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Musiktheater
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Flut

Ein Tanzprojekt zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven (1770 1827)
Chgoreographie von Emanuele Soavi
Musik von Wolfgang Voigt und Stefan Bohne (elektronische Kompositionen) und Ludwig van Beethoven (Streichquartett e-Moll op. 59/2 und Symphonie Nr. 7 A-Dur op. 92)
Eine Koproduktion der Oper Köln mit Emanuele Soavi incompany und den Duisburger Philharmonikern


Aufführungsdauer: ca. 3h 15´ (zwei Pausen)

Uraufführung im Staatenhaus Köln-Deutz (Saal 2) am 5. September 2021


Logo: Oper Köln

Oper Köln
(Homepage)

Beethoven zwischen Dynamik und Slapstick

Von Stefan Schmöe / Fotos © Joris Jan Bos

Eine Drohne umkreist die Tänzerin, die allein auf der dunklen Bühne um die eigene Achse rotiert, sehr lange, nicht ganz gleichmäßig, keine klassische Pirouette, eher eine Art Taumel. Der durchscheinende, federleichte Rock bläht sich, leuchtet im harten Licht geheimnisvoll. Dunkle, flächige elektronische Klänge grundieren die Bewegung. Flut beginnt mit einem faszinierenden, nicht konkret fassbaren Bild. Zur Musik tritt bald ein Cello hinzu (Cellistin Anja Schröder sitzt am Rand der Bühne), irgendwann erkennt man Zitate von Beethoven, die siebte Symphonie. Für den etwa 45minütigen ersten Teils dieses Tanzabends haben Stefan Bohne und Wolfgang Voigt die Musik komponiert, wobei Bohne auf die Interaktion des live gespielten Cellos mit dem vorproduzierten Soundtrack setzt, Voigt collagenhaft ganze vom Orchester vorproduzierte Takte verarbeitet. Ganz grob entsteht im Verlauf dieser Dreiviertelstunde eine Verdichtung der Musik vom zunächst unbestimmten Klang, einem Grundrauschen, zum erkennbaren Beethoven, wie Fundstücke, als würde Beethovens Musik wie wertvolle Scherben freigelegt. Auf der Bühne kommen nach und nach mehr Tänzer*innen hinzu, bilden lose Gruppen, die sich schnell wieder auflösen. Erst ziemlich spät ergeben sich festere Verbindungen, kleine pas des deux. Der Tanz ist dynamisch und athletisch, barfuß (bzw. auf hautfarbenen Socken, was auf dasselbe hinausläuft). Man ahnt sehr fern das (neo-)klassische Ballett, nur schwach in den konkreten Bewegungen, stärker in der Eleganz und Souveränität, mit der Emanuele Soavi choreographiert hat, der fließenden Eroberung des Raums und dem Rhythmus, mit dem Tempo und Intensität variieren. Die leichten Röcke werden zwischenzeitlich abgeworfen, die Luftigkeit des Beginns weicht einer kraftvolleren Erdverbundenheit. Die Oberteile erweisen sich bei etwas hellerer Beleuchtung als ziemlich edel und irgendwie historisch, vielleicht relikte aus der Vorzeit? Am Ende wälzen sich die Körper am Boden, wie leblos. Eine schwarze Gestalt mit langer weißer Schleppe tritt auf. Der Tod? So recht passen will dieses unvorbereitete Schlussbild nicht.

Szenenfoto

Seele: Cellistin Anja Schröder ist Teil der Komposition von Stefan Bohne

Auch der Titel Flut bleibt ein Rätsel. Mit der Katastrophe an Ahr und Erft, ziemlich nah vor den Toren Kölns, hat das nichts zu tun, konzipiert wurde der Abend schon 2020 zum 250. Geburtstag Beethovens, musste dann aber coronabedingt um ein Jahr verschoben werden. An den Rändern der Bühne sieht man Trümmerstücke oder Ruinen, vielleicht Hinweise auf eine Flut, aber ohne weitere Funktion für den Tanz. Im zweiten Teil sind diese zu einem angedeuteten Haus zusammengesetzt, im dritten sieht man am Ende einer langen, sich verjüngenden und aufsteigenden Rampe (die sich im ersten Teil bereits ankündigt) im Fluchtpunkt eine Tür - ziemlich wirkungsvoll für Auftritte. Durchschreiten wir hier Katastrophe und Wiederaufbau, oder verläuft der Abend genau umgekehrt, führt tiefer in die Vergangenheit? Für letzteren Gedanken spricht, dass nach den Neukompositionen über Beethoven dessen eigene Musik folgt, zunächst im zweiten Teil das Streichquartett Nr. 8 e-Moll op.59/2 (das zweite der Rasumowsky-Quartette), im dritten dann die siebte Symphonie A-Dur, der Weg also aus der Moderne hin zu Beethoven führt. Das sind Gedankenspiele, die im Tanz aber keine erkennbare Rechtfertigung finden.

Szenenfoto

Herz: Slapstick zu Beethovens zweitem Rasumowsky-Quartett

Noch so eine Spur, die ins Leere führt: "Sie geben mir den Eindruck, ein Mensch mit vielen Köpfen, Herzen und Seelen zu sein." Das soll Haydn zu Beethoven gesagt haben, behauptet das Programmheft. Uns so sind die drei Teile mit Seele, Herz und Kopf überschrieben, wobei die siebte Symphonie (Wagner bezeichnete sie bekanntlich als "Apotheose des Tanzes") doch eigentlich kein Kopf-Stück ist, da böten sich andere Werke viel besser an, etwa die Große Fuge an. "Seele" passt dagegen ja irgendwie immer, für das "Herz" gibt es eine Art Liebesgeschichte, dazu unten mehr. Aber schlüssig wird das nicht. Oder ist so viel vermeintlicher Überbau vielleicht nur dazu da, die Geldgeber des Projekts von der Sinnhaftigkeit ihrer Investition zu überzeugen? Hier kooperieren Emanuele Soavi mit seiner in Köln beheimateten Emanuele Soavi incompany mit der Kölner Oper (die schon lange keine eigene Tanzsparte mehr hat) und den Duisburger Philharmonikern (im Duisburger Theater wird die Produktion auch zweimal gezeigt). Soavi bezeichnet sich als "Brückenbauer zwischen Institutionen und freier Szene". Vielleicht tut da ein wenig Dramaturgenpoesie ganz gut, um Partner ins Boot zu holen.

Szenenfoto

Herz: Noch mehr Slapstick zu Beethovens zweitem Rasumowsky-Quartett

Auf der Bühne sieht man viel Tanz, der durch seine eigene Dynamik besticht, durch Soavis Gespür für Raum und Zeit. Das ist faszinierender als der Versuch, darin einen konkreten gedanklichen Überbau zu finden. So hat der dritte Teil "Kopf" in der Grundkonzeption deutliche Parallelen zum ersten Teil, zeigt ganz ähnliche Bewegungsabläufe. Die Besetzung ist größer, es sind jetzt zwölf Tänzer*innen (gegenüber acht im ersten Teil), nicht wirklich viel, aber es korrespondiert mit der großen Besetzung der Symphonie - die Duisburger Philharmoniker interpretieren unter der Leitung von Cecilia Castagneto die ersten beiden Sätze recht gewichtig, fast ein wenig behäbig (mehr im Charakter als im Tempo), und als die Dirigentin im dritten Satz anziehen wollte, war die Reaktionswilligkeit gebremst und es "klapperte" gehörig - müsste bei einem solchen Repertoirestück eigentlich nicht sein. Auf der Bühne sieht man viel Bewegung, auch hier wechselnde Gruppen, die sich organisch ablösen. Die Tänzer*innen (in Alltagskleidung, schulterfreie Tops und weite Hosen) zeigen Charakter und Individualität, sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die sich hier finden und auseinandergehen, am Ende im Tutti den Schlusspunkt setzen. Es gibt keine narrativen Elemente, bestenfalls kleine Partikel. Der Tanz spricht für sich.

Szenenfoto

Kopf: Dynamik zu Beethovens Symphonie Nr. 7

Anders der Mittelteil. Dem Streichquartett (sehr fein, sehr präzise: Tonio Scheibel, Teruko Habu, Matthias Feger und Friedeman Pardall, allesamt Mitglieder des Orchesters) entsprechen hier drei Tänzer und eine Tänzerin, wobei diese szenisch den Ton angibt. Die drei Herren tragen enge schwarze Anzüge, wobei einer zunächst gänzlich unbekleidet auf der Bühne steht, sich die Kleidung überstreift. Vieles, was jetzt folgt, ist slapstickhaft komisch, wie auch die schlaksigen Bewegungen. Monty Python´s legendäres Ministry of Silly Walks hätte seine Freude daran. In grotesken Bewegungsfolgen scheint ein Kopf auf den Schultern eines anderen Mannes zu sitze, wird weggeschoben, wobei die Hauswand mit Tür und Fenster wie ein Theater auf der Bühne wirkt. Hier werden viele kleine Geschichten erzählt, nach dem Auftritt der eleganten Tänzerin setzt eine Art Balzverhalten ein. Man dabei kann nicht sagen, ob die drei Männer für eine Person stehen oder drei quasi identische Gestalten abgeben. Auch hier bleibt vieles unklar, aber es entstehen markante, witzige Bilder: Ein Scherzo von ganz anderem Charakter innerhalb des Abends.

Nun ist ein ausgewachsenes Streichquartett aber etwas viel für den humoristischen Mittelteil, und eine komplette Symphonie am Ende auch nicht ganz leicht zu rezipieren, nachdem ja auch schon der erste Teil recht ausladend war: Mit deutlich über drei Stunden (bei zwei Pausen) ist Flut sehr lang geraten, und auch wenn Soavi jeden Teil für sich gut ausfüllen kann, ist das Stück insgesamt überdimensioniert.


FAZIT

Von den Interpretationsansätzen im Programmheft findet man auf der Bühne ziemlich wenig wieder, aber, aber gelöst davon und frei von Erklärungsmustern, ist Flut ein kraftvoller, mitreißender, etwas zu langer Tanzabend geworden.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Cecilia Castagneto

Konzept
Emanuele Soavi
Achim Conrad

Choreographie
Emanuele Soavi

Coaching und Co-Choreographie
Nora Sitges-Sardá

Ausstattung
Darko Petrovic

Licht
Andreas Grüter


Streichquartett:
Tonio Schiebel, Violine
Teruko Habu, Violine
Matthias Feger, Viola
Friedemann Pardall, Violoncello

Live-Sound:
Stefan Bohne (Elektronik)
Anja Schröder, Violoncello
Wolfgang Voigt, Elektronik

Duisburger Philharmoniker


Tänzer*innen

Federico Casadei
Greta Cecconi
Alice Gaspari
Anna Harms
Taeyeon Kim
Mihyun Ko
Guilherme Leal
Lorenzo Molinaro
Josefine Patzelt
Robin Rohrmann
Joel Small
Ashley Wright



Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Oper Köln
(Homepage)



Da capo al Fine

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