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Orpheus in der Unterwelt

Opéra bouffe in zwei Akten
Libretto von Hector Crémieux und Ludovic Halévy in deutscher Textfassung von Ludwig Kalisch
Kritische Ausgabe Oek (Jean-Christoph Keck), Mischfassung von 1858/1874
Musik von Jacques Offenbach

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h (eine Pause)

Premiere der konzertanten Aufführung im Großen Haus im MiR am 30. Oktober 2021
(rezensierte Aufführung: 07.11.2021)

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Musiktheater im Revier
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Selbst ist die Frau

Von Thomas Molke / Fotos: Björn Hickmann

Jacques Offenbach gilt als Schöpfer der Operette. Für sein 1855 in Paris eröffnetes Théâtre des Bouffes-Parisiens komponierte er insgesamt über 50 komische Einakter, die heutzutage aber zum großen Teil in Vergessenheit geraten sind. Anders verhält es sich mit seinen großen abendfüllenden Stücken. Sein erster großer Erfolg Orpheus in der Unterwelt markiert dabei den Anfang der französischen Operette, auch wenn das Stück eigentlich als "Opéra-bouffe" bezeichnet wird. Hier war es vor allem der eingängige "Galop infernal" - häufig auch als "Cancan" bezeichnet -, mit dem Offenbach die Bühnen der ganzen Welt eroberte. 1858 schuf er zunächst eine zweiaktige Fassung, die er 1874 um zahlreiche musikalische Nummern ergänzte. Im Musiktheater im Revier präsentiert man dieses Werk nun in einer konzertanten Fassung und verwendet eine Mischfassung der beiden Versionen. So ganz konzertant ist dieser Abend dann aber doch nicht, auch wenn die Neue Philharmonie Westfalen auf der Bühne sitzt und der Opernchor des MiR mit Textbüchern auftritt.

Offenbach bürstet mit seinen beiden Librettisten Ludovic Halévy und Hector Crémieux die mythologische Geschichte um den begnadeten thrakischen Sänger Orpheus, der seine verstorbene Gattin Eurydike aus der Unterwelt zurückholen will, sie auf dem Weg allerdings erneut verliert, weil er sich verbotener Weise nach ihr umdreht, gehörig gegen den Strich. Bei Offenbach sind Orpheus und Eurydike ein unglücklich verheiratetes Ehepaar, das sich gerne trennen würde, wäre da nicht die öffentliche Meinung, die höchstpersönlich auftritt und dies zu verhindern weiß. Selbst als der Gott der Unterwelt, Pluto, als verkleideter Hirte und Imker Aristeus auftritt und Eurydike in sein Reich entführt, gibt die öffentliche Meinung keine Ruhe und verlangt, dass Orpheus bei den Göttern des Olymp vorspricht und seine Gattin zurückverlangt. Jupiter, der selbst ein Auge auf die schöne Eurydike geworfen hat, beschließt, mit den übrigen Göttern, denen es im Himmel so langweilig ist, dass sie eine Revolution gegen den Göttervater anzetteln wollen, einen Abstieg in die Unterwelt zu machen, um Eurydike selbst zu erobern. Dazu nähert er sich ihr zunächst in Gestalt einer Fliege. Eurydike, die sich in der Unterwelt zu Tode langweilt, kommt Jupiter als neuer Verehrer gerade recht, zumal es sich ja auch noch um den höchsten Gott handelt. Doch auch das kann die öffentliche Meinung natürlich nicht zulassen. Sie fordert, dass Eurydike mit Orpheus auf die Erde zurückkehren soll. Auf dem Weg dorthin darf er sich allerdings nicht zu ihr umdrehen. Da das für Orpheus kein Problem darstellt - schließlich liebt er seine Gattin nicht mehr -, muss Jupiter zu einer List greifen, um eine Rückkehr Eurydikes zu verhindern. Er schleudert einen Blitz, so dass Orpheus derart erschrocken ist, dass er hinter sich blickt. Damit ist Eurydike aber nicht nur für Orpheus verloren. Auch Jupiter muss auf sie verzichten. Stattdessen soll sie von nun an als Bacchantin dienen.

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Juno (Ileana Mateescu, vorne) zwingt als öffentliche Meinung Orpheus (Christopher Hochstuhl), seine Gattin zurückzufordern (im Hintergrund die Göttinnen von links: Venus (Almuth Herbst), Cupido (Dongmin Lee) und Minerva (Wendy Krikken)).

In der gespielten deutschen Textfassung bekommen die Göttinnen, die in Offenbachs Operette eher Randfiguren sind, wesentlich mehr Raum. So schlüpft beispielsweise Juno als Hüterin der Ehe in die Rolle der öffentlichen Meinung. Bevor die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Rasmus Baumann in der Ouvertüre zum ersten Mal zum "Galop infernal" ansetzen kann, unterbricht die Göttin die Musik und beklagt die Untreue der Ehemänner. Ileana Mateescu überzeugt dabei mit autoritärem Spiel und sattem Mezzosopran. Auch Diana gewinnt in dieser Fassung mehr Profil. Während sie in der Operette eigentlich ihr Liebesleid um den Jäger Actaeon beklagt, in den sie heimlich verliebt ist, gesteht sie in dieser Fassung, dass sie es selbst war, die ihn in einen Hirsch verwandelt hat, weil sie es als eine Frechheit empfindet, dass er sie heimlich beim Baden beobachtet hat. Nach ihrem klassisch vorgetragenen Couplet "Wenn ich den grünen Wald durchjage", amüsiert sie sich köstlich darüber, dass ihr die anderen Götter ihre Trauer glauben. Bele Kumberger punktet stimmlich  mit hellem Sopran. Dass sich die Göttin Venus in der fidelen Unterwelt wesentlich wohler fühlt als im langweiligen Olymp, wird ebenfalls hervorgehoben. Almuth Herbst gibt die Liebesgöttin recht lasziv und lüstern und flirtet auch mit dem einen oder anderen Musiker. Cupido (Dongmin Lee) wird nicht nur von einer Frau gesungen, sondern ist auch eine Göttin und kein männlicher Amor. Auf Cupidos in der Fassung von 1874 eingefügtes Couplet in der Unterwelt wird in Gelsenkirchen allerdings verzichtet.

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Ein Hoch auf die reizende Bacchantin Eurydike (Margot Genet): von links: Merkur (Tobias Glagau), Pluto (Martin Homrich) und Mars (Philipp Kranjc)

Einiges klingt in dieser Fassung neu und ungewohnt. So gibt es im zweiten Akt ein Couplet zwischen Eurydike und den männlichen Göttern, denen sie kurz nach dem berühmten Fliegen-Duett mit Jupiter als Bacchantin vorgestellt wird. Während normalerweise an dieser Stelle das Stück "Wohlan, reizende Bacchantin" von Jupiter, Eurydike und dem Chor erklingt, sind es nun Philipp Kranjc als Mars und Tobias Glagau als Merkur, die gemeinsam mit der schönen Bacchantin ein Trinklied anstimmen. Philipp Kranjc punktet als Mars mit kräftigem Bariton und humorvollem Spiel, während er als verliebt leidender John Styx beim berühmten "Prinz von Arkadien" eher blass bleibt. Tobias Glagau gestaltet den flinken Merkur mit beweglichem Spiel und leichtem Tenor. Als Jupiter kehrt das langjährige Ensemble-Mitglied Joachim Gabriel Maaß auf die Bühne des MiR zurück und stellt vor allem im berühmten Fliegen-Duett unter Beweis, dass er immer noch darstellerisch den Schalk im Nacken hat. Wieso die Zwischentexte Jupiters von ihm aus dem Off eingesprochen und nicht wie die der Göttinnen auf der Bühne präsentiert werden, ist nicht klar. Martin Homrich gestaltet die Partie des als Schäfer verkleideten Aristeus mit großem Spielwitz und kräftigem Tenor. Wendy Krikken rundet als Minerva das Götter-Ensemble überzeugend ab.

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Jupiter (Joachim Gabriel Maaß) und Eurydike (Margot Genet) beim Fliegen-Duett

Der von Alexander Eberle gut einstudierte Opernchor begnügt sich nicht nur damit, hinter dem Orchester zu stehen und zu singen. Wenn die Götter am Ende des ersten Aktes beschließen, in die Unterwelt hinabzusteigen, eilt der Chor wie Baumann und das Orchester schnell von der Bühne, um in der fidelen Unterwelt den besten Platz zu ergattern. Bei der Rückkehr nach der Pause lässt der Chor dann mit Papphüten und Konfetti Feierstimmung aufkommen und gibt bereits einen Vorgeschmack auf die Silvesteraufführung dieser Produktion. Baumann geleitet die Neue Philharmonie Westfalen mit leichter Hand durch die frische Partitur Offenbachs. Als "irdisches Liebespaar" sind zwei Mitglieder des Opernstudios NRW zu erleben. Christopher Hochstuhl spielt den begnadeten Musiker Orpheus mit herrlich tenoraler Arroganz und macht glaubhaft, dass er seiner Gattin überdrüssig ist. Im Streit-Duett mit Eurydike im ersten Akt punktet er mit großer Selbstironie, wenn er das Geigenspiel imitiert, das von Natasha Elvin-Schmitt wunderbar umgesetzt wird. Da kann man nicht nachvollziehen, dass Eurydike diese Musik als Plage empfindet. Margot Genet verleiht der Eurydike die notwendige Frechheit und Frische, auch wenn ihr Sopran in den Höhen noch ein bisschen reifen muss. Die Koloraturen setzt sie sehr sauber an. Am Ende darf sie selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen möchte und entscheidet sich aus freien Stücken für ein weiteres Leben als Bacchantin. Selbst ist die Frau. Das Publikum goutiert den kurzweiligen Abend mit kräftigem Beifall.

FAZIT

Auch eine konzertante Aufführung von Offenbachs großartiger Operette kann sehr unterhaltsam sein, wenn sie so frisch und witzig daherkommt wie im MiR.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Rasmus Baumann

Konzept
Kristina Franz

Licht
Thomas Ratzinger

Choreinstudierung
Alexander Eberle

Dramaturgie
Anna-Maria Polke

 

Neue Philharmonie Westfalen

Violine
Natasha Elvin-Schmitt

Opernchor des MiR

 

Besetzung

Eurydike
Margot Genet

Orpheus
Christopher Hochstuhl

Juno / Öffentliche Meinung
Ileana Mateescu

Aristeus / Pluto
Martin Homrich

Jupiter
Joachim Gabriel Maaß

Diana
Bele Kumberger

Venus
Almuth Herbst

Minerva
Wendy Krikken

Cupido
Dongmin Lee

John Styx / Mars
Philipp Kranjc

Merkur
Tobias Glagau

 

 

 


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