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Über_Uns

Tanzstück von Urs Dietrich
Musik von Henryk Mikołaj Górecki und Franz Schubert

Aufführungsdauer: ca. 1h 10' (keine Pause)

Premiere im Theater Hagen am 16. April 2022


Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Wenn der Himmel auf uns herabfällt

Von Thomas Molke / Fotos:  Jörg Landsberg

Seit die Ballettdirektorin Marguerite Donlon zu Beginn der Spielzeit 2021/2022 an das Theater Osnabrück gewechselt ist, ist die Compagnie am Theater Hagen ohne einen festen Choreographen oder eine feste Choreographin und arbeitet mit Gästen. Für die mittlerweile dritte Produktion in dieser Spielzeit hat man Urs Dietrich eingeladen, der 1994 gemeinsam mit Susanne Linke die Leitung des Bremer Tanztheaters übernahm und die Compagnie nachhaltig prägte. Von 2000 bis 2007 war er dort alleiniger Leiter und blieb der Compagnie noch bis 2012 als Choreograph in Residence verbunden, bevor er die gleiche Aufgabe von 2015 bis 2018 für das Theater Trier übernahm. Für die Compagnie in Hagen hat er nun einen Tanzabend kreiert, der den vielsagenden Titel Über_Uns trägt. Dabei werden die verschiedenen semantischen Funktionen der Präposition "über" voll ausgeschöpft. Zum einen betrachtet Dietrich in seiner Choreographie das, was örtlich über uns ist, nämlich die Luft mit all ihren Aerosolen, die wir in Zeiten von Covid zu fürchten gelernt haben. Zum anderen beschäftigt er sich mit der Frage, welche Auswirkungen die momentanen Einflüsse der Welt auf uns haben und wirft einen Blick auf unseren Umgang damit.

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Ensemble zu Schuberts Streichquartett Nr. 4 am Anfang

Für die Musik hat er mit Auszügen aus Franz Schuberts Streichquartetten Nr. 3 und Nr. 4 und einzelnen Sätzen aus Henryk Mikołaj Góreckis Streichquartetten Nr. 2 und Nr. 3 Kompositionen aus den beiden vergangenen Jahrhunderten ausgewählt, die in ihrer Emotionalität und Zerbrechlichkeit die momentane Lage der Welt treffend beschreiben. Gespielt werden die Stücke live, wobei die Musiker*innen zunächst im Orchestergraben sitzen, am Ende jedoch auf der Bühne Platz nehmen und damit ebenfalls Teil der Inszenierung werden. Eingerahmt wird der Abend von dem 1. Satz aus Franz Schuberts Streichquartett Nr. 4 D 46. Wenn der Vorhang sich hebt, sieht man die 13 Tänzer*innen in dunkler uniform wirkender Kleidung in einer festen Formation. Bevor die Musik beginnt bewegen sich alle in einem homogenen Bewegungsablauf, der keine Individualisierung zulässt. Schuberts "Allegro con moto" nimmt diese monotone Bewegungsabfolge auf und unterstreicht, dass hier eine Gleichförmigkeit besteht. Jeder versucht, Teil des Ganzen zu sein. Individualität existiert nicht.

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Andrea Schuler

Das ändert sich mit dem 2. Satz aus Góreckis Streichquartett Nr. 3, das auch unter dem Titel "... songs are sung" bekannt ist. Das "Kollektiv verlässt die Bühne und zwei einzelne Tänzer bleiben auf der Bühne zurück, deren Bewegungen jetzt nicht mehr homogen sind. Man versucht, sich aus dem Korsett zu befreien und eigene Wege einzuschlagen. Ein Miteinander gibt es hierbei jedoch nicht. Weitere Tänzerinnen und Tänzer treten auf und loten in weiteren Soli ihre Grenzen aus. Bemerkenswert ist hierbei ein Lichtstreifen auf der Bühne, der sich auf dem Tanzboden nach hinten und nach vorne bewegt. Markiert er eine Grenze, die die Tänzerinnen und Tänzer nicht überschreiten dürfen? Nach oben hin wird der Raum von einem riesigen weißen Tuch bedeckt, das im weiteren Verlauf des Stückes immer weiter herabkommt und den Raum immer kleiner macht. Aus dem Lichtstreifen wird dann zum 4. Satz aus Góreckis Streichquartett Nr. 2 ein Lichtrechteck, in das die Tänzerinnen und Tänzer sich nacheinander begeben und in dem sie in hektischen Bewegungen ihre Identität zu suchen scheinen. Dabei haben sie noch weniger Zeit als in der Szene davor, da sie sofort von einem neuen Tänzer oder einer neuen Tänzerin aus dem Lichtfeld vertrieben werden.

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Wenn der Himmel auf uns herabfällt (Julie Endo)

Im nächsten Teil tritt die Compagnie wieder als Gruppe auf und führt synchrone Bewegungen aus. Man ist nun also wieder Teil der Masse. Anders als zum Anfang unterscheidet sich eine Tänzerin jedoch durch ein weißes Hemd von dem ansonsten dunkel gekleideten Ensemble und sticht damit optisch heraus. Sie bleibt auch anschließend allein auf der Bühne zurück und lotet wieder ihre Grenzen aus. Im Folgenden wird dann die Luft "über uns" sichtbar gemacht. Das weiße Tuch ist inzwischen ziemlich weit aus dem Schnürboden herabgelassen worden und gerät nun durch Windmaschinen in Bewegung. Eine Tänzerin versucht, sich der Bedrohung, die von diesem Tuch ausgeht, entgegenzustemmen. Man hat das Gefühl, dass der Himmel auf sie herabfällt. Die vier Streicher*innen verlassen den Orchestergraben. Die Tänzerin wird schließlich von dem wehenden Tuch "verschluckt", und das Tuch bläht sich regelrecht bedrohlich fast bis in den Zuschauerraum auf. Dann fällt es schließlich auf der Bühne in sich zusammen.

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Zurück zum Anfang (Ensemble)

Die Streicher*innen nehmen nun im Bühnenhintergrund Platz. Zum "Andante" aus Schuberts Streichquartett Nr. 2 beginnen gewissermaßen die Aufräumarbeiten. Einzelne Tänzer schieben mit den Füßen die Verwüstung, die das Tuch auf der Bühne darstellt, langsam beiseite. Eine Tänzerin und ein Tänzer treten auf und bewegen sich mit abgehackten Bewegungen, so dass nicht klar ist, ob es sich hier wirklich um Menschen handelt oder um Androide, die nur ein menschliches Aussehen haben. Hat das wahre Leben die Katastrophe überstanden oder bewegen wir uns nur noch in einer von Computern gesteuerten Welt? Zum Schluss greift Dietrich das Bild vom Anfang wieder auf. Alles wiederholt sich. Nur die Bedrohung von oben ist gewichen. Der Vorhang fällt, und das Publikum reagiert mit großem Beifall für diesen relativ kurzen aber emotional bewegenden Tanzabend, der von der Compagnie eindrucksvoll umgesetzt wird.

FAZIT

Urs Dietrich findet treffende Bilder und wählt sehr passende Musik aus, um die Ängste, die uns derzeit beschäftigen, in Tanz umzusetzen. Die Compagnie überzeugt auf ganzer Linie.



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Produktionsteam

Inszenierung, Choreographie und Kostüme
Urs Dietrich

Bühne
Alfred Peter

Licht
Hans-Joachim Köster

Dramaturgie
Waltraut Körver

 

Mitglieder des Philharmonischen Orchester

Violine
*Shotaro Kageyama
Ilzoo Park
*Evgeny Selitsky
Magdalena Rozanska

Viola
*Ursina Staub
Ayane Koga

Violoncello
*Yumin Lee
Katrin Geelvink
 

 

Tänzerinnen und Tänzer

Filipa Amorim
Gennaro Chianese
Alexandre Démont
Riccardo Maria Detogni
Julie Endo
Yu-Hung Huang
Noemie Emanuela Martone
Antonio Moio
Beatrice Panero
Sara Peña
Dario Rigaglia
Andrea Schuler
Suzanne Vis

 

 


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen
(Homepage)




Da capo al Fine

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