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Musiktheater
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Krabat

Oper in drei Teilen
Libretto von Ulf Schmidt nach Otfried Preusslers gleichnamigem Roman
Musik von Himmelfahrt Scores und Coppelius

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 3h 5' (eine Pause)

Uraufführung im Großen Haus im MiR am 5. Juni 2022

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Musiktheater im Revier
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Preusslers Roman als Musiktheater

Von Thomas Molke / Fotos: Bettina Stöß

Wenn sich an einem Premierenabend im Musiktheater im Revier zahlreiche in viktorianischem Stil kostümierte Menschen im Publikum befinden, ahnt man, dass die Berliner Steampunk-Band Coppelius wieder zu Gast in Gelsenkirchen ist. Intendant Michael Schulz hatte sie 2013 kennengelernt und in die Wege geleitet, dass die Steampunk-Oper Klein Zaches, genannt Zinnober am 14. November 2015 in Gelsenkirchen ihre umjubelte Uraufführung erlebte (siehe auch unsere Rezension). Seitdem ist nicht nur der Frontsänger Bastille aka Sebastian Schiller festes Ensemble-Mitglied im MiR. 2017 kehrte die Band auch ins Kleine Haus zurück und gab gemeinsam mit Rüdiger Frank ein Clubkonzert unter dem Titel Coppelius. Waits. For You (siehe auch unsere Rezension). Für 2019 war eigentlich das nächste große Projekt geplant: die Uraufführung der Rock-Oper Krabat nach Otfried Preusslers gleichnamigem Roman. Die Band Coppelius vertonte den Text gemeinsam mit dem Komponistenkollektiv Himmelfahrt Scores, hinter dem sich die Hamburger Komponisten und Arrangeure Peter Häublein und Roman Vinuesa in Zusammenarbeit mit Jan Dvořák verbergen. Doch Rüdiger Frank, der für die Rolle des Meisters vorgesehen war, verstarb 2019 nach längerer Krankheit, so dass das Projekt zunächst verschoben werden musste. 2020 kam die Corona-Pandemie und verzögerte eine Uraufführung ein weiteres Mal. Auch am Pfingstsonntag hätte man beinahe erneut das Projekt verschieben müssen, da zwei Tage zuvor Joachim Gabriel Maaß, die Neubesetzung des Meisters, erkrankte. Aber nun übernahm der Regisseur Manuel Schmitt das Spiel auf der Bühne, während Heribert Feckler, der dem Gelsenkirchener Publikum vorrangig als Dirigent bekannt sein dürfte, die Partie von der Seite sang und auch den Text sprach, was, so Michael Schulz in der Ansage vor der Vorstellung, dem Meister eine noch magischere Note gebe.

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Krabat (Bastille, links) und Juro (Martin Petschan, rechts) bei der Nachtwache

Das Libretto von Ulf Schmidt orientiert sich relativ nah an der Vorlage von Preussler. Der Roman basiert auf einer sorbischen Sage aus dem 17. Jahrhundert. Darin verirrt sich ein Junge namens Krabat in einem Wald und gelangt zu einer Mühle, wo er das Zauberhandwerk lernt. Da er anders als sein Meister die Magie für gute Zwecke einsetzen will, kommt es zur Auseinandersetzung, in der er schließlich durch die Liebe seiner Mutter den Meister besiegt. Bei Preussler und in der Oper ist es die Liebe eines jungen Mädchens, der Kantorka, da Krabat hier ein Waisenjunge ist, der in drei Träumen von der Stimme des Meisters zur Mühle am Koselbruch gerufen wird. Die Oper schildert nun in drei Teilen, die jeweils ein Jahr umfassen, wie sich Krabat vom Lehrling zum Gesellen entwickelt und schließlich mit Hilfe seines Kollegen Juro Kräfte entwickelt, dem Meister Widerstand zu leisten. Am Ende sind es aber nicht die Zauberkräfte Krabats, die dafür sorgen, dass Kantorka ihn mit verbundenen Augen unter den Raben erkennt, sondern seine Nächstenliebe. Kantorka spürt, dass er sich um sie und nicht wie die anderen nur um sich selbst sorgt, und kann ihn deshalb beim Meister freibitten. Dessen Macht bricht anschließend wie die Mühle zusammen und lässt Krabat und die anderen Müllergesellen ohne Zauberkraft zurück. Der Roman und die Oper lassen offen, wie Krabat und die Müllergesellen mit der neu gewonnenen Freiheit umgehen werden.

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Der Meister (hier: Joachim G. Maaß, im Hintergrund) schikaniert Krabat (Bastille, vorne).

Julius Semmelmann hat ein fantastisches Bühnenbild entworfen, das die Magie der Mühle gekonnt einfängt. Die Neue Philharmonie Westfalen ist hinter dem Bühnengeschehen positioniert, so dass der Orchestergraben mitbespielt und damit eine gewisse Nähe zum Publikum hergestellt werden kann. Ein Gestell, in dem die Musiker der Band Coppelius platziert sind, formt auf der Bühne einen Kreis, der mit einer Videoprojektion von Judith Selenko einen unheimlichen Blick in die Mühle aus der Froschperspektive werfen lässt. Dieser sich nach oben schlängelnde kreisrunde Raum kann bisweilen auch als Auge des Meisters gedeutet werden, der hier alles im Blick hat. Gearbeitet wird mit viel Bühnennebel und dunklen Farben, so dass die Müllergesellen kaum zu unterscheiden sind. Nur die Kantorka sticht in ihrem roten Mantel hervor und deutet an, dass sie Licht und Farbe in dieses Dunkel bringen wird. Geradezu unheimlich wird die Neumondnacht inszeniert, in der ein Unbekannter mit dem Namen Gevatter kommt und die Gesellen im Schweiße ihres Angesichts Knochen und Gebein mahlen lässt. Aus dem Bühnenboden wird eine Art greller Feuerofen mit mehren Öffnungen emporgefahren, in den die Gesellen die Säcke werfen müssen. Der Gevatter tritt selbst aber auf der Bühne nicht auf. Auch der Meister wird bei seinen Auftritten häufig aus einer Luke im Bühnenboden hochgefahren und steht dann völlig unerwartet vor den Gesellen. Die Kantorka kommt mit dem Volk aus dem Orchestergraben, wenn sie den Meister am Ende des zweiten Teils vor der Pause um Regen bittet.

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In der Neumondnacht wird von den Gesellen (Ensemble) etwas anderes als Mehl gemahlen.

Die Band Coppelius, die mit Klarinetten, Cello, Kontrabass und Schlagzeug auf ungewöhnliche Weise nach eigenen Angaben "den guten Ton der deutschen Romantik in die Konzertsäle zurückkehren" lassen will und dabei vorgibt, durch einen Stromschlag aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart versetzt worden zu sein, schlüpft in die Rollen der Gesellen Lyschko, Michal, Lobosch, Andrusch, Kito und Hanzo und begleitet dazu parallel die Musik an ihren Instrumenten. Graf Lindorf verleiht dem Lyschko dabei sehr unsympathische Züge. Max Coppella zeigt als Michal, der im zweiten Jahr den Platz des Altgesellen übernimmt, sehr menschliche Züge, wenn er den neuen Lehrling Witko (Scarlett Pulwey mit schüchternem Spiel) unterstützt und dafür vom Meister grausam bestraft wird. Die Kälte, mit der er von den Gesellen nach seinem Tod in einem Holzsarg entsorgt und in den Bühnenboden versenkt wird, macht deutlich, dass dem Treiben des Meisters ein Ende gesetzt werden muss. Die Musik von Coppelius, die vor allem die Arbeit der Müllergesellen untermalt, steht in einem Kontrast zu der Klangkunst des Kollektivs Himmelfahrt Scores, das von der Neuen Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Peter Kattermann aus dem Hintergrund der Bühne erklingt und eher Filmmusikcharakter hat.

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Krabat (Bastille) und Kantorka (Bele Kumberger)

Bastille aka Sebastian Schiller begeistert in der Titelpartie auf ganzer Linie. Absolut glaubhaft zeichnet er den Weg vom Betteljungen, der mittellos in die Mühle kommt, zum würdigen Gegenspieler des Meisters. Auch stimmlich lässt seine Interpretation keine Wünsche offen. Das Mitgefühl, das Krabat für seine Mitmenschen empfindet, nimmt man ihm in jedem Moment ab. Martin Petschan hat sich als Juro bei den Proben den Fuß gebrochen, so dass er in einem Rollstuhl auftritt, was sich aber dramaturgisch ganz gut in die Rolle einfügt. Schließlich wird er von keinem wirklich ernst genommen, so wie er in seinem Rollstuhl die harte Arbeit in der Mühle ja auch nicht richtig verrichten kann. Eindrucksvoll gelingen ihm die Zaubertricks, mit denen er Krabat zeigt, welche Macht eigentlich in ihm steckt. Sebastian Campione überzeugt als Altgeselle Tonda mit warmem Bariton und weichem Herz. Tonda hat für Krabat eine gewisse Vorbildfunktion und gibt ihm vielleicht die Kraft, sich in der Mühle seine Menschlichkeit zu bewahren. Eindrucksvoll erscheint Campione als Geist im zweiten Jahr nach seinem Tod, um Krabat vor dem Meister zu warnen. Bele Kumberger punktet als Kantorka mit strahlendem Sopran und leuchtenden Höhen. Mit intensivem Spiel sorgt sie für große Spannung am Schluss, wenn man im Publikum inständig hofft, dass sie unter den gleich aussehenden Raben Krabat erkennen wird.

Manuel Schmitt wirkt als Meister mimisch absolut furchteinflößend. Dennoch hätte er den Sprechtext vielleicht selbst übernehmen sollen und beim Gesang zumindest die Lippen bewegen sollen, da die Trennung von Stimme und Spiel so eher verwirrend als magisch ist, zumal man Heribert Feckler gar nicht auf der Seitenbühne sieht. Da die Stimmen alle verstärkt sind, singt Feckler aus dem Off, was sich stellenweise nicht immer direkt dem Meister zuordnen lässt. Bis zur Pause gibt es vereinzelte Tonprobleme, was vielleicht daran liegt, dass nicht alle im Publikum ihre Mobiltelefone ausgeschaltet haben. Deshalb tritt der Intendant auch nach der Pause noch einmal vor das Publikum und bittet darum, die Handys nicht nur stummzuschalten. All das kann die Begeisterung der zahlreichen Coppelius-Fans nicht stören, so dass alle Beteiligten am Ende der Vorstellung mit großem Jubel und stehenden Ovationen bedacht werden.

FAZIT

Das Stück und die Inszenierung kommen der berühmten Romanvorlage sehr nahe und stellen eine gute musikalische Umsetzung dar, zumal die Musik anders als bei anderen Uraufführungen nicht atonal, dabei aber trotzdem modern ist.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Peter Kattermann

Inszenierung
Manuel Schmitt

Bühne
Julius Semmelmann

Kostüme
Sophie Reble

Video
Judith Selenko

Licht
Patrick Fuchs

Choreinstudierung
Alexander Eberle

Dramaturgie
Anna Chernomordik

 

Neue Philharmonie Westfalen

Opernchor des MiR

Statisterie des MiR

 

Besetzung

*Premierenbesetzung

Krabat
Bastille (Sebastian Schiller)

Der Meister
Joachim G. Maaß
*Heribert Feckler (Gesang und Text)
*Manuel Schmitt (Spiel)

Kantorka
Bele Kumberger

Juro
Martin Petschan

Tonda
Sebastian Campione

Lyschko
Graf Lindorf

Michal / Lobosch
Max Coppella

Andrusch
Comte Caspar

Merten
Julius Warmuth

Kubo
Daniel Jeroma

Petar
Merten Schroedter

Witko
Scarlett Pulwey

Kito
Sissy Voss

Hanzo
Herr Linus von Doppelschlag

Staschko
Béla Schölei

 

 


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