines der in den letzten Jahren hin und wieder zu sehenden bekannten Werke dieses Komponisten, sondern eben sein seit 130 Jahren nicht mehr auf einer Bühne zu erlebendes Feldlager in Schlesien auf den Prüfstand zu stellen.

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Das Feldlager im Zuschauerraum

Bei diesem Versuch mussten sich der Bonner Intendant Bernhard Helmich und sein Haus allerdings auch der Querschläge der Pandemie erwehren. Sie brauchten jede Menge Nerven für sage und schreibe vier (!) Anläufe, bis es am 22. April endlich klappte. Als ob das nicht allein schon reichen würde, platzte dann auch noch der russische Überfall auf die Ukraine in die Probenarbeiten zum zweiten Akt. Die Wirklichkeit hatte die Kunst überholt, heißt es auf einem Einlegezettel zum ausführlichen Programmbuch, "Das Theater-Spiel erschien plötzlich in neuem, grellem Licht, wirkte unangemessen." Friedrichs Krieg um Schlesien rückte so in eine beklemmende Nähe zur Gegenwart. Das hier umgesteuert wurde, erkennt man schon an der Differenz zwischen den ursprünglich nur mit einer Pause vorgesehenen drei Stunden und der tatsächlichen Spieldauer (fast vier Stunden) mit zwei Pausen.

Regisseur Jakob Peters-Messer bewältigte diese Herausforderung mit intelligentem Geschick und dem Können des Routiniers. Ein Chronist (Michael Ihnow) steuert im Habitus eines Regisseurs bei der Arbeit Erhellendes bei. Seien es Teile des Librettos oder Briefe des Komponisten, des Königs oder eines Soldaten mit Schilderungen der Grausamkeiten einer stundenlangen Feldschlacht. Das ist jedes Mal durchdacht und dem Rhythmus der Produktion, der vom Wechsel zwischen Beschaulichkeit, vorgeführter Euphorie und erzwungener Reflexion bestimmt wird, angemessen.

Der erste Akt und der dritte Akt sind vor allem singspielunterhaltend. Friedrich II. kann mit Hilfe von Hauptmann Saldorfs Pflegesohn Conrad und seiner Pflegetochter Vielka vor einer Gefangennahme durch ungarische Reiter unter Hauptmann Tronk bewahrt werden. Die Zigeunerin Vielka lenkt die Aufmerksamkeit der Truppe, deren Mentalität der ihren nahe ist, auf sich, und Conrad wird unfreiwillig zum Helden, weil er sich als "König" (den das Fußvolk nicht von Angesicht kennt) gefangen nehmen lässt. Dass sich der echte König als falscher Konrad einer Gefangennahme dadurch entzieht, dass er zum Beweis seiner (falschen) Identität exzellent auf der Flöte spielt, ist sozusagen das Sahnehäubchen auf der anekdotischen Verklärung, weil der historische König das auch tatsächlich gekonnt hätte.

Vergrößerung in neuem Fenster Friedrich II beordert seine Retter nach Sanssouci

Für den dritte Akt lässt Sebastian Hannak (Bühne) ein schmuckes Sanssouci-Vorzimmer von oben einschweben. Der König hat die helfende Familie zu sich beordert, ist aber auch hier (wegen der Staatsraison) in der ganzen Oper nur durch sein Flötenspiel präsent. Am Ende sorgt er für das große Happyend, bei dem die ganze Familie seiner Retter gut bedient wird. Conrad kriegt eine Stelle in der Hofkapelle, Saldorfs Pflegetochter Vilka darf ihren Conrad heiraten, auch die Nichte Therese kriegt ihren schon zum Tode verurteilten Bräutigam zurück. Der musikalische Stilmix, den Meyerbeer hier aufbietet ist anfangs gewöhnungsbedürftig, fasziniert aber durch die Souveränität, mit der er zwischen Singspiel, Komödie, Belcanto und aufscheinender Grand Opera wechselt. Hinzu kommt, dass wichtige Akteure in der Oper - also weder die wahrsagende und Koloraturen trällernde Vielka (wegen ihrer Zugehörigkeit zu den "Wanderstämmen", denen sie entsprossen ist, die man aber "verachtet"), noch der absolut unsoldatische Conrad - alles andere als Musterpreußen sind.

Herausfordernd wird es in der Mitte. Der militärische Mittel- wird zum musikalischen und szenischen Balanceakt. Den eskalierenden Hurrapatriotismus vorzuführen und die realen Folgen für die Opfer zu zeigen, gelingt durch eine Verlegung der Aufmarschfläche für die Soldaten über die Reihen mitten im Zuschauerraum. Der von Marco Medved einstudierte, personell aufgerüstete Chor des Theaters Bonn bewältigt dabei auch das Enthüllen des Schreckens hinter der patriotischen Fassade in seinem Spiel glänzend.

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Am Ende tritt dann doch noch der König persönlich auf.

GMD Dirk Kaftan hält das musikalische Feuerwerk stets im Zaum und lässt Meyerbeers musikalischen Einfallsreichtum funkeln. Tobias Schabel profiliert den Hauptmann a.D. Saldorf als preußischen Musteruntertanen, Elena Gorshunova glänzt als dessen Pflegetochter Vielka vor allem mit ihren Koloraturen und Jussi Myllys wird als etwas schlichter Conrad eher unfreiwillig zum Helden.

Am Ende findet Peters-Messer ein eindrucksvolles Schlussbild, mit dem er die Huldigung an den König bricht. Nicht mehr an die preußische Staatsraison, die den Auftritt eines Herrschers verbot, gebunden, lässt er den Alten Fritz am Ende doch noch höchstpersönlich auftreten. Da ist der Chor zu Boden gegangen und erinnert an ein Schlachtfeld mit den vielen Toten, die auf das Konto des Flötenspielers auf dem Thron gehen. Er schreitet in Uniform und mit Dreispitz, so wie ihn die Nachwelt kennt, über diese Menschen. Seine Waffe ist die Flöte, so wie er sich das als junger Kronprinz wohl gedacht haben mag.


FAZIT

Nach viel Heil-Gebrüll hat sich die Oper Bonn in dieser Ausgrabungsschlacht um das Feldlager in Schlesien siegreich geschlagen.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Dirk Kaftan

Inszenierung
Jakob Peters-Messer

Bühne
Sebastian Hannak

Kostüme
Sven Bindseil

Licht
Max Karbe

Chor
Marco Medved


Statisterie des
Theater Bonn

Chor und Extrachor des
Theater Bonn

Beethoven Orchester Bonn


Solisten

Saldorf, Hauptmann a. D.
Tobias Schabel

Vielka, seine Pflegetochter
Elena Gorshunova

Therese, seine Nichte
Barbara Senator

Conrad, sein Pflegesohn
Jussi Myllys

Tronk, Anführer einer Truppe ungarischer Reiter
Martin Tzonev

Zietenscher Husar + Husar
Christian Georg

Steffen, ein alter Landmann / Ein Soldat
Johannes Mertes

Artillerist
Miljan Milovic

Grenadier-Unteroffizier
Michael Krinner

Ein Soldat
Enrico Döring

Ein ungarischer Reiter
Johannes Mertes

Chronist
Michael Ihnow



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